Wolfgang Schmale

Geschichte der Männlichkeit in Europa (1450—2000)

 

Wien, Köln, Weimar
Böhlau
2003
327 S.
€ 29,90 

 

 

Andrea Griesebner, Christina Lutter (Hg.)

Die Macht der Kategorien. Perspektiven historischer Geschlechterforschung

Wiener Zeitschrift für Geschichte der Neuzeit 2/2

 

2002

158 S.

€ 18,00

 

 

Rezensent: Michael Pammer

Historicum, Winter 2003—2004, 35—39

Maerten van Heemskerck, Adam und Eva, circa 1550. Bild: wikimedia commons

Männer sind anscheinend interessant, seit einiger Zeit. Nach dem Frauenministerium kam die Männerabteilung, nach der Frauengeschichte die Geschichte der Männlichkeit.

»Männer«, »Mannsein«, »Männlichkeit«, nein: »Männlichkeiten«, »Männlichkeitskonzeptionen«, »Männlichkeitsentwürfe«, »Männerforschung«, auch »Mythos Mann« und »Männerängste« — über all das wird seit längerem publiziert. Es erinnert stark an den faden, verzwickten Heinrich Böll, der irgendwo schreibt: »Es roch nach beginnender Männlichkeit«, ein Satz, der sich einprägt, weil er so appetitlich klingt.

Wolfgang Schmale, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Wien, behandelt die Geschichte der Männlichkeit im neuzeitlichen Europa nach einem einleitenden Kapitel über die Zeit um 1500 in vier Abschnitten, die dem 16. Jahrhundert, dem 17. Jahrhundert, dem 18.—20. Jahrhundert (bis 1945) und der Nachkriegszeit gewidmet sind. Ausgangspunkt der ersten drei Abschnitte ist jeweils ein durch Autobiographie oder Tagebuch eigenhändig dokumentierter Mann, nämlich Benvenuto Cellini, Samuel Pepys und Ulrich Bräker. Davon ausgehend charakterisiert der Autor die jeweilige Epoche. Insgesamt folgt die Darstellung etwa folgender Linie: Im 16. Jahrhundert ist von einer Geschlechtsidentität noch nicht zu sprechen, diese entwickelt sich erst in der folgenden Zeit heraus, die zunächst ein flexibles Männlichkeitsideal kennt; in der Spätaufklärung ist dann die Entwicklung eines »hegemonialen Männlichkeitsmodells« abgeschlossen, das im Lauf des 19. Jahrhunderts durchges£tzt wird und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts bestehen bleibt. In der Nachkriegszeit wird dieses »hegemoniale Modell« zerstört, an seine Stelle treten »Männlichkeiten« und eine ratlose Suche nach einem neuen verbindlichen Männlichkeitsbild, die erfolglos bleiben wird.

Worin bestehen diese zeitweise konkurrierenden, zeitweise »hegemonialen« »Männlichkeitsmodelle«? Abgesehen von vielen Thesen, über die sich streiten läßt, wirkt die Studie schon deshalb unbefriedigend, weil Schmale die verschiedenen Aspekte, die das Thema hat, nicht klar voneinander trennt und die Darstellung daher über weite Strecken schwammig und essayistisch wirkt. Welche Aspekte sind gemeint? Es geht

  • erstens um die Frage der Identifizierung der Geschlechter im Sinn einer eindeutigen Einordnung von Individuen als Männer oder Frauen;
  • zweitens um abstrakte Wahrnehmungen von Männern als Typus, also um Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die in einer Epoche allgemein Männern im Unterschied zu Frauen zugeschrieben wurden;
  • drittens um die geschlechtliche Identität von Männern, auch den untersuchten Einzelfällen, im Sinn einer Selbstwahrnehmung oder eines Selbstgefühls als Männer in Abgrenzung zu Frauen;
  • viertens um faktische Unterschiede in den Verhaltensweisen und Lebensverhältnissen von Männern und Frauen im jeweiligen historischen Kontext.

