Hans Petschar (Hg.)
Die Porträtsammlung Kaiser Franz I. Zur Geschichte einer historischen Bildersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek
Wien
Böhlau
2011
314 S., 244 Abb.
€ 35,00
Rezensentin: Doris Preindl
Historicum, Winter 2010/2011—Frühling 2011, 62—63
Die Nationalbibliothek hat ihre Portraitsammlung von 2006 bis 2009 digitalisiert, neu bearbeitet und systematisch erschlossen. Unter der Internet-Plattform www.bild archivaustria.at sind rund 186.000 Einzelportraits von rund 53.000 dargestellten Personen erfaßt. Der vorliegende Band bildet den Abschluß dieses Forschungsprojektes und gibt einen Überblick über die Entstehung, Inhalt und Aufbau der Sammlung durch Kaiser Franz II./I.
Im Buch wird der Aufbau der Sammlung anhand von Einzelbeispielen dargestellt, wobei das Werk unabhängig von der Internetdarstellung eine kritische Würdigung der Sammlungstätigkeit von Kaiser Franz ist.
Schon als junger Prinz in Florenz begann Franz Bücher und Stiche zu sammeln. Er baute neben einer Privatbibliothek eine Sammlung von Portraitbildern (Stichen) aus Interesse an historisch-biographischen und geographischen Werken auf. Diese Sammlung übersiedelte mit nach Wien, als der sechzehnjährige Thronfolger nach Wien zog. Unter dem Einfluß von Kaiser Joseph II. wurde ihm eine Ausbildung nach den Grundsätzen der aufgeklärten Vernunft vermittelt. Diese Grundsätze flossen in die Sammeltätigkeit ein und beeinflußten den Erwerb und die Strukturierung der Stiche. Die Sammlung ist aus dem Geist der Aufklärung entstanden, möglichst viele verschiedene Portraits aus den verschiedensten sozialen Schichten und Berufsgruppen zu erwerben.
Auch nach seinem Regierungsantritt 1792 betrieb der Kaiser die Sammlung systematisch weiter, 1806 wurde der Kabinettssekretär Thomas Peter Young der Vorsteher der Privatbibliothek. Das Annahme in der Forschung, daß die Sammlung eine reine Privatangelegenheit des Kaisers war, wird im Buch widerlegt. Der Kaiser legte eine systematische Sammlung an, die bis 1806 in seinen Privaträumen aufgestellt war, dann aber in eigene Räume übersiedelte und von eigenen Beamten betreut wurden, die aber direkten Zugang zu ihm hatten. Über Dotierung und Ankauf entschied er selbst. Young kümmerte sich um Erwerbungen, Aufstellung und Katalogisierung der Bibliothek und der Kupferstichsammlung und legte ein Archiv mit den Bestandsangaben an.
Vor Napoleon wurde die Sammlung zweimal evakuiert. Am Wiener Kongreß zeigte sie der Kaiser ausgewählten Gästen. Die Graphiken sind in unterschiedlicher Größe und wurden in Portefeuilles in einheitlicher Größe senkrecht aufbewahrt. Dies schadete den Blättern. 1822 wurde der Bestand neu geordnet und katalogisiert, die Graphiken klebte man auf Papier auf. Der Papierrand wurde für Notizen zur Graphik verwendet. 1835 verstarb Franz, zuvor hatte er testamentarisch verfügt, daß die Bücher und die Bilder als Privatbibliothek zu einem Primogenitur-Fideikommiß für seine männlichen Nachkommen werden sollten. 1921 ging der Bestand in den Besitz der Republik über und wurde der Nationalbibliothek zugeteilt.
Ungefähr ein Drittel des Sammlungsbestandes nimmt die »Genealogie« ein, das sind Bilder der Habsburger und der europäischen Dynastien beziehungsweise des Adels eingeordnet in eine Hierarchie der Regenten aller Zeiten und Länder, wobei ein gleichzeitig genealogischer und universalhistorischer Ansatz versucht wurde. Heute bilden diese Blätter die hervorragende Grundlage für die Entwicklung der Ikonographie des Herrscherportraits in Europa vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Der zweite Hauptteil umfaßt die Stände, die in einer alphabetischen Ordnung eine übernationale Gruppierung nach Berufen und Ämtern abbilden. Auffallend ist, daß auch Frauen in eigenen Gruppen berücksichtigt sind, so bei den Dichtern, Malern, Schauspielern und Tonkünstlern. Daneben gibt es noch die Kategorie Frauen allgemein. Interessant ist, daß Aufrührer, Äbte, Bischöfe, Heilige, Irrlehrer, Mißgestaltete, Schönheiten, Sibyllen oder Verbrecher genauso eigene Gruppen bilden wie Physiker, Mathematiker und Apotheker. Im wesentlichen vermischen sich noch vorwissenschaftliche Kategorien mit rein berufsständischen. Heute hat man diese Einteilung beibehalten, um die historische Ordnung erkennbar zu machen.
Das Buch bietet einen fundierten Überblick über die Sammlung und ist ein spannender Teil der Wissenschafts- und Sammlungsgeschichte der Nationalbibliothek.