Dirk Rupnow

Judenforschung im Dritten Reich.Wissenschaft zwischen Politik, Propaganda und Ideologie

 

Baden-Baden
Nomos
2011
494 S.
€ 71,00

 

Habilitationsschrift [2009], Universität Wien

 

Rezensent: Michael Pammer

Historicum, Sommer—Herbst 2012, 7—11

»Eine wesentliche Funktion der antijüdischen Wissenschaft war mithin nicht nur die propagandistische Ermöglichung der Vertreibungs- und Vernichtungspolitik oder gar ihre Planung und wissenschaftliche Unterstützung, sondern vielmehr die als essentiell erkannte, dauerhafte Bewahrung und Perpetuierung des ideologisch notwendigen Feindbilds — als Reservoir für die Zeit nach der Vertreibung und/ oder Vernichtung, entweder (im Fall einer auf Europa begrenzten ›Endlösung‹), um die fortgesetzte Propaganda gegen Juden in anderen Teilen der Welt zu unterstützen, oder aber (im Falle einer weltweiten ›Endlösung‹) tatsächlich, um das Judentum als eine Chimäre aufrechtzuerhalten, zugerichtet von den Tätern auf die Bedürfnisse ihrer Ideologie. [Fn.]« (188—189). Eine typische Passage aus dem Band Judenforschung im Dritten Reich, mit dem sich der nunmehrige Leiter des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck, Dirk Rupnow, an der Universität Wien im Fach Zeitgeschichte habilitiert hat.

Typisch an der zitierten Passage ist die Nennung diverser möglicher Funktionen der »Judenforschung« im Nationalsozialismus in einer Formulierung, die mehrdeutig bis zur Unverständlichkeit ausfällt: »nicht nur … propagandistische Ermöglichung der Vertreibungs- und Vernichtungspolitik« bedeutet ja doch, daß die »antijüdische Wissenschaft« diese Politik ermöglicht hat (aber eben auch noch andere Funktionen hatte). Aber was bedeutet »nicht nur … oder gar …«? Man kennt »nicht … oder gar …« — das bedeutet dann aber das Gegenteil, nämlich daß die antijüdische Wissenschaft nicht die Vernichtungspolitik ermöglicht oder gar geplant hätte. Sondern »vielmehr« etwas anderes. Was meint der Autor wirklich?

Das sind nicht Bemerkungen zu einer vereinzelten mißglückten Formulierung, sondern zu einem Charakteristikum der Schreibweise Rupnows, das sich häufig dann bemerkbar macht, wenn es um eine allgemeine Einordnung der Detailbefunde geht. Von klarer Trennung und Gewichtung findet man bei Rupnow wenig, dafür viel an freier Assoziation, nicht selten schwer verständlich bis merkwürdig: »Nicht nur in den Wissenschaften leitete die antijüdische Praxis des NS-Regimes eine Historisierung des Judentums ein, die die Entfernung aus der Realität der Gegenwart — sprich: Vertreibung und später Ermordung — nachvollzog.« (208) Die Äußerung bezieht sich auf die Dissertation der Germanistin Elisabeth Frenzel, die erstmals 1940 in Druck erschien. Frenzel gestand den Juden, nachdem sie durch die nationalsozialistische Verfolgung aus dem öffentlichen Leben in Deutschland verdrängt worden waren, als Gestalten auf der Theaterbühne in Zukunft nur mehr einen Platz in historisierenden und »außenpolitischen« Stücken zu. Vertreibung und Marginalisierung führen zur Historisierung, soweit ist das klar, und so steht es ja auch bei Frenzel. Rupnow fällt dann der Massenmord ein, und für Einfälle gibt es eben Parenthesen. Frenzel hat dann also 1940 nicht nur die Vertreibung »nachvollzogen«, sondern auch den Massenmord der folgenden Jahre.

Funktion und Ausmaß der »Judenforschung«

Die eingangs aufgeworfene Frage, welche Funktionen die »Judenforschung« im Nationalsozialismus hatte, ist ein sinnvoller Ausgangspunkt für die Behandlung des Themas. Relevant wären in diesem Zusammenhang die Personen und Institutionen, die sich mit »Judenforschung« befaßten, die Forschungsziele, die Ergebnisse und deren Wahrnehmung und Verwertung. Über Personen und Institutionen wird man in diesem Buch auswahlhaft informiert. Zu den Einrichtungen, die Rupnow behandelt, erzählt er eine Menge Einzelheiten, unterläßt es aber, auch nur die grundlegenden Daten im Überblick oder zumindest in einheitlicher Qualität zu liefern: Personal, Sachaufwand, Herkunft der verwendeten Mittel, Output. Man kann nur versuchen, bruchstückhafte Informationen zusammenzusuchen. Erkennbar wird dabei folgendes:

Das Berliner »Institut zum Studium der Judenfrage« (ab 1934) hatte einen Leiter und zwei wissenschaftliche Mitarbeiter, dazu Bibliothekspersonal und »freie Mitarbeiter«, das waren anscheinend jene Personen, die Beiträge zur Institutszeitschrift Mitteilungen über die Judenfrage lieferten.

Die Münchener »Forschungsabteilung Judenfrage« war eine 1936 eingerichtete Dependance des im Jahr zuvor gegründeten »Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands« in Berlin, hatte einen formellen Leiter, einen Geschäftsführer und einen Beirat. Budgetiert waren 30.000 Reichsmark jährlich (ungefähr 135.000 heutige Euro), sowie außerordentliche nicht unbeträchtliche Aufwendungen für die Bibliothek. Inkludiert waren darin auch die Personalkosten in nicht genanntem Anteil; der Geschäftsführer etwa erhielt knapp 5000 Reichsmark im Jahr (69, Fn. 25), das entsprach in etwa dem durchschnittlichen Lohn in der Industrie oder der Landwirtschaft.1 Forschungsaufträge wurden mit 25 bis 120 Prozent des Geschäftsführergehalts vergütet, das heißt das Budget ließ neben dem Sachaufwand und dem nichtwissenschaftlichen Personal nur die Beschäftigung von wenigen wissenschaftlichen Mitarbeitern zu. Die Forschungsabteilung befaßte sich mit der Inventarisierung von Judaica-Archivalien, Statistik und diversen historischen Forschungsprojekten. Die Forschungen zur Judenfrage erschienen jährlich als Tagungsband und dann als Jahrbuch.

Das Frankfurter »Institut zur Erforschung der Judenfrage«, gegründet 1939 in Kooperation des »Amts Rosenberg« der NSDAP mit der Stadt Frankfurt, hatte zwei wissenschaftliche Mitarbeiter und einen Stab von 24 Wachleuten, Stenotypistinnen, Putzfrauen und so weiter. Die Bibliotheksaufwendungen waren mit bis zu 240.000 Reichsmark relativ umfangreich, denn diese Institution hatte durch intensive Beteiligung an den Raubzügen eine besonders große Bibliothek. Die Forschungsaufwendungen waren in Frankfurt mit 60.000 Reichsmark veranschlagt. Die Zeitschrift Weltkampf war die Fortführung eines älteren von Rosenberg herausgegebenen Organs.

Das »Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben« in Eisenach wurde 1939 von Kirchenvertretern und Theologen eröffnet, die im Sinn der »Deutschen Christen« das evangelische Christentum in Übereinstimmung mit dem Nationalsozialismus bringen wollten. Das Institut hatte einen wissenschaftlichen Leiter und einen Geschäftsführer. Über das Budget gibt es keine Angaben, die »zeitweise bis zu 200 externe[n] Mitarbeiter« (105) (Landesbischöfe, Oberkirchenräte, Superintendenten, Pfarrer, Studienräte) dürften sich überwiegend aus Liebhaberei beteiligt haben. Anliegen des Instituts war es, aus Bibel und Liturgie hebräische Worte und jüdische Bezüge zu entfernen, Jesus als Nichtjuden darzustellen und so weiter.

Das Reichssicherheitshauptamt betrieb in seiner Forschungsabteilung ein Referat »Judentum«, dessen Zweck die Sammlung von Nachrichten war; außerdem versuchte man sich als »Zentralstelle für ›sämtliche Vorgänge auf dem Gebiet der Judenfrage‹ zu etablieren« (117). Ob das Referat außer zwei genannten Personen (120) noch weitere Mitarbeiter hatte, ist nicht ersichtlich. Auch hier entstand eine große Bibliothek aus Raubbeständen, darunter auch Judaica.

Das »Referat Judenforschung« am »Institut für Deutsche Ostarbeit« in Krakau hatte einen Leiter, wissenschaftliche Hilfskräfte und mindestens einen weiteren Mitarbeiter; »hauptamtliche« »Sektionsleiter« führen Forschungsarbeiten durch (134—135), nähere Ausführungen dazu gibt es nicht.

Das »Institut d’Études des Questions Juives« in Paris arbeitete unter Einfluß und Finanzierung von Sicherheitsdienst und Deutscher Botschaft. Hier erfährt man, daß monatlich 40.000 Francs (ungefähr 12.000 Euro) zur Verfügung standen, die Botschaft bezahlte über einen nicht genannten Zeitraum 600.000 Francs. Auch hier wurde eine Zeitschrift publiziert, La Question Juive en France et dans le Monde.

In Italien und Ungarn wurden mehrere einschlägige Institute gegründet, Angaben zum Aufwand findet man nicht. Die publizistischen Bemühungen bestanden anscheinend im wesentlichen in einer monatlichen Seite zur »Judenfrage« im Regionalblatt Corriere Adriatico.

An einigen Universitäten (Frankfurt, Berlin, Wien, Tübingen, Posen) gab es Bestrebungen, planmäßige Lehrstühle oder außerordentliche Professuren für »Judenkunde« (oder mit ähnlicher Widmung) einzurichten, die aber alle nicht realisiert wurden (Frankfurt war für 1945 konkret vorgesehen). An einigen Orten gab es Lehraufträge zu Themen aus diesem Bereich.

