Susanne Schattenberg
Stalins Ingenieure. Lebenswelten zwischen Technik und Terror in den 1930er Jahren
Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit 11
München
Oldenbourg
2002
457 S.
€ 51,20
Rezensent: Stefan Hofmann
Historicum, Herbst 2003, 31
In Anatolij Rybakows Die Kinder vom Arbat wird der arme Sascha Pankratow in die Verbannung geschickt, obwohl er einen einflußreichen Onkel hat, der ihm helfen könnte. Mark, der Onkel, ist Techniker und Manager, er hat wirklich Einfluß, aber er will sich nicht exponieren. Er ist Stalin selbstverständlich bedingunglos ergeben und tut so, als sei er sich nicht sicher, ob der Neffe nicht vielleicht wirklich etwas angestellt hat. Im ersten Band der Arbat-Trilogie ist die Welt von den Deportationen abgesehen noch fast in Ordnung, nur am Ende wird Kirov ermordet. Im weiteren Verlauf der Trilogie (Jahre des Terrors) erfährt man en passant, daß Mark den Terror nicht überlebt hat. Rybakows Nebenfigur des Ingenieurs und Fabriksleiters ist wie alle seine Figuren ein getreues Bild eines Typus, der in der Stalin-Zeit präsent war. Eine systematische Untersuchung der sowjetischen Techniker in den dreißiger Jahren ist Gegenstand einer Dissertation, die an der Universität Frankfurt an der Oder entstanden ist.
Die Techniker waren in der Propaganda des Stalin- Regimes wichtige Figuren. Sie hatten nicht nur die Aufgabe, technische Probleme zu lösen, sondern sie erbrachten diese Leistungen als Sowjetmenschen und Gestalter des sozialistischen Aufbaus. Dieses Idealbild ist aber höchstens ein Teilaspekt des Umgangs mit Ingenieuren in der Sowjetunion vor dem Zweiten Weltkrieg. Folgende Umstände bestimmten den wechselvollen Verlauf der Politik gegenüber den Technikern:
Das Idealbild des Technikers kam mit der Stachanov-Bewegung in Gefahr; die Gegenüberstellung des theoretisierenden und ineffektiven Ingenieurs und des Arbeiters, der spontan das Richtige tut und damit Erfolg hat, bedeutete eine Neubewertung der technischen Intelligenz.
Schattenberg untersucht die Stellung der Techniker auf Basis von Akten, Publizistik, Memoiren, schöner Literatur und Film. Ihre Untersuchung befaßt sich nicht nur mit dem Bild, das man sich von Technikern machte, sondern auch mit den Lebensbedingungen, denen sie unterworfen waren, den Chancen, die ein Ingenieursberuf bot, ebenso wie den Gefahren, denen diese Personengruppe phasenweise ausgesetzt war. Diese Einbeziehung der Lebensverhältnisse in die Untersuchung ist sehr zu begrüßen.
Im großen und ganzen geht die Autorin chronologisch vor. Zunächst befaßt sie sich mit der alten Technikergarde, die in der Zarenzeit groß geworden war. Nach Maßstäben der Bolschewiki stellte diese Personengruppe keinen Verbündeten dar: Vor der Revolution wurden die Ingenieure als Handlanger der Kapitalisten betrachtet, deren Arbeit die effektivere Ausbeutung der Arbeiter bewerkstelligen sollte; zusätzlich vermittelte auch das Bild von der technischen Könnerschaft wenig Attraktivität, da man Ingenieure oft nur als unnütze Schreibtischsitzer ansah, die sich mit praktisch wertlosen Angelegenheiten befaßten. Dennoch bestand in den ersten Jahren nach der Revolution klarerweise keine Alternative, da eine fachliche Elite dieser Art nicht ohne weiteres zu ersetzen war. Man arrangierte sich daher zunächst.
