Marlies Raffler
Museum — Spiegel der Nation? Zugänge zur Historischen Museologie am Beispiel der Genese von Landes- und Nationalmuseen in der Habsburgermonarchie
Wien, Köln, Weimar
Böhlau
2007
386 S.
Habilitationsschrift [2005], Universität Graz
Rezensent: Werner Drobesch
Historicum, Winter 2008/2009, 8—11
Nicht selten bewegen sich Forscher/innen auf abgegrasten Feldern und fahren deshalb in der Sache bescheidene Erträge ein. Das gilt nicht für die vorliegende Studie von
Marlies Raffler, die im Mai 2005 an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz als Habilitationsschrift angenommen1 und für die Drucklegung überarbeitet wurde. Um es vorwegzunehmen: Die Autorin schafft mit ihrem Opus über weite Strecken ein großes Lesevergnügen. Dabei ist das Terrain, das sie beschreitet, vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung im »langen 19. Jahrhundert« — gerade im Falle des habsburgischen Vielvölkerstaates — ob der Vielschichtigkeit kein einfaches. Wie anderwärtig sahen sich auch in diesem die Bildungsinstitutionen vor neue Herausforderungen gestellt. Eine dieser Institutionen war das Museum. Dieses blieb nicht länger eine bloße Schau- und Studiensammlung als Ausdruck einer aristokratischen Sammlerkultur. Um 1800 deutete sich neben dem Einfließen veränderter ästhetischer Momente in der musealen Inszenierung ein Paradigmenwechsel an. Dieser reichte von der Auswahl der Exponate bis zur inhaltlichen Neukonzeption der Ausstellungspraxis mit der bewußten Inszenierung der »Nation«. Der »Schauraum« mutierte im Sinne einer aufklärerisch-(groß)bürgerlichen Museumsidee zu einem politischen Raum sowie Ideologieträger und -vermittler. Dem Museum wurde eine identitätsstiftende Funktion zugewiesen.
Im Falle der Habsburgermonarchie kam es »zum Teil – im Vergleich zum übrigen Europa — [zu] sehr frühen Gründungen, die dem modernen Museumsbegriff Geltung verschafften.«2 Das konkretisierte sich erstmals in dem 1802 in Pest gegründeten Ungarischen Nationalmuseum und in der 1811 von Erzherzog Johann initiierten Gründung des steiermärkischen »Nationalmuseums«, des Joanneums, welches »mit anderen, zeitgleichen europäischen Gründungen, überhaupt erst einen epochal neuen Begriff der Institution Museum als öffentliche Bildungseinrichtung« konstituierte.3 Umso überraschender ist es, daß sich die Zahl der Studien zum Museumswesen und seiner gesellschaftspolitischen Bedeutung in der Habsburgermonarchie in überschaubaren Grenzen hält. Zwar gibt es zur Geschichte von National- und einzelnen Landesmuseen sowie ihrer Vorläufer, den »Schatz- und Kunstkammern«, Einzelstudien in Form von Monographien, Dissertationen, Diplomarbeiten oder Aufsätzen unterschiedlichsten Umfangs und unterschiedlichster Qualität.4 Aber »trotz der relativ großen Fülle an Einzelstudien […] zeigte sich« – wie Raffler einleitend festhält — »keine übergreifende Zusammenschau der politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und traditionsbedingten Antriebskräfte, die hinter der Gründung einzelner Museen« (5 f.) standen. Komplexere Fragestellungen, die sich im Zusammenhang mit der Neuausrichtung der Institution »Museum« ergaben, etwa nach seiner Bedeutung für die »Nations«-Werdung, blieben weitestgehend ausgeklammert. Dieses Desiderat zu beseitigen, war nicht das ausschließliche, aber ein vordergründiges Anliegen der Autorin, die sich mit ihrer Studie in einen aktuellen Forschungstrend einfügt. Denn »Arbeiten zur Museologie haben Konjunktur« (7).
