Andreas Schwarcz
Frühmittelalterliche Studien
Wien
1996
Habilitationsschrift, Universität Wien
Rezensentin: Felice Lifshitz
Historicum, Winter 1997/1998, 6—8
»Die Geschichte der Goten ist wie die kaum eines anderen der spätantiken und frühmittelalterlichen Gentes ein europäisches Phänomen. In mehreren Schüben von Wanderungsbewegungen und neuerlichen Ethnogenesen verschob sich ihr Siedlungsraum von Polen in die heutige Ukraine und nach Rumänien, dann in die Balkanländer und nach Pannonien, von dort nach Italien, Südfrankreich, Spanien und Portugal. Ihre Spuren finden sich von der iberischen Halbinsel bis ins ferne Taurien am Schwarzen Meer, bis Kleinasien und Syrien« (#16 S. 123). So beginnt die Einleitung zum gotischen Teil der Burgenländischen Landesausstellung 1996 Hunnen + Awaren, eine kleine, vierseitige Übersicht gotischer Geschichte von Andreas Schwarcz, jüngst habilitiert bei seinem langjährigen Lehrer Herwig Wolfram (Wien); dieser ist einer der bekanntesten Experten für die Goten, jener sein würdiger Nachfolger. Seit Anfang der achtziger Jahre arbeitet Schwarcz bei Wolfram fast ausschließlich über die Goten im allgemeinen und besonders über die Beziehungen entweder zwischen reichsrömischen Behörden und ihren Angehörigen gotischer beziehungsweise weiterer barbarischer Herkunft oder (obwohl deutlich weniger) zwischen gotischen beziehungsweise weiteren barbarischen Nachfolgekönigen und ihren Angehörigen römischer Herkunft.
Andreas Schwarcz hat seine Forschungen in einer Reihe von Aufsätzen veröffentlicht, die im Laufe des Jahrzehnts 1986-1996 erschienen sind und die — alle zusammengenommen — die gotische Geschichte in ihrem europaweiten Aktionsraum »von der iberischen Halbinsel bis ins ferne Taurien am Schwarzen Meer« in der Blick nehmen. Von Anfang an hat er sich fast immer mit denselben Fragen beschäftigt. Um seinen wissenschaftlichen Beitrag richtig einzuschätzen, sollte man allerdings zuerst anerkennen, wieviele verschiedene Kulturräume und wieviele verschiedene Jahrhunderte er beherrschen muß. Ferner sind seine Arbeiten normalerweise ausgesprochen gründlich (obwohl ganz altmodisch, das heißt von neuen Fragestellungen vollständig unbeeinflußt und ohne jegliches theoretische Bewußtsein). Zuletzt, neben einer Menge hervorragender, umfassender Handbucheinträge, schließen sein Lebenslauf und sein Publikationsverzeichnis auch viele wichtige editorische, organisatorische und Lehrtätigkeiten ein, die sämtlich für den Wissenschaftsbetrieb wichtige Veranstaltungen und wertvolle Erkenntnisse für Universität, Publikum und historischen Beruf beitragen.
