Fritz Fellner und Doris A. Corradini (Hg.)
Schicksalsjahre Österreichs. Die Erinnerungen und Tagebücher Josef Redlichs 1869—1936.
Band I: Erinnerungen und Tagebücher 1869—1914
Band II: Tagebücher Josef Redlichs 1915—1936
Band III: Biographische Daten und Register
Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs 105/I–III
Wien, Köln, Weimar
Böhlau
2011
1622 S., 14 SW-Abb.
€ 98,00
Rezensent: Michael Pammer
Historicum, Winter 2010/2011—Frühling 2011, 66—70
Für den Nachlaß des Wissenschaftlers und Politikers Josef Redlich, der im Jahr 1936 gestorben ist, wurde schon früh eine Veröffentlichung ins Auge gefaßt, und eine solche erste umfangreiche Publikation kam immerhin bereits in den frühen fünfziger Jahren zustande. Betrieben und vorbereitet hat dies schon Redlich selbst zu seinen Lebzeiten, nach seinem Tod wurde seine Witwe aktiv, und nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Kommission für Neuere Geschichte Österreichs der Aufgabe angenommen. Jetzt liegt das Ergebnis in einer kompletten und endgültigen Form vor.
Tagebuch und Erinnerungen Redlichs sind nicht nur ihres Inhalts wegen, sondern auch durch die Person des Verfassers interessant. Redlich, geboren 1869 in Göding in Südmähren (an der March gelegen, etwa siebzig Kilometer von Wien), stammte aus einer jüdischen Familie, die wirtschaftlich auf mehreren Gebieten tätig war: auf väterlicher Seite in der Landwirtschaft (der Großvater kaufte 1848 einen Bauernhof), in der Müllerei und im Getreidehandel, auf mütterlicher Seite in der Industrie (die Großeltern betrieben eine Malzfabrik). Die Eltern setzten den Getreidehandel fort, behielten auch die Dampfmühle und erwarben später eine Ziegelei und eine Zuckerfabrik; beteiligt war ein Onkel, der seinerseits in Wien als Bauindustrieller im Eisenbahnbau tätig war. Redlichs Mutter stammte aus der Familie Fanto und war eine Cousine des Erdölindustriellen David Fanto.
Fritz Redlich, der um ein Jahr ältere Bruder, übernahm die elterlichen Unternehmen. Die Interessen Josef Redlichs lagen auf anderen Gebieten. Die vorliegende Edition beginnt mit den Erinnerungen, die Redlich Ende der zwanziger Jahre zu schreiben begann. Er hat diese Memoiren nur bis zum Ende der Schulzeit geführt, dann die Arbeit unterbrochen und in der Folge nicht wieder aufgenommen. Immerhin erfährt man aus diesem Bruchstück von etwa 75 Druckseiten vieles über die Familie und die prägenden Eindrücke der Jugend- und Schulzeit. Geht man darnach, hätte Redlich Geschichte studieren müssen, denn an diesem Gegenstand war er besonders interessiert, und er wollte als Jugendlicher auch wirklich Historiker werden. Hingegen hatte er keinerlei Begabung und Interesse für Mathematik, Geometrie, Physik und Chemie und schloß in diesen Fächern nur mit Müh und Not ab (nach der Matura verbrannte er, wie er berichtet, sämtliche Lehrbücher und Hefte aus Mathematik und Physik …). Nach der Volksschulzeit in Göding ging er nach Wien, um dort das Gymnasium zu besuchen. Er studierte Jus in Wien, mit Auslandssemestern in Leipzig und Tübingen, und schloß 1891 ab. Für zwei Jahre war er Verwaltungsjurist in Brünn, dann Rechtspraktikant in Wien und schließlich Konzipient in einer Rechtsanwaltskanzlei. 1897 heiratete er Alix Simon, mit der er bis 1908 verheiratet blieb. 1903 wurde der Sohn Hans Ferdinand geboren. 1905 kaufte Redlich das Haus in der Armbrustergasse im 19. Bezirk, das später als Wohnsitz von Bruno Kreisky bekannt wurde.
Die Konzipientenzeit Redlichs dauerte bis 1897, also bis zu seiner Verehelichung. Dann wandte er sich offenbar ausschließlich der wissenschaftlichen Tätigkeit zu, hatte aber zunächst keine universitäre Anstellung. 1901 habilitierte er sich an der Universität Wien für Staats- und Verwaltungsrecht, gab sich mit Gedanken über Bewerbungen in Deutschland ab, blieb aber Privatdozent. 1906 Jahre später wurde er außerordentlicher Professor, drei Jahre später Ordinarius für Verfassungs- und Verwaltungsrecht an der Technischen Hochschule Wien, 1915 Titularprofessor an der Universität Wien.
Für den weiteren Verlauf seiner Karriere war ein weit in die Jugendzeit zurückreichendes Interesse Redlichs für England und die Vereinigten Staaten bestimmend. Nach England kam Redlich zwar erst 1899, in die Vereinigten Staaten 1910, er hatte aber schon ab 1895 über die englische Gesetzgebung publiziert, und 1901 veröffentlichte er ein stark beachtetes Werk über englische Lokalverwaltung in ihrer historischen Entwicklung und ihrer zeitgenössischen Gestalt, ein Werk, das in der Folge auch ins Englische und ins Russische übersetzt wurde. 1905 folgte ein Buch über den englischen Parlamentarismus, ebenfalls mit nachfolgenden Übersetzungen ins Englische und Französische. Redlich galt mit seinen Arbeiten auch im angelsächsischen Bereich als Experte für angelsächsische Rechtsordnungen und wurde unter anderem von der Carnegie-Stiftung mit einer Untersuchung über das juristische Lehrsystem in den Vereinigten Staaten beauftragt, die er 1914 fertigstellte. 1910 hatte er bei seinem Aufenthalt in Amerika an verschiedenen Universitäten Vorlesungen gehalten. Nach mehreren weiteren ähnlichen Aufenthalten in den frühen zwanziger Jahren und einer Honorarprofessur für amerikanisches und englisches Staatsrecht an der Universität Wien wurde Redlich 1926 Professor für vergleichende Staatsrechtslehre an der Harvard University, eine Tätigkeit, die er (mit hier unwesentlichen Modifikationen) bis 1935 weiterführte.
Neben der wissenschaftlichen Tätigkeit ist Redlich auch als Politiker in einer Reihe von Funktionen bemerkenswert. 1906 wurde er Abgeordneter zum Mährischen Landtag, ein Jahr später Reichsratsabgeordneter; in beiden Funktionen blieb er bis 1918, dann war er noch Mitglied der bis Februar 1919 amtierenden Provisorischen Nationalversammlung. In der Regierung Lammasch (27. Oktober bis 11. November 1918) war Redlich der letzte Finanzminister der im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder. In den frühen zwanziger Jahren war er noch Mitglied in einigen Kommissionen und erfüllte auch inoffizielle Missionen in österreichischen Angelegenheiten. Im Jahr 1931 diente er von Juni bis Oktober als Finanzminister der Republik Österreich (in der Regierung Buresch). Wenige Wochen davor war die Creditanstalt zahlungsunfähig geworden, das heißt Redlich amtierte während einer der ärgsten Krisen, die die österreichische Wirtschaft erlebt hat. Von 1931 bis 1936 war er Ersatzmitglied des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag.
Mit seinen vielfältigen Verbindungen und Aktivitäten als herausragender Gelehrter und als Politiker in verschiedenen Funktionen und verschiedenen politischen Systemen ist Redlich eine höchst interessante Persönlichkeit. Dies weniger wegen seines politischen Gewichts, denn auch als Mitglied zweier Regierungen war Redlich nicht sonderlich einflußreich. Im Fall der zwei Wochen lang amtierenden Regierung Lammasch galt dies für die ganze Regierung, und im Sommer 1931 zog das Finanzministerium nicht eben die ungeteilte Aufmerksamkeit des Ressortchefs auf sich. Alexander Spitzmüller, der in der CA-Krise, als Redlich bereits Minister war, neuerlich (wie schon 1910 bis 1915) Generaldirektor der Creditanstalt wurde, berichtet in seinen postum erschienenen Memoiren »… und hat auch Ursach, es zu lieben« (1955), über Redlich: »Charakteristisch ist, daß ich einmal einem Ministerrate beiwohnte, in dem Doktor Buresch erklärte, der Ministerrat müsse sich heute mit dem Budgetentwurf beschäftigen, doch habe sich der Finanzminister entschuldigen lassen, er sei in Aussee durch einen amerikanischen Gelehrten, der bei ihm zu Gaste sei, zurückgehalten. Er, Buresch, sei daher, wie er nicht ohne ironische Betonung sagte, gezwungen, das Budgetreferat selbst zu geben.« (361) Kein Wunder, daß Redlich Unterstützung von anderer Seite vermißte (er selbst führte dies allerdings auf den Umstand zurück, daß er keiner Partei angehörte).
Die Tagebücher (dazu kommen außer dem Fragment der Erinnerungen noch hinterlassene Briefe) geben Aufschluß über politische ebenso wie über private Vorgänge. Es handelt sich in der Gesamtheit eigentlich nicht um Niederschriften mit dem Ziel der präzisen und gezielten Dokumentation eines bestimmten Gegenstandsbereichs für die Nachwelt, schon deshalb, weil Redlich am Anfang noch keine prominente Figur war. Zu Beginn (1891) macht sich der Autor Gedanken über den Zweck seines Tagebuchs, bleibt dabei aber eher unbestimmt. Zwischen der ersten und der zweiten Eintragung liegen zweieinhalb Monate (nach Redlichs Rechnung »mehr als ein Vierteljahr«), dann hört das Tagebuch wieder auf. Erst 1902 begann Redlich wieder und setzte die Eintragungen mit wechselnder Frequenz fort. Oft gibt es längere Pausen, selten längere Sequenzen mit täglichen Eintragungen. Einschneidende Ereignisse beschrieb der Autor oft — wohl durch die Geschehnisse zu sehr in Anspruch genommen, um gleich schreiben zu können — im Abstand mehrerer Tage, und dann ausführlich. In den zwanziger Jahren werden die Einträge seltener, aus den dreißiger Jahren gibt es nur mehr einige wenige Vermerke. Der Herausgeber Fritz Fellner bringt dies mit den familiären Verhältnissen in Verbindung. Der Großteil der Tagebucheinträge stammt aus der Zeit zwischen der Scheidung Redlichs von seiner ersten Frau 1908 und seiner Wiederverheiratung 1919: »Um Tagebuch zu schreiben, bedarf es eben der ungestörten privaten Besinnungsstunden, Tagebücher ersetzen das das Geschehen reflektierende abendliche Gespräch mit einer Lebenspartnerin. Es sollte einmal überprüft werden, inwieweit Tagebücher nicht von Junggesellen geschrieben wurden und werden.« (Band I, XI) Diese Überlegung hat viel für sich und findet eine Stütze in dem, was Redlich in seiner ersten Tagebucheintragung vom 15. Juli 1891 schreibt: »dass ich jetzt. wo mir gewohnter Verkehr, lang gepflegte Freundschaft und tägliche Aussprache fehlen, sehr ernstlich eines Mediums bedarf, in welchem ich allen Gedankenzeugs, all das ganze Nervenkonzert, wie es von früh morgens bis abends spielt, hineinlegen kann.« (Band I, 90)
Am ausführlichsten ist das Tagebuch in der Beobachtung und Kommentierung des politischen Geschehens. Interessant ist dabei zum einen die Wahrnehmung von Vorgängen, die als solche bekannt sind, etwa des Kriegsverlaufs, des Ablebens bekannter Persönlichkeiten und so weiter. Zum anderen kommen hier viele Dinge zur Sprache, über die in anderen Quellen nichts zu finden ist, wie die Wiedergabe von Gesprächen, die Redlich führte, in denen sich naheliegenderweise jegliche Art von vertraulicher Mitteilung, Tratsch, Gerücht, persönlichem Bekenntnis und so weiter findet. Vieles muß man unter diesem Aspekt lesen: Als Bewertung von mehr oder weniger unsicheren Tatsachen, als (oft enttäuschte) eigene Erwartung oder Erwartung anderer über die Zukunft. Man bekommt aus diesen Schriften in erster Linie eine Vorstellung von der herrschenden Atmosphäre, gewiß nur in der abgehobenen Gesellschaftsschicht, in der sich Redlich bewegte, aber eben doch so eindrücklich und interessant, daß man diese Edition nicht nur als Quellencorpus für Historiker zu betrachten hat, sondern wirklich als allgemeininteressierter Leser mit Gewinn darin herumlesen kann.