Die fakten- und facettenreiche Arbeit Rafflers ist einem modernen Konzept verpflichtet. Aufbauend und ausgehend von eigenen Vorstudien zur Thematik des Sammelns, zur Theorie einer Historischen Museologie und zum Museum als einem Element der Nationalisierung,5 erfolgt konzeptionell der Zugang zur Thematik auf einer theoretisch-museologischen und einer historisch-analytisch, wirkungsgeschichtlichen Ebene. Unter Berücksichtigung der einschlägigen internationalen Literatur (unter anderem Barbara Jeanne Balsinger, Andreas Grote, Paula Findlen, Oliver Impey, Arthur MacGregor) sowie in Anlehnung an die wegweisende Studien Walter Wagners6 und an das Modell Friedrich Waidachers,7 wonach »das Museum […] eine Sammlung von authentisch greifbaren Objekten besitzen« muß, »die Orientierung für die Gesellschaft einerseits und Beleg der gegenwärtigen Wirklichkeit andererseits« (45) bietet, setzt sich die Verfasserin in den theoriegeleiteten Einleitungskapiteln mit der »Kultur des Sammelns« (51—76) als »Voraussetzung jeglicher expositio musealis« auseinander, um im folgenden »Überlegungen zur Historischen Museologie« (77—131) anzustellen, ohne sich – die Versuchung wäre groß, so mancher ist ihr bereits erlegen — gänzlich in der Weite der Theorie zu verlieren.
Um dem zu entgehen, entwickelt Raffler auf der Grundlage von »forschungsleitenden Fragestellungen« (28 ff.), etwa »Aus welchen Elementen konstituiert sich das sogenannte ›Selbstverständnis‹ einer Nation?«, »Welche Mythen werden im (Selbst-)Bewusstsein der Mitglieder einer ›Nation‹ verankert, und wie wird das jeweilige Geschichtsbild auf diese Mythen hin verformt?« oder »Wie unterscheidet sich ›nationale‹ Repräsentation von einer (landes-)patriotischen Selbstdarstellung, wie sie deren Initiatoren gestalten?«, ein schlüssiges Konzept über »Die ›konstruierte‹ Nation« (133—154). Dieses bildet die Brücke hin zum eigentlichen Themenfeld der Studie: das »Museum – [Ein] Spiegel der Nation?«. Zwei zentrale Fragestellungen werden thematisiert: zum einen, »ob diese neuen Institutionen [= die Museen] Ausdruck eines Zeitgeistes« waren, »der sich im Sammeln und Ordnen der für ›Landeskunde‹ im weiteren Sinne relevanten historischen und naturkundlichen Materialien äußert[e]« und zum anderen, ob sich die entstehenden Museen »eher über die — vorgeblichen — Inhaber dieser Institutionen, die nicht mehr Hof, Kirche oder Fürst heißen, sondern ›Nation‹« (16) definieren. Dabei ist ihr bewußt, daß sich »mit dem Schwerpunkt der Museumsgründungen bis ca. 1830« noch nicht »die ganze Palette des modernen Nationsbegriffes« (17) berücksichtigen läßt, zumal im Bearbeitungszeitraum erst der Wandel vom »Territorialprinzip« zum Prinzip der »ethnischen Zugehörigkeit« einsetzte.
Das Ergebnis von Rafflers Arbeit ist keine bloße positivistische Geschichte der Museen. Im zweiten Teil ihrer Ausführungen (»Exemplarische Abrisse«, 181—309), dem sinnigerweise ein Exkurs über die »Vor- und Sonderformen von Museen in der Habsburgermonarchie« (155—180) vorangestellt ist, erörtert Raffler die wissenschaftlichen, geistigen und kulturellen Implikationen jener musealen Einrichtungen, die vom ausgehenden 18. Jahrhundert an bis in den Vormärz entstanden. Im Vordergrund steht zunächst die Frage nach den Absichten, die hinter den Museumsgründungen standen, des weiteren, wie sich die Museen strukturierten und auf welche Akzeptanz sie stießen. Faktum ist: In der Regierungszeit Kaiser Franz I. gewann das Museum als kulturelle Institution an Bedeutung. Die Museumslandschaft verdichtete sich. Zwischen 1802 und 1844 kam es einer Übersicht »über die Gründung musealer Institutionen im 19. Jahrhundert in der Habsburgermonarchie« (127) zufolge zu fünfzehn Gründungen. Das war nicht wenig.
