Thomas Sandkühler
Adolf H. Lebensweg eines Diktators
München
Hanser
2015
352 S.
€ 20,50
Peter Longerich
Hitler. Biographie
München
Siedler
2015
1296 S.
€ 41,20
Rezensent: Martin Moll
Historicum, N. F. III—IV [2017], 70—72
Mehr als vier Jahrzehnte sind vergangen, seit man Mitte der siebziger Jahre im Gefolge der damals bahnbrechenden Hitler-Biographie des Journalisten Joachim C. Fest und des von ihm bald darauf produzierten Dokumentarfilms Hitler. Eine Karriere von einer Hitler-Welle zu sprechen begann. Seit damals sind zahllose weitere Filme, insbesondere jene des ZDF-Haushistorikers Guido Knopp, sowie zumindest zwei große Biographien des Diktators in deutscher Sprache beziehungsweise Übersetzung auf den Markt gekommen: eine zweibändige des Briten Sir Ian Kershaw und eine ebenfalls auf zwei Bände angelegte des Historikers und Zeit-Journalisten Volker Ullrich, von der bislang Band 1 vorliegt — zusammen weitere rund 3000 Seiten Text. Jedes Mal dachte man, nun sei endlich alles Wesentliche über Hitlers Leben zu Papier gebracht und der Markt gesättigt. Weit gefehlt, wie ein Blick auf zwei Neuerscheinungen des Jahres 2015 zeigt.
Beginnen wir mit der kürzeren und leicht verdaulichen Biographie aus der Feder Thomas Sandkühlers, Jahrgang 1962 und Professor für Didaktik der Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin. Das Buch soll eine Hitler-Biographie speziell für jugendliche Leser sein (6), unter denen allem Geschichtsunterricht zum Trotz noch immer abenteuerliche Vorstellungen über Hitlers Leben und Herrschaft zirkulieren. Im großen und ganzen wird der vom Verlag für Leser ab vierzehn Jahren empfohlene Band seinem Anspruch gerecht, obwohl oder vielleicht gerade weil er nicht ohne Konzessionen an den Zeitgeist auszukommen meint und mit Blick auf sein Zielpublikum da oder dort fast zwanghaft originell sein will. Das stärkste Indiz hierfür liefert schon der Titel Adolf H., von dem der Verlag offenbar annimmt, daß Jugendliche auf Anhieb erkennen, wer gemeint ist. Sandkühler bemerkt zu diesem eigenartigen Titel, er wolle mit ihm »darauf aufmerksam machen, dass zwischen Hitlers persönlicher Lebensgeschichte und seiner Wirkung als Politiker ein erheblicher Unterschied bestand« (6). Das ist ebenso richtig, wie es zweifelhaft ist, ob man diesen Umstand durch die Abkürzung von Hitlers Familiennamen verdeutlichen kann.
Das Cover mit einem wild gestikulierenden Hitler befriedigt die gängige Erwartungshaltung (demgegenüber zeigt Longerichs Buchcover den Diktator in einer ruhigen, unaufgeregten Pose) ebenso wie der Hinweis, daß sich Hitler gerne Micky-Maus-Filme ansah: »Mit ›Micky Maus‹ gegen den Regierungsalltag — das sagt viel aus über Adolf Hitler« (181). Was damit gemeint ist, muß sich der Leser selbst zusammenreimen. Sandkühlers Text ist allerdings flüssig geschrieben und setzt eigene Schwerpunkte, ohne Wichtiges auszuklammern (am ehesten fehlt Hitlers Verhältnis zu den Kirchen und zur Kunst sowie seine Rolle als Feldherr). Dafür hätte die Schilderung der Inneneinrichtungen von Hitlers zahlreichen Domizilen knapper ausfallen können (173 ff.). Der Band schließt mit einer konzisen Darstellung von Hitlers Nachleben bis zur Gegenwart (»Der Untote«, 316—329), eine eigentliche Zusammenfassung gibt es nicht. Dafür findet man eine rund achtzig Titel umfassende, thematisch gegliederte Auswahlbibliographie sowie ein Personenregister. Die (ebenso wie das Vorwort im Inhaltsverzeichnis nicht aufscheinenden) Nachweise sind nicht als Fuß- oder Endnoten gestaltet, sondern als Auflistung der Fundorte mit Angabe der korrespondierenden Seite beziehungsweise Stelle im Text — jugendliche Leser dürften mit diesem Verfahren überfordert sein.
