Kevin Phillips
Die amerikanische Geldaristokratie. Eine politische Geschichte des Reichtums in den USA
Frankfurt/New York
Campus
2003
476 S.
€ 30,80
Rezensent: Michael Pammer
Historicum, Frühling 2006, 36—37
Die amerikanische Volkswirtschaft unterscheidet sich von den Volkswirtschaften anderer hochentwickelter Länder unter anderem durch ihre ungewöhnliche Kombination der Höhe der Pro-Kopf-Einkommen und der Einkommensverteilung. Über den Zusammenhang dieser beiden Größen hat vor mehr als einem halben Jahrhundert Simon Kuznets eine These formuliert, die ungefähr wie folgt lautet: Vom Beginn des Industrialisierungsprozesses einer Volkswirtschaft an steigen die Einkommen beständig an, zugleich wird die Verteilung dieser Einkommen ungleicher, das heißt die Einkommen der oberen Klassen steigen stärker an als jene der unteren; ab einem gewissen Zeitpunkt, den Kuznets für Deutschland mit etwa 1890 ansetzt, kehrt sich dies um, nun steigen die Einkommen der unteren Klassen schneller als jene der oberen, und die Verteilung wird ausgeglichener (als Begründung nannte Kuznets sektorale Veränderungsprozesse, Veränderungen im Bildungsbereich, Effekte der Urbanisierung und anderes). Der empirische Nachweis dieses Vorgangs ist nicht unumstritten, insgesamt legen die Daten aber nahe, daß es sich nicht nur um ein Phantasiegebilde handelt. Was Kuznets in den fünfziger Jahren nicht vorhersah, ist eine in vielen Staaten zu beobachtende Tendenz zu einer wieder ungleicher werdenden Verteilung im ausgehenden 20. Jahrhundert.
Im Vergleich von Volkswirtschaften mit unterschiedlichem Einkommensniveau in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts zeigt sich bei entsprechend differenzierter Betrachtung ein Zusammenhang ähnlich dem von Kuznets gezeichneten Bild (zum folgenden vgl. die Daten der World Devolopment Indicators 2000 derWeltbank, Tabelle 2.8). Vergleicht man etwa die westlichen Industriestaaten, allesamt entwickelte Volkswirtschaften, sieht man, daß die Verteilung in einer Volkswirtschaft im Durchschnitt umso egalitärer ausfiel, je höher das Pro-Kopf-Einkommen dort war (besonders egalitär war und ist dabei übrigens Österreich). Ähnliches kann man für die postsozialistischen Länder sagen, auch wenn sich dies dort auf niedrigerem absolutem Einkommensniveau abspielte. Unter den asiatischen Ländern des späten 20. Jahrhunderts nahm zwischen Ländern im unteren Einkommensbereich die Ungleichheit zu, im oberen Bereich wieder ab.
Der große Sonderfall, der nirgends so recht dazupaßt, sind bei alldem die Vereinigten Staaten. Das Durchschnittseinkommen ist hier besonders hoch, die Verteilung ist aber so ungleich wie in keinem anderen westlichen Land außer in Neuseeland, einem der einkommensschwächsten westlichen Länder; alle übrigen Länder, in denen die Einkommen so ungleich verteilt waren wie in den USA, waren Schwellenländer wie Malaysia oder Entwicklungsländer, deren Einkommen höchstens ein Viertel des amerikanischen ausmachten. Die im Vergleich mit anderen Ländern ausgeprägt ungleiche Verteilung der Einkommen in den USA hat eine lange zurückreichende Tradition, allerdings wurden auch hier Veränderungen im Zeitablauf ähnlich dem von Kuznets angenommenen Muster behauptet.