Zum ersten Punkt. Gab es im 16. Jahrhundert eine klare Unterscheidung zwischen Männern und Frauen in dem Sinn, daß eindeutig feststand, wer ein Mann und wer eine Frau sei? Die Frage wird in der geschlechterhistorischen Forschung ernsthaft diskutiert. Bei Schmale findet man dazu unterschiedliche Äußerungen; einerseits liest man über das 16. Jahrhundert: »Von einer Identifikation [gemeint: Gleichsetzung; M. P.] der Geschlechter konnte keine Rede sein« (76), was auch schon für das Kindheitsalter gelte. Andererseits resümiert der Autor für denselben Zeitraum: »Die biologische Unterscheidung des männlichen Körpers vom weiblichen war unscharf« (106); und: »Treffender ist, dass sich der Begriff der Geschlechtsidentität auf das 16. Jahrhundert noch nicht anwenden lässt. […] Die Identifizierung von Mann mit Mensch auf der Grundlage einer sehr ernst genommenen Gottebenbildlichkeit leistet der Formulierung einer männlichen Geschlechtsidentität sicherlich ersten Vorschub, andererseits sind die ›androgynen‹ Elemente in der Konzeptualisierung von Mann und Frau, Männlichkeit und Weiblichkeit stark und retardieren den Formulierungsprozess ebenso wie die geschlechtsübergreifende Durchlässigkeit aller genannten Konzepte« (107). Über das 18. bis 20. Jahrhundert schreibt Schmale: »In der Aufklärungsepoche wurde ein umfassendes Konzept von Männlichkeit entwofen. Es handelte sich um ein Konzept idealer Männlichkeit, das auf dem Prinzip der Geschlechtsidentität beruhte. Seit der Aufklärung war mit der biologischen Kategorisierung als Mann oder Frau das Wesentliche ausgesagt« (152). Die eindeutige biologische Unterscheidung zwischen Männern und Frauen sei also erst ein Ergebnis des 18. Jahrhunderts.

Kleiner Ausflug in die Biologie: Eine unterschiedlich starke Ausprägung der für das jeweilige Geschlecht typischen anatomischen oder Verhaltenseigenschaften wurde in letzter Zeit bei Nagetieren nachgewiesen, was mit der Anordnung von männlichen und weiblichen Wurfgeschwistern im Uterus und der daraus resultierenden unterschiedlichen Hormonexposition zusammenhängt (Rattenweibchen, die im Uterus neben einem Männchen liegen, sind höheren Testosteronwerten ausgesetzt als Weibchen, die neben einem Weibchen liegen). Beim Menschen, der ja den Uterus im allgemeinen allein bewohnt, sind solche Effekte allerdings wenig bedeutsam. Ausnahmen sind Mädchen mit einem Zwillingsbruder, die unternehmungslustiger und draufgängerischer sein sollen als normale Mädchen — der Grund liegt möglicherweise im höheren Testosteronspiegel, sei es in der Gebärmutter oder vielleicht auch nur im Spielzimmer der gemeinsam aufwachsenden Geschwister … Ansonsten könnten eventuell Streß und höhere Testosteronwerte der Mutter, angeborene Enzymdefekte beim weiblichen Fetus oder hormonartig wirkende Umweltchemikalien und Medikamente eine ähnliche Wirkung ausüben (vgl. zu alldem John G. Vandenbergh, Fremde Geschlechtshormone im Uterus, Spektrum der Wissenschaft 5/2004,38—43). Das klingt alles sehr vage und läßt sicherlich noch keine Verwechslung von Männern und Frauen befürchten.

Die These von der Verwechselbarkeit der Geschlechter ist dennoch in der Literatur seit längerem zu finden, mit besonderer Vehemenz vertrat sie Thomas Laqueur in Making Sex (Schmale ist in seinen Formulierungen sogar vergleichsweise vorsichtig), und die Vorstellungen vom »Einheitsgeschlecht« in der Renaissance sind mittlerweile bis ins Feuilleton durchgesickert. Die Wiederholungen machen die These aber noch nicht eingängiger. Die Fähigkeit zur einwandfreien Unterscheidung von Männern und Frauen gehört schließlich nicht zu den höheren Künsten und ist etwas, was schon kleine Kinder ohne besonderes Training beherrschen. Wahrscheinlich ist es eine angeborene, entwicklungsgeschichtlich sicherlich schon früh entwickelte Fähigkeit, die evolutionär zweifellos begünstigt war. Eine vom kulturellen Kontext abhängige hohe Variabilität würde bei einem solchen Merkmal überraschen. Aber immerhin ist es ja möglich, daß empirische Befunde ein solches Ergebnis doch nahelegen könnten.

Hintergrund und Ausgangspunkt der Diskussion bei Schmale sind die von Laqueur eingehend beschriebenen seltsamen Vorstellungen von den anatomischen Merkmalen von Männern und Frauen, wie man sie bei medizinischen Autoren der frühen Neuzeit findet. Diese Autoren bezogen sich dabei auf die Geschlechtsorgane von Männern und Frauen, deren prinzipielle Verschiedenheit sie vielfach nicht erkannten (auch in einigen bizarren Gerichtsfällen ging es um die Frage, ob eine als Mann auftretende Person in Wirklichkeit eine Frau war oder umgekehrt). Man sollte aus solchen Traktaten aber keine übertriebenen Schlüsse ziehen: Anatomen des 16. Jahrhunderts mochten zwar die Vagina oder die Klitoris bloß für eine andere Erscheinungsform des Penis halten und bei der bildlichen Darstellung männlicher und weiblicher Geschlechtsorgane eine gewisse Tendenz zur vereinheitlichenden Stilisierung verfolgen, sie erkannten aber dennoch, daß es Organe (oder in ihrer Sicht: Organvarianten) gibt, die für Frauen typisch sind, und Organe (oder Organvarianten), die man nur bei Männern findet. Es ist daher keine Frage, daß ein Arzt des 16. Jahrhunderts auch auf Basis zeitgenössischer anatomischer Lehren (oder, so wie jeder andere Beobachter, aufgrund des gesunden Menschenverstandes) in der Lage war, eine Person entsprechend ihrem Körperbau als Mann oder Frau zu identifizieren. Dennoch verallgemeinert Schmale, ähnlich wie andere Autoren, die Laqueurschen Ergebnisse zum Bild einer generellen Tendenz zur Androgynisierung des Menschen im 16. Jahrhundert. Zum Beispiel befindet er in Zustimmung zu Karin Orchard, die Renaissancekunst bediene »sich teilweise darstellerischer Prinzipien, die androgyn genannt werden können. Bestes Beispiel sind […] die Adam-und-Eva-Bilder eines Albrecht Dürer oder eines Martin van Heemskerk […] mit den in etwa gleich großen und nach derselben Harmonielehre geformten Körpern […]. Körpergröße und -bau wurden bei derDarstellung beider Geschlechter stark angenähert, weibliche Körperattribute wurden in männliche Körper eingefügt und umgekehrt« (74—75). Beim reproduzierten Bild Martin van Heemskerks kann aber in Wirklichkeit von androgyner Darstellung überhaupt keine Rede sein: Abgesehen davon, daß Adam größer als Eva dargestellt wird, was aber nicht einmal so wesentlich ist, ist der männlich-weibliche Kontrast zwischen den beiden Gestalten kaum stärker vorstellbar. Während van Heemskerks Adam keinerlei spezifisch weibliche Proportionen aufweist, ist das einzige nicht ausgeprägt weibliche Detail an der dargestellten Eva der stark entwickelte Deltamuskel am Oberarm; aber immerhin ist die Eva ja gerade als Apfelpflückerin im Einsatz und hebt den Arm in die Höhe. Nachdem schon diese Adam-und-Eva-Darstellung das beste Beispiel für die These des Autors sein soll, ist es kein Wunder, daß jeder Spaziergang durch eine Gemäldegalerie mit Werken des 16. Jahrhunderts das gleiche Ergebnis bringt: Die Unterscheidung von Männern und Frauen auf Gemälden dieser Zeit ist für den Betrachter normalerweise gar kein Problem, was daran liegt, daß die Geschlechter eben unterschiedlich dargestellt wurden. Schmale scheint diese Unterschiede nicht zu erkennen — man könnte ihm das gleiche entgegenhalten, was er über die mangelnde Wahrnehmung von Geschlechterunterschieden bei Anatomen im 16. Jahrhundert schreibt: »Offensichtlich trugen sie sich mit Wahmehmungsmustem, die das verhinderten« (67—68).

Außer den bildlichen Zeugnissen, die gegen die These von der Androgynisierung des Menschen im 16. Jahrhundert sprechen, legen auch literarische Quellen den Schluß nahe, daß diese Zeit durchaus realistische Vorstellungen von den anatomischen Unterschieden zwischen Männern und Frauen hatte. Lesern mit einem androgynen Menschenbild wären etwa die pornographischen Details bei Pietro Aretino, Matteo Bandello und minderen Größen der einschlägigen Literatur des 16. Jahrhunderts nicht recht verständlich gewesen. Auch zahlreiche und wichtige rechtliche Regelungen, etwa im Eherecht, im Erbrecht, im Strafrecht oder bei der Besetzung öffentlicher Funktionen, waren in jener Zeit (so wie zum Teil noch heute) zu ihrer Umsetzung auf die Möglichkeit einer eindeutigen Unterscheidung zwischen Männern und Frauen angewiesen, ein Erfordernis, das im Rechtsalltag offenbar auf keine Schwierigkeiten stieß. Der These von einer »unscharfen biologischen Unterscheidung des männlichen vom weiblichen Körper« fehlt nicht nur von vornherein die Plausibilität, sie ermangelt auch des empirischen Belegs.

Anders verhält es sich mit dem zweiten Punkt. Welche Verhaltensweisen oder Eigenschaften wurden als typisch männlich wahrgenommen? Welche Faktoren bestimmten diese Wahrnehmung? Hier sind Veränderungen im historischen Verlauf sogar sehr wahrscheinlich, und ebenso wahrscheinlich sind Erscheinungen, die weniger einen zeitlichen Wandel als eine soziale Variation nahelegen. In diesem Sinn ist wohl Schmales nicht näher ausgefiihrte Bemerkung über die unterschiedliche (männliche) Wahrnehmung von Männern verschiedenen Standes zu verstehen: »Konnte jeder Mann, gleich ob Bauer oder König derselbe Adam sein? Nein« (21). Als Beispiele für kollektive Wahrnehmungen von Männern seien nur die Ausführungen über Magie im 16. Jahrhundert und über die Rolle der Religionen und des Militärs im »hegemonialen Männlichkeitsmodell« genannt: Schmale liefert einen, gemessen am Umfang des Bandes und der Unwichtigkeit des Themas im gegebenen Kontext, eher längeren Abschnitt über Magie in der Renaissance, dessen männergeschichtliche Relevanz sich erst am Ende offenbart: es »sind unter den positiven magischen Mittlern […] ganze männliche Großgruppen zu finden. […] Umgekehrt überwiegt im Bereich der negativ konnotierten Magie, der Zauberei, der Anteil verfolgter Frauen bei weitem« (90).

Im Zusammenhang mit der religionsgeschichtlichen Dimension des Themas — gab es eine konfessionsspezifische »Männlichkeit«? — befaßt sich Schmale auch mit der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert: »Die katholische Kirche als Institution scheint wesentliche Aspekte des hegemonialen Konzepts für die eigene institutionelle Organisation interiorisiert zu haben. Sie organisierte sich autoritärer, hierarchischer und absoluter denn je. Im Kirchenstaat herrschten die Päpste mit absoluter Gewalt« (229). Diese Erklärung ist schon deshalb nicht nachvollziehbar, weil eine absolute Herrschaft ansonsten weder notwendig noch hinreichend für das »hegemoniale Männlichkeitskonzept« sein kann: Schließlich ist der Absolutismus keine Besonderheit des späten 18. und des 19. Jahrhunderts, und die Zeit von der Spätaufklärung bis zum Zweiten Weltkrieg kannte auch alle möglichen anderen Regierungsformen. Schmale weiter: »Das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes erscheint wie ein Reflex auf den überhöhten Begriff von Männlichkeit der Zeit. Das hegemoniale Männlichkeitskonzept nährte sich von einem impliziten Unfehlbarkeitsparadigma in Bezug auf ›den‹ Mann an sich« (229). Die Unfehlbarkeit des Papstes ist aber keine Erfindung des 19. Jahrhunderts, sondern entwickelte sich seit dem Hochmittelalter. Sie wurde immer, auch bei der Dogmatisierung 1870, im Rahmen der Unfehlbarkeit der Gesamtkirche und jener des Gesamtepiskopats gesehen, die das I. Vaticanum voraussetzte. Auch der Begriff der Unfehlbarkeit wurde schon seit der Spätscholastik verwendet und ist seit dem Tridentinum die herrschende Bezeichnung für die irrtumsfreie Erhaltung und Darbietung der Glaubenswahrheit durch die katholische Kirche. Abgesehen von der Bezeichnung gab es Überlegungen über ein besonderes Charisma dieser Art, über das die katholische Kirche verfüge, seit der Spätantike, wie sich aus einer Reihe von konziliaren und synodalen Dokumenten ergibt. Die lange Dauer dieses Prozesses hin zur Dogmatisierung hat hauptsächlich damit zu tun, daß in der katholischen Kirche Veränderungen üblicherweise eher gemächlich ablaufen. An sich ist dieses Charisma der Kirche nicht das erste, woran man im Zusammenhang mit »Männlichkeit« denkt, zumal es ja nur für Aussagen zu Offenbarungswahrheiten, dogmatischen Tatsachen und dergleichen gilt. Die päpstliche Unfehlbarkeit beschränkt sich auf die seltenen ex cathedra abgegebenen Aussagen in diesen Angelegenheiten und erstreckt sich nicht auf sonstige Meinungsäußerungen zu irgendwelchen anderen Fragen. Ohnehin wäre es nicht leicht verständlich, daß es eine umstürzende Neueinführung des »hegemonialen Männlichkeitsmodells« sein sollte, wenn zur Unfehlbarkeit einer (rein männlich besetzten) Bischofsversammlung die Unfehlbarkeit des (männlichen) Papstes hinzutritt.

Ebenso merkwürdig sind Schmales Bemerkungen über das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis: »Das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariae von 1854 (Pius IX.) führte zur Sublimierung des schon von der Aufklärungpropagierten Ideals des keuschen enthaltsamen Mannes in der Gestalt des Josef« (229). Die unbefleckte Empfängnis der Maria hat aber erstens nichts mit Josef und, wie der Autor aber offenbar meint, mit der Empfängnis Jesu zu tun, sondern mit der Auffassung, daß Maria selbst (von ihrer Mutter Anna) empfangen worden sei, ohne mit dem Makel der Erbsünde behaftet zu sein; keusche enthaltsame Männer waren dabei nicht involviert. Zweitens besteht auch die Lehre von der unbefleckten Empfängnis Mariens schon seit Jahrhunderten: Zunächst nicht unumstritten, wurde sie auf dem Konzil von Basel 1439 als katholische Lehre anerkannt, wenn auch noch nicht als Dogma verkündet; letzteres geschah dann 1854. Auch explizite Darstellungen der Unbefleckten Empfängnis als eigenen Bildtypus gibt es seit Ende des 15. Jahrhunderts (zuvor griff man für das Thema auf andere Bildtypen zurück, etwa auf die Begegnung an der Goldenen Pforte oder die Wurzel Jesse). Auch die Neubewertung der Gestalt des Josef, dem man sich im Mittelalter noch mit großer Vorsicht genähert hatte, war übrigens bereits eine Angelegenheit der Barockreligiosität und keineswegs eine Neuheit der Aufklärung oder des 19. Jahrhunderts.

Wie man sieht, sind die Subtilitäten der katholischen Dogmatik kein dankbares Objekt für die Männlichkeitsgeschichte, auch wenn die Terminologie (»unbefleckt«, »unfehlbar«) den unbedarften Benützer leicht einen Zusammenhang mit Sexualität und Dominanz vermuten läßt, der dann jede beliebige weitere Assoziation erlauben würde.

Als zentrales Element des »hegemonialen Männlichkeitsmodells« erscheint hier schließlich das Militär ab dem 18. Jahrhundert. Nicht, daß das Militär jemals nicht spezifisch männlich gewesen wäre; aber ab dem 18. Jahrhundert konstatiert Schmale eine allgemeine Militarisierung des Mannes, die prinzipiell alle Männer umfaßte und eine Art Gemeinschaftlichkeit zwischen den einbezogenen Männern schuf. Dazu ist aber anzumerken, und dies führt zum dritten Aspekt der Männlichkeitsgeschichte, daß diese Militarisierung zunächst nur die Wahrnehmung aus der Distanz, die Wahrnehmung des Mannes als Typus betrifft. Die Selbstwahrnehmung von Männern folgt ihr nicht notwendigerweise, wie man gerade bei der Militarisierung merkt. Gewiß konnte man noch vor wenigen Jahren in Österreich auf dem Land Gruppen junger Männer antreffen, die sich in Feierstimmung begaben, weil man sie bei der militärischen Musterung für tauglich befunden hatte. Das gebrochene Verhältnis von Männern zum Militär hat aber eine ebenso lange Tradition: Von Simulanten bis zu den Männern, die sich’s richten, reicht die Reihe derer, die sich dem militaristischen Anspruch entziehen, aber dabei völlig integriert bleiben. Diederich Heßling bleibt auch als Simulant, der vorzeitig das Militär verläßt, ein vollwertiger Mann, und umso mehr gilt dies für jene, die ohne Begeisterung und innere Beteiligung all das tun, was man von ihnen verlangt. Ein schönes Beispiel für die Spannung zwischen militaristischer Ideologie und militaristisch geprägtem männlichem Selbstgefühl ist das Bild des behelmten Leszek Miller in einer F16 (253) mit dem Hinweis auf George W. Bush, der sich ebenfalls gerne in ähnlichen Verkleidungen zeigt, in seiner eigenen Biographie aber ein durchaus distanziertes Verhältnis zum heroischen Kriegseinsatz gezeigt hat — hier wird der Unterschied zwischen militaristischer Rhetorik einerseits und internalisiertem militärischem Selbstgefühl andererseits besonders deutlich. Ins Leere geht übrigens Schmales Argument, es sei »nicht entscheidend, dass alle Männer sich in das Modell einfügen; entscheidend ist, dass sich Männer, welche Geschlechtsrolle auch immer sie übernehmen, in einer zwangsweise erzeugten Relation zum hegemonialen Modell befinden, die sie kaum beeinflussen können« (198). Rechtliche Regelungen wie die Wehrpflicht erzeugen nämlich immer zwangsweise und allgemeingültige Relationen zum Regelungsinhalt. Daß eine Regelung spezifische Folgen für Männer respektive Frauen (und entsprechende »Relationen«) vorsieht, hat aber noch nichts mit einem »hegemonialen Männlichkeitsmodell« zu tun und ist überhaupt nicht spezifisch für eine bestimmte historische Epoche.

