Max Demeter Peyfuss

Die Druckerei von Moschopolis, 1731—1769. Buchdruck und Heiligenverehrung im Erzbistum Achrida

Wiener Archiv für die Geschichte des Slawentums und Osteuropas 13

 

Wien, Köln
Böhlau
1989
256 S.

 

Habilitationsschrift [1989], Universität Wien

 

Rezensent: Eberhard Mairbäurl

Historicum, Winter 1990/1991, 5—7

Es ist für einen Außenstehenden immer schwierig, den spezifischen Stellenwert eines Buches innerhalb des Fachs festzustellen, in dem es entstanden ist. Für das Fach und für den Autor — dies als Trost — ist es dagegen möglicherweise nicht ganz uninteressant, die Reaktion eines Uneingeweihten auf das Werk mitgeteilt zu bekommen.

In dieser Zeitschrift und natürlich auch in dieser Besprechungsreihe werden Bücher fast durchwegs von solchen Uneingeweihten besprochen. Dennoch: Nicht oft geht einer von uns so zögernd an ein Werk heran wie ich, als mir Die Druckerei von Moschopolis, 1731—1769. Buchdruck und Heiligenverehrung im Erzbistum Achrida von Max Demeter Peyfuss überreicht wurde. Wo ist das Erzbistum Achrida? fragte ich mich. Moschopolis, soviel sah ich, ist dem Namen nach eine Stadt. Daß es um irgendein Thema aus der osteuropäischen Geschichte geht, war nach dem Autor und nach der Reihe, in der das Buch erscheint, klar. Aber 38 Jahre der Geschichte einer Druckerei? Muß ein wichtiges Unternehmen gewesen sein!

Max Demeter Peyfuss kennt offenbar seine Leser, er kennt sogar mich: Für den Unbedarften gibt es ein Stadtporträt von Moschopolis, das auf Seite 8 mit dem Kapitel »Wo liegt Moschopolis?« (so die Überschrift) beginnt. Ich fühlte mich daher sofort als Mitglied der Zielgruppe und ging an die Arbeit.

Moschopolis

Moschopolis heißt heute Voskopoja und ist ein Dorf mit 700 Einwohnern im Südosten Albaniens, das verkehrsmäßig sehr schlecht erschlossen ist. Im 18. Jahrhundert war es laut Peyfuss ein bedeutendes Handels- und Kulturzentrum mit 3.500 (oder jedenfalls nicht sehr viel mehr) Einwohnern; es war vorwiegend von Aromunen bewohnt, einer ethnischen Gruppierung, die einen rumänischen Dialekt spricht. Damals bestanden Karawanenverbindungen mit der Außenwelt. Wie Moschopolis zu einer Handelsstadt wurde, ist nicht recht klar; Peyfuss bringt es in Zusammenhang mit der osmanischen Eroberung, die zu Rückzugsbewegungen in das geschützte Gebirge geführt haben könnte. Der Aufschwung der Stadt soll im 17. Jahrhundert und die Blüte im 18. Jahrhundert erfolgt sein: Möglicherweise ein paar Dutzend Zünfte und Handelsverbindungen mit Venedig und dem Orient (Handel mit einheimischen und fremdländischen Produkten) kennzeichneten die Blütezeit. Die erfolgreichen Kaufleute wanderten dann allerdings aus, vorwiegend nach Ungarn und Wien, was Peyfuss mit lokalen Unruhen, Überfällen auf die Stadt und daraus resultierenden wirtschaftlichen Risiken erklärt.

Die Stadt besaß eine höhere Schule, die finanzielle Beiträge von den Zünften, den Notabeln, vom Metropoliten von Kastoria und vom Abt des Klosters Sv. Naum am Ohridsee bezog. 33 Lehrer und Schüler dieser Akademie sind aus ihren Publikationen aus Logik, Physik oder Grammatik namentlich bekannt.

Und es gab auch eine Druckerei. Wann sie gegründet wurde, ist nicht sicher zu bestimmen; Autoren aus Moschopolis hatten im 17. Jahrhundert ihre Werke in Venedig verlegen lassen, der älteste vorhandende Druck aus Moschopolis selbst stammt aus dem Jahr 1731. Nach 1769 oder sogar schon vorher stellte die Druckerei aus unbekannten Gründen ihre Tätigkeit ein.