Unter der Gesamtheit der Arbeiten von Schwarcz bilden Übersichten oder Zusammenfassungen früherer bis gegenwärtiger wissenschaftlicher Literatur (normalerweise sogar mit ausführlichen Zitaten) zu bestimmten Themen vielleicht den wichtigsten Schwerpunkt (Publikationen #1, 4, 5, 9, 10, 15, 16). Sehr empfehlenswert ist zum Beispiel der Eintrag foederati (#15), wohl das bedeutsamste Thema für Historiker der germanischen Altertumskunde. Von der frühen Republik bis ins byzantinische Zeitalter haben die Römer mit verschiedenen Nicht-Römern (und selbstverständlich auch umgekehrt, die Nicht-Römer mit Rom) innerhalb, außerhalb und in den Grenzgebieten des Reiches mancherlei Verträge abgeschlossen. Jahrhundertelang jedoch »waren der Grad der Beziehungen und die Intensität der Verpflichtungen durchaus unterschiedlich« (#15 S. 291); es gelingt Schwarcz jedenfalls, die bunte, komplizierte Geschichte dieser Beziehungen klar und verständlich zu machen (wenn natürlich auch nur so weit, wie heutige Fachleute sie verstehen), denn er ist wahrscheinlich der beste Kenner der Beziehungen zwischen Römern und Nicht-Römern überhaupt. Wir können weder die Römer einerseits noch die Nicht-Römer andererseits wirklich völlig verstehen, ohne sie zusammen zu sehen, da zum Beispiel im 4. Jahrhundert ein großer Teil des Offizierskorps bis in die höchsten Positionen aus Franken, Alemannen, Vandalen oder Goten bestand. Besonders auffällig ist der Zosimusbericht: »als [der Gote] Stilicho 408 hingerichtet wurde, standen … mehr als 30.000 barbarische Soldaten in Italien unter Waffen … [deren] Frauen und Kinder in den Städten, wo sie stationiert waren, massakriert wurden und [deren] Besitz geplündert wurde, ein Indiz daß sie als reguläre Soldaten galten und in den Städten einquartiert worden waren« (#15 S. 296).
Daß Schwarcz also Römer und Nicht-Römer immer zusammen betrachtet, ist unbedingt nachahmenswert; allerdings hat er selbst leider nur einige wenige völlig neue Erkenntnisse in dieser Richtung beigetragen. Außer Zusammenfassungen wissenschaftlicher Meinungen wiederholen die meisten seiner Aufsätze bereits gut bekannte historiographische »Plots«, manchmal verhältnismäßig junge »Plots« wie zum Beispiel die Darstellungen Wolframs oder anderer zeitgenössischer Historiker, manchmal uralte, wie zum Beispiel die Erzählungen Cassiodors (#11) oder des Prokop (#12). Er bestätigt und erläutert schon bekannte Geschichten durch spezifische Fälle, ohne neue Themen anzugehen. Das ist sicher ein Beitrag, den man nicht unterschätzen soll; aber es ist kein neuer Beweis, »daß die Etablierung des Westgotenreiches als dominierende Kraft in Südgallien und Spanien mit aktiver Mithilfe zumindest eines Teils der römischen Oberschicht und der militärischen und zivilen Führung vor sich ging« (#14 S. 52), oder: »Bei den königlich verfaßten gotischen gentes und den Völkern in ihrem Einflußbereich gehörte jedenfalls im fünften, mehrheitlich auch noch im sechsten Jahrhundert das Feld dem homöischen Arianismus« (#3 p. 113). Schwarcz trägt zu diesen Geschichten der Niederlassung und der Bekehrung der Goten meist kleine Zusätze oder Ergänzungen bei, betreffend vor allem besondere Namen, Herkunft, Ämter und Lebensdaten der leitenden barbarischen beziehungsweise römischen Persönlichkeiten (zum Beispiel #2 S. 22—23; #3 S. 110—113); ab und zu korrigiert oder präzisiert er einzelne Daten, Amtstitel usw. (zum Beispiel #6 S. 53; #12 S. 121).