Raffler erschließt diese wenig bewußte, letztlich aber für das öffentliche Bewußtsein wirkungsvolle und einflußreicher werdende museale Geisteswelt. Das ist nur ein Verdienst ihrer Habilitationsschrift, die sich durch die breite räumliche Ausrichtung auszeichnet. Der Fokus richtet sich nicht ausschließlich auf das Territorium des heutigen Österreich, sondern auch — und zwar ausführlich — auf Ungarn und Böhmen, ferner auf Österreichisch-Schlesien, die Bukowina und Galizien sowie Siebenbürgen. Hinzu kommt die Be- und Verarbeitung einer Fülle von neuen archivalischen Quellen. Und: Der Inhalt hält, was die »Verpackung«, sprich der Untertitel (»Zugänge zur Historischen Museologie am Beispiel der Genese von Landes- und Nationalmuseen in der Habsburgermonarchie«) verspricht. Ob der Quantität der Museen beschränkt sie sich auf gut ausgewählte Beispiele. Diese ergeben ein repräsentatives Bild über die Museumssituation im österreichischen Völkerstaat im Zeitalter des »Erwachens der Völker«. Der Bogen spannt sich von Graz über Prag, Brünn, Troppau, Innsbruck, Salzburg, Linz bis nach Pest. Die Bearbeitung der einschlägigen Bestände des Ungarischen Staatsarchivs, des Archivs Národního Muzea (Prag), des Tschechischen Staatsarchivs, des Tiroler und Steiermärkischen Landesarchivs sowie diverser Bibliotheken, von der Ungarischen Nationalbibliothek (Budapest) bis zur Bibliothek des Museums Carolino Augusteum (Salzburg) ergibt eine solide Quellenbasis nicht nur für eine detailreiche Darstellung der Verhältnisse und Bedingungen des Werdens der Museen, sondern ebenso der Genese der Binnenstrukturen und -organisation, vor allem aber des Zusammenhanges von »Nations«-Werdung/»Nation« und Museum.
Schlüssig gelingt es ihr zu argumentieren, daß »Museen offensichtlich Indikatoren für den Entwicklungsstand und die Selb[st]ständigkeit einer Nation« (16) waren. Dabei sah es anfangs gar nicht danach aus. Denn »beinahe ausnahmslos wirkten Mitglieder des europäischen Hochadels als Museumsgründer […] und von einem weitgehend einheitlichen Bildungshorizont ausgehend agiert[e] die Stiftergeneration ›kosmopolitisch‹. Nationale Zugehörigkeit spielte in diesen Kreisen keine Rolle.« (313) Für sie hatte das »Thema ›Nationalismus‹ keine Relevanz«. (146), wohl aber »für die sogenannten ›zweiten Männer‹ im Museumsbetrieb, die sich aus dem Bildungsbürgertum rekrutierten und – was sich vor allem am Beispiel F. Palackýs zeigen lässt, für die zweite Generation der Museumleitung: kein ›Nationalismus von Oben‹ […], sondern ein ›Nationalismus von Unten‹.« (146) Als Ausdruck des beginnenden Strebens nach nationaler Identität mutierten die Museen unter ihrem Einfluß mehr und mehr zu einer zentralen Institution der regionalen und nationalen Identitätsfindung und -bildung. Im Falle des Böhmischen Nationalmuseums setzte die Entwicklung bereits früh ein. Was sich um 1820 mit den Vorschlägen des Botanikers Graf Friedrich Berchtold andeutete, der ein »von tschechisch nationalistischem Geist« getragenes Institut, »das als führende Aufgabe […] die Beibehaltung und Förderung der tschechischen Sprache, Literatur und Kunst« (199) anstrebte, also ein »rein tschechisches Nationalinstitut zum Ziel« (199) hatte, erfuhr in Franz Xaver Bergers »Idee und Wesen des Nationalmuseums«, welches anders als das von den Ständen getragene steirische Joanneum ein »unteilbares, unveräußerliches Eigentum des Staates« (204) sein sollte, eine konkretere Ausformulierung. Nach Berger sollte »sowohl der Einheimische als auch der Fremde […] im Museum seine Idee von Nation ›abstrahieren‹« (204) können. Mit den entsprechenden Exponaten waren die einzelnen Abteilungen (unter anderem Physikalische Abteilung, Technische Abteilung, Historische Abteilung) und ihre Unterabteilungen zu gestalten, wobei er der Naturkunde und Geschichte als zentralen Fächern einen besonderen Platz einräumte. Bergers Vorstellungen unterschieden sich von Graf Kaspar Sternbergs Vorschlägen für ein »Vaterländisches Museum« aus dem Jahre 1819. Der böhmische Aristokrat plädierte für eine von einem »stark patriotischem [= böhmischen] Geist« getragene Sammlung als Ausdruck der Loyalität zum Wiener Hof. Das funktionierte nicht lange. Bald war das Sternbergsche Bemühen, die Vertreter der tschechischen Frühnationalen von der Leitung des Böhmischen Museums fernzuhalten, obsolet. Die Zunahme der »beitragenden« Mitglieder, die sich verstärkt aus dem jungen tschechischen Bürgertum und der tschechischen Intelligenz rekrutierten, bedeutete die Abkehr von der ständischen Struktur. Das war das Ergebnis gezielter Werbekampagnen, »um das Museum in ein deutlich tschechisches Institut umzuwandeln« (233). František Palackýs Wahl zum Geschäftsführer des Ausschusses 1841 leitete den Wandel ein. Das Museum wurde von einer »in erster Linie naturwissenschaftlichen […] in eine ›national‹ engagierte und an der historischen Entwicklung des Landes maßgeblich beteiligte Institution« (237) umgewandelt. Das geschah Schritt für Schritt. Begnügte man sich 1822 bei der Zweckbestimmung noch mit passiven Kenntnissen des Tschechischen, wurde 1847 bereits ein »besonderer Wert auf die Beherrschung der tschechischen Sprache und Literatur« (233) gelegt. Die Entwicklung ging in jene Richtung, die das Museum sehr bald zu einem »Grundstein der Emanzipation gegen den Zentralismus des Wiener Hofes« (246) machte.
In gleicher Weise spannend lesen sich die Ausführungen Rafflers über den »Sonderfall« der Entstehung des Ungarischen Nationalmuseums (262—309). Am Beginn stand im November 1802 das Ansuchen Ferenc Széchényis, dessen Sammlungen zur Grundlage für den Auf- und Ausbau des Museums wurden, an den Palatin Joseph Anton. Bereits 1807 sprach man von einem »Ungarischen Nationalmuseum«, das »eine Vereinigung von Freunden der Wissenschaften in Ungarn« mit dem Ziel, »mit oder anhand der Sammlungen des Museums Fragen zur vaterländischen Geschichte, Altertumskunde und Naturgeschichte zu klären« (295), sein sollte. Ein Jahr später, 1808, gebrauchte man erstmals die Bezeichnung »Museum Nationale«. Getragen wurde dieses von der ungarischen Gentry, dem städtischen Bürgertum und einer Gruppe Intellektueller. Noch postulierte man nicht den Ausschließlichkeitsanspruch des Magyarischen. Denn die »Tagesordnung zur Besichtigung des Hungarischen National Museums« des Jahres 1811 wurde noch in drei Sprachen (Ungarisch, Deutsch, Latein) erlassen. Und die Zeitschrift des Museums, die Acta Societatis, sollte in Latein verfaßt sein. Siebenunddreißig Jahre später sah die Welt anders aus. 1848 gehörte das »Ungarische Nationalmuseum« »als Symbol für nationale Unabhängigkeit zu einer der wesentlichsten Institutionen in der Stärkung nationalen Selbstbewussteins und hatte sich längst als das Museum der Nation profiliert.