Fragestellung

Soweit der Hintergrund, dessen Schilderung allerdings bereits einen wesentlichen Teil des Bandes einnimmt. Dazu kommen noch Abschnitte über die Ausbreitung des Buchdrucks in Südosteuropa oder über einen gewissen Gregorios Hieromonachus, der in einer größeren Zahl von Moschopolis-Drucken als Drucker, Korrektor oder Autor aufscheint.

Worum geht es nun aber eigentlich im Werk Peyfuss'? Auf den Seiten 1—5 findet sich ein Abschnitt unter der Überschrift »Die Umrisse des Problems«, in dem zuerst einander widersprechende Äußerungen verschiedener Autoren über Drucke aus Moschopolis zitiert werden. Bei manchen dieser Autoren gab es Zweifel an der Existenz einer Druckerei in dieser Stadt überhaupt und auch Zweifel an der Herkunft einzelner Drucke. Der, soviel ich sehe, einzige Hinweis, was nun der Gegenstand von Peyfuss' Arbeit sein soll, findet sich in folgendem Satz über die beiden britischen Balkanforscher A. J. B. Wace und M. S. Thompson, die meinten, daß die angeblichen Moschopolis-Drucke in Wirklichkeit in Konstantinopel, Wien, Venedig oder sonst wo gedruckt worden sein könnten: »Sie mißtrauten zu Recht den überlieferten Legenden und hielten eine sorgfältige Prüfung sämtlicher Drucke für notwendig [Fn.] — schon ein Desideratum des Albanologen Johann Georg von HAHN (1811—1869) [Fn.] und der Zweck der vorliegenden Arbeit« (S. 3—4).

Es scheint, daß über dieses nicht sonderlich detaillierte Programm hinaus auch tatsächlich keine Fragestellungen verfolgt werden sollten. Die oben kurz angeführten Themen — Beschreibung der Geschichte der Stadt, ihrer Wirtschaft und Kultur — sind in der von Peyfuss gebotenen Form ja nur Einleitung und Einstimmung auf die »Prüfung sämtlicher Drucke«. Als Einleitung und faktengeschichtliche Grundinformation sind diese Kapitel gewiß sehr kenntnisreich, v. a. was die ihnen zugrundeliegende Literatur betrifft, und Peyfuss ist, wie mir scheint, sehr vorsichtig im Hinblick auf den »historischen« Charakter von eher legendenhaften Beschreibungen früherer Autoren. Es sei hervorgehoben, daß ich diese Grundinformation als solche überhaupt nicht kritisieren möchte: Bei einem entlegenen Thema wie dem vorliegenden, das vielleicht auch Fachleuten für ost- und südosteuropäische Geschichte nicht im Detail bekannt sein mag, ist eine Einführung in der Art der hier gebrachten sicher notwendig. Aber es handelt sich dabei natürlich nicht um die Bearbeitung von irgendwelchen hypothetischen Annahmen, die näher untersucht und geprüft werden würden.

Gibt es unabhängig vom einleitend vorgestellten »Programm« noch irgendwelche Fragen, die in der Arbeit behandelt werden? Der letzte Abschnitt des Werkes, der auf den ersten Blick wie eine Art Summe oder Schlußfolgerung aus der Besprechung der einzelnen Drucke aussieht, ist dies tatsächlich nicht. Es geht dabei vielmehr im ersten Teil um die Verehrung ausgewählter Heiliger (nämlich der in den Moschopolis-Drucken vorkommenden Heiligen) in Moschopolis bzw. in Albanien und noch in größerem Umfeld. Die gemachten Feststellungen beruhen auf dem Vorkommen der fraglichen Heiligen in Kunstwerken, v. a. in kirchlichen Bauten (auch bei Patrozinien), und im Ergebnis wird damit z. B. der Bereich der Verehrung des Ioannes Vladimirus angegeben.

