Kurt Scharr und Rudolf Gräf

Rumänien. Geschichte und Geographie

 

Wien, Köln, Weimar
UTB-Böhlau
2008
261 S., 6 Abb.
€ 20,50

 

Rezensentin: Diana Biltog

Historicum, Sommer—Herbst 2008, 75

 

 

 

 

Das vorliegende Sachbuch versucht nach Aussage des Verlages abseits nationalistischer Denkstrukturen die Vielfalt Rumäniens in seiner historischen Entwicklung nachzuzeichnen und somit einen Verständnisansatz für die komplexe Realität der Gegenwart bereitzustellen.

Um den Lehrbuchcharakter nicht zu beeinträchtigen, verzichten die Autoren auf Fußnoten und stellen ein thematisch strukturiertes Verzeichnis der weiterführenden Literatur zusammen. Folgende Anhänge werden dem Leser zur Verfügung gestellt: geographischer Index und Personenindex; zwei Überblickschroniken der politischen Ereignisse von 1412 bis 1699 und von 1989 bis 2007; zwei Überblicksskizzen der Entwicklungsphasen der historischen Regionen und deren politischen Status vom 18. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts und der Mächte, die sie beeinflußt haben oder von denen sie verwaltet wurden. Eine Karte illustriert die vier Großlandschaften (14) und eine andere die historischen Regionen Rumäniens (142).

Die geographische Einführung verschafft dem Leser einen guten Überblick; der ländliche Raum wird als Argument und Hintergrund der heterogenen Entwicklung des Landes gesehen. Während die Lage Rumäniens in Europa lediglich angedeutet wird, wird die interne Struktur minutiös erfaßt; besprochene Aspekte sind dabei Landschaft und wirtschaftliches Potenzial, diesbezüglich politische Verstimmungen, positive und negative Auswirkungen des Privatisierungs- und Modernisierungsprozesses, überbürokratische Verwaltung und Durchsetzung neuer Reformen sowie die soziale Lage der Bevölkerung. Die Zukunftsperspektive wird angesprochen, so der Transformationsprozeß und die notwendige Finanzierung des Bildungs- und Sozialsystems. Die ethnischen Minderheiten werden in achtzehn anerkannte nationale und ethnische Minderheiten unterteilt, ihre politische Beteiligung und Integration werden anhand konkreter Beispiele diskutiert. Da 90 Prozent der Bevölkerung Rumänen sind, davon 86,7 Prozent orthodox (28), kann man kaum von »Heterogenität« sprechen. Obwohl allgemein das demographische Bild einheitlich erscheint, bestehen doch große Differenzen von Region zu Region. Auch politische Ereignisse, wirtschaftliche Interessen und Ressourcen waren vor 1918 (Gründung des rumänischen Nationalstaates) von Provinz zu Provinz verschieden. Die Rumänen waren in der relativen oder absoluten Mehrheit, aber in Siebenbürgen nicht als »politische Nation« anerkannt (213).

Der Nationalstaat entstand in einer günstigen politisch-ideologischen Konjunktur, konnte aber seine damalige territoriale Form nicht behaupten. Die Autoren betonen die interne Krise des Staates und sehen den Anfang einer »Tradition« in autoritärer Staatsführung, die dadurch die wachsenden wirtschaftlichen und politischen Probleme zu beseitigen versuchte (54–56). Der externe Druck und einige noch bestehende Territorialansprüche der benachbarten Länder spielten aber nicht nur eine sekundäre Rolle.

Die Nennung der Ereignisse und der parallele Erklärungsversuch kennzeichnen den Stil der beiden Autoren. Stilistische Differenzen kann man erkennen, was aber den einheitlichen Charakter des Buches nicht beeinträchtigt. Die Autoren verfolgen den historischen Werdegang Rumäniens und seiner Regionen, die politischen Organisationseinheiten – vom Königreich unter der Hohenzollern-Sigmaringen-Dynastie über die Volksrepublik und Sozialistische Republik bis zur Demokratischen Republik –, den Anfang und Ausbau des Demokratisierungsprozesses nach 1989. Die kommunistische Epoche ist in zwei Perioden unterteilt: die erste zwischen 1948 und 1965, als das sowjetische Modell bei Durchsetzung des totalitären Einparteiensystems angenommen wurde und die Eingliederung Rumäniens in die Organisationen und Verbände des Ostblocks – bei gleichzeitiger totaler Isolation gegenüber dem Westen – erreicht wurde. Stalinistische Vorgangsweisen in allen Bereichen des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens kamen zur Anwendung. Die zweite Periode von 1965 bis 1989, als eine selbständige nationale, dann nationalistische Linie absehbar war, wurde durch dieselben Praktiken umgesetzt. Ceausescus bemerkenswerter Aufstieg in der Partei- und Staatshierarchie blieb nicht ohne Konsequenzen. Er verspielte den anfänglichen Erfolg in der Innen- und Außenpolitik, strebte für Rumänien politische Autarkie und Selbstversorgung an. Nach 1971 bewies er steigernden politischen Wahn mit Personenkult und Megalomanie und für die Bevölkerung bedrückenden Reformen und Rationierungen. 1989 brachte den blutigen Zusammenbruch. Die Autoren analysieren den politischen Einfluß markanter Persönlichkeiten und die Rumänisch-Orthodoxe Kirche als Stütze für das Bewußtsein einer rumänischen Nationalidentität.

Die komplexe Darstellung verzerrt keineswegs die Ereigniswahrnehmung der Leser, sondern bietet einen Einblick in die Hintergründe des Zeitgeschehens und verschafft die Möglichkeit zur tiefgreifenden Perspektive im Verbund mit dem Wandel von Werten und Kategorien.

In der kritischen Auseinandersetzung mit der rumänischen Historiographie betonen die Autoren, daß die Geschichte als politisches Instrument manipuliert wurde (40). Zur Beweisführung dient ihnen eine tiefergehende Analyse historiographischer Beispiele. Gefordert wird die Anwendung der kritischen Methode, sodaß nicht historisch belegte Ereignisse und Mythen keinen Platz finden; die Autoren schließen damit an die anderen Studien der letzten fünfzehn Jahre in der rumänischen Geschichtsschreibung an.

Geschichte Rumäniens, Geschichte der Rumänen und rumänische Geschichte vor und nach 1989 (als Jahr der »Wiederentdeckung« der europäischen Identität durch Aufbrechen des Ostblocks) bieten den Verfassern großen Diskussionsraum. Die vielfältige Entwicklung des rumänischen Staates und seiner Provinzen, besonders jene Siebenbürgens, das ausführlich gezeigt wird, ist stark regional und weniger einheitlich dargestellt. Demzufolge könnte man meinen, die Heterogenität Rumäniens sei nicht eine Schlußfolgerung, sondern eine zu argumentierende Zielsetzung: ab 1918 werden Großrumänien, seine politische Entfaltung und seine territorialen Einbußen bis 1989 behandelt; danach eine Gesellschaft ohne politische Erfahrung, deren kommunistische Aufgabe es war zu applaudieren. Für 2007 wird zum EU-Beitritt und zur demokratischen Unterstützung Stellung genommen. Zum Schluß wird jede einzelne historische Provinz von ihren Anfängen bis heute beschrieben, Theorien über die Ethnogenese sowie Spezifika der Regionen und politische Machtspiele präsentiert.

Eine aufgeklärte Betrachtungsweise macht aus diesem Buch ein wertvolles Werk. Als Sachbuch eignet es sich für ein breiteres historisch-geographisch interessiertes Publikum.