Wie zu erwarten, werden die wichtigsten Stationen von Hitlers Leben anschaulich abgehandelt, ohne daß sich die sechs Etappen (Der Versager, Der Aufsteiger, Der ›Führer‹, Der Kriegsherr, Der Massenmörder, Der Höhlenbewohner — womit Hitlers letzte Wochen im Bunker unter der Reichskanzlei gemeint sind) durch besondere Originalität auszeichnen. Die Anordnung folgt der Chronologie, lediglich »Der Kriegsherr« und »Der Massenmörder« überlappen sich. Die Ausführungen zum Holocaust stehen ziemlich für sich und weisen anders als bei Longerich nur wenige direkte Bezüge zu Hitler auf. Generell wird jedoch, wie angekündigt (8), Hitlers Leben in die Vorgeschichte und Geschichte des von ihm geschaffenen ns-Staates eingebettet. Psychologisches kommt hierbei nicht zu kurz, so wenn der Autor wie viele andere vor ihm betont, Hitler sei »zweifellos seelisch gestört« gewesen, denn aufgrund seiner unglücklichen Kindheit sei er nicht fähig gewesen zu lieben; er konnte jedoch umso intensiver hassen (16). Die politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Hintergründe, vor denen sich Hitlers Lebensweg vollzog, werden ausführlich erläutert, was angesichts der anvisierten Leserschaft seine Berechtigung hat. Ob Teenager stets zu folgen vermögen, sei dahingestellt; jedenfalls gelingen dem Autor immer wieder prägnante Skizzen komplexer Vorgänge, so etwa bei seiner Schilderung der Stationen der ›Machtergreifung‹ Hitlers am 30. Januar 1933 (114—117).
Negativ zu Buche schlagen die zahlreichen sachlichen Fehler, auch wenn sie den meisten Lesern nicht auffallen dürften: Personen, die nur einen Elternteil gemeinsam haben, sind Halb-, nicht Stiefgeschwister (12); Großbritannien trat am 4., nicht am 2. August 1914 in den Ersten Weltkrieg ein (39); auf Seite 46 unten muß es »Spätsommer 1918« statt 1914 heißen; das Hitler verliehene Eiserne Kreuz I. Klasse war mitnichten die »höchste deutsche Kriegsauszeichnung« (47); Reinhard Heydrich wurde nicht schon 1934 zum SS-Obergruppenführer befördert, sondern erst 1942 (153 f.); Belgien kapitulierte am 28. Mai 1940, nicht am 18. (194); der deutsche Einmarsch in Ungarn begann Mitte März 1944, nicht im Februar (214), und die Kapitulation der Wehrmacht in Reims unterzeichnete nicht Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, sondern Generaloberst Alfred Jodl (314). Obendrein ist das Bild auf Seite 299 falsch datiert: Es stammt nicht vom letzten ›Führergeburtstag‹ am 20. April 1945, sondern aus einer schon im März dieses Jahres gezeigten Wochenschau.
Aber all dies sind Kleinigkeiten, die sich bei einer zweiten Auflage beheben lassen und die für die adressierten »Leser ohne besondere Geschichtskenntnisse« (Buchrückseite) ohne Belang sein dürften. Ihren Bedürfnissen wird der Band durchaus gerecht, versteht er es doch, die großen Entwicklungslinien leicht verständlich auszubreiten und sie mit als typisch eingestuften, episodenhaften Einsprengseln aufzulockern. Sowohl der Text als auch die zahlreichen, zu einem erheblichen Teil wenig bis gar nicht bekannten Schwarz-Weiß-Abbildungen verschmelzen zu einem gut lesbaren, übersichtlich gegliederten Gesamtbild des Menschen und Politikers Hitler. Der Diktator wird auf dem aktuellen Forschungsstand porträtiert; darüber hinausgehende Ansprüche erhebt Sandkühler naturgemäß nicht.
