Mathias Pule, Gabriele Köster (Hg.)

Otto der Große und das Römische Reich. Kaisertum von der Antike zum Mittelalter

 

Regensburg
Schnell+Steiner
2012
744 S.
€ 41,10

 

Rezensentin: Doris Preindl 

Historicum, Winter 2011/2012—Frühling 2012, 58

 

 

 

 

Die Landesausstellung in Magdeburg von 27. Oktober bis 9. Dezember 2012 hatte zum 1050-Jahr-Jubiläum das Thema Otto der Große. Dazu erschien als Katalog Otto der Große und das Römische Reich. Kaisertum von der Antike zum Mittelalter.

Am 2. Februar 962 wurden Otto der Große und seine Gemahlin Adelheid im Petersdom in Rom vom Papst zum Kaiser gekrönt. Auf seinem wenig später entstandenen neuen Siegel stand: OTTO IMP(erator) AUG(ustus). Damit stellte sich der aus der ostfränkisch-sächsischen Familie der Liudolfinger stammende Herrscher bewußt in die Tradition der ersten römischen Kaiser. Was führte dazu? Wie entwickelte sich die Idee vom europäischen Kaisertum? Diese Fragen versucht der Ausstellungskatalog zu beantworten.

Die Ideengeschichte des Kaisertums wird im Verlauf von circa tausend Jahren in chronologischer Abfolge vorgestellt. Dabei wird anhand von archäologischen Funden, Münzen, Kunstwerken, Gesetzen, Urkunden et cetera herausgearbeitet, wie einzelne Kaiser ihre Position sahen und wie sie von Zeitgenossen gesehen wurden. Die Repräsentationskunst spiegelt Ideale und Ziele wider, diese Symbole und Botschaften auf öffentlich aufgestellten Statuen und vor allem auf Münzen und Siegeln waren die Werbung der Kaiser für die Zeitgenossen und die Vorgabe, wie der Herrscher gesehen werden wollte. Dabei entwickelte sich die Idee eines idealen Kaisertums unter Octavian Augustus, auf den sich immer wieder mittelalterliche Herrscher bezogen. Die Vorstellung des Mittelalters und die Bewertung der römischen-antiken Kaiser unterschied sich sehr von der Bewertung dieser Herrscher in der Antike. Dies war einerseits durch die geringe Kenntnis der Antike im Mittelalter bedingt, aber auch durch ganz andere Vorstellungen vom Staat.

Der byzantinische Kaiser war der Inbegriff für überhöhte Herrschaft, Reichtum, Luxus und verfeinerten Lebensstil, und man strebte seine Anerkennung als gleichwertig an. Kaiserliche Geschenke wie zum Beispiel Reliquien steigerten das Prestige des byzantinischen Kaisers und zeichneten den Beschenkten aus. Dabei entstand ein fruchtbarer Austausch zwischen Ost und West auf allen Gebieten. Antike Autoren wurden in Bibliotheken wiederentdeckt oder durch die Vermittlung von Byzanz im Westen wieder bekannt. Antike Kunstwerke oder Architekturteile aus Italien wurden über die Alpen transportiert und hier zum Beispiel im ottonischen Dom in Magdeburg erneut hochgeschätzt verbaut. Der mittelalterliche Anspruch war, der Kaiser stehe über allen anderen Herrschern, verteidige und schütze das Christentum und garantiere eine universale, übernationale Ordnung. In der Realität akzeptierte man ein Reich mit Grenzen und Nachbarn. Dabei war das Verhältnis zum Papst zuerst ungeklärt. Aus einem Rombezug heraus konkurrierte man mit dem byzantinischen Kaiser, der die ununterbrochene Kontinuität besaß. Vieles an den Verhältnissen zwischen Kaiser und Papst, König, Herzögen, Bischöfen war noch in Schwebe. Alles das drückt sich in Kunstwerken, Münzen, Siegeln und Urkunden aus. Gerade diese Bilder vermitteln die Unterschiedlichkeit.

Das Thema wird chronologisch eingeteilt, es ergeben sich folgende Abschnitte: Augustus und die Anfänge des Kaisertums in der römischen Antike; Konstantin der Große und das christliche Kaisertum; Byzanz und die Kontinuität des römischen Kaisertums im Osten; Karl der Große und die Aneignung des römischen Kaisertums; Otto der Große und die Erneuerung des Römischen Reiches.

Anhand von circa 350 Objekten wird mit Schwerpunkt auf die Ottonen die dauernde Neuinterpretaton des Kaisertums durch einzelne Herrscher gezeigt. Als Beispiel sei die Titulatur gezeigt. König Heinrich I. gelang es, seine Herrschaft in Zusammenspiel mit den Großen des Reiches zu stabilisieren. Er ließ sich die Entscheidung für seinen Sohn Otto als Nachfolger von den Großen bestätigen, Otto wurde gewählt, und die Thronsetzung fand in Aachen statt. Bald nach Krönung und Herrschaftsantritt übernahm er das ostfränkisch-karolingische Königssiegel mit der hier erstmals bezeugten Dei gratia (Rex)-Formel, um die Herrschaft sakral-göttlich zu legitimieren. Seit der siegreichen Schlacht über die Ungarn 955 strebte Otto die Kaiserwürde an. Seine Italienfeldzüge waren diesem Ziel untergeordnet, und nach seiner Krönung 962 verließ er Rom, ohne seine Herrschaft dauerhaft zu installieren. Das eingangs erwähnte Siegel zeigt den Kaiser mit Krone, Langszepter und Globus. Anders sein Enkel Otto III., der sich in einer Urkunde wie folgt bezeichnet und Rom als seine Stadt sah: Otto tercius Romanus Saxonius et Italicus, apostolorum servus, dono die Romani orbis imperator augustus. Darin spiegelt sich der Einfluß seiner byzantinischen Mutter Theophanu und seiner italienischen Großmutter Adelheid.

Die Aufsätze des Bandes beleuchten Teilaspekte der Fragestellung, beschreiben alle Objekte mit Einzelartikeln und dokumentieren sie mit hervorragenden Abbildungen. Der Leser des reichbebildeten Katalogs lernt so die verschiedenen Bedeutungen eines Objektes und die dazu erschlossene Herrschaftsideologie kennen. Besonders hervorzuheben ist der Chludov-Psalter aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts (jetzt im Staatlichen Historischen Museum Moskau). Der kostbare Psalter ist eine der ältesten byzantinischen illuminierten erhaltenen Handschriften und vermutlich in Konstantinopel entstanden. Aufgeschlagen ist die Seite mit der Erhebung eines byzantinischen Kaisers auf einen Schild, der von drei Personen getragen wird. Dies war Teil der byzantinischen Krönungszeremonie.
Mit Ausstellung und Band wird nicht nur auf die Bedeutung Magdeburgs unter Otto dem Großen hingewiesen, sondern es wird die Idee eines universalen und übernationalen Reichs in der Erneuerung durch Karl den Großen thematisiert. Die davon ausgehende Strahlkraft des Bezugs zur Antike wirkte über Jahrhunderte befruchtend auf Kunst und Wissenschaften.

Begleitet wird die Ausstellung von sieben Korrespondenzausstellungen in Wallhausen, Halberstadt, Merseburg, Memleben, Quedlinburg, Tilleda und Gernrode, die mit dem Leben und Wirken Otto des Großen eng verbunden waren und unter dem gemeinsamen Titel »Auf den Spuren Otto des Großen. Kaiserorte in Sachsen-Anhalt« Teilaspekte der Herrschaft Ottos beleuchten.