Ein großes Thema sind Personalia. Redlich selbst war wiederholt Gegenstand von mehr oder weniger ernsthaften Überlegungen bei der Bildung von Regierungen, es gab diesbezügliche Gerüchte um ihn, die er oft betont distanziert wiedergibt; gelegentlich ist aber doch erkennbar, daß er für dergleichen nicht unempfänglich war. Auch über seine Person hinaus sind Personalia, ebenso wie kleine und große Krisen der Politik, große Themen dieses Tagebuchs. In wichtigen Sachgebieten, vor allem in Verwaltungsfragen, ist Redlich aber auch einfach ein kompetenter und unaufgeregter Beobachter und Bewerter, der Hintergründe des Geschehens referiert und eigene Überlegungen dazu äußert. Sicher ist Redlich dabei oft nur durch Hörensagen informiert, aber es handelt sich eben häufig um Vorgänge, die aktenmäßig überhaupt nicht erfaßt werden.
Das Tagebuch bezieht seinen Unterhaltungswert auch aus den ungeschminkten Äußerungen über eine Reihe von Persönlichkeiten. Da ist die Rede von »Lemuren« (Weiskirchner), »Lumpen« (Ottokar Czernin), von »krassester Eitelkeit« (Koerber), der eine ist ein »alter, eitler Phraseur mit der Seele eines Handelsjuden« (Sieghart), der nächste »blödsinnig« (Stribal), der dritte »widerlich« (Otto Bauer). »Porträtskizzen meiner Berufskollegen« sind eine Ansammlung von Freundlichkeiten wie »falsch, verschlagen, lügnerisch«, »imbécile«, »Dummkopf«, »Der auf dem Wege übers Handelsrecht in die Wissenschaft und das Herrenhaus verschlagene jüdische Kleinhändler!« (Band I, 148–150). Über Theodor Herzl schreibt er: »Dr. Herzl ist unter die geistigen ›Gründer‹ gegangen: er hat den ›Zionismus‹ salonfähig gemacht, will die Juden nach Palästina führen, selbst aber als Korrespondent der ›Jerusalemer Neuen Freien Presse‹ in Wien bleiben« (Band I, 102). Sein Nachruf auf Karl I. lautet im vollen Wortlaut: »Wäre er nur ein wenig ›vollwichtiger‹ als Mensch gewesen, läge eine Tragödie vor. Aber er war — zu wenig, ein zu unwesentlicher Mensch.« (Band II, 597) All das hat zwar nichts mit einem unbefangenen Urteil zu tun, hat aber etwas erfrischend Direktes und gibt auch einen Eindruck über persönliche Beziehungen, da es sich in der Regel um Personen handelt, die Redlich aus der Nähe gekannt hat. In einigen Fällen läßt sich auch gut erkennen, wie der Autor zu seinen Äußerungen kommt; im Fall Koerbers etwa war Redlich offenkundig gekränkt, daß ihm der neue Ministerpräsident bei der Regierungsbildung nach der Ermordung Stürgkhs unter verschiedenen Vorwänden nicht das Finanzministerium anbot, sondern ihn nur zum Sektionschef machen wollte — daher: »krasseste Eitelkeit […]; der es nicht vertragen könnte, dass irgendeine wirkliche Individualität neben ihm wirkt« (Band II, 220).