Die einschneidende Änderung erfolgte 1927/8. 1927 entdeckte man gehäuft Fälle von Sabotage in Bergwerken, und 1928 deckte die GPU eine große konterrevolutionäre Verschwörung unter Grubeningenieuren in der Stadt Sachty auf. Diese Personen hatten, so stellte die wachsame Staatspolizei fest, seit fünf Jahren systematisch Maschinen ruiniert und sich provozierend gegenüber Arbeitern verhalten; immer weitere Details des Geschehens entdeckte man. Die darauf folgenden Schauprozesse können als Prototypen für die Schauprozesse der dreißiger Jahre betrachtet werden: ein Verschwörungsszenario, drakonische Strafen (eine Reihe von Technikern wurde zum Tod verurteilt), große öffentliche Resonanz und, sehr wichtig, ein starkes irrationales Element, das schwer verständlich macht, warum man das Ganze inszenierte. Eine Parallele zu den späteren Schauprozessen liegt auch in der Reaktion der Öffentlichkeit: Selbst unter Technikern war umstritten, ob es die Verschwörung wirklich gegeben habe; es war also keineswegs so, daß man die Angelegenheit ohne weiteres für eine Erfindung gehalten hätte. Der Sachty-Prozeß war der Auftakt für eine Kampagne gegen die alte technische Elite, die bis 1931 dauerte.
1931 entdeckten Stalin und sein Gefolge plötzlich, daß man die alte Ingenieursgarde noch brauchen könnte. Entsprechende öffentliche Erklärungen folgten, und die nächsten Jahre waren von einem für die Techniker günstigen Klima geprägt. In der Entlohnung und den sonstigen Vergünstigungen manifestierte sich eine neue Wertschätzung des Ingenieurs, die öffentliche Würdigung von ausgezeichneten Leistungen gehörte ebenfalls dazu. Der Grund für den Meinungsumschwung ist nicht leicht zu erkennen. Zwar ist es klar, daß eine Verfolgung der technischen Spezialisten in einem Land, das ein ehrgeiziges Industrialisierungsprogramm verfolgte, kontraproduktiv war, doch ließen sich Stalin und seine Leuten von solchen Erwägungen meist nur in beschränktem Maß leiten. Dies erwies sich auch Mitte der dreißiger Jahre wieder, als die Prioritäten wieder anderes gesetzt wurden und in der Stachanov-Bewegung (benannt nach jenem Bergarbeiter, der in der Nachtschicht zum 31. August 1935 1457 Prozent der Norm erfüllte) die Spezialisten neuerlich abgewertet wurden. Die Stachanov-Bewegung bereitete den Terror der Jahre 1937/8 gegen die Techniker vor, der Teil der allgemeinen Terrorwelle war; im Fall der Techniker gab es selbstverständlich immer »objektive« Indizien für strafwürdiges Verhalten, da jegliche Störung in der Produktion als Sabotage identifiziert werden konnte. Im Zusammenhang mit den Terrorjahren widmet die Autorin ein Kapitel auch dem Volkskommissar für Schwerindustrie Georgij Konstantinovic Ordzonikidze, der sich angesichts des Terrors und seiner eigenen Hilflosigkeit im Februar 1937 umbrachte; der Volkskommissar erscheint in der Wahrnehmung seiner Techniker als der große Helfer und wahrer Freund, der sich mit Umsicht und Weitblick um alles kümmerte.
Nach und nach lösten ab den späten zwanziger Jahren die nach der Revolution ausgebildeten Leute die Ingenieure aus der Zarenzeit ab. Schattenberg untersucht die Biographien dieser Personen, unterscheidet der sozialen Herkunft und der Bindung an die Partei nach und gibt ein einprägsames Bild der Technikerszene an den Universitäten und in der folgenden beruflichen Praxis. Die technische Elite mußte aus naheliegenden Gründen nach ihrer Ausbildung zur Berufsausübung in die Provinz gehen, ein biographischer Einschnitt, der für manche nicht unattraktiv war, vielen anderen aber äußerst ungelegen kam. Die Frage, wer sich dem Einsatz in der Provinz entzog, wurde zum Kriterium für die Feststellung der Parteiloyalität.
Dieser Band stellt in einer geglückten Weise die Untersuchung der Lebenswirklichkeit, der alltäglichen Verhältnisse der sowjetischen Ingenieure dem Selbst- und Fremdbild dieser Berufsgruppe gegenüber. Zwar geben die Memoiren der Ingenieure die Erlebnisse ihrer Autoren oft in stereotypisierter Weise wieder, doch lassen sich trotzdem daraus aufschlußreiche Ergebnisse gewinnen. Sehr zu begrüßen ist die Einbeziehung von Literatur und Film in die Untersuchung, da diese Medien eine klare Funktion für die Herrschaft Stalins hatten und die darin vorfindlichen Wertungen ein bezeichnendes Bild von der Stimmung in der Führung geben. Mit dem vorliegenden Band wird ein kleiner, aber wichtiger Ausschnitt des Alltags in Stalins Sowjetunion in erhellender Weise dargestellt.