Im zweiten Teil dieses letzten Abschnitts (»Die Bedeutung der Druckerei von Moschopolis im Erzbistum Achrida«) werden noch einmal die Zwecke aufgezählt, für die die Moschopolis-Drucke bestimmt waren, um dann die inneren Konflikte im Erzbistum Achrida resümierend wiederzugeben. Das Erzbistum wurde 1767 aufgehoben; die Gründe dafür »sind nicht restlos geklärt und stehen hier auch nicht zur Debatte [Fn.]. Von Bedeutung ist nur die annähernde chronologische Übereinstimmung der Aufhebung der achridensischen Autokephalie im Jahre 1767 mit dem Niedergang von Moschopolis und dem letzten Buch aus der moschopolitanischen Druckerpresse — wo immer sie im Jahre 1769 gestanden sein mag [Fn.]. Diese drei Phänomene können daher auch nicht isoliert voneinander betrachtet werden« (S. 193—194). Näher wird dazu nichts ausgeführt, die Quellen dürften aber auch nicht dazu einladen. In Wirklichkeit sind also diese Ausführungen zur Geschichte des Erzbistums Achrida ein Anhängsel ohne überprüfbaren Bezug zum Thema des Buches.

Auch die abschließende Erklärung zu den »nationalen Geschichtsideologien« (die von Peyfuss im ganzen Band mehrmals kritisiert werden) erscheint heutzutage zwar nicht im Untersuchungsgebiet, wohl aber im wissenschaftlichen Umfeld des Autors eher als Fleißaufgabe — ehrenwert, aber hier braucht niemand mehr überzeugt zu werden:

»Tatsächlich erweist sich die Geschichte der Druckerei von Moschopolis als ein Kapitel in der Geschichte der kulturellen Interdependenz aller beteiligten Balkanvölker und daher als ein Phänomen, das sich der Beschreibung und Erklärung mit Hilfe der ziemlich abgenützten Kriterien nationaler Geschichtsideologien (Autochthonie, Kontinuität, Priorität, Exklusivität) entzieht.
Die Geschichte Südosteuropas ist deshalb so lehrreich, weil sie uns so viele Beispiele für wechselseitige kulturelle Durchdringung bietet, die man mit nationalen Methoden allzu leicht übersieht«
 (S. 194).

Bedingt ist die häufige Bezugnahme auf die nationale Geschichtsschreibung auch dadurch, daß sich Peyfuss mit gleichbleibender Gründlichkeit der älteren bis sehr alten und der neueren Literatur widmet. Nun ist zwar sicherlich keinerlei Überheblichkeit gegenüber Autoren des vorigen Jahrhunderts oder der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts angebracht, es fragt sich aber doch, ob man in jedem Fall auch bei Arbeiten aus dieser Zeit, die mehr von regionalem Interesse sind, kleinste Details minutiös prüfen, vergleichen und widerlegen muß.

Es ist also zusammenfassend festzustellen, daß die Fragestellung der Arbeit darin besteht, sämtliche erhaltenen Drucke aus Moschopolis sorgfältig zu prüfen. Darüberhinaus gibt es weder implizit noch explizit Fragestellungen, die bearbeitet werden würden.

Katalog

Die Prüfung der Drucke aus Moschopolis erfolgt in Form eines Katalogs auf den Seiten 101—165. Nach dem Erscheinungsjahr geordnet finden sich zu jedem Druck Erscheinungsjahr, Kurztitel, bei Akoluthien (s. dazu gleich unten) der Festtag des betreffenden Heiligen, der Titel in extenso, eine Bibliographie, die Standorte der erhaltenen Exemplare, frühere und spätere Editionen des selben Textes. Dann folgt noch ein Text von bis zu mehreren Seiten Länge, der bemerkenswerte Einzelheiten behandelt: So geht Peyfuss bei den Akoluthien meist kurz auf die Verbreitung der Verehrung der jeweiligen Heiligen im Untersuchungsgebiet ein (und greift damit auf das bereits erwähnte Schlußkapitel vor).

Aus den 38 Jahren der Tätigkeit der Druckerei liegen 21 Drucke vor, die z. T. in einem Exemplar, im höchsten Fall in 21 Exemplaren erhalten sind. 19 dieser Werke sind religiöser Art, darunter sind wiederum 14 Akoluthien (eine Akoluthie ist eine Zusammenstellung von Meßtexten, die für einen bestimmten Festtag/Heiligentag vorgesehen sind — unter den untersuchten Texten gibt es so z. B. eine Nicolaus-Akoluthie oder eine Erasmus-Akoluthie); Einzelwerke sind z. B. ein Ablaßzettel des Erzbischofs von Achrida, ein Katechismus und eine Grammatik. Möglicherweise waren 7 der Akoluthien Teile eines einzigen Drucks; unter dieser Voraussetzung würde sich die Anzahl der Moschopolis-Drucke auf 15 verringern.