»Männliches« Selbstgefühl steht also in einem gewissen Spannungsverhältnis zu propagierten »Männertypen«. Schmale beschäftigt sich in diesem Band in vieler Hinsicht mit dem Selbstbild seiner Protagonisten, vor allem in den Kapiteln über Cellini, Pepys und Bräker. Dabei stellt sich vor allem die Frage, ob jede Art von Selbstwahrnehmung, die man bei einem Mann findet, schon ein Selbstbild »als Mann«, das heißt im Gegensatz zu Frauen, indiziert. Der Stammbaum Benvenuto Cellinis, die Ehre Albrecht Dürers, Samuel Pepys’ Hypochondrie, Ulrich Bräkers Frömmigkeit, sie gehören nach Schmale zur (auch mit Mind-Mappings eher vernebelnd als erhellend illustrierten) »Männlichkeit« der jeweiligen Person. Aber in welchem Sinn? »Bräker schreibt […] über sich und sein Mannsein, das auf einer vom Schöpfergott über den leiblichen Vater zum eigenen Vatersein angelegten Achse positioniert ist« (157); Bräker schreibt über seinen »guten Gott«, seinen »liebreichen Schöpfer« — aber für sein Selbstgefühl »als Mann« besagt dies doch noch nichts: Weder gehört es zu einer Selbstdefinition als Mann in Abgrenzung von Frauen, noch ist darin eine Vorstellung zu sehen, die man bei Frauen nicht gefunden hätte.

Hier wird deutlich, daß die Beschränkung der Untersuchung auf Männer — Frauen kommen nur als Randfiguren vor — dem Buch nicht gutgetan hat. Spezifische Lebensverhältnisse, Empfindungen oder Verhaltensweisen von Männern zeigen sich schließlich erst im Vergleich zwischen Männern und Frauen — wenn man sich nur mit Männern befaßt, erklärt das Merkmal Geschlecht nichts mehr. In diesem Sinn ist das Buch einfach das Gegenstück zu einer traditionellen Frauengeschichte — nicht Geschlechtergeschichte! —, die sich exklusiv mit Frauen beschäftigt. Dies ist auch und noch mehr für den vierten oben genannten Aspekt von Bedeutung, nämlich für die Untersuchung der spezifischen Lebensverhältnisse und Handlungsweisen von Männern. Insgesamt findet man zu diesem Punkt freilich nicht viel in Schmales Band; allerdings sprengt ein Thema dieses Umfangs auch rasch den Rahmen einer Einzeluntersuchung.

Alles in allem ist diese Geschichte der Männlichkeit also nicht sonderlich überzeugend ausgefallen. Zu den Äußerlichkeiten ist zu bemerken, daß das Buch zwar im großen und ganzen ordentlich gemacht ist, aber die Bildqualität nicht befriedigt; die Reproduktionen erscheinen teilweise in extrem grober Auflösung und wirken wie vergrößerte Kopien von Bildchen aus Internet-Seiten. Das hätte man leicht vermeiden können.

