Christian Rohr

Extreme Naturereignisse im Ostalpenraum. Naturerfahrung im Spätmittelalter und am Beginn der Neuzeit

Umwelthistorische Forschungen 4

 

Köln, Weimar, Wien
Böhlau
2007
640 S., 42 SW-, 16 Farbabb.
€ 71,90

 

Habilitationsschrift [2006], Universität Salzburg

 

Rezensent: Michael Pammer

Historicum, Herbst 2007, 7—9

Bei der Auseinandersetzung mit Naturkatastrophen spielte zu jeder Zeit eine über die schlichte Feststellung des einzelnen Geschehens hinausgehende »Erfahrung« oder »Deutung« eine große Rolle. Auffallend ist dabei die häufige Begründung der Katastrophe mit dem Verhalten der Menschen, was in der vormodernen Welt oft die Form einer religiösen Erklärung annimmt — die Katastrophe kommt, weil die Menschen durch ihre Übeltaten den Zorn Gottes herausgefordert haben. Heute wird der Zusammenhang gerne direkter hergestellt, vorzugsweise durch den anthropogenen Klimawandel, der Katastrophen herbeiführen würde.1 Rein natürliche Erklärungen ohne die Annahme einer Beteiligung der Menschen hat es freilich auch immer gegeben. Der vorliegende Band von Christian Rohr, mit dem sich der Autor an der Universität Salzburg für »Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften unter Einschluß der Umweltgeschichte« habilitiert hat, gibt diesen Deutungen breiten Raum.

Der Autor beschäftigt sich mit weniger spektakulären, aber immer noch »extremen« Naturereignissen ebenso wie mit Geschehnissen, die auch im Vergleich über viele Jahrhunderte als Katastrophen ungewöhnlichen Ausmaßes anzusehen sind. Eingeschlossen sind Erdbeben, Bergstürze, Überschwemmungen, Lawinenabgänge, Unwetter, Kälte, Hitze und Dürre, Tierplagen und astronomische Konstellationen, die man in astrologischer Deutung als verderblich wahrnahm. Nicht berücksichtigt wurden Brandkatastrophen, eine verständliche Entscheidung des Autors, da etwa ein Stadtbrand, wenn er nicht gerade auf Blitzschlag zurückzuführen war, seiner Entstehung nach sicherlich nicht als Naturkatastrophe wahrgenommen wurde. Anders steht es mit den Epidemien, die Rohr ebenfalls nur en passant erwähnt, wenn es ein Zusammentreffen mit anderen, hier zu behandelnden Ereignissen gab. So traf das große Erdbeben des Jahres 1348 in Kärnten und Friaul mit der großen Pest zusammen, und 1348 ereigneten sich auch Unwetter und eine Sonnenfinsternis; in zeitgenössischen Quellen wurden diese Ereignisse als Ausdruck eines einheitlichen, etwa apokalyptischen Geschehens gedeutet. Die Epidemien hätten durchaus in die Untersuchung gehört, die allerdings auch ohne dieses Thema sehr umfangreich ausgefallen ist.

Der Band ist übersichtlich aufgebaut. Er beginnt mit einem Forschungsüberblick und methodischen Überlegungen über die Quellen und ihre Interpretation. Am wenigsten geben die baugeschichtlichen Quellen her, da Bauwerke und Veränderungen (Reparaturen) an ihnen nur in den seltensten Fällen mit Naturereignissen in Zusammenhang gebracht werden können. Nur wenig besser sieht es mit Bildquellen aus, da die bildliche Dokumentation historischer Ereignisse ebenfalls selten ist und unter Umständen die Zuordnung zum konkreten Fall zweifelhaft ist (zum Beispiel bei Bildern von Überschwemmungen, da sich solche Ereignisse in einem bestimmten Gebiet öfters wiederholten). Etwas häufiger sind Katastrophenbilder als Bildtypus im religiösen Kontext, etwa als Darstellung biblischer Ereignisse. Die Gestaltung solcher Bilder kann von historischen Erfahrungen ebenso beeinflußt sein, also das biblische Geschehen in die Gegenwart und die unmittelbare Umgebung versetzt sein, wie umgekehrt die Bibel Wahrnehmung und Darstellung historischer Ereignisse geprägt haben mag — in der Bibel erwähnte Naturereignisse (Insektenplagen, Seuchen von Mensch und Vieh, Hagel, Sonnenfinsternis, Erdbeben und so weiter) boten sich eben als Assoziation zu ähnlichen zeitgenössischen Geschehnissen an.

Die schriftlichen Quellen sind die wichtigsten, sie reichen von Chroniken über Rechnungsunterlagen bis zu Inschriften; Rohr diskutiert dazu Funktion, Überlieferungsprobleme, zeitliche Nähe zum dokumentierten Ereignis und ähnliche Fragen. Ein eigenes, eher kurzes Kapitel befaßt sich mit literarischen Konventionen in der Darstellung von Naturereignissen, die über das konkrete Ereignis hinaus die Beschreibungen geprägt haben dürften, was je nach Textsorte in unterschiedlicher Weise zum Tragen kommt. Beispielsweise liegt für Predigten (eine der verwendeten, wenn auch weniger wichtigen Quellengattungen) eine höhere Relevanz biblischer Darstellungsmuster nahe. Dennoch scheint sich die Bedeutung der biblischen Vorlagen bei der Niederschrift von Katastrophenberichten in Grenzen gehalten zu haben; direkte Bezüge auf die Bibel findet man allenfalls anläßlich der Heuschreckenplagen um 1340 und um 1470, die an eine der ägyptischen Plagen erinnerten, und (seltener) bei Überschwemmungen, die manchmal als Sintflut bezeichnet wurden. Die außerbiblischen Motive, die in Quellen wiederholt auftreten, können hingegen größerenteils durchaus als schlichte Tatsachenmitteilung (und nicht als literarischer Topos) angesehen werden, etwa die Mitteilung, daß bei einer Überschwemmung alle Brücken einer Stadt zerstört wurden oder daß man sich in der Stadt mit Booten fortbewegte. Fraglos richtig ist Rohrs Annahme, daß die in den Quellen zu findenden Opferzahlen in vielen Fällen mit den wirklichen Opferzahlen nichts zu tun haben, sondern bloß Ausdruck für eine unbestimmte, aber große Zahl von Menschen sind. Wie die Quellenangaben zu diesem Punkt im einzelnen zustandekamen, muß offen bleiben, auch wenn einige der angegebenen Zahlen mit gleicher oder ähnlicher Funktion in der Bibel vorkommen (eine symbolische Bedeutung im engeren Sinn ist jedenfalls für Zahlen über 1000 nicht anzunehmen).

Mit der gegebenen, oft unbefriedigenden Quellensituation ist es auch praktisch unmöglich, die Auswirkungen extremer Naturereignisse in einer Gesamtsicht darzustellen (ausgenommen natürlich astrologische Konstellationen, die schlimmstenfalls eine Beunruhigung bei jenen hervorriefen, die überhaupt davon Notiz nahmen). Nachdem nicht einmal die Todesopfer zuverlässig festgestellt werden können, ist eine Abschätzung materieller Schäden noch viel weniger möglich. Dies gilt auch für die Folgen von Überschwemmungen, bei denen zumindest das betroffene Gebiet abgegrenzt werden könnte, und umso mehr für Erdbeben und extreme Klimalagen. Zu den materiellen Aufwendungen würden auch vorbeugende Maßnahmen wie etwa Schutzbauten an Flüssen zählen. Es bleibt die Möglichkeit, mit eher allgemeinen Einschätzungen einen Eindruck von der Häufigkeit und dem Gewicht extremer Ereignisse zu erlangen, wie es Rohr am Beispiel von Wels vorführt: Mit dem Hochwasser der Traun im 15. und 16. Jahrhundert hat er sich schon in einigen früheren Arbeiten befaßt, im vorliegenden Band gibt er jahresweise Anzahl und Intensität von Hochwässern an, eingeteilt in einer fünfteiligen Skala von »gering« bis »extrem stark« und unterschieden nach »Schäden«, »schweren Schäden« und Folgen katastrophalen Ausmaßes. In diesem Fall läßt sich sagen, daß phasenweise alle fünf bis zehn Jahre ein Hochwasser mit schweren Schäden oder katastrophalem Ausmaß vorkam, ausgenommen die Phase von 1520 bis 1560. Insgesamt bleibt dieses Ergebnis ein wenig unbefriedigend, da man die Häufigkeit von Hochwässern aus heutigen Erfahrungen ohnehin kennt, eine Veränderung über die Jahrhunderte nicht anzunehmen ist und man daher mit der vorliegenden Aufstellung lediglich über eine zeitliche Konkretisierung verfügt. Die Auswirkungen müßten sich hingegen im Zeitablauf verändert haben; die Schadensangaben bleiben aber eher unbestimmt und sind auch durch andere Quellen schwer zu ergänzen. So hat Rohr für achtzig Jahre auch die Holzankäufe des Welser Bruckamts für die Instandsetzung der Brücke analysiert, eine Untersuchung, die vor allem deshalb interessant ist, weil sie zeigt, daß kaum ein Zusammenhang zwischen Hochwasserstärke, Ausmaß von Schäden im allgemeinen und Holzankäufen durch das Bruckamt besteht.

Nach den einleitenden Teilen widmet Rohr jeder Art von Ereignissen (Erdbeben, Überschwemmungen und so weiter) einen eigenen Abschnitt, in Umfang und Aufbau unterschiedlich. Kurz sind die Abschnitte über Bergstürze, Lawinen und extreme Witterungslagen ausgefallen. Einzelne Ereignisse sind hier in den Quellen gut dokumentiert und werden auch entsprechend ausführlich behandelt: So der Bergsturz des Dobratsch im Zusammenhang mit dem Erdbeben von 1348, der mit 30 Millionen Kubikmeter Material der größte Bergsturz im Ostalpenraum in historischer Zeit war (er ereignete sich im selben Gebiet wie ein noch wesentlich größerer Bergsturz in vorgeschichtlicher Zeit, sodaß das Schüttgebiet insgesamt enorme Ausmaße erreichte), durch die Blockade der Gail zur Bildung eines Stausees unddurch den anschließenden Dammbruch zu einer (nicht ungewöhnlich großen) Überschwemmung führte. Dieser Bergsturz ist ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten bei der Abschätzung von Schäden durch extreme Naturereignisse: Die zeitgenössischen Berichte geben bis zu 32 zerstörte Dörfer an, später wurde meist von 17 Dörfern geschrieben, beides Angaben, die sicher falsch sind. Daß die Schäden weitaus geringer waren, läßt sich indirekt etwa aus der Höhe der geleisteten Abgaben vor und nach dem Bergsturz schließen, die höchstens geringfügig zurückgingen. Dann folgen Angaben zu einer Reihe weiterer, weniger spektakulärer Bergstürze. Insgesamt war diese Art von Extremereignis von minderer Bedeutung, sie scheint auch für religiöse Deutungen kaum Anhaltspunkte geboten zu haben.

Lawinenabgänge, die selbstverständlich viel häufiger vorkamen, hinterließen dennoch erstaunlich wenige Spuren in den Quellen des 13. bis 16. Jahrhunderts (Rohr erwähnt dann auch spätere Ereignisse dieser Art), obwohl es offensichtlich immer wieder Todesfälle und mehrmals auch Lawinen gab, die bis in Siedlungen niedergingen. In einigen Fällen stieg die Zahl der Toten auf mehrere Dutzend, und eine Ortschaft, Lähn im Außerfern, wurde nach dem Lawinenunglück von 1456 nicht mehr an der vorherigen Stelle, sondern in einiger Entfernung wiederaufgebaut. Obwohl Lawinen nicht völlig losgelöst vom religiösen Kontext gesehen wurden (es wurde auch um Schutz vor Lawinen gebetet), dominiert zumindest in der vorliegenden Untersuchung das Bild von einem eher technischen Umgang mit dieser Bedrohung: Man war sich zwar über die Entstehung einer Lawine nicht im klaren, aber Gebirgsbewohner wußten auch vor fünfhundert Jahren, wie man sich in riskantem Gelände zu verhalten hatte (und machten ebenfalls ihre Fehler) und welche Rolle die Vegetation spielte, und es gab Such- und Rettungsaktionen, oft mit Erfolg.

Ganz anders verhielt es sich mit extremen Wettererscheinungen. Quellenmäßig bis zum 16. Jahrhundert verhältnismäßig schlecht faßbar, wenn man bedenkt, daß es Unwetter und Temperaturextreme oft und überall gab, verlangten sie nach anderem Umgang – den Auswirkungen des Unwetters konnte man sich nicht einfach durch vorsichtiges Verhalten entziehen. Daß das Wetter von Gott geschickt wurde, ergab sich aus der Schrift, und diese Erkenntnis dürfte, geht man nach den üblichen Gebeten, Prozessionen, Votivbildern und so weiter, auch verbreitet gewesen sein. Daß man durch Wetterzauber das Wetter beeinflussen könne, hat zwar eine ins Frühmittelalter zurückreichende Tradition, Nachrichten darüber wurden im Lauf der Zeit aber seltener, und erst im 15. Jahrhundert nahmen die Berichte darüber wieder zu, nun bezogen auf die üblen Eingriffe der Hexen. Auch hier muß allerdings einschränkend gesagt werden, daß die Vorstellung, Unwetter seien das Werk von Hexen, höchstens sporadisch eine Rolle gespielt haben kann — Hexenprozesse wegen Wetterzaubers gab es im Ostalpenraum erst im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts, und es blieb bei einigen wenigen Fällen.

So wie Hagelschlag mit der entsprechenden biblischen Plage assoziiert wurde (hingegen scheint man in Dürrezeiten keine solchen Parallelen gezogen zu haben2), sah man auch Tierplagen als Wiederholung des biblischen Vorbilds, besonders die mehrmals und über Jahre auftretenden Heuschreckenschwärme, die man mit einer Reihe von religiösen Handlungen bekämpfte und deren prägende Rolle an bildlichen Darstellungen, Gebeten und so weiter ersichtlich wird.

Die beiden umfangreichsten Abschnitte sind jene über Erdbeben und Überschwemmungen. Der Teil über Erdbeben beginnt mit einer kurzen geologischen Einführung und Erläuterungen der religiösen beziehungsweise naturwissenschaftlichen Erklärungen, die man sich zurechtgelegt hat. Die religiösen Erklärungen liegen auf der Hand, wichtig sind die Unvorhersagbarkeit von Erdbeben, ihre Unkontrollierbarkeit, ihre Seltenheit, ihre potentiell schweren Auswirkungen und ihre Erwähnungen in den biblischen Texten. Rohr weist anhand einiger Schriftstellen darauf hin, daß Erdbeben in der Bibel oft nicht als Strafe Gottes vorkommen, sondern als Ereignis, das die Bedeutung eines anderen, des eigentlich wichtigen Geschehens überhöht. Allerdings gibt es in der Bibel sehr wohl auch die Vorstellung von Erdbeben als Heimsuchung durch den zornigen Gott.3 Die naturwissenschaftlichen Erklärungen der Zeit beruhten auf antiken Annahmen von Dämpfen im Erdinneren, die durch Verlagerung und Verdichtung Beben hervorrufen würden.

Da nach geologischen Begriffen der zeitliche Abstand zum Spätmittelalter verschwindend klein ist, war die seismische Situation in jener Zeit klarerweise die gleiche wie heute. Historisch interessant ist lediglich, ob in diesem Zeitraum im Ostalpenraum zufällig größere Beben aufgetreten sind und welche Auswirkungen sie hatten. Tatsächlich gab es zwei schwere Erdbeben, nämlich das bereits erwähnte Beben von 1348 in Kärnten und Friaul, das bereits intensiv erforscht wurde, und jenes von 1590 in Niederösterreich. Resümierend läßt sich sagen, daß beide Ereignisse als schwere Katastrophen empfunden wurden und Panik hervorriefen, die Bewältigung der Folgen aber unterschiedlich rasch vor sich ging – die Koinzidenz mit der Pest schuf 1348 in dieser Hinsicht besonders große Probleme. Unterschiede gab es auch in der religiösen Wahrnehmung: Erstaunlicherweise scheint man gerade das Beben von 1348, obwohl es zeitlich mit der Epidemie zusammenfiel, weniger als Strafe Gottes verstanden zu haben als das Ereignis von 1590. Hier muß allerdings einschränkend gesagt werden, daß die Quellen, auf deren Basis Rohr argumentiert, zwar sicherlich eine Neigung des Klerus indizieren, das Naturereignis im Licht konfessioneller Auseinandersetzungen und allgemeiner religiöser Argumente zu interpretieren, über die Geisteshaltungen in der Bevölkerung insgesamt aber keine verläßliche Auskunft geben.

Am ausführlichsten hat sich Rohr mit Überschwemmungen befaßt, mehr als ein Drittel des Textes ist für diese Ereignisse reserviert. Der Grund liegt in der Häufigkeit von Überschwemmungen, ihrem Auftreten in vielen Gebieten, ihrer verhältismäßig häufigen Erwähnung in den Quellen und nicht zuletzt in der Möglichkeit, die Folgen von Überschwemmungen durch Siedlungsweise und Schutzbauten zu beeinflussen. Rohr geht, nach ausführlicheren hydrologischen Einführungen, eine lange Reihe solcher Ereignisse im zeitlichen Ablauf durch und zitiert (wie auch in den anderen Teilen des Bandes) ausführlich aus den Quellen. Der Anteil der Abholzung von Wäldern an der Verursachung oder Verschärfung von Hochwässern dieser Zeit ist schwer zu bestimmen, ebenso die Effektivität von Maßnahmen wie der Ausräumung von Flußbetten. Schutzbauten, Erhaltungsarbeiten und Reparaturen an Brücken und Dämmen gehören zu den Kosten von nachteiligen Naturereignissen, die am ehesten zu bestimmen sind; Rohr demonstriert dies am bereits erwähnten Beispiel der Welser Brückenrechnungen. Sonstige Schäden, etwa durch beschädigte Häuser, überschwemmte Keller, vernichtetes Inventar und so weiter, werden zwar in den Quellen immer wieder mehr oder weniger eingehend beschrieben, eine Bewertung ist auf dieser Basis aber nicht möglich.

Bemerkenswert ist an den Überschwemmungen, daß sie kaum im religiösen Sinn interpretiert wurden — merkwürdig, weil eine Überflutung als Heimsuchung Gottes oder auch als Teil eines endzeitlichen Geschehens in der Bibel mehrfach vorkommt, was zumindest im Fall der großen Sintflut sicher ins allgemeine Bewußtsein gedrungen ist.4 Gibt es eine allgemeine Erklärung, welche Naturvorgänge im religiösen Sinn interpretiert wurden und welche nicht? Verlangten Vorgänge, die zwar unabhängig vom Handeln der Menschen erfolgten, deren nachteilige Folgen aber durch entsprechende Vorbereitung begrenzt werden konnten, weniger nach religiösen Deutungen als Ereignisse, deren Folgen die Menschen einfach ausgeliefert waren? Gegen Unwetter und Hagel gab es keinen Schutz, gegen Überschwemmungen schon. Gegen Erdbeben gab es freilich ebenfalls keinen Schutz, doch fehlte ihnen die alltägliche oder zumindest alljährliche Präsenz. In allen Fällen bleibt allerdings die Frage offen, wieweit von den verfügbaren Quellen auf Haltungen und Wertungen der Bevölkerung im großen geschlossen werden kann.

Möchte man an dem Band etwas aussetzen, dann am ehesten, daß solche Fragen in dieser allgemeinen Form kaum erörtert werden. Der Autor bleibt bei den einzelnen Beobachtungen und betont die Unterschiede in Wertungen und Interpretationen von Naturereignissen durch die Zeitgenossen, was es schwer macht, zu einem Gesamtbild zu kommen.

Abgesehen davon behandelt der vorliegende Band sein Thema umfassend und gründlich, in manchen Teilen vielleicht zu gründlich — nicht jede irgendwo erwähnte Überflutung beansprucht selbstverständlich Interesse. Auch über die ausführliche Wiedergabe von Quellentexten, vorzugsweise in Anmerkungen, kann man streiten (auch Bibeltexte werden lang zitiert; diese Quelle hat wirklich jeder im Regal stehen). Trotz der so entstandenen Überlänge ist der Band aber schnell gelesen, weil er klar gegliedert und flüssig geschrieben ist. Alles in allem eine empfehlenswerte Lektüre.

 

  1. Letzteres mittlerweile nicht ohne empirische Evidenz, wie man etwa aus dem jüngst untersuchten Zusammenhang zwischen der Erwärmung des Nordatlantik und der Hurrikanintensität in den letzten vierzig Jahren sieht; 40 Prozent der Zunahme in der Hurrikanaktivität gehen demnach aufs Konto der Temperaturerhöhung, der Rest ist ein Ergebnis natürlicher Schwankungen. Mark Saunders/Adam Lea, Large contribution of sea surface warming to recent increase in Atlantic hurricane activity, Nature 451 (2008), 557–560.
  2. Etwa zu 1 Kön 17.
  3. 2 Sam 22, 8; Ps 18,8; Jes 29,6. Auch Rohr zitiert derartige Stellen: Ez 38,19; Offb 11,13.
  4. Außer der Sintflut wären zu nennen Jes 28, 17—19; Ez 26,19; Dan 9, 26.