Martin Scheutz, Vlasta Vales (Hg.)
Wien und seine WienerInnen, Ein historischer Streifzug durch Wien über die Jahrhunderte. Festschrift für Karl Vocelka zum 60. Geburtstag
Wien, Köln, Weimar
Böhlau
2008
388 S.
€ 35,00
Rezensentin: Doris Preindl
Historicum, Sommer—Herbst 2008, 73—74
Die zu Ehren des Historikers Karl Vocelka erschienene Festschrift
widmet sich verschiedenen historisch-soziologischen Aspekten Wiens in der Neuzeit bis zur Gegenwart. Dabei liegt der Schwerpunkt auf unbekannteren Themen, die aber nicht nur für den Fachmann, sondern für jeden historisch Interessierten interessant und spannend sind. Dabei werden folgende Themen in einzelnen Aufsätzen behandelt: die Entwicklung der Stadt Wien von der Residenzstadt zur Hauptstadt der Republik, die Beziehungen zwischen Böhmen und Wien beziehungsweise der Tschechen in Wien, das rechtlich-soziale Zusammenspiel zwischen Wien und den Umlandgemeinden im 18. Jahrhundert, der Fasching am frühneuzeitlichen Hof, Aberglaube (Interpretation der durch ungenügende Reinigung hervorgerufenen Verfilzung der Haare als Krankheit und Strafe von Geistern) versus rationales Handeln in der Zeit Maria Theresia. Dies ist nur eine Auswahl aus der Themenvielfalt des Buches. Von den zwanzig Aufsätzen verschiedener Autoren seien drei exemplarisch herausgehoben und besprochen.
Josef Pauser beschäftigt sich in »Weil nun der Reichtum so Zuckersüß …« Glückshäfen in der frühneuzeitlichen Jahrmarkts- und Festkultur Österreichs mit dem Glückshafen, der in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Festkultur eine große Rolle spielte. Unter Glückshafen verstand man eine öffentliche Warenausspielung, wobei allein der Zufall über Gewinn oder Verlust entschied, praktisch eine direkte Vorform der heutigen Lotterie. Einsatz und Gewinn standen fest. Veranstaltet wurde der Glückshafen von Städten, Vereinen oder Privatpersonen zu Finanzierungszwecken. Überwacht wurde die Ziehung meist von Ratsmitgliedern, ein Schreiber fertigte ein Protokoll an. Im Aufsatz wird die Entwicklung des Glücksspiels in Wien nachgezeichnet, Herkunft, Verbreitung sowie gesetzliche Regelungen bis zum Verbot Ende des 18 Jahrhunderts besprochen. 1475 ist der erste Glückshafen in Wien überliefert, er brachte der Stadt 226 Pfund 2 Pfennig ein. Gründe für die Veranstaltung konnten Schützenfeste, aber auch der feierliche Einzug des neu gewählten Königs, zum Beispiel Maximilian II. 1563, sein. Im 16. Jahrhundert fanden viele Glückshäfen statt, bewilligt wurden sie von Herrschaften, Städten und Märkten, ausgeführt (gegen einen Pachtschilling) von Privaten. Abgeleitet wurde dies vom Marktprivileg. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts häuften sich die Beschwerden über Betrügereien und vagierende Bevölkerungsgruppen, die durch das Glücksspiel angezogen wurden. Der Landesfürst verbot 1581 für Österreich unter der Enns und 1599 für Österreich unter und ob der Enns das Abhalten von Glückshäfen. Allerdings konnte der Landesfürst durch Privilegierung vom Verbot dispensieren. Das Glücksspiel unterstand dem Spielgrafenamt und wurde von ihm beaufsichtigt und die fälligen staatlichen Gebühren eingehoben. Das Spielgrafenamt wurde zurückgedrängt, Bürgermeister und Rat sowie der Landesfürst beziehungsweise die niederösterreichische Regierung erlaubten das Spiel auf Jahrmärkten. 1782 wurde das Amt von Josef II. aufgelöst, da zu diesem Zeitpunkt die Unterhaltungsbranche ein freies Gewerbe war. Anhand von vielen Quellen zeichnet der Autor die spannende Entwicklung des Glücksspiels nach und rekonstruiert aus den verstreuten Notizen einen idealtypischen Verlauf nach der Ordnung von 1627. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam die Lotterie auf, die dem Staat mehr Gewinn brachte. 1809 und 1813 wurde der Glückshafen in Österreich zugunsten der Lotterie verboten, da der fiskalische Nutzen zu gering war.
Friedrich Polleroß vergleicht in Der Wiener und sein Gartenhaus: Wolfgang Wilhelm Prämer (um 1637—1716) die Landhäuser beziehungsweise »Villa Suburbana« von Adeligen und wohlhabenden Bürgern. Dabei legt er den Schwerpunkt auf Wolfgang Wilhelm Prämer, einen kaiserlichen Beamten sowie bürgerlichen Wiener Hausbesitzer. Prämer prägte durch sein privates Engagement das Kulturleben Wiens und des kaiserlichen Hofes unter Leopold I. mit, bevor die Kulturpolitik einen institutionellen Rahmen erhielt. Seine publizierten Werke über Architektur sind Vorläufer für das berühmte Werk von Fischer von Erlach.
Renate Schreibers Aufsatz Schwedenhilfe nach dem ersten Weltkrieg für Wien. Erinnerungen von Elsa Björkman-Goldschmidt ruft die Schwedenhilfe nach dem Ersten Weltkrieg in Erinnerung, an die heute nur wenige Menschen in Wien denken, wenn sie Schwedenplatz und Schwedenbrücke hören oder überqueren. Doch wurde beides aus Dank für die Hilfeleistungen Schwedens an die Wiener Bevölkerung benannt, ein Engagement, das besonders die Schwedin Elsa Björkman-Goldschmidt förderte.