Der vorliegende Band beschäftigt sich mit gewissen Aspekten der Wohlstandsverteilung und stellt das Thema in den politischen Zusammenhang. Einige wesentliche Eigenarten des Bandes seien vorweg genannt: Erstens handelt sich nicht in erster Linie um eine Geschichte der Einkommen, sondern um eine Geschichte der Vermögen. Das ist deshalb wesentlich, weil Vermögen immer ungleicher verteilt sind als Einkommen (der Grund liegt in der höheren Sparquote der oberen Einkommensklassen, die dazu führt, daß die oberen Klassen höhere Anteile ihres ohnehin schon höheren Einkommens zur Vermögensbildung verwenden). Für langfristige Vergleiche sind Vermögen meistens besser geeignet als Einkommen, weil die Einkommen im 18. und 19. Jahrhundert wesentlich schlechter dokumentiert sind. Zweitens befaßt sich Phillips vorzugsweise mit den großen Vermögen und weniger mit der Vermögensverteilung insgesamt, und er tut dies in einer stark auf Einzelfälle bezogenen Weise. Und drittens ist die Darstellung inhaltlich wie in der Diktion und der Dokumentation ausgesprochen populär ausgefallen, was auch daran liegt, daß Phillips nicht Wirtschaftshistoriker ist, sondern ein Publizist, der vom Verlag als Bestsellerautor angepriesen wird.
In der ersten Hälfte des Bandes skizziert Phillips die Entwicklung großer Vermögen im zeitlichen Verlauf, die Entstehung neuer Vermögen, und er listet für gewisse Zeitpunkte die größten Vermögen in absteigender Reihenfolge auf. Diese Darstellung erinnert über weite Strecken an die Forbes-Listen der größten Vermögen, was unter anderem daran liegt, daß Forbes auch wirklich eine der wichtigeren Quellen des Autors ausmacht. Die jeweils gebotenen Erklärungen für die Veränderungen konzentrieren sich aufgrund dieser Konzeption auf anekdotische Aspekte, was im einzelnen für die meisten Leser einige subjektiv neue Informationen bringen wird, im grundsätzlichen aber weniger überraschende Erkenntnisse zutage fördert, zumal die Bedeutung bestimmter Branchen für die Bildung großer Vermögen zum gegebenen Zeitpunkt oder die Bedeutung von Militärausgaben für relevante Industrien ohnehin auf der Hand liegen.
Im zweiten Teil wird der Autor dann stärker prognostisch, mit einer apokalyptischen Note, die dem Band vermutlich seine Rechtfertigung auf dem Buchmarkt verschafft. Mit den USA wird es nämlich bald zu Ende gehen, was man daran merkt, daß Spanien, die Niederlande und Großbritannien einmal große oder sogar führende Wirtschaftsmächte waren, es aber nicht ewig geblieben sind, weshalb es den USA ebenso gehen wird. Spanien, die Niederlande und Großbritannien sind seit ihrer großen Zeit anscheinend verarmt — keine guten Aussichten für die USA. Daß der Niedergang Amerikas bald passieren wird, ist deshalb zu erwarten, weil auch die genannten europäischen Mächte ungefähr so lange bedeutend waren, wie es die USA bis jetzt gewesen sind. Der amerikanische Alptraum vom Aufstieg und Fall der großen Mächte läßt ja schon lange auf Publikumsinteresse hoffen.
In diesem zweiten und dem dritten Teil räsonniert der Autor im einzelnen dahin, woran das System krankt. Hier wird man mit einer Menge Einschätzungen des Zeitgenossen Phillips im Tonfall des grantigen älteren Herrn versorgt, letztlich läuft die Argumentation immer auf die schädliche Verbindung von Wirtschaft und Politik zu. Phillips meint, daß wirtschaftliche Boomperioden nur in zweiter Linie auf technologische Durchbrüche zurückgehen und daß letztlich das politische System der USA die Grundlage für die Bildung großer Vermögen ist. Leider geht die Analyse über diese schlichte, in vielen Variationen wiederholte Behauptung nicht hinaus; daß die institutionellen Bedingungen in jeder Wirtschaft für die Vermögensbildung irgendwie wichtig sind, ist aber nicht eben eine neue Erkenntnis.
Der Hauptmangel des Bandes liegt in dieser Neigung des Autors, Behauptungen über an sich wesentliche Themen wie wirtschaftliche Entwicklung, Wohlstandsverteilung, wirtschaftspolitische Regelungen, technische Neuerungen und so weiter in trivialisierter Form aneinanderzureihen. Fast immer lassen sich konkrete historische Fälle anführen, die seine Thesen stützen, praktisch nie wird aber klar, wieweit sich diese konkreten Fälle zu einem Gesamtbild verallgemeinern lassen. In einem Band, der beansprucht, ein solches Gesamtbild zu liefern, ist das ein Mangel. Zudem sind die Beispiele, auf die sich Phillips bezieht, zum Teil derartig läppisch, daß man sich fragt, ob der Autor es ernst meint. Als Anzeichen für den daherdämmernden Untergang Großbritanniens bekommt man etwa folgendes geboten: »George Dangerfield beschrieb 1911 als ein Jahr, in dem London ›den Höhepunkt seines plutokratischen Glanzes erreichte, und Geschichten machten die Runde von rauschenden Ballnächten, von üppig fließendem Champagner, von nackten Rücken, Juwelen besetzten Dekolletés und kaum glaublicher Geldverschwendung‹« (227) — nackte Rücken, Juwelen am Dekolleté und Champagner, das wirkt in der Tat unsolid und läßt nichts Gutes erwarten. Der Niedergang Großbritanniens brauchte auch wirklich nur wenige Jahrzehnte: »Die wichtigsten britischen Vermögen waren weiterhin von dem Rückgang betroffen, der bereits in den 1930er Jahren sichtbar geworden war. 1947, einem kritischen Jahr, als das britische Leistungsbilanzdefizit von 600 Millionen Pfund sage und schreibe sechs Prozent des BIP ausmachte, war die Wirtschaft so eingeschränkt — Lebensmittel und Kleidung waren streng rationiert —, dass nicht einmal für die Hochzeit von Prinzessin Elisabeth eine Ausnahme gemacht wurde: Sie erhielt lediglich eine Ration von 100 Extracoupons« (231). Dem verängstigt in die Zukunft blickenden Publikum in den USA verschweigt Phillips allerdings, daß auch ein solcher Niedergang nicht endgültig sein muß. Großbritannien hat seither einen unerwarteten neuen Aufschwung genommen, die Lebensmittelversorgung ist gesichert, man benötigt nicht einmal mehr Coupons, und wahrscheinlich werden sich auch die Amerikaner nach ihrem eigenen Niedergang weiterhin vollessen können.
Zusätzlich zu solchem Nonsens liefert Phillips als Apropos zu beliebigen Themen ohne besondere Veranlassung alle Lesefrüchte mit, an die er sich gerade erinnert fühlt, vieles davon (wie schon bei der zuletzt zitierten Stelle) aus der Klatsch- und Tratschecke; so etwa über Philippe d’Orléans und Ludwig XV.: »Orléans starb 1723, und in der Biografie von W. S. Lewis wurde er als der ›regierende Wüsling‹ verewigt. Sein Esprit überlebte gleichwohl. In den 1740er Jahren wurden die beiden Bankiersbrüder Paris-Duverney, alte Rivalen von Law, zur neuen Finanzmacht, als die die attraktive junge Nichte ihres Haushofmeisters in den Haushalt von König Ludwig einführten. Die junge Frau, deren Charme das Übrige besorgte, hieß Jeanne Antoinette Poisson und wurde der Nachwelt besser bekannt als Madame de Pompadour« (247). Ein Beispiel für unzählige ähnliche Fälle.
Unangenehm wirkt auch die aufdringliche Metaphorik des Autors, die in der Übersetzung einen eigenen Reiz entwickelt: »Das bringt uns zu den Achillesfersen, denen jede führende Wirtschaftsmacht durch die Internationalisierung ausgesetzt ist« (241). »Doch auch dieser Staffelstab wurde weitergereicht« (303). »Bis in die 1950er Jahre sorgten die Erinnerungen daran, wohin Manien führen konnten (wie eben etwa in den 1920er Jahren), dafür, dass die Öffentlichkeit die Technologie vorerst nicht zu einer Ikone machte« (307—308). Auch hier ließe sich eine Unzahl weiterer Beispiele anfügen.
Alles in allem läßt sich sagen, daß diese sogenannte »politische Geschichte des Reichtums in den USA« statt einer fundierten populären Behandlung eines wichtigen Themas nur eine geschwätzige Betrachtung ergibt, die nach Inhalt, Interesse des Autors und Stil irgendwo zwischen Zeitungskolumne und Leserbriefseite anzusiedeln ist. Keine Empfehlung.