Soweit sich solche Angaben überhaupt resümieren lassen, kann man folgendes sagen: Es gab eine Handvoll Neugründungen, die jeweils einen Leiter und einige wenige wissenschaftliche Mitarbeiter hatten — der Größe nach ähnlich einem Lehrstuhl an einer deutschen Universität. Einige dieser Einrichtungen betrieben allerdings relativ große Bibliotheken, zum beträchtlichen Teil angesammelt aus Raubgut. In der Regel beschäftigten sie sich mit Publikationstätigkeit, gaben auch Zeitschriften heraus und veranstalteten Tagungen. Im Zusammenhang mit den Publikationen und Tagungen wurden weitere Personen eingebunden, die nicht zum angestellten Personal gehörten. Eine Gesamteinschätzung der Tätigkeit selbst (Umfang der Tagungen, Menge der Publikationen, öffentliche Wirkung) ist nach den gebotenen Informationen nicht möglich, schon gar nicht eine Einschätzung der Rezeption dieser Dinge in der Wissenschaft, der Verwaltung und der Politik.

Als akademisch vermittelbare »Judenforscher« treten auffallend wenige Personen in Erscheinung. Einige waren an mehreren Instituten tätig, auch bei der Diskussion um die Errichtung von Lehrstühlen wurden immer dieselben Personen genannt. Eine wichtige Figur in der älteren Generation war im Bereich der Geschichtsforschung Karl Alexander von Müller (1882—1964), seit 1928 Ordinarius an der Universität München und akademischer Multifunktionär, bei dem einige der »Judenforscher« studiert hatten. Müller wurde formell Leiter der Münchener Forschungsabteilung. Einer seiner Studenten war Walter Frank (1905—1945) gewesen, von der Gründung bis 1941 Präsident des »Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands« und noch darüber hinaus Herausgeber der Forschungen zur Judenfrage. Ein anderer war Wilhelm Grau (1910—2000), zunächst geschäftsführender Leiter der Münchener Forschungsabteilung, dann, nach einem Zerwürfnis mit Frank, im Frankfurter Institut. Ein jüngerer, nach 1945 prominenter Historiker und ab 1939 Mitarbeiter Müllers in München war Hermann Kellenbenz (1913—1990).

Eine zweite Gruppe von »Judenforschern« kam aus der Theologie. Diese Personen waren von der alt- oder neutestamentlichen Wissenschaft, der Hebraistik und Talmudistik zur »Judenforschung« gelangt. Ein bekannterer Name war der Neutestamentler Gerhard Kittel (1888—1948), Ordinarius in Greifswald ab 1921 und in Tübingen ab 1926. Kittel beschäftigte sich zunächst mit dem antiken Judentum, ab 1933 erging er sich auch in gegenwartsbezogenen politischen Schriften. Aus Kittels Umfeld kamen einige andere theologische »Judenforscher«: Walter Grundmann (1906—1976), der Leiter des Eisenacher Instituts, war Assistent bei Kittel gewesen, exponierte sich bei den Deutschen Christen und wurde ohne Habilitation 1938 in Jena als Ordinarius für »Neues Testament und Völkische Theologie« installiert (Grundmann erwies sich später als biegsamer Geist, war auch in der DDR wieder als Neutestamentler in der Pfarrerausbildung tätig und erwarb sich nebenbei Verdienste als Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit). Schüler Kittels war auch Karl Georg Kuhn (1906—1976), evangelischer Theologe und Semitist und Mitglied im Beirat der Münchener Forschungsabteilung. Unter anderem veröffentlichte er 1939 die Schrift Die Judenfrage als weltgeschichtliches Problem, die er 1951/52 in einer unter solchen Autoren eher ungewöhnlichen Erklärung mit Bedauern widerrief (371—372). Kuhn galt als einer der wenigen ernstzunehmenden Wissenschaftler unter den »Judenforschern« und war bei so gut wie allen Wünschen und Plänen für neue »judenkundliche« Lehrstühle der chancenreichste Kandidat. Am Ende reichte es dann aber nur für eine außerplanmäßige Professur in Tübingen. Ab 1949 bekleidete Kuhn Professuren für Neues Testament in Göttingen, Mainz und schließlich in Heidelberg.

Eine spezielle Note erhielt die »Judenforschung« durch die Heranziehung von jüdischen Fachleuten. Das Reichssicherheitshauptamt, das »Institut für deutsche Ostarbeit« und andere Stellen bedienten sich im größeren Stil jüdischer Forscher wie Ludwig Feuchtwanger, Leo Baeck und Dutzender anderer (248—255). Der Rabbiner und Semitist Benjamin Murmelstein in Wien (später bekannt geworden durch seine Tätigkeit in der »Zentralstelle für jüdische Auswanderung« in Wien und Claude Lanzmanns Film Le dernier des injustes) hielt bis zu seiner Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt Kurse für ein nichtjüdisches Publikum, nach nicht ganz einheitlichen Berichten solche über jüdische Geschichte und Kultur, über den Talmud, über hebräische Literatur oder auch eine Vorlesung in Altsyrisch (327).

Aber war das alles? »Judenforschung« umfaßte nach Rupnows Verständnis doch alle möglichen Gegenstandsbereiche, Geschichte und Anthropologie, Demographie und Statistik, aber auch semitische Philologie, Talmudistik und Bibelwissenschaft. Was geschah in all diesen Bereichen, an Universitäten, in Archiven, Bibliotheken und Ämtern? Das kommt nur ausnahmsweise zur Sprache, so im Fall des Wiener Altorientalisten Viktor Christian, während der deutschen Okkupation Dekan und Prorektor der Universität Wien, der seit 1933 Nationalsozialist war; erzählt werden hier Dinge wie die, hm, Rettung jüdischer Bibliotheken durch Professor Christian (Christian wollte angeblich die Bücher nach dem »Endsieg« zurückgeben, unklar an wen) (338—349). Das ist aber ein vereinzelter Fall. Es gab ziemlich viele Wissenschaftler, die sich nach wie vor mit dem Judentum beschäftigten, und es gab dafür nicht wenige seit langem etablierte Institutionen, von Lehrstühlen für Orientalistik über alt- und neutestamentliche Institute bis zum Seminar für nachbiblisches Judentum (Institutum Judaicum) in Berlin. Manche dieser Einrichtungen überdauerten den Nationalsozialismus unbehelligt, andere (wie das letztgenannte Beispiel) erhielten neues Personal. Warum sich Rupnow auf die wenigen Neugründungen und einige wenige immer wiederkehrende Personen beschränkt, ist nicht verständlich.

Themen, Ziele, Wirkung, Wissenschaftlichkeit

Wie bereits die institutionelle Situation vermuten läßt, war die »Judenforschung« selbst in der von Rupnow getroffenen engen Auswahl ein heterogenes Gebiet. Es umfaßte universitäre Routine in Form von Lehrveranstaltungen und Dissertationen, Forschungsprojekte an Universitäten und/oder anderen Institutionen, routinemäßige Publikationen angestellter Forscher, bibliothekarische und museale Tätigkeiten sowie sonstige Aktivitäten. Mit dem wissenschaftlichen Charakter der »Judenforschung« befaßt sich Rupnow ausführlich, liefert aber kein befriedigendes Ergebnis. Die Leitlinie: »Für einen wissenschaftsgeschichtlichen Zugang ist schließlich nicht ausschlaggebend, was zum Zeitpunkt der rückblickenden Erforschung für wissenschaftlich gehalten wird (zumal bereits darüber kaum Einverständnis zu erzielen wäre), sondern was zur jeweiligen Zeit als wissenschaftlich angesehen und wie diese Wissenschaftlichkeit konstruiert und eingesetzt wurde – vor allem dann, wenn die gemeinsamen Traditionslinien und die Kontinuitäten zu unseren eigenen, heutigen Konzepten und Praktiken von Wissenschaft die Brüche und Wechsel so deutlich überwiegen.« (393) Daß ein Universitätsprofessor in Berlin 1940 als Wissenschaftler eingestuft war und daher seine Arbeiten als Wissenschaft firmierten, enthebt einen Historiker aber nicht der Aufgabe, diese Arbeiten nach wissenschaftlichen Kriterien zu analysieren. Man wird dabei entgegen Rupnows Annahme in vielen Fällen wahrscheinlich sogar einen relativ hohen Grad an Einverständnis erzielen (jedenfalls einen höheren als bei der Befassung mit heutiger wissenschaftlicher Literatur) — gewisse Dinge sind eben nicht zu retten.

Eine erste Frage, die im vorliegenden Buch implizit immer wieder berührt wird, zu der eine Gesamteinschätzung aber fehlt, ist jene nach der Unterscheidung zwischen wissenschaftlicher Forschung und politisch-normativer Programmschrift. Diese Unterscheidung ist nicht unbedingt eine Unterscheidung nach Personen, obwohl ein Teil der involvierten Personen tatsächlich in gar keinem Sinn als Wissenschaftler, sondern nur als politische Agitatoren anzusprechen sind. Das gilt zum Beispiel für einen guten Teil der Interessenten am Eisenacher Institut, die das erwähnte kirchenpolitische Anliegen hatten, jüdische Bezüge aus dem Christentum zu entfernen — eben Kirchenfunktionäre, die sich um die Geschäfte und die Außenwirkung ihrer Kirche kümmerten.

Aber auch Personen, die beruflich als Wissenschaftler hervortraten, produzierten Texte, die auch dem äußeren Anschein nach nicht als wissenschaftliche Analyse, sondern als politisches Räsonnement daherkommen. Ein interessanter und extremer Fall ist Gerhard Kittel. Kittel war bis 1933 ein durchaus respektabler Theologe, der sich mit dem antiken Judentum und dem antiken Christentum beschäftigte, den Tanach als gemeinsame Wurzel von Neuem Testament und Talmud analysierte und sich mit den Gemeinsamkeiten zwischen diesen Schriften befaßte. Er tat dies mit Verständnis für die rabbinische Literatur und lehnte die tendenziös-antijüdische Zitierung des Talmud, die es seit Jahrhunderten immer wieder gegeben hat, explizit ab. Von der Position der Deutschen Christen, die das Christentum vom Judentum der Entstehung und den Inhalten nach scharf abgrenzten, hielt Kittel nichts, eine Position, bei der er auch nach 1933 blieb.2

Die Änderung, die bei Kittel 1933 eintrat, bestand in der Veröffentlichung politisch-programmatischer Schriften: In Die Judenfrage, der Druckfassung eines Vortrags, überlegt Kittel, was man alles mit der jüdischen Minderheit machen könnte, und nennt die drei Varianten einer Assimilation, einer ghettoartigen Separation und einer zionistischen Auswanderung. Als weitere Möglichkeit sinniert er (immerhin bereits 1933) über eine physische Vernichtung aller Juden, die er ablehnt, aber mit einer abstrusen Begründung: »Der Sinn einer geschichtlichen Lage ist immer, daß sie uns eine Aufgabe stellt, die wir meistern sollen. Alle Juden totschlagen heißt aber nicht, die Aufgabe meistern.« (281) Der Massenmord wäre also sozusagen unsportlich. (Erst in einer Folgeauflage nannte Kittel die Ausrottungsidee absurd und unchristlich.) Hauptergebnis der Ausführungen ist eine Positionierung gegen eine Assimilation von Juden: Juden sollten eine Existenz als Fremde in Abgrenzung und Isolierung führen (in Kittels Diktion »›Fremdlingschaft‹ unter den Völkern«). Bizarrerweise sandte der Autor sein Elaborat verständnisheischend auch an Martin Buber (Buber war Zionist und bemühte sich um die Vermittlung der orthodoxen und chassidischen Tradition, worin Kittel anscheinend eine Parallele mit seinen eigenen Ghettoideen erblickte). Nun ist Die Judenfrage zwar das Elaborat eines Universitätsprofessors, aber ist es deshalb bereits »Forschung«? Kaum.

In den folgenden Jahren lieferte Kittel weitere Beiträge zum Thema, die im Ergebnis ähnlich politisch-programmatisch ausfielen, in denen er aber teilweise quasi-wissenschaftlich argumentierte: Das Anliegen war wieder Separation statt Assimilation, als konkretes Problem sah Kittel »Mischehen«. Nun begann er selbst den Talmud tendenziös zu zitieren, zog auch das Alte Testament heran (Esra 10, Neh 13,23—30) und betätigte sich als archäologisch-anthropologischer Dilettant, der antijüdische Haltungen im spätrömischen Trier zu entdecken meinte. Damit gelangt man in einen Bereich, in dem sich tatsächlich die Frage nach der wissenschaftlichen Qualität stellt. Dieser Frage kann man als Wissenschaftshistoriker nicht mit dem Hinweis ausweichen, daß diese Arbeiten eben als »Forschungen« publiziert wurden.

Im konkreten Fall ist es offenkundig, daß Kittels Methodik insuffizient war: er ordnete spätantike Terracotta-Figuren aufgrund ihrer Hakennasen als Darstellungen von männlichen Juden ein und nahm an, daß die weiblichen Pendents nichtjüdisch waren (die damit verbundene sexuelle Symbolik führte ihn in weiterer freier Assoziation zum Ergebnis, daß es um eine Positionierung gegen jüdisch-nichtjüdische Beziehungen gegangen sei). Ein verwandter Fall ist Kittels früherer Assistent Grundmann, der als Neutestamentler den Nachweis führen wollte, Jesus sei im nationalsozialistisch-rassistischen Sinn Nichtjude gewesen, seine Lehre sei ursprünglich gegen das Judentum gerichtet gewesen, und man habe Jesu Berufung auf das jüdische Gesetz erst nachträglich hinzugefügt.

Es spricht nichts dagegen, derartige Arbeiten als Pseudowissenschaft zu qualifizieren, wogegen sich Rupnow aber explizit ausspricht: »Im Hintergrund […] steht die irreführende und vereinfachende Ansicht, dass es eine positivistische historische Tatsachenwissenschaft gebe, die frei von jeglicher Form von Interpretation und Weltanschauung sein könne. Doch eben diese Vorstellung, sei sie ein Idealbild oder eine bewusste Täuschung, verstellt den Blick auf die tatsächlichen Zusammenhänge von Fakten und Interpretationen – und wird dadurch selbst zur Ideologie, die ihre Verknüpfungen nicht offenlegt und sich damit der in ihrer Transparenz durchaus gegebenen Kontrollierbarkeit entzieht. […] Selbstreflexivität muss die Stelle der Objektivität — einer einfachen Einteilung in ›falsch‹ und ›richtig‹ — ausfüllen, soll es nicht nur um die subjektivistische Registrierung verschiedener Positionen und Denkmuster gehen. Dann ist aber eine vorurteilslose Selbstbefragung der eigenen Positionen und Bedingtheiten, der eigenen Vorläufer und Traditionen, der eigenen Vorannahmen und Vorurteile, die in Konzepte und Problemstellungen, aber auch ethisch-politische Ziele einfließen, notwendig und eine ständige Korrigierbarkeit gefordert, keine Verschleierung durch Begriffe wie Pseudowissenschaft.« (399) Nun führt allerdings Selbstreflexivität häufig nicht zu einer Korrektur eigener Positionen, sondern zu deren Affirmation, und eine Korrektur erreicht man eher durch wechselseitige Kritik. Wesentlich ist hier aber etwas anderes: In Fällen wie den beschriebenen theologischen Arbeiten ist eine Einteilung in ›falsch‹ und ›richtig‹ selbstverständlich sehr wohl möglich: Hakennasige Figuren taxfrei als jüdisch zu qualifizieren oder Jesus eine nichtjüdische Herkunft zuzuschreiben, ist eben Nonsens. Daß dieser Nonsens politisch inspiriert ist, ist offenkundig, und dieser politische Zusammenhang erklärt auch das Ergebnis. Er ist aber ein eigener Aspekt, und die Untersuchung kann sich nicht vor der anderen Frage zurückziehen: Ob Belege im erforderlichen Umfang erhoben wurden, ob entgegenstehende Belege beachtet wurden, ob die Messung überhaupt korrekt war, ob die Argumentation logisch und konsistent ist und so weiter — kurz gesagt: ob die Arbeit den Anforderungen wissenschaftlicher Begründung genügt.

Die interessante Frage an der »Judenforschung« ist daher nicht so sehr, ob man damit politische Zwecke (und allenfalls, welche Zwecke) verfolgte, denn diese Frage läßt sich in Kenntnis des nationalsozialistischen Regimes geschwind beantworten. Interessant ist vielmehr, welche Ergebnisse man dabei erzielte, denn im Prinzip waren methodisch saubere und gut begründete Forschungen ebenso möglich wie Pseudowissenschaft. Die Meinung des Autors dazu ist leider schwer verständlich: »Aus einer Position heraus, die quer zu den Argumenten der bisherigen Forschung steht, dürfte die NS-Judenforschung mit ihren Arbeiten gerade deshalb nicht nachträglich eingeebnet werden, weil sie wissenschaftlich waren, aber dennoch rassistisch-antisemitisch und Komplizen der NS-Massenverbrechen. Sie aus diesem konkreten Grund nicht einzuebnen, darf jedoch keinesfalls heißen, sie nachträglich aus der Geschichte der beteiligten Disziplin herauszulösen.« (404) Was meint der Autor mit »Einebnen« der Arbeiten? Weiter: »Weder kann die Nachgeschichte von der vergangenen Wissenschaftspraxis noch können die Arbeiten von ihrem Entstehungszusammenhang getrennt werden. Die Verbrechen sind ihnen als indexikalische Spur eingeschrieben. Ebenso wenig lässt sich eine solche Wissenschaft in eine unbedenkliche Ebene der Statistiken und Fakten und eine bedenkliche Ebene der Ideologie und des Überbaus trennen — eine Argumentation, die die nationalsozialistischen Wissenschaftler angewandt haben, um die Arbeiten jüdischer Wissenschaftler für ihre Zwecke ausbeuten zu können, ohne in Widerspruch zu ihren ideologischen Grundlagen zu geraten.« (404) Was heißt »trennen«? Eine wissenschaftliche Arbeit entsteht in einem bestimmten institutionellen Zusammenhang, und dieser Umstand bleibt auch ein Merkmal der Arbeit. Die Frage ist aber, ob und wie stark dieses Merkmal auf andere Merkmale der Arbeit (Thesen, methodische Qualität, Folgerichtigkeit der Argumentation) einwirkt. In der Diktion des Autors: Könnte man an den Arbeiten der »Judenforscher« die »indexikalische Spur« ausmachen, auch wenn man den Entstehungszusammenhang nicht kennen würde?

Zur Verdeutlichung ein Vergleich: Eine anonyme Begutachtung wissenschaftlicher Arbeiten, die bei besseren Zeitschriften ja üblich ist, schließt zwar nicht von vornherein zuverlässig aus, daß der Gutachter aus dem Text Hinweise auf den Entstehungszusammenhang bekommt, es ist aber eigentlich wünschenswert, daß er wirklich nicht weiß, aus welchem Umfeld die Arbeit stammt. Die Arbeit wird dann im Sinn der »unbedenklichen Ebene der Statistiken und Fakten« (und natürlich der Fragestellung und der Schlußfolgerungen) beurteilt, aber nicht zum Beispiel darnach, ob sie in einem verbrecherischen Zusammenhang entstanden ist. Diese »indexikalische Spur« nimmt der Gutachter dann nämlich nicht wahr.

Wie es damit bei den Arbeiten der »Judenforscher« aussah, wird von Rupnow nur ausnahmsweise angesprochen. Eine dieser Ausnahmen ist der Volkswirt Peter-Heinz Seraphim, der bereits in seinem 1938 veröffentlichten Buch Das Judentum im osteuropäischen Raum (und erst recht in seinen nachträglichen Rechtfertigungen) beanspruchte, als Wissenschaftler sachlich und unbeeinflußt von politischen Erfordernissen geforscht und publiziert zu haben. Rupnow dazu: »Besonders interessant ist hier die Bezugnahme auf Sachlichkeit, in der zweifellos die größte Radikalisierung verborgen liegt. Im Gegensatz etwa zu Graus rein historischen Arbeiten waren die Informationen in Seraphims Werk, die Statistiken, Karten und Graphiken, durchaus in der Gegenwart gebrauchs- und verwendungsfähig.« (271) Es geht also wild durcheinander: Seraphim meinte mit »Sachlichkeit« offenbar unbefangene Begrifflichkeit, einwandfreie Methodik und dergleichen, wissenschaftlich akzeptable Begründung eben (tatsächlich läßt Seraphim in seiner Begrifflichkeit allerdings durchaus dem antijüdischen Ressentiment freien Lauf), Rupnow macht daraus die »Verwendungsfähigkeit« — Entstehung im verbrecherischen Rahmen.

Richtig ist, daß auch nationalsozialistische Dienststellen prinzipiell Interesse an wissenschaftlich akzeptabel durchgeführten Arbeiten hatten, was unter anderem auch die erwähnte Heranziehung von jüdischen Fachleuten erklärt. Nun war aber 1938 der von Seraphim beschriebene Raum (Polen, Baltikum, große Teile der europäischen Sowjetunion) noch kein Betätigungsgebiet für nationalsozialistische Verbrecher und bei Abfassung des Buches eine konkrete »Verwendungsfähigkeit« noch nicht ersichtlich. Was heißt dann überhaupt »verwendungsfähig«? »Verwendungsfähig« war ab 1941 auch die sowjetische Volkszählung des Jahres 1939, die für jedes Gebiet die exakte Anzahl von Juden erfaßte, sicher zuverlässiger als alles, was Seraphim produzierte.3 (Volkszählungen mit ähnlichen Ergebnissen gab es auch in Litauen 1923, in Polen 1931, in Estland 1934 und in Lettland 1935). Das wäre dann wohl die allerärgste Radikalisierung?!

Durch die Einschränkung der Untersuchung auf ausgewählte und politisch exponiertere Institutionen und Personen bleibt offen, was sich sonst abspielte. Was taten die Orientalisten, Bibelwissenschaftler, Talmudisten und Neuhebraisten in diesen Jahren? Hier ginge es nicht nur um institutionelle Veränderungen (Vertreibung oder Ermordung von Wissenschaftlern, Auswechslung von Personal), sondern auch um die Wahl von Forschungsthemen und, wie in den besprochenen Fällen, um wissenschaftliche Standards. Leider fehlt das. Es wäre aber wesentlich, schon um einen Eindruck zu erhalten, was es mit den zitierten »Traditionslinien und […] Kontinuitäten zu unseren eigenen, heutigen Konzepten« auf sich hat. Der gewesene Nationalsozialist und SS-Mann Viktor Christian, promoviert 1910, seit 1923 habilitiert für semitische Sprachen, legte 1950 bei der Akademie der Wissenschaften seine Untersuchungen zur Laut- und Formenlehre des Hebräischen vor (der Band erschien 1953). Dieses Buch ist wahrscheinlich »gebrauchs- und verwendungsfähig« (jedenfalls wurde es immer wieder zitiert), und es steht sicher in einer »Traditionslinie«, die von der österreichisch-ungarischen Zeit durch die Erste Republik und die nationalsozialistische Periode bis in die Nachkriegszeit führt. Möglich, daß noch einmal jemand etwas Schlimmes damit anstellt. Sehr wahrscheinlich ist es aber nicht.

Rhetorik und »Denkstile«

Ein guter Teil der Ausführungen Rupnows befaßt sich mit der Argumentation und dem »Denkstil« der Beteiligten, auch im Zusammenhang bürokratischer Abläufe. Dazu ist zunächst die banale Feststellung zu treffen, daß die von ihm berücksichtigten »Judenforscher« durchwegs Nationalsozialisten waren, und dies überwiegend nicht nur aus Opportunismus, sondern, wie der oft früh erfolgte Parteieintritt nahelegt, vermutlich aus Überzeugung. Insofern kommt vieles, was sich in ihren Äußerungen findet, nicht überraschend und ist eben deshalb nicht sonderlich interessant. Geht man dennoch, so wie Rupnow, ins Detail und versucht, über den allgemeinen Befund nationalsozialistischer und antisemitischer Einstellung hinaus Besonderheiten von Denkweisen festzustellen, wird es schwieriger.

Dies deshalb, weil die verfügbaren Äußerungen meist für außenstehende Adressaten geschrieben wurden und im Einzelfall schwer festzustellen ist, wie weit man nicht auch opportunistisch argumentierte. Für die Nachkriegszeit erkennt dies Rupnow selbstverständlich und hält die Schutzbehauptungen belasteter Personen (man habe Schlimmeres verhindern wollen, man habe äußerem Druck gehorchen müssen und so weiter) für das, was sie sind. Für die Zeit des Nationalsozialismus neigt er hingegen dazu, die verfügbaren Äußerungen wortwörtlich zu nehmen.

Das wirkt deshalb kurios, weil jedem Wissenschaftler aus eigener Anschauung bekannt ist, wie es im Wissenschaftsbetrieb zugeht. Die »Judenforscher« handelten ganz gewiß nicht unter dem mörderischen Zwang, dem Regimegegner ausgesetzt waren — aber sie standen unter den normalen Legitimationsanforderungen an Wissenschaftler, die zusätzliche Dienstposten oder Extrabudgets für ihr Institut (oder gleich ein ganzes neues Institut) haben wollen, gerne einen Sonderforschungsbereich eröffnen würden, die Habilitation eines Schützlings an der Fakultät sicherstellen müssen, eine neue Zeitschrift oder Publikationsreihe gründen möchten und so weiter. Im Fall von Rupnows »Judenforschern« war an vielen dieser Wünsche, egal wie sie begründet wurden, nicht viel Ehrenwertes. In manchen Fällen würde man sie aber heute noch der Sache nach für diskutabel halten, auch wenn die vorgebrachte Begründung eine zweckmäßige Verneigung vor den Machthabern inkludierte. Es ist ja durchaus möglich, daß manche Wünsche nach heutigen Begriffen ganz normale wissenschaftliche Pläne waren, die aber politisch begründet wurden, weil man sich auf diese Weise mehr Erfolg erhoffte. Hat Rupnow noch nie in einem Förderantrag auf die enorme Gegenwartsrelevanz seiner Forschungen hingewiesen? Oder hat er es getan und am Ende selbst daran geglaubt?

Dazu ein Beispiel. 1939 forderte das Landschaftsmuseum Eisenstadt für das dortige »Judenmuseum« den Leiter der Burgenländischen Auswanderung in Wien, Eugen Lindenfeld, als jüdischen Fachmann an, um eine korrekte Bestimmung der Exponate zu erreichen. Leiter des Museums war seit 1939 der Prähistoriker Richard Pittioni. Pittioni war bereits im März 1938 seine Lehrbefugnis an der Universität Wien aus politischen Gründen de facto aberkannt worden.4 Er ist zum Unterschied von den meisten anderen im vorliegenden Buch auftretenden Gestalten unverdächtig. Pittioni war 1938 noch am Museum der Stadt Wien tätig, wechselte dann in das »Museum des Reichsgaues Niederdonau« und von dort ins »Landschaftsmuseum« in Eisenstadt.

Seine Anforderung Lindenfelds begründete er so: »Die Leitung macht pflichtgemäß auf die schwierige Behandlung des ganzen Komplexes aufmerksam, da sie Vorsorge treffen muß, um im gegebenen Falle ein einwandfrei bestimmtes Material für Ausstellungszwecke zur Verfügung zu haben. Man wird nicht übersehen dürfen, daß jede öffentliche Schausammlung für ausländische Juden zugänglich ist und daß selbst kleine Fehler der Anlaß für Polemiken sein können, denen man sich lieber von vornherein entzieht.« (338) Nun wird diese Begründung noch nicht als antisemitischer Exzeß gelten, und der Schreiber beruft sich ja hauptsächlich auf das legitime Anliegen eines Wissenschaftlers und Museumsdirektors, die Exponate seines Hauses korrekt zu bestimmen und Ausstellungen nicht fehlerhaft gestalten zu müssen. Doch warum erwähnt Pittioni auch die mögliche Kritik durch ausländische jüdische Kenner der Materie? War er ein antisemitischer Paranoiker? Oder meinte er nicht vielleicht eher, daß das Anliegen wissenschaftlicher Korrektheit allein das zuständige Landesamt kaum aus der Ruhe bringen würde und ein Appell an die dort vielleicht tatsächlich vorhandene antisemitische Paranoia wirksamer sein könnte?

Rupnows Kommentar dazu: »Nicht zuletzt diese Episode macht nochmals deutlich, wofür im nationalsozialistischen System eine Erforschung jüdischer Geschichte und Kultur aus antisemitischer Sicht gebraucht und gefördert wurde: Zur langfristigen Legitimation der antijüdischen Politik, weniger zu ihrer Vorbereitung als vielmehr im Nachhinein. Erforschung und Propaganda gingen dabei Hand in Hand. Die Aneignung von Bibliotheken und Ritualobjekten war notwendig, um eine materielle Basis für beides zur Verfügung zu haben. Kurz vor Kriegsbeginn konnte dabei scheinbar sogar noch an ausländische Juden als potentielle Besucher gedacht werden.« (338) Aber warum soll Pittioni denn nicht einfach den Wunsch gehabt haben, über eine korrekte Bestimmung seiner Bestände verfügen zu können? Museumsdirektoren wollen so etwas, unabhängig davon, ob es sich um jüdische Ritualgegenstände oder prähistorische Faustkeile oder Gemälde aus dem 16. Jahrhundert handelt. In der Regel wollen sie es nicht aus propagandistischen Gründen, schon deshalb, weil es für die Wirksamkeit von Propaganda unerheblich ist, ob man eine Menorah richtig oder falsch datiert hat. Normalerweise ist es Selbstzweck und paßt gut zur Gemütslage von Urgeschichtlern.

Ähnliches gilt für viele der berichteten Episoden, in denen man die normalen Argumentationsmuster von Universitäten und Forschungseinrichtungen wiedererkennt, transponiert in ein antisemitisches politisches System. Gut möglich, daß der zuständige Dekan an der Universität Tübingen wirklich meinte, eine Professur für »Orientalistik mit besonderer Rücksicht auf Geschichte des Judentums« zu benötigen, um »die jüdische und judenfreundliche Gegnerschaft des Nationalsozialismus« zwecks innerer »Sicherung des neuen Europas« in Zaum halten zu können (129). Sicher ist es nicht. Sicher ist nur, daß der Dekan meinte, daß irgendwo weit oben im Kultusministerium solche Argumente wohl gern gehört würden.

 

  1. B. R. Mitchell, European Historical Statistics 1750—1970, New York 1978, Tab. B.3, B.4; Albrecht Ritschl, Deutschlands Krise und Konjunktur 1924—1934, Berlin 2002, Anh. C.2.
  2. Nach wie vor instruktiv: Robert P. Ericksen, Theologian in the Third Reich: The Case of Gerhard Kittel, Journal of Contemporary History 12/3 (1977), 595—622.
  3. Für Rußland, besonders auch im Vergleich mit den späteren Zählungen, hier. Juden scheinen flächendeckend bis zur Zählung 1989 als eigene nationale Kategorie auf, in Moskau bis 2010.
  4. Zum Vorgang im einzelnen: Andreas Huber, Eliten/dis/kontinuitäten. Kollektivporträt der im Nationalsozialismus aus »politischen« Gründen vertriebenen Hochschullehrer der Universität Wien, Diplomarbeit, Universität Wien 2012, 76.