Michael Pammer (Hg.)
Handbuch der Religionsgeschichte im deutschsprachigen Raum: 1750—1900
Handbuch der Religionsgeschichte im deutschsprachigen Raum. Hg. von Peter Dinzelbacher. Band 5
Paderborn, München, Wien, Zürich
Ferdinand Schöningh
2007
631 S., 16 Farbtafeln, 71 SW-Abb.
€ 111,10
Rezensent: Ernst Wangermann
Historicum, Sommer—Herbst 2008, 70
Das hier besprochene Buch ist der fünfte von insgesamt sechs Bänden des Handbuchs der Religionsgeschichte im deutschsprachigen Raum (siehe auch HISTORICUM, Frühling 2001, 36—37).
er Band umfaßt den Zeitraum von 1750 bis 1900. Der Klappentext auf der Rückseite des Buchs erhebt den Anspruch, daß dieses Handbuch ein Novum ist: »Hier wird nicht Kirchengeschichte nachgezeichnet, sondern die wesentlichen Züge der jeweils zeittypischen Spiritualität, Frömmigkeit und Volksreligion innerhalb und außerhalb des amtskirchlich vorgegebenen Rahmens. Die Darstellung kombiniert den historischen mit dem religionsphänomenologischen Zugang.«
Verglichen mit einer Kirchengeschichte, ist das ein viel schwierigeres Unternehmen. Denn während es für Kirchengeschichte eine kontinuierliche und breite Quellengrundlage gibt, sind die Quellen zu mentalitätsgeschichtlichen Phänomenen wie Spiritualität und Volksreligion zumal aus Zeiten, wo es Meinungsforschung noch nicht gegeben hat, lückenhaft und nicht leicht zu interpretieren. Es kann den Autoren also nicht zum Vorwurf gemacht werden, daß die daraus entstehenden Schwierigkeiten in diesem Band nur teilweise überwunden worden sind.
Der Herausgeber hat diesen fünften Band so konzipiert, daß die religionsphänomenologische Materie nicht nur im »amtskirchlich vorgegebenen Rahmen«, sondern auch im historischen Kontext der politischen und sozialen Entwicklung betrachtet werden kann. Ich verstehe jedenfalls die ersten Kapitel in dem mit dem Wort Milieus überschriebenen Teil als Rahmenkapitel, in denen es sich um den im Klappentext versprochenen historischen Zugang handelt. Um so bedauerlicher ist es, daß der politische Kontext in dem von Max Vögler verfaßten Kapitel »Religion und Politik« recht oberflächlich behandelt wird. Vögler geht ausführlich auf einzelne Episoden ein, statt die Hauptlinien der Entwicklung klar aufzuzeigen. Das Kapitel fußt auf einer ziemlich willkürlichen Auswahl mehr oder weniger relevanter Sekundärliteratur. Dieses Manko wird einigermaßen von Michael Pammer in dem darauf folgenden Kapitel »Soziale Basis von Religion« kompensiert. Pammer versucht die Entwicklung der dominierenden Formen der Religiosität nachzuzeichnen, von der barocken Frömmigkeit, über den Reformkatholizismus der Aufklärung, zur religiösen Erneuerung »im historisierenden Gewand« der Romantik (118), und weiter zu dem von Papst Pius IX. im Jahre 1857 verurteilten Versuch, die Glaubenslehre mit Vernunft, Wissenschaft und liberalen Verfassungsprinzipien zu verbinden. Pammer verweist auch auf die entsprechende Entwicklung in den protestantischen Kirchen. Das von Andreas Holzem verfaßte Kapitel »Personen der Überwelt« befaßt sich im Zusammenhang mit den sich verändernden Vorstellungen von Gott auch mit diesen Übergängen in den dominierenden Formen der christlichen Religiosität und bietet daher wichtige Ergänzungen zu den Rahmenkapiteln.