Dagegen erzählt er dreimal neue Geschichten, wirklich originelle eigenständig aus vielen verschiedenen Quellen erarbeitete »Plots«: über die gotischen Seezüge an der Schwarzmeerküste zwischen 238 und 278, »die einzige Epoche in der langen Geschichte der Beziehungen der Goten mit dem Reich, bis auf einige Episoden in Justinians Gotenkrieg, in der sie auch zur See tätig wurden« (#7 S. 47); über das Auftauchen der Ostgoten in Pannonien und auf dem Balkan — durch die Beziehungen ihrer Heerführer zum Römischen Reich — aus der »Konkursmasse« des Hunnenreichs nach dem Tod Attilas (453) bis zum Italienzug Theoderichs des Großen (488/98) (#6); zuletzt über die bisher nicht erkannten kirchenpolitischen Ziele der Erhebung (513—518) des Truppenführers barbarischer Herkunft Vitalianus gegen den Kaiser Anastasius I. (#8). Im Fall des Aufsatzes über Vitalianus weist Schwarcz auf einen wirklich breiteren, bedeutsamen Rahmen hin, denn die Ergebnisse und die Schlüsse dieser ausführlichen Untersuchung der Karriere des Vitalianus werfen Licht auf mehr als das Leben eines einzelnen Truppenführers gotischer Herkunft; in der Tat geben sie zu verstehen, daß Schwarcz die Fähigkeit und die Kenntnisse besitzt, ein großes, wichtiges, zusammenfassendes prosopographisches Buch über Truppenführer barbarischer Herkunft zu schreiben. Darauf hat er leider verzichtet. Das Folgende sind Auszüge aus den Ergebnissen dieses Aufsatzes, der in der Bulgarian History Review 1992 erschien: »Mit ihm endete ein Politikmodell, das die Verhältnisse des Ostreichs die letzten 120 Jahre entscheidend geprägt hatte: der Truppenführer barbarischer Herkunft, der seine Heerscharen gegen Konstantinopel führt, nicht um Kaiser zu werden, sondern um ein möglichst hohes reguläres Kommando in der kaiserlichen Armee für sich selbst und ausreichende Versorgung und Besoldung als Soldaten für seine Krieger zu erhalten. Es zieht sich ein Bogen von Alarich über Gainas und die beiden Theoderiche bis Vitalianus … In jedem Fall strebten sie nach Kontrolle über die Reichspolitik, ohne selbst das Diadem des Kaisers erreichen zu können. Alle bis auf Vitalianus … schloß … barbarische Herkunft und homöisch-arianisches Bekenntnis vom Thron aus. Vitalianus konnte als Berufsoffizier der zweiten Generation kein gentiles Königtum anstreben, aber seine Rolle als Vorkämpfer der Orthodoxie machte ihn gefährlicher [für den Kaiser] als alle seine Vorgänger ... Es verwundert nicht, daß Justinian nach Beseitigung dieses Konkurrenten keinen anderen Militär mehr auf Dauer politisch relevant werden ließ« (#8 S.10). Es ist schade, daß Schwarcz bisher mit seinem tiefen Verständnis der Bedingungen und Bedürfnisse der Truppenführer barbarischer Herkunft nichts Ehrgeizigeres unternommen hat.
Wie oben bemerkt, hat sich Schwarcz fast ausschließlich mit den Goten beschäftigt, und zwar fast nur mit Männern, die Berufsmilitärs waren, ohne zum Beispiel Frauen oder Kinder zu berücksichtigen. Er behandelt fast ausschließlich politisch-militärische Ereignisse, ohne etwa kulturgeschichtliche Felder zu betreten oder überhaupt wahrzunehmen. Begriffe wie Romanisierung und Germanisierung werden weder benutzt noch erforscht noch ihre Nützlichkeit ausdrücklich bezweifelt; Fragen über kulturellen Austausch oder Veränderungen fehlen überhaupt. Schwarcz fragt nie nach der Eingliederung von Bündnispartnern ins Reich, nie nach den Ketten (schwache oder starke) — außer den Verträgen selbst —, die die Reichsangehörigen an Rom banden. Im Auftrag des Handbuchs der Politischen Ideen von Piper fragte er allerdings nach den Weltanschauungen der Menschen, die er studiert (#10). Der Aufsatz, mehr oder weniger ein Entwurf für eine politische Ideengeschichte der Germanen, stellt eine Art Umweg dar, weg von den übrigen Arbeiten Schwarcz'.
Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die es stets abgelehnt haben, solch eine Ideengeschichte zu verfassen, bemüht sich Schwarcz, die politische Vorstellungswelt (hier keine Mehrzahl) der Germanen aufgrund einer Quellenreihe zu erfassen, die sich von den Werken des Julius Caesar und des Tacitus über Gregor von Tours und Jordanes bis zu Rudolf von Fulda und Widukind von Corvey und sogar noch weiter ausdehnt. Insofern er (historiographisch) frühere wissenschaftliche beziehungsweise politische Zuwendungen zu oder Verwendungen von Germanenbildern schildert, ist Schwarcz sehr erfolgreich (genauso wie in seinen anderen Handbuchbeiträgen oder Zusammenfassungen). Seine weiteren Anstrengungen lohnen sich wesentlich weniger, weil es (mindestens meiner Meinung nach) einfach nicht möglich ist, die politische Vorstellungswelt der antiken »germanischen« Völker (Goten, Burgunder, Vandalen usw.) zu konstruieren, besonders nicht ausschließlich aufgrund einer jahrtausendealten Überlieferung gelehrter lateinischer Schriften ohne Bezug auf sogenannte volkssprachliche Schriften oder auf die »Wirklichkeiten« volkstümlicher beziehungsweise herrschaftlicher Praxis.1 Jedenfalls ist es sicher ein gutes Zeichen, daß Schwarcz das neue Forschungsfeld der Ideengeschichte austesten wollte; deshalb können wir uns vermutlich auf seine zukünftigen Arbeiten freuen.
Trotz editorischer, organisatorischer und Lehrtätigkeit hat Schwarcz sich inzwischen ein ansehnliches Publikationsverzeichnis erarbeitet, dessen Veröffentlichungen #1 bis 12 und 14—16 gut zusammenhängen; sie bilden quasi eine einer Dissertation gleichwertige Publikation über reichsangehörige Truppenführer barbarischer Herkunft vom Schwarzen Meer bis zur Iberischen Halbinsel.
Seit 1994 hat Schwarcz ein neues, einem zweiten Buch gleichwertiges Projekt, nämlich eine Neuedition (hoffentlich auch eine Analyse) der Historia persecutionis Africanae provinciae des Victor von Vita (#13 S. 115). Die Vollendung dieser Herausgeberaufgabe verlangt und fördert mancherlei Methoden und Kenntnisse, die sich völlig von den bisherigen Methoden und Kenntnissen Schwarcz' unterscheiden. Alle nötigen Vorarbeiten für eine Neuedition wurden von Schwarcz selbst schon geleistet, denn er hat ein kommentiertes Verzeichnis aller 38 erhaltenen Handschriften der Historia persecutionis Africanae provinciae angefertigt und veröffentlicht (#13). Wie bei Schwarcz häufig, hat er sehr sorgfältig daran gearbeitet. Hier nur ein Zusatz zum Nebenthema der Rezeptionsgeschichte Victors: Florus von Lyon hat Mitte des 9. Jahrhunderts Victors Historia persecutionis für seine Martyrologien viel benutzt2, ein Jahrhundert vor Theoderich von Fleury (genannt von Schwarcz als erster belegter Benutzer der Historia; #13 S. 137—138). Wahrscheinlich würden Schwarcz und die historische Wissenschaft viel Nutzen daraus ziehen, wenn Schwarcz sich den Vandalen zuwenden würde. Es gibt keine intensive Forschungstätigkeit im Bereich des frühmittelalterlichen Afrika, ganz im Gegensatz zur Geschichte der Goten; bei dieser konnte Schwarcz nur geringe Beiträge erbringen, denn die Ereignisse sind im allgemeinen schon gut bekannt, über die Geschichte der Vandalen hingegen wurde meiner Kenntnis nach seit zwanzig Jahren praktisch nichts auf Deutsch geschrieben. Die Vandalen könnten eine Brücke aus der Welt der Goten und aus dem Land der Gotenforscher bieten.
Ich danke Gundula Grebner für ihre Hilfe mit der deutschen Fassung der Besprechung.
Vgl. zum Beispiel Carl I Hammer, Jr., Family and Familia in Early-Medieval Bavaria, in: Family Forms in Historic Europe, hg. von Richard Wall, Jean Robin u. a., Cambridge 1983, 217—248; Schwarcz #10 S. 29-31.
Zur kumulativen Habilitationsarbeit gehörende Arbeiten von Andreas Schwarcz: