Roman Sandgruber
Traumzeit für Millionäre. Die 929 reichsten Wienerinnen und Wiener im Jahr 1910
Wien, Graz, Klagenfurt
Styria
2013
495 S.,
EURO 34,99
Rezensent: Lothar Höbelt
Historicum, Sommer—Herbst 2012, 60
Dieses (ge-)wichtige Buch (von fast 2 Kilogramm) ist das Resultat einer gelungenen Kombination — eines dem Autor vor einiger Zeit übergebenen Archivfundes, nämlich einer Liste all jener in Wien gemeldeten Personen, die im Jahre 1910 mehr als 100.000 Kronen Einkommen versteuerten (was ungefähr 1 Million Euro von heute entspricht), mit dem profunden wirtschaftshistorischen Wissen Sandgrubers, dem es gelungen ist, diese Namen mit Leben zu erfüllen, die Millionäre nach Strich und Faden zu analysieren, nach Alter, Geschlecht und vielen anderen Kriterien, vor allem aber nach Herkunft der Personen und Herkunft des Vermögens.
Daraus ergeben sich — neben einer faszinierenden Fülle von Details zur Wiener »high society« der Jahrhundertwende — zwei wesentliche Befunde, die sich im Gegensatz zum Titel weniger auf die TraumZEIT für Millionäre beziehen, sondern auf die Besonderheiten des Standorts. Denn »Cisleithanien« lag, was den Anteil der Einkünfte betrifft, der auf das oberste Prozent der Einkommensbezieher entfiel, im soliden Mittelfeld: Führend waren hier Westeuropa und die USA. Eine Ausnahme machte die Stadt Wien: Die Metropole war Wohnsitz von nicht weniger als zwei Dritteln der österreichischen Millionäre, eine weit größere Konzentration, als sie in Berlin oder New York zu beobachten war. Zweitens aber, als ein absolutes Alleinstellungsmerkmal, weit mehr als die Hälfte dieser Millionäre waren Juden – davon wiederum rund die Hälfte weiterhin mosaischen Bekenntnisses, rund die Hälfte aus Familien, die im Lauf des letzten Jahrhunderts konvertiert waren. Mit Abstand an der Spitze, als vermutlich reichster Mann Europas: Baron Rothschild. (Die konfessionellen Asymmetrien wurden außerdem noch durch den Umstand bereichert, daß es unter den Millionären aus christlichen Familien — zieht man die Angehörigen des alten Adels ab — mehr Protestanten als Katholiken gab!)
Wer immer sich für das späte Österreich-Ungarn interessiert, wird die »Traumzeit« auch als »Traumbuch« im besten Sinn des Wortes empfinden, als eine sprudelnde Quelle oft schwer zugänglicher Informationen. Die zweite Hälfte des Buches besteht aus den 929 Kurzbiographien. (Es ist bezeichnend, daß sich nur weniger als 20 Prozent dieser ökonomischen Giganten einen Eintrag im Österreichischen Biographischen Lexikon verdient haben.) Den Löwenanteil machen selbstverständlich Industrie und Handel aus, übrigens auch damals schon viele Manager. Statistisch insignifikant, aber eben auch vertreten: Wiener Typen, die Klischees bestätigen, wie die Könige der silbernen Operettenära mit Franz Lehár und Leo Fall, die ersten Plattenstars, der Besitzer eines Kabaretts mit »Nudisten«-Attraktionen; schließlich Anna Sacher und Moritz Benedikt, der Eigentümer der Neuen Freien Presse; aber auch biedere Sattler — als Heereslieferanten.
Sandgruber schöpft aus dem Vollen bei den Konsumgewohnheiten der Superreichen, wie zum Beispiel den exklusiven Sportarten, die in der nächsten Generation vielfach bereits zum Massenphänomen wurden. Zur Abrundung im Atmosphärischen, für Hobbies und Marotten, ist man natürlich angewiesen auf »Tratsch« auf höchstem Niveau, was keineswegs abwertend gemeint ist — oder man weicht auf die Literatur aus, als Spiegel der Gesellschaft. Ob die Marschallin im Rosenkavalier tatsächlich so repräsentativ war für den Lebensstil der Millionärinnen, mag dahingestellt sein. Doch Arthur Schnitzler und Karl Kraus kommt nicht zuletzt deshalb ein gewisser Quellenwert zu, weil sie selbst dem einschlägigen Milieu zuzurechnen waren: Brüder beider Schriftsteller finden sich in der Liste.