Dem Leser, der an dieser Stelle leichte Verwunderung zu verspüren beginnt, sei gesagt, daß die Anzahl verlegter Werke nur ein oberflächliches Kriterium für die Bedeutung einer Druckerei ist …

Ich nehme nun an, daß der Katalog mit der notwendigen Sorgfalt erstellt worden sein wird; natürlich weiß ich nicht, ob Peyfuss ein Exemplar einer Akoluthie in irgendeiner Bibliothek übersehen hat oder ob er eine Erwähnung eines Druckes bei einem seiner Kollegen ausgelassen hat. Die Arbeit wirkt aber so erschöpfend, daß ich mir das schlechterdings nicht vorstellen kann.

Bei der Durchsicht des Katalogs ergibt sich, daß Peyfuss nicht wesentlich über die Frage hinauszugehen beabsichtigt, ob ein Druck in Moschopolis produziert wurde oder nicht. Gewiß, es gibt einmal zwischendurch eine Vita des Theodoros Kaballiotes über sieben Seiten hinweg, die vorwiegend aus Lesefrüchten besteht (knapp 50 Fußnoten allein in diesem Abschnitt …) — aber was das wirkliche Anliegen des Autors ist, wird bei Gelegenheiten wie der Besprechung von Die Wahrheit als Richter von Leandro Lombardi klar, einem antikatholischen und antiprotestantischen Werk eines ehemaligen Jesuiten, der letzten Endes zum Islam übertrat: »CHRISTOPULOS hat in seiner Monographie alle offenen Fragen beantwortet. Für uns ist vor allem der Nachweis wichtig, daß es sich um einen Moschopolis-Druck handelt« (S. 145).

Desgleichen wird zur Glaubenslehre des Meletios Pegas angemerkt: »In unserem Zusammenhang ist weniger der Inhalt dieses dritten aus der moschopolitanischen Druckerei stammenden polemischen Glaubensbuches aus der Feder des 1590—1601 amtierenden alexandrinischen Patriarchen MELETIOS Pegas [Fn.] von Interesse als die Frage, ob der Druck tatsächlich aus dieser Presse stammt« (S. 160—161).

Im gleichen Zusammenhang ist ein Abschnitt »Legenden und Phantome« (S. 52—66) zu sehen, der sich mit angeblichen Moschopolis-Drucken beschäftigt, die zwar in der Literatur immer wieder einmal genannt wurden, tatsächlich aber nicht nachzuweisen sind. Aus dem Vergleich der von Peyfuss zitierten Äußerungen ergibt sich, daß sie z. B. auf der Basis eines venezianischen Drukkes gemacht wurden, für die einfach eine Vorlage aus Moschopolis behauptet wurde.

Es ist also die »sorgfältige Prüfung« des wahren Druckortes der Moschopolis-Drucke letzten Endes wirklich der einzige Zweck der Arbeit. Der geneigte Leser, die geneigte Leserin, sie werden sich nun vielleicht wundern, was an dieser Frage denn so wichtig sei. Ich muß sie enttäuschen — ich weiß es auch nicht.

Peyfuss dazu: »Aus einer gesamtbalkanischen Perspektive nimmt sich die knapp vierzig Jahre währende Tätigkeit der Druckerpresse von Moschopolis wie eine Episode aus — eine unter vielen Episoden, nicht nur im Vordringen der Buchdruckerkunst nach Südosten, sondern auch im Prozess der Modernisierung der durch byzantinische und dann osmanische Abschottung ins Hintertreffen geratenen Kultur des Balkans. Episode auch durch die relative Bedeutungslosigkeit der bisher bekannten 21 Drucke aus dieser Offizin, deren ›bibliographical ghosts‹ oder Phantome in der Geistesgeschichte Südosteuropas einen bedeutenderen Platz einnehmen« (S. 194).

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.