Wolfgang Schmale ist unter anderem geschäftsführender Herausgeber der Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuheit. Ein Schwerpunktheft nahm sich des Themas Geschlecht an. Anliegen des Heftes ist es, zu zeigen, daß das Geschlecht nicht das einzige Merkmal ist, das die Lebenssituation von Menschen bestimmt; vielmehr seien zum Beispiel auch Verwandtschaftsverhältnisse, Stand oder Position in der Erbfolge wichtig: »Die konkrete Bedeutung des Frau- oder Mannseins lässt sich aus dieser Perspektive nicht ›fixieren‹, sondern sie ergibt sich aus spezifischen, sich historisch ändernden Bedingungen, Strukturen und Werten« (4). Das ist richtig, um nicht zu sagen selbstverständlich. Aber manchmal darf man ja auch Trivialitäten aussprechen, gerade in einer Einleitung.

Dann folgen einige Aufsätze, in denen die spezifische Bedeutung des Geschlechts und anderer Faktoren für ein historisches Geschehen gezeigt werden sollen. Drei von ihnen seien hervorgehoben. Der erste Beitrag stammt vom Michaela Hohkamp, die auch eine Meinung zum oben angesprochenen Thema der biologischen Unterscheidung von Geschlechtern abgibt, und zwar im ersten Absatz: »Auch wenn inzwischen klar geworden ist …« — der Kundige hört sofort, daß hier laut im dunklen Wald gesungen wird, denn was heißt schon »klar geworden«, wenn doch alles nur Diskurs ist? — also: »Auch wenn inzwischen klar geworden ist, dass Körper und Körperlichkeit nichts objektiv Gegebenes, die Unterscheidung zwischen ahistorisch-biologischem und historisch-kulturellem Geschlecht deshalb obsolet zu sein scheint …« (6). Ja, so: Es ist klar geworden, daß irgend jemandem scheint, Körper seien nichts objektiv Gegebenes. Das kann sein, man liest ja alles Mögliche.

Aber das ist nicht das eigentliche Thema des Beitrags. Es geht hier um Erbgänge in der vorderösterreichischen Herrschaft Triberg, die die Autorin anhand von Prozeßakten aus Erbschaftsstreitigkeiten untersucht — vielleicht nicht die beste Quelle, weil ja die meisten Erbgänge nicht von solchen Prozessen begleitet wurden, aber jedenfalls eine brauchbare Quelle. In einer allgemeinen Charakterisierung der Erbgänge im Untersuchungsgebiet stellt die Autorin dar, daß außer dem Geschlecht noch andere Kriterien wie Verwandtschaft und anderes bestimmend wirkten. Dann geht sie auf einen Einzelfall näher ein: Es geht um den Vertrag eines Mannes mit seiner blinden Schwester, demzufolge letztere lebenslang eine Parzelle aus der väterlichen Erbmasse zur Nutzung, ein Wohnrecht und sonst das Lebensnotwendige erhalten sollte. Nachdem die Frau wider Erwarten geheiratet hatte, verweigerte ihr der Bruder die bedungenen Leistungen, weil der Vertrag vorausgesetzt habe, daß sie als Behinderte auf die paktierte Absicherung angewiesen sei, was aber nun nicht mehr der Fall sei. Das obrigkeitliche Gericht entschied für den Bruder, was die Autorin zu folgender Erklärung veranlaßt: »Die Tatsache, dass sie, die Blinde, durch Heirat Herrin über einen an Landbesitz geknüpften eigenen Bereich geworden war, hatte zu dem für sie negativen Ausgang der Klage geführt. Denn Herrschaftsfunktionen — und seien es die beschränkten Rechte einer Hausherrin — waren und blieben aus Sicht der Obrigkeit an körperliche Unversehrtheit gekoppelt« (13). Dies ist aber nicht der wesentliche Punkt: Wesentlich war nur, ob die vertraglichen Unterhalts- und Nutzungsbestimmungen Bedürftigkeit voraussetzten oder nicht. Wodurch die Bedürftigkeit behoben wurde (durch Landbesitz des nunmehrigen Ehegatten oder durch andere Mittel), ist dann unerheblich.