Außer diesen öffentlichen Angelegenheiten kommen im Tagebuch viele private Dinge zur Sprache, vor allem Redlichs Verhältnis zu seinen Geschwistern (er hatte als Erwachsener ein sehr enges Verhältnis zu seinem Bruder) und zu seinen Kindern. In der Zeit nach der Geburt der beiden Töchter schrieb Redlich nicht mehr viel Tagebuch, aber die Kindheit und Jugendzeit des Sohns fiel genau in die Zeit des intensivsten Schreibens, sodaß man vieles über Hans Ferdinand Redlich findet. Bei allen drei Kindern ist es geradezu rührend, mit welch überströmender Liebe Redlich über sie schreibt. Wie sich dies im alltäglichen Umgang manifestierte, bleibt freilich offen (über seine Eltern berichtet er in den Erinnerungen und Tagbucheinträgen ebenfalls mit tiefer Liebe und Zuneigung, sagt aber auch, daß die Eltern eine eher distanzierte, nicht zärtliche Art des Umgangs gehabt hätten).
Wie gesagt, das Tagebuch als ganzes war nicht von vornherein für die Nachwelt bestimmt. Dennoch kann man voraussetzen, daß Redlich bei der Abfassung seines Tagebuchs daran gedacht hat, daß es später von anderen gelesen werden würde. Dies weniger deshalb, weil er selbst später Teile davon für eine Veröffentlichung vorbereitete (dazu unten), sondern aufgrund des Inhalts. Manches, was in jedem Leben wichtig ist, aber ungern öffentlich gemacht wird, kommt nicht vor — das »Blaubartzimmer« (Erika Mann) bleibt zu. So würde ein Leser, der die Einführung der Herausgeber nicht gelesen hat, von der Scheidung Redlichs 1908 doch eher überrascht werden. Was die Ehe zerrüttet hat, bleibt im Dunklen (einzelne nicht weiter explizierte Einträge wie jene vom 19. und 24. November 1904 gehören wohl in diesen Kontext: »Der entsetzlichste Tag meines Lebens: ein Tag, der um 1 Uhr morgens begann und noch um Mitternacht fortdauert. Wann werde ich die Sammlung finden, das aufzuschreiben, was sich da ereignet. Ich kämpfe um mein Höchstes.« »Alix reiste in der Frühe mit Papa nach Breslau, wo sie längere Zeit verweilen wird, um sich seelisch und physisch zu erholen. Hardest time of my life!«); in einem Tagebuch, das nicht für andere bestimmt ist, würde man zweifellos auf so wichtige Dinge genauer eingehen. Auch medizinische Fragen, etwa das »seelische« Leiden (außer dem Lungenleiden) seiner Schwester Terese oder der Grund, warum sich Redlich drei Monate vor seinem Tod für einige Zeit in die Nervenheilanstalt Rosenhügel begeben mußte (»Der Zustand meines Nervensytems war so geworden, dass ich nicht anders konnte«, Brief an Flora Darkow, Band II, 683), bleiben oft unbestimmt; in der Todesanzeige in der Neuen Freien Presse vom 14. November 1936 ist von einem längeren Leiden die Rede, über das die Aufzeichnungen Redlichs nichts sagen.