« (262) Nicht weniger interessant, wenngleich inhaltlich bei weitem nicht so detailreich und in die Tiefe gehend wie bei der Darstellung der beiden genannten Museen lesen sich Rafflers Ausführungen über das Franzensmuseum in Brünn als Landesmuseum für Mähren und Schlesien (247—251), über das Innsbrucker Ferdinandeum (252—258), über das Salzburger Carolino-Augusteum (259—261) oder — last, but not least — über das Grazer Joanneum (183—188), dessen Vorreiterrolle für die Museumsgründungen des Vormärz gewürdigt wird. Ungeachtet vieler Gemeinsamkeiten gab es im Konzeptiven zwischen den Museen Unterschiede. So dominierten im Falle des Ferdinandeums »Intellektuelles, Ästhetisches [und] Kunst vor Utilitarismus — im Unterschied zu dem auf praktische Anwendung ausgerichteten Joanneum« (254). Nach den Vorstellungen Erzherzog Johanns sollte dessen Gestaltung vom Utilitarismus, von spätaufklärerischen Gedanken und der Volkswohlfahrt bestimmt sein. Daher hatte die Sammeltätigkeit auf »Erziehung, auf Veranschaulichung, auf das Belehrende und auf die Beförderung des Gemeinwohls« (186) zu zielen. Ein allen Museen gemeinsames Momentum war, daß mit ihnen eine neue Form von Informations- und Bildungsvermittlung geschaffen wurde, die es verstand, Tradition und Innovation als ein Nebeneinander von inszenierter Vergangenheit zu verbinden und in großer Zahl Besucher anzulocken und zu faszinieren — das gilt eigentlich bis heute.
Welche Möglichkeiten sich im Zusammenhang mit dem Thema noch ergeben können, deutet Raffler im vorletzten Kapitel »Kommunikation, Kulturtransfer und Vernetzung« (311—339) an, in dem sie der Frage des »Netzwerkes« innerhalb der »scientific community« und des »Ineinanderfließens von Kreisen« im Zusammenhang mit den Museumsgründungen an Hand der Biographien Széchényis und Sternbergs nachgeht. Dabei fördert sie das dichte, weit verzweigte Netz von Korrespondenzen der beiden, die brieflich miteinander in den Jahren vor den jeweiligen Museumsgründungen als (Brief-) Sammler selbst in Kontakt miteinander standen, mit Geistesgrößen ihrer Zeit zutage. Der polyglotte Sternberg hatte zwischen 1761 und 1838 Kontakte zu katholischen Kreisen um Carl Theodor von Dahlberg, Ignaz von Wessenberg und Ferdinand August von Spiegel, darüber hinaus zu Alexander von Humboldt und Clemens Fürst Metternich, der ihm 1826 sogar »jegliche Unterstützung für dessen gemeinnützige Gründung« (318) zusagte. Nicht weniger umfassend stellte sich das Netzwerk Széchényis, dessen Wiener Palais Treffpunkt der Romantiker war und »der in einem wesentlich stärker politisch akzentuierten Umfeld agierte« (314), dar. Die Zielorte der Adressaten reichten, wie eine Auflistung für das Jahr 1799 zeigt (324), von Wien über Berlin, Heidelberg, St. Petersburg bis ins englische Salisbury. Zu Széchényis Korrespondenzpartnern gehörten unter anderem Josef Hajnóczy, Josef Dobrovský oder Friedrich Schlegel. Hinzu kommt noch eine erhebliche Anzahl von Personen, mit denen beide in Kontakt standen. In beider Korrespondenz finden sich Namen wie Jacob Grimm, Friedrich Nicolai, Joseph Ossolin´ski oder Karl Zinzendorf.