Dann geht die Autorin auf Fälle von »Gewalt«, in Wahrheit größerenteils Ehrendelikte, ein, anhand derer sie beweist, daß sie letztlich doch auf das Geschlecht als erklärenden Faktor fixiert ist. Sie erwähnt verschiedene Fälle, in denen Frauen nach Beleidigungen, Drohungen, teils auch Tätlichkeiten beleidigenden (nicht verletzenden) Charakters, bestraft wurden, und stellt die Frage: »Doch weshalb bestrafte die Obrigkeit gerade Frauen so unnachsichtig?« (16) Die Frage ist nicht zu beantworten, weil die Autorin keine männliche Vergleichsgruppe präsentiert hat. Geht man nach der Beschreibung der Fälle, so wäre in Kenntnis sonstiger historischer Kriminalfälle die plausibelste Vermutung, daß Männer nach gleichen Handlungen wahrscheinlich in ähnlicher Weise bestraft wurden. Alles Gegenteilige würde überraschen und müßte belegt werden.

Es folgt ein Beitrag von Falk Bretschneider über die »Annaberger Krankheit«, eine in Annaberg im Erzgebirge im frühen 18. Jahrhundert auftretende Krankheit, die in Schmerzen, Krämpfen und phantastischen Erscheinungen bestand. In der Bevölkerung nahm man vielfach Hexerei als Ursache an, aufgeklärte Ärzte und Obrigkeit entschieden sich aber letztlich für eine eingebildete oder inszenierte Krankheit und bekämpften das Geschehen erfolgreich auf dieser Basis. Mit Geschlechterforschung hat der Beitrag nur insofern etwas zu tun, als es der Autor auffällig findet, daß unter den erkrankten Jugendlichen dreißig Prozent weiblich waren, unter den Erwachsenen aber siebzig Prozent. Bretschneider meint, »dass entlang der Altersstufen die ›Annaberger Kranckheit‹ verschiedene soziale Funktionen erfüllte«, und spekuliert über diese Funktionen (»adoleszente Emanzipationsriten«, »geschlechtsdiskursiver Stereotyp«) (23). Diese Vermutungen sind aber leider hinfällig, weil es insgesamt nur 22 Fälle gab; der Unterschied in der Geschlechterverteilung unter Jugendlichen einerseits und Erwachsenen andererseits ist damit gar nicht signifikant. Daß die Verteilung der Geschlechter nach Alter nur zufällig variiert, verwundert dann nicht, wenn man wie manche Autoren etwa eine Mutterkornvergiftung als Ursache der Krankheit annimmt.

Ein Fall von Ehebruch, Sodomie und verbotenem Hausierhandel 1779/80 ist Thema des Aufsatzes von Susanne Hehenberger. Sodomie (der Begriff wurde für den Verkehr mit Tieren, für homosexuellen Verkehr und andere Tatbestände verwendet) bedeutet in diesem Fall Coitus interruptus. Die Täter waren ein verheirateter jüdischer Hausierer und seine christliche Angestellte. Für den Prozeßausgang waren einerseits Ehebruch, Sodomie et cetera als solche bedeutsam, andererseits der schlechte Leumund der Frau, schließlich aber auch die antisemitischen Obsessionen mit stark sexueller Note, die aus den aktenmäßigen Bemerkungen der Gerichtspersonen deutlich erkennbar werden. Es ist dies zwar nur ein Einzelfall, dessen Verallgemeinerbarkeit man bezweifeln kann, er ist aber jedenfalls nicht uninteressant. Ein lesenswerter Beitrag.

Der Titel des Heftes kommt übrigens von einem terminologischen Mißgriff: Geht man nach dem, was die Herausgeberinnen meinen, so müßte die Ausgabe Die Macht der Merkmale heißen. In der Einleitung schreiben nämlich Griesebner und Lutter (so wie auch Hohkamp und Maria Mesner in ihren Beiträgen) immer von »Kategorien«, wo sie Merkmale meinen. Kategorien sind aber nicht Merkmale, sondern Ausprägungen von kategorialen Merkmalen (zum Unterschied von Ausprägungen quantitativer Merkmale — Statistik I). Zum Beispiel ist Geschlecht keine Kategorie, sondern ein Merkmal, dessen Ausprägungen Kategorien — männlich und weiblich — sind. Geschlecht ist daher ein kategoriales Merkmal, genauer ein dichotomes Merkmal, weil es nur zwei mögliche Ausprägungen hat. Andererseits hätte Die Macht der Merkmale trotz der charmanten Alliteration doch recht trivial geklungen — und damit aber auch wieder gut gepaßt.