Auch andere wichtige private Fragen werden erstaunlich wenig thematisiert, so etwa die Einkommensverhältnisse. Redlich hatte vor seiner Berufung über längere Zeit offenbar kein Arbeitseinkommen, sondern arbeitete als Privatgelehrter. Sein Einkommen bezog er aus den ererbten (der Vater war 1896 gestorben) und von seinem Bruder geführten Unternehmen. Ausnahmsweise findet man darüber eine Notiz, so am 5. Jänner 1917, wo er gerührt mitteilt, daß ihm sein generöser Bruder »für die Jahre 1917 bis 1920 (also für drei Jahre)« (Redlichs Rechenkunst) »die bisherige Summe von 25.000 Kronen« zugesichert habe (Band II, 255).
Die religiösen Verhältnisse der Familie beschreibt Redlich in seinen Erinnerungen etwas näher, aus dem Tagebuch erhält man den Eindruck, daß dieser Bereich für ihn nicht bestimmend war. Die Familie war weitgehend säkularisiert, die Mutter übte ihre Religion so gut wie gar nicht aus, der Vater etwas mehr (in der Großelterngeneration war die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion noch stärker bestimmend gewesen). Man besuchte zu den hohen Festen die Synagoge, ausnahmsweise erschien dort auch einmal die Mutter. Konfessionelle Animositäten scheint es nicht gegeben zu haben: der Vater hatte eine Piaristenschule besucht und war voll guter Erinnerungen daran, und man fand auch nichts dabei, wenn die Kinder irregulärerweise am katholischen Religionsunterricht und sogar an der katholischen Messe teilnahmen (den israelitischen Religionsunterricht erhielten sie zuhause). Fritz Redlich war von den katholischen Riten stärker berührt als der jüngere Bruder, ließ sich aber erst 1919 taufen (seine Kinder wurden 1921 getauft) — sein »langjähriger sehnsüchtigster Wunsch«, er war »sehr bewegt und glücklich« (Band II, 506). Josef Redlich war schon viel früher konvertiert, seine Kinder, auch sein 1903 geborener Sohn, wurden bald nach der Geburt katholisch getauft; seine zweite Ehe schloß er als geschiedener Katholik evangelisch. Praktizierender Katholik war er, abgesehen von der Teilnahme an Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen, sicherlich nicht (seine eigene Beerdigung erfolgte katholisch). Sein Interesse für das Judentum beschränkte sich auf kulturell-bildungsmäßige Aspekte, im Sinn einer Kenntnis der Bibel und einer bruchstückhaften Kenntnis des Hebräischen. Wie schon aus oben zitierten Bemerkungen zu erkennen, war Redlich mit Bemerkungen im antisemitischen Tonfall nicht zimperlich. Gleich zu Beginn heißt es über die mitreisenden Passagiere in der Bahn: »als Coupégenosse ein jüdisch aussehender Ladenjüngling. Aber in Regensburg wurde es noch dicker; offenbar, um mir den Abschied von daheim zu erschweren, bekam ich eine schwere Tracht ungarisch-semitischer Wichtigtuerei ins Coupé, sodass ich froh war, in Nürnberg von all dem befreit zu werden« (Band I, 94). An Flora Darkow schrieb er über eine Besucherin der gelehrten Wiener Fabier-Gesellschaft: »Adele Waldstein!!! Ja, die fromme Adele! Das ist noch immer die typische Bildungshyäne: wie gewisse Stammesgenossen zu Lizitationen von alten Kleidern, so laufen gewisse ›faine‹, ›gepildete‹ Hebräer und Hebräerinnen (eine Abart kommt auch, jedoch nur selten bei Ariern vor) überall hin, wo Bildung, Geist u. dgl. Luxusartikel öffentlich lizitiert werden« (Band I, 101).
Fritz Fellner ist seit über sechzig Jahren mit den Redlich-Tagebüchern befaßt. Der damals 28 Jahre alte Historiker hatte von der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs (damals eine Affiliation des Unterrichtsministeriums) 1950/51 ein Stipendium für zehn Monate erhalten, um das politische Tagebuch Redlichs herauszugeben. Das Ergebnis erschien 1953/54 unter dem Titel Schicksalsjahre Österreichs 1908—1919. Das politische Tagebuch Josef Redlichs in zwei Bänden ebenfalls bei Böhlau.