Was den Leser bis hierher in den Bann zu ziehen vermochte, endet abrupt. Es scheint so, daß der Verfasserin plötzlich der Atem des Schreibens ausgegangen wäre. Das zeigt sich im allgemein gehaltenen Abschnitt über »Museum und Öffentlichkeit« (330—339), der im Kontext des Gesamtopus an dieser Stelle isoliert erscheint. Warum diese von der Autorin auch als solche so bezeichnete Ergänzung zu Kapitel »3.4. Mesomuseale Epoche: Von ›öffentlichen‹ und ›privaten‹ Sammlungen« nicht in das eigentliche Kapitel — dort hätte es Sinn gehabt — integriert wurde, bleibt ein Rätsel. Das trifft im übrigen gleichfalls auf das letzte Kapitel, das von ihr schlicht mit »Rekapitulation« (342—347) betitelt wird, zu. Und bei einer solchen »Zusammenfassung« beläßt es Raffler im wesentlichen. So entsteht der (unberechtigte?) Eindruck des unbedingt Abschließen-Wollens. Wer sich eine pointiert formulierte These, die in einer entsprechenden Kapitelüberschrift ihren Niederschlag findet, erwartet, wird diese vergeblich suchen. Bestenfalls kommt es zu Andeutungen. Das ist schade, erstens weil der Inhalt durchaus vieles für das Formulieren einer solchen These anbietet und zweitens weil Raffler mit ihrer Studie in Summe ein über weite Strecken beeindruckendes, den Wissenschaftsdiskurs weiterführendes Opus präsentiert. Geringfügige Kritikpunkte, in erster Linie hinsichtlich der formalen Gestaltung, ändern daran nichts.
Einer dieser Kritikpunkte ist das Faktum, daß die Autorin bisweilen mit mehr oder weniger inhaltsleeren Kapitel-/Unterkapitelüberschriften, etwa »5.1.2. Amras« (164—167) oder »6.2.7. Resümee der Gründungsphase« (243—247) ihr Licht unter den Scheffel stellt. Denn das in den besagten Abschnitten Dargebotene ist ganz und gar nicht inhaltsleer. Zudem zeigt sie mit anderen Kapitelüberschriften (zum Beispiel: »6.1. Des Vergangenen würdig, der Gegenwart gewachsen und für die Zukunft wohlthätig seyn — Impulse für das Joannum in Graz«, 183—188 oder »6.2.6. Durch die Sprache bildete sich Böhmen erst zu einer ›eigenthümlichen‹ Nation heraus: Franz Palacký verändert das Museum«, 237—243) sehr wohl, daß sie die Kunst und das Handwerk des Formulierens von Überschriften mit Aussagekraft versteht. Gleiches gilt für ihre Vorliebe, interessante Inhalte nicht in den eigentlichen Text einzuarbeiten, sondern diese — viel zu oft — in die Fußnoten »auszulagern«. So hätten zum Beispiel die biographischen Aspekte Joseph von Hormayrs in Fußnote 431 besser in den Text gepaßt. Nicht nur in diesem Falle, sondern auch in anderen wäre der Lesefluß um einiges erleichtert worden. Das gilt auch für das Auffinden von Orts- und Personennamen. Nach diesen zu suchen, bedeutet Mühe und Zeitaufwand. Denn bedauerlicherweise hat Raffler auf ein Orts- und Personenregister verzichtet. Ein solches hätte sich gelohnt.
Ein Fazit: Mit ihrer Untersuchung hat Marlies Raffler einen grundlegenden Beitrag zur Geschichte des Habsburgerstaates in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, vor allem aber zur Rolle der Museen für den Nationalisierungsprozeß geleistet. Nicht nur das. Mit dem breiten und tiefen Blick auf die Entwicklung des Museumswesens relativiert sie auch — und darin liegt die Bedeutung ihres Opus für die Vormärz-Forschung — den bis heute kultivierten Topos, daß der österreichische Kaiserstaat der Vormärz-Zeit ein »Reich der Immobilität« gewesen wäre. Aus ihrer Arbeit ergeben sich aber gleichfalls zahlreiche Anregungen für weiteres Forschen zu dem in seinem Umfang bei weitem noch nicht umfassend erhellten Horizont der österreichischen Museumsgeschichte. Es bleibt zu hoffen, daß im Windschatten des Ansinnens der Verfasserin, »Ansätze und Anreize für weitere einschlägige Forschungen und Detailstudien« (7) zu bieten, weitere Studien folgen werden, nicht nur für die »Ära Metternich«, sondern für die Zeit danach bis zum Zerfall des Habsburgerstaates. Die Tore dazu wurden geöffnet.