Was nun die eigentliche mentalitätsgeschichtliche Materie, also die zeittypische Spiritualität, die Frömmigkeit und die Volksreligion betrifft, so halte ich die vermutlich vom Herausgeber vorgegebene Gliederung und die Überschriften der Abteilungen nicht immer für glücklich gewählt. Die Abteilungen heißen: Medien der Glaubensvermittlung, Vorstellungswelt, Raum und Zeit, Ämter und Institutionen, Menschen und ihr Handeln. Aus dieser Gliederung ergeben sich — unvermeidlich, wie mir scheint — zahlreiche Überschneidungen und Wiederholungen; und der Zusammenhang zwischen Überschrift und Inhalt ist nicht bei jedem Kapitel einleuchtend.
Dreizehn Autoren haben zu diesem Band beigetragen. Schwankungen in der Qualität der Bearbeitung der verschiedenen Themen sind unter diesen Umständen nicht zu vermeiden. Ohne auf jedes Kapitel einzeln einzugehen, sei hier nur auf die markantesten Beispiele verwiesen. Gänzlich unzulänglich ist nach meinem Ermessen Winfried Halders Kapitel über die religiösen Gemeinschaften. Im Gegensatz zur Aussage der Rahmenkapitel, stellt Halder die Geschichte der relgiösen Gemeinschaften in den Kontext eines Kampfes zwischen dem »ausgeprägten und oft keineswegs zurückhaltend ausgeübten« (437) Herrschaftsanspruch des Staates und der rechtmäßigen Kirchenfreiheit, ein Kampf, der nach seiner Sicht während der gesamten Periode die Religionsgeschichte beherrscht. Aus dieser verzerrenden Perspektive kann keine den wissenschaftlichen Ansprüchen dieses Handbuchs genügende Darstellung der religiösen Gemeinschaften herauskommen. Halder schreibt zum Beispiel über die jüdische Religionsgemeinschaft, die einzig und allein in diesem Kapitel vorkommt (458–460), ohne den christlichen Antijudaismus zu erwähnen, der dem »modernen« Antisemitismus vorherging und ihn dann begleitete. Unerwähnt bleiben daher auch dessen einflußreiche Vertreter wie Sebastian Brunner, Josef Scheicher und Josef Deckert und die bis ins 20. Jahrhundert destruktiv wirksame Ritualmordlegende. Aufschlußreich und anregend finde ich die unter der Überschrift »Medien der Glaubensvermittlung« eingestuften Kapitel über Literatur (Michael Pammer), Kunst (Werner Telesko) und Musik (Michael Fischer). Unter Berücksichtigung der neueren Forschung werden in diesen Kapiteln die Entwicklungen in diesen Medien in ihrem jeweiligen Kontext analysiert, und sie bieten daher dem Leser eine Fülle neuer Einsichten. Viel Neues (jedenfalls für mich) und viel Aufschlußreiches enthält auch das letzte Kapitel von Walter Hartinger und Oliva Wiebel-Fanderl über die vielfältigen äußerlichen religiösen Bräuche und Rituale, von denen nicht alle so alt sind, wie wir oft glauben. Viele dieser Bräuche und Rituale wurzeln, wie hier treffend formuliert, in der »christlichen Anschauung von der Realpräsenz des Bösen in dieser Welt«, sowie in dem »die Aufklärungszeit überlebenden Bedürfnis nach Heilserfahrung im Alltag« (477—478).
Die meisten der Bilder ergänzen den Text in sinnvoller Weise. Die aus dem Illustrierten Geschichtenbuch vom Kaiser Josef entnommenen gehören jedoch nicht in ein anspruchsvolles Handbuch. Und dieses Handbuch der Religionsgeschichte ist anspruchsvoll. Der fünfte Band wird dem Anspruch nicht in allen seinen Teilen gerecht. Aber er kann sich sehen lassen und kann Studenten und Interessenten gute Dienste leisten.
* Die Besprechung wurde von Alois Halbmayr herausgegeben.