Wie der Titel erkennen läßt, beschränkte sich diese damalige Edition auf die »politischen« Teile, die Redlich selbst bereits Anfang der dreißiger Jahre in Maschinschrift hatte übertragen lassen, offenbar mit der Absicht einer späteren Publikation. Diese Publikation wurde nach Redlichs Tod 1936 von seiner Witwe alsbald in Angriff genommen. Genauer, Gertrud Redlich übergab das Material Professor Winkler, dem früheren Privatlehrer von Redlichs Sohn aus erster Ehe. (Hans Ferdinand Redlich hatte bei Winkler die sechste Gymnasiumsklasse privat absolvieren dürfen, nachdem er zuvor, als echter Sohn seines Vaters, in Mathematik gescheitert war; Redlich verfügte dabei über gute Beziehungen zum Ministerium, über ein ärztliches Parere betreffend den angegriffenen Nervenzustand des Sohns und über die Meinung, daß Hans durch einen schlechten Hauslehrer Nachteile gehabt habe.)
Durch die »Ereignisse des Jahres 1938« (Fellner) kam es dann nicht mehr zur Veröffentlichung, Gertrud Redlich ging für die Dauer des Kriegs in die USA und kehrte danach wieder nach Österreich zurück. Fellners Aufgabe bestand darin, die von Redlich ausgewählten Teile, also die maschinschriftliche Fassung, mit den Originaltagebüchern zu vergleichen und zu korrigieren sowie mit einem wissenschaftlichen Apparat zu versehen. Dabei sah er, daß die Tagebücher auch über diese Auswahl hinaus vieles enthalten, was für die Einordnung der »politischen« Teile und auch in allgemeinem Sinn einen hohen Quellenwert hat. Eine Veröffentlichung der gesamten Tagebücher wurde damals aber von der Witwe und der Kommission abgelehnt, da viele darin erwähnte Personen noch am Leben waren.
Bei der Arbeit an dieser Edition erhielt Fellner auch Einblick in Redlichs Erinnerungen aus den späten zwanziger Jahren. In der Folge erinnerte er Gertrud Redlich wiederholt an den hohen Wert des (wenn auch nur in Teilen erhaltenen) Nachlasses ihres Mannes. Zu seiner Überraschung vermachte ihm dann Gertrud Redlich nach ihrem Tod 1976 das gesamte Material.
Die vorliegende Edition ist nun das Ergebnis der Zusammenarbeit Fellners mit Doris Corradini, mit der zusammen er bereits zuvor mehrere Publikationsprojekte verwirklicht hat (siehe dazu HISTORICUM Frühling 2003, 36—37, und Herbst 2005, 39). Für diese Ausgabe wurden die Erinnerungen, Tagebücher und Briefe chronologisch angeordnet, das heißt Briefe wurden an den entsprechenden Stellen eingefügt (die Erinnerungen betreffen nur den ersten Zeitraum, für den keine anderen Schriften verfügbar sind). Der gesamte Text wurde kommentiert, im dritten Band findet man einen biographischen Abriß, ein Lehrveranstaltungs- und Publikationsverzeichnis Redlichs und einiges mehr, vor allem aber ein Personenregister, dessen Umfang (180 Seiten) erahnen läßt, daß gründliche Arbeit dahintersteckt (viele Personen sind, wie bei einem Tagebuch zu erwarten, nicht mit Namen genannt, das heißt in vielen Fällen mußten einzeln Zuordnungen getroffen werden).
Diese Edition ist so eine gewichtige Veröffentlichung geworden, der Sache nach höchst interessant und als Herausgeberleistung in jeder Hinsicht beeindruckend –— unverzichtbar im Fin de siècle-Regal einer jeden Bibliothek.