Cornelia Reiter
Wie im wachen Träume. Zeichnungen, Aquarelle und Ölskizzen der deutschen und österreichischen Romantik. Bestandskatalog der Sammlung des Kupferstichkabinetts der Akademie der bildenden Künste Wien
Salzburg
Pustet
2007
472 S., ca. 1000 Abb.
€ 90,00
Rezensentin: Doris Preindl
Historicum, Herbst 2006, 37—38
Der Bestandskatalog der Zeichnungen, Aquarelle und Ölskizzen der deutschen und österreichischen Romantiker und Spätromantiker im Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste wurde durch ein Projekt des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung in Wien (FWF) ermöglicht. Neben Schenkungen und Widmungen gehen die Bestände meist auf Ankäufe des bedeutenden Kunsthistorikers und Leiters der Akademiebibliothek, Carl von Lützow (1832—1897), im Lauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. So ist ein wichtiger Bestand an Zeichnungen der Nazarenerzeit hier vorhanden. Ziel des Projektes war eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Zeichnungen und Kartons der deutschen und österreichischen Schule des 19. Jahrhunderts. Dabei wurde manches bis jetzt Unpubliziertes wiederentdeckt, zum Beispiel circa hundert Zeichnungen von Leopold Schulz, darunter so prominente Werke wie die Kartons zur Ausstattung des Schlafzimmers König Ludwigs I. in München, die im Zweiten Weltkrieg in der Residenz zerstört wurden. Manche Neuentdeckung wie Franz Krammers effektvolle Kreidezeichnung zu Goethes Faust I gab es, und es konnten falsche Werkzuschreibungen erkannt werden.
Der Schwerpunkt der Sammlung liegt nicht in der »universalistischen« Frühromantik, auch wenn sie in hervorragenden Einzelblättern repräsentiert ist, sondern in der »dogmatischen Richtung« der Wiener religiösen Spätromantik mit ihren Hauptvertretern Leopold Kupelwieser, Joseph Führich und Joseph Mathias Trenkwald. Einen weiteren wichtigen Komplex bilden Zeichnungen der realistisch orientierten Nürnberger Schule mit ihren Vertretern Georg Christoph Wilder, Johann Adam Klein und Johann Christoph Erhard, letzterer in einer reichen Sammlung von Natur- und Tierstudien primär aus seiner Nürnberger und Wiener Zeit repräsentiert. Die Münchner und Düsseldorfer Schule ist nur in Einzelblättern gegenwärtig (Johann Jakob Dorner d. J., Carl Rottmann, Alfred Rethel, Johann Wilhelm Schirmer). Nicht vertreten sind zentrale Exponenten der deutschen Frühromantik wie Philipp Otto Runge oder Caspar David Friedrich.
Schwierig gestaltet sich die Abgrenzung des Materials. So wurde zum Beispiel Ferdinand Laufberger aufgrund seiner Beteiligung an der Ausstattung der Wiener Hofoper, einem Hauptwerk der Spätromantik in Wien, aufgenommen, nicht aber andere Künstler, die nur teilweise der Romantik angehören, wie zum Beispiel Joseph Hasslwander oder Carl Mayer.
Bei den Erwerbungen im 19. Jahrhundert wurden meist bestehende Sammlungen oder Künstlernachlässe erworben. Eine wichtige Sammlung, die 1868 in Teilen angekauft wurde, war die Sammlung Johann Christoph Endris. Er sammelte Werke von Künstlern, die der kirchlich-romantischen Richtung angehörten, und alte Meister. Der angekaufte Teil umfaßte vor allem Zeichnungen des 19. Jahrhunderts, aber auch ein Stammbuch aus dem 16. Jahrhundert, eine Originalausgabe des Theuerdank von 1517 mit Holzschnitten von Hans Schäufelein, zwei weitere Holzschnittwerke, in »directorium vitae«, eine Samlung von Kupferstichen und Holzschnitten nach Werken von Fra Angelico, Michelangelo und anderen. Dies wurde den »modernen« Werken hinzugefügt, da sie in inhaltlichem Zusammenhang standen. Diese Werke sind aber nicht in diesem Buch publiziert. Ein weiterer wichtiger Bestand ist das Römische Porträtbuch von Julius Schnorr von Carolsfeld. Es umfaßt neunzehn Zeichnungen und wurde 1874 bei einer Versteigerung erworben.
Ein Schwerpunkt des Kupferstichkabinetts sind die Werke der Wiener Romantik und Spätromantik von Kupelwieser, Schwind, Steinle und Führich. Schwind und Steinle gingen früh nach Deutschland, aber Kupelwieser und Führich waren die zentralen Gestalten der Wiener Kunstszene. Ihre kaisertreue Haltung brachte ihnen öffentliche Förderung und Aufträge, dazu wurden sie Leiter von Meisterklassen an der Akademie. Von Kupelwieser existiert ein umfangreicher Bestand qualitätvoller Zeichnungen und Kartons aus allen Perioden, der direkt von seiner Witwe 1863 erworben wurde. Ebenso wurde eine große Anzahl von Zeichnungen Führichs von ihm beziehungsweise seinem Erben erworben. Die Zeichnungen Schwinds stammen bis auf wenige Ausnahmen aus der Sammlung seines Studienkollegen und Freundes Leopold Schulz. Eine Neuentdeckung sind die 98 Zeichnungen von Leopold Schulz, die religiöse und historische Sujets umfassen, und Kartons aus seiner Münchener Zeit. Im 19. Jahrhundert waren die Kartons nicht nur Vorlagen für die Fresken, sondern vertraten, da sie sorgfältig gemalt wurden, bei Ausstellungen oft die Fresken und waren sehr geschätzt. Der bedeutenste Teil der Sammlung von Zeichnungen Edward Jakob von Steinles, eines der jüngsten Vertreter der Nazarener, stammt aus der Schenkung 1886 von Johann II., Fürst von Liechtenstein. Diese inkludierte die Entwurfsserie mit zehn farbigen Aquarellen zur Ausstattung des Chores des Kölner Doms entsprechend der Engelshierarchie nach Donysius Areopagita. Josef Mathias Trenkwalds Werk ist in seiner exzeptionellen Breite vertreten, von Natur- und Genrebildern bis zu den Entwürfen der monumentalen Dekorationswerken in der Votivkirche.
Die kurze Beschreibung der Entstehung der Sammlung zeigt die Schwerpunkte des Buches. Interessant sind die vielen Künstler, die heute im größeren Kreis unbekannt sind, obwohl qualitätvolle Arbeiten erhalten und hier im Bestandskatalog erfaßt sind. Damit ist das Buch ein wichtiges Nachschlagwerk nicht nur für den Wissenschaftler, sondern für jeden an dieser Zeit Interessierten.
Der Band ist alphabetisch nach Künstlern aufgebaut. Zu jedem Künstler werden, soweit bekannt, die Lebensdaten sowie eine Kurzbiographie und eine Auswahlbibliographie vorgelegt. Die Auflistung der einzelnen Werke erfolgt in chronologischer Reihenfolge. Nur bildmäßig ausgearbeitete Zeichnungen sind reproduziert. War die Entstehungszeit nicht bekannt, wurde nach der Inventarnummer aufsteigend sortiert. Zu jedem Blatt sind die technischen Daten sowie Erhaltungszustand angegeben sowie ein Kommentar zum Inhalt und Darstellung. Wo es möglich war, wurden die Wasserzeichen im Papier erfaßt. Das Buch bietet eine umfassende Darstellung der bekannten und weniger bekannten Künstler der Romantik im Wiener Kupferstichkabinett. Die hervorragend reproduzierten Zeichnungen sind zwar meist nur schwarzweiß, geben aber den Eindruck des Originals dank der hohen Bildauflösung wieder. Wer sich mit dieser Zeit beschäftigt, findet hier ein fundiertes, aber trotzdem gut lesbares und durch verschiedene Indices auch als Nachschlagewerk gut verwendbares Werk.