Dies unterscheidet ihn von dem 1955 geborenen Peter Longerich, der mehrere maßgebliche Studien zum Holocaust verfaßt und in den letzten Jahren das biographische Genre für sich entdeckt hat (Heinrich Himmler 2008; Joseph Goebbels 2010). An den weit mehr als 1000 Seiten einnehmenden Umfang dieser Lebensbeschreibungen hat man sich inzwischen gewöhnt. Longerich verzichtet darauf, dem Leser darzulegen, worin sich sein Zugang von dem der zahlreichen Vorgänger unterscheidet; schon gar nicht werden einleitend die üblichen, hochgestochenen theoretischen Modelle präsentiert, bei denen man nie so recht versteht, in welcher Verbindung sie zu dem nachfolgend ausgebreiteten empirischen Material stehen. Diesem eng dem Gegenstand verhafteten und nur selten abstrahierenden Buch geht es vor allem um eine nüchterne Darstellung der vielfältigen Aktivitäten Hitlers auf den diversen Feldern der Innen-, Außen- und Militärpolitik. Spekulative, von Voyeurismus getriebene Einblicke in Hitlers Privatleben fehlen, zumal hierzu längst alles Wesentliche gesagt wurde. Erstaunlich ist lediglich, daß Longerich die oft erörterte und bedeutsame Frage nach Hitlers Gesundheitszustand vor allem während der zweiten Kriegshälfte nur en passant streift.
Unkonventionell, ja leicht verstörend wirkt die Bildauswahl: Abgesehen vom Buchumschlag, ist der Diktator auf keiner der lediglich 16 Abbildungen zu sehen; sie sollen vielmehr die Konsequenzen von Hitlers Herrschaft illustrieren: Auf jene, die freudig mitmachten, jene, die ohne Begeisterung in die Kriegsmaschinerie hineingezogen wurden, sowie jene, die sich dem Regime widersetzten beziehungsweise ohne eigenes Zutun von ihm verfolgt wurden. So viel Programmatisches in dieser Bildauswahl liegen mag, so wäre es verfehlt, daraus abzuleiten, im Zentrum des Textes stünden die Hitlers Herrschaft Unterworfenen. Wie es den Gesetzen der Gattung Biographie entspricht, steht in ihr der Protagonist unangefochten im Mittelpunkt.
Gleich etlichen seiner Vorgänger beginnt Longerich mit dem ebenso evidenten wie schwer erklärbaren Befund, daß Hitlers erste dreißig Lebensjahre seinen späteren Werdegang »nicht einmal erahnen« lassen (15). Folgerichtig betitelt der Verfasser seinen diesen drei Jahrzehnten gewidmeten, rund vierzig Seiten langen Prolog mit »Ein Niemand«. Wenig verwunderlich, sieht auch Longerich in dieser Phase Züge von Hitlers Persönlichkeit entstehen, die für seine spätere Machtausübung zu berücksichtigen seien, was freilich keine Reduzierung vielschichtiger historischer Prozesse auf individuelle Momente bedeute. Ähnlich wie Sandkühler spricht Longerich von einer tristen Familiensituation, die bei Hitler »eine narzisstische Fixierung auf das öffentliche Selbst bei gleichzeitiger Unterdrückung privater Gefühlsregungen« bewirkte; öffentliche Bloßstellungen seien für Hitler seit seiner Jugend unerträglich gewesen, und er habe auf sie bis zu seinem Tod mit Aggressionen und Vernichtungsabsichten reagiert (1026). Aus dieser Einsicht leitet sich die Notwendigkeit einer besonderen quellenkritischen Vorsicht im Umgang mit sämtlichen von Hitler selbst in die Welt gesetzten autobiographischen Zeugnissen ab. Kein Biograph vor ihm hat diese Verpflichtung so ernst genommen wie Longerich.
Ungeachtet seiner mehr als bescheidenen Anfänge entwickelte Hitler ab 1919 — vorerst als Propagandist im Dienst der Reichwehr — ein geradezu virtuoses Geschick bei der Erlangung, Festigung und Ausübung seiner Macht, erst innerhalb seiner Partei und später als ›Führer‹. Hitlers Weg ins Kanzleramt erklärt Longerich brillant mit seinen geschickt verfolgten Machteroberungsstrategien, die er mitunter auch parallel zueinander einsetzte und die im konservativen Establishment auf Ansprechpartner trafen, die sich von Hitler zu einem Kompromiß überreden ließen. Hitlers in den letzten Jahren vielbeschworenes Charisma spielte hierbei eine sekundäre Rolle, denn Millionen Deutsche wählten nicht deshalb die NSDAP, sondern weil sie sich konkrete Verbesserungen ihrer ökonomischen und sozialen Lebensumstände erhofften. Ebenso wenig gelang es diesem Charisma, die angestrebte homogene Volksgemeinschaft als Einheit von Führung und Volk zu formen oder freudige Zustimmung für den Krieg herzustellen.