Ein wenig klischeehaft fällt vielleicht die Charakteristik des alten Adels aus: War er wirklich eine so abgeschlossene Kaste, wie die Aufsteiger voller Ingrimm behaupteten? Dahinter steht nicht zuletzt die Wertfrage, welche Vorstellung einem sympathischer ist – die einer geschlossenen »plutokratischen« Oligarchie, oder die einer Gesellschaft, wo Ansehen, Geld und Macht zwar naturgemäß vielfach verschwägert, aber nicht ident sind, verschiedene Elemente der Oberschicht daher miteinander in ständiger Konkurrenz leben? Konkurrenz — oder der Mangel an Konkurrenz — ist auch das Stichwort nach einer anderen Richtung hin: Waren die Millionäre ein Produkt des berühmt-berüchtigten Manchester-Liberalismus? Oder verdankten sie ihren Reichtum — damals wie heute — nicht eher »monopolartigen Strukturen und unvollkommenen Märkten«, eine Praxis, die Sandgruber gerne mit dem Ausdruck »rent-seeking« umschreibt? Dafür gibt es eine Reihe von Indizien, auch wenn sie sich nicht verallgemeinern lassen. Die Familien der Gründer des Eisenkartells, die Inhaber von Staatsaufträgen und Zuckerprämien, waren zweifelsohne prominent vertreten; benachteiligt dafür die Agrarier, weil ihr Zollschutz ohnmächtig war gegenüber der ungarischen Konkurrenz.
Sandgruber liefert viele Beispiele für das alte Sprichwort: Geld allein macht nicht glücklich. Die Selbstmordrate in den Millionärsfamilien war überproportional (selbst wenn man das Jahr 1938 ausklammert). Andersherum gefragt: Macht viel Geld unglücklich — nämlich (frei nach Giulio Andreotti) die, die es nicht haben? Verächter populistischer Formeln könnten sich da vielleicht an der Annahme stoßen, daß die Existenz von Superreichen eine komplementäre Erscheinung der Armut sei. Oder wie ein amerikanischer Senator einmal sagte: Wenn ich diese Neureichen mit ihren Karossen und Mätressen sehe, dreht es mir den Magen um. Ich kenne dieses Gefühl: Es ist der Neid, aber leider halten meine Kollegen es für Wirtschaftspolitik. War der Erfolg der Superreichen primär ein Indiz für allgemeine Prosperität oder für soziale Spannungen? Wenn letzteres richtig ist, dann hätten die sozialen Spannungen im »Goldenen Westen« jedenfalls höher sein müssen als in Galizien, das als Kronland weniger Einkommensteuer bezahlte als der IV. Wiener Gemeindebezirk.
Zumindest für Wien scheint der Zusammenhang zwischen Superreichtum und exzessiver Armut nicht zu stimmen: Die vielen Millionäre gaben hier das Geld aus, das sie anderswo in der Monarchie erwirtschafteten. Das mag vielmehr für eine Theorie des »Binnen-Imperialismus« spechen, wie sie die Slawen oft den Deutschen der Monarchie vorwarfen, und diese wiederum den Juden. (Ein unbescheidenes Desiderat wäre in diesem Zusammenhang eine Aufschlüsselung auch der rund 250 böhmischen Millionäre nach Nationalität und Konfession!) Der Hinweis auf den »Aufstand der Armen« vom September 1911, wie ihn Sandgruber — wenn auch bloß am Rande, zur gefälligen Illustration — anführt, geht jedenfalls ins Leere: Da ging es um die Zulassung von Fleischimporten, entgegen den Bestimmungen des Zoll- und Handelsbündnisses mit Ungarn. Es handelte sich um eine gezielte Aktion der Sozialdemokratie gegen die Regierung und die Agrarier. Die urban-industriellen Millionäre hätten den Forderungen der Arbeiter wohl mehrheitlich zugestimmt, doch auch sie wären gegen das ungarische Veto machtlos gewesen. Die Forderung war ungefähr so populär und so realistisch wie heute das Versprechen, die Beiträge an die EU unilateral zu kürzen.
Das Unbehagen an der ungleichen Einkommensverteilung, wie sie auch im Nachwort anklingt, erweist sich im Kern als Kampf zweier Nostalgien: Kaiserzeit gegen Wirtschaftswunder. Denn die fünfziger bis siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts lieferten Wachstum mit einem Anteil der Spitzeneinkommen, der nur halb so hoch lag wie um 1910 — oder heute. (Bloß um die Statistik ist es im Zeitalter der Informationsgesellschaft schlechter bestellt.) Wie immer man da auch die Präferenzen setzt, Sandgruber weist mit Recht darauf hin, daß die simple Antwort, nämlich die Erhöhung des Spitzensteuersatzes, bei den Höchsteinkommen nicht greift. Als einzig effektive Kur weist das 20. Jahrhundert, mit Blick auf die Statistik, den Krieg aus, der wiederum mit zuviel unerwünschten Nebenwirkungen verbunden ist. Bleibt ein beherzigenswerter Hinweis, eben der auf die monopolartigen Strukturen und den unvollkommenen Wettbewerb. Da ließe sich in Zeiten einer Politik, die Millionäre pleite gehen läßt, aber Milliardäre — weil »systemrelevant« — saniert, viel dazu sagen. Aber das ist eine andere Geschichte …