Hitlers hochgradig personalisierter, jede formale Festlegung beziehungsweise Einengung sorgsam vermeidender Führungs- und Herrschaftsstil setzte neben intensiver Propaganda auf ein möglichst dichtes Überwachungsnetz, dem sich kaum jemand entziehen konnte, auch wenn die im Raum stehenden Sanktionen gegen Dissidenten keineswegs inflationär angewendet werden mußten. Hitler regierte konsequent und scheute weder vor List noch nackter Gewalt zurück. Er war somit, anders als von dem kürzlich verstorbenen Hans Mommsen behauptet, alles andere als ›ein schwacher Diktator‹, denn es gab ab 1933 schlechthin kein Politikfeld, das Hitlers Eingriffen — wie erratisch und improvisiert sie im einzelnen auch sein mochten — verschlossen blieb. Dies wußte man zwar schon, aber Longerich belegt diesen Befund mit einer Vielzahl treffender, bislang unbeachteter Einzelbeispiele und entwickelt daraus das Gesamtbild eines Diktators, der in einem welthistorisch einzigartigen Ausmaß ab 1934/35 weder auf seine Paladine noch auf die Bevölkerung nennenswerte Rücksichten nehmen mußte. Diese Herrschaft war aber nicht reine Willkür, denn Hitler reagierte »in kritischen Situationen auf komplexe Problemlagen ad hoc, effizient und mit weitreichenden Folgen«. »Ungeachtet aller ideologischen Fixierung konnte er ein außerordentliches Maß an Flexibilität an den Tag legen, das Gegner wie Mitstreiter verblüffte und ihn selbst für sein engstes Umfeld unberechenbar machte« (1005).
Bei all dem wird man Longerich uneingeschränkt zustimmen, zumal die dicht ausgebreiteten und überzeugend interpretierten Quellen für ihn sprechen. Allerdings steht man nicht zuletzt wegen des Autors Verzicht auf Theorien etwas ratlos vor der Kardinalfrage, wie ein solcher ›Niemand‹ zu einem derart omnipotenten Diktator werden konnte, der nicht nur seine Widersacher, sondern auch die ihn in großer Zahl umgebenden Fachleute scheinbar mühelos an die Wand spielte. Longerich ist freilich nicht der erste, der darauf keine restlos befriedigende Antwort findet. Die Vorzüge seiner Biographie liegen denn auch in ihrer sachlich-nüchternen, auf stupender Quellen- und Literaturkenntnis beruhenden Schilderung des Weges zur Macht sowie der ns-Zeit unter dem souverän herrschenden Diktator Hitler. Bei der Nachzeichnung dieses persönlichen Regiments fällt auf, daß die Darstellung zum Ende hin an Tempo zulegt: Der Weltkrieg beginnt — anders als in nahezu allen sonstigen Hitler-Biographien — reichlich spät, nämlich erst auf Seite 683 von rund 1000 Textseiten, und das Buch endet abrupt mit dem Pistolenschuß am 30. April 1945, gefolgt von einer guten Zusammenfassung, aber ohne einen Ausblick auf Hitlers Nachleben. Im letzten Drittel des Bandes begegnen dann auch vermehrt kleine Flüchtigkeitsfehler (meist falsche Datumsangaben), die auf eine gewisse Eile bei der Fertigstellung der Arbeit hindeuten.
Gleichwohl: Ein rundum gelungenes, zuverlässiges und vor allem unaufgeregtes Buch, geschrieben in einer angenehmen Prosa und — wenngleich ohne umstürzende neue Thesen — mit vielen Richtigstellungen von Details. Es ist weit mehr als eine Ergänzung der bisherigen Hitler-Biographik, sondern eine echte Erweiterung, die auf einer gelungenen Verkoppelung der Zeitumstände und Hitlers Persönlichkeit mit allen ihren Facetten beruht. Auf dem neuesten Forschungsstand wird überzeugend ausgebreitet, daß dieser Diktator buchstäblich auf allen Politikfeldern herrschte. So explizit und gut belegt wie bei Longerich konnte man diese wichtige Feststellung bisher nirgendwo lesen.