Reinhard Sieder
Zur alltäglichen Praxis der Wiener Arbeiterschaft im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts
Wien
1989
515, 64, 4 S.
Habilitationsschrift, Universität Wien
Rezensentin: Johanna Tureczek
Historicum, Sommer 1989, 8—11
In der Alltagsgeschichte dominiert bekanntlich das narrative Element. Ich will daher auch die Besprechung von Reinhard Sieders »Zur alltäglichen Praxis der Wiener Arbeiterschaft im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts« erzählerisch gestalten und einfach vom Leseerlebnis berichten.
Der Ausdruck alltägliche Praxis hat mich gleich einmal gewundert — gibt es eine alltägliche Theorie? Vielleicht. Wie der Titel zustandegekommen ist, wird aus dem ersten Teil der Arbeit ersichtlich, der sich mit Gattungsfragen und methodischen Problemen beschäftigt. Sieder greift dabei eine Form von historischer Sozialwissenschaft an, die unter, wie er meint, »Hypertrophierung der Strukturen« in Versuchung gerate, »›strukturellen Wandel‹ für ›sozialen Wandel‹ schlechthin auszugeben«. »Wie alle Strukturalismen verwischt sie damit den Unterschied zwischen dem strukturierenden Prozeß (an dem die sozialen Subjekte tätig beteiligt sind) und dem Ganzen einer ›Struktur‹, wie es etwa in Gestalt einer Sozialstatistik besteht. […] Sie verfehlt dann ihr Explanandum, welches unbestreitbar der historische Prozeß ist, der sich immer sowohl aus den von den Akteuren vorgefundenen Ausgangsbedingungen ihres Handelns und Deutens, als auch aus der sozialen Praxis der Akteure selbst konstituiert« (10). Mir ist dazu eingefallen, daß das Problem weniger in der Überstrapazierung von Volkszählungsdaten oder Produktionsstatistiken liegen könnte, sondern vielleicht in dem Umstand, daß das »Handeln und Deuten« der Beteiligten weniger klar dokumentiert ist als das statistische Ergebnis. Nicht jede Epoche kann mit Oral-History-Interviews aufwarten.
Daß, so Sieder, Quantifizierung mit Strukturgeschichte zusammenhängt (9), ist allerdings, wie mir scheint, weniger ein Problem der Strukturgeschichte als der Alltagsgeschichte, die auf die Quantifizierung verzichtet. Denn Quantifizierung ist ja nicht an einen Gegenstand gebunden, sondern einige ihrer nützlichen Eigenschaften — insbesondere die überprüfbare und kritisierbare Darstellung von Verallgemeinerungen — wären auch für die Untersuchung der, wie Sieder sich ausdrückt, »sozialen Praxis der Akteure« brauchbar. Daher stimme ich auch, um vorzugreifen, nicht mit ihm überein, wenn er schreibt: »Die Verallgemeinerbarkeit unserer qualitativen Ergebnisse über ›alltägliche‹ Praxis begründet sich jedoch nicht primär aus der Meß- und Zählbarkeit je individuellen Deutens und Verhaltens, sondern aus dessen Typikalität, die an die analytische Ausweisung von ›Sozietäts-‹ und ›Individualitätsformen‹ bzw. ›Habitusformen‹ gebunden ist. Umgekehrt sind im quantifizierenden Paradigma in der Regel nur Messungen und Zählungen einzelner Aspekte der objektiven Verhältnisse möglich, in denen die nicht exakt meßbaren Erfahrungen der sozialen Subjekte gemacht worden sind« (62). Es ist doch grundsätzlich durchaus möglich, die Verbreitung von Habitusformen (die zwar nicht »exakt meßbar« im Sinn einer Bezifferung sind, als Kategorien aber natürlich erfaßbar sind) quantitativ festzustellen; man kann also nicht nur die »objektiven Verhältnisse« erfassen, und schon gar nicht nur »einzelne Aspekte«, sondern man kann auch recht komplexe Typen zählen.
Doch weiter in der Einleitung. Der nächste Hauptpunkt ist die begrifflich-methodische Klärung des Alltags- bzw. Lebenswelts-Begriffs. Sieder wendet sich gegen »subjektivistische« Ansätze (die zwar die Interaktion der Beteiligten beschreiben, dies jedoch unter Ausklammerung determinierender Bedingungen tun) und plädiert für »Lebenswelt«, »denn damit muß konsequent auch vom Komplementärbegriff ›System‹ die Rede sein« (20). In seiner blumigen Ausdrucksweise: »Mit ›Lebenswelt‹ ist vielmehr jene Sphäre der interagierenden sozialen Subjekte (›Akteure‹) bezeichnet, in der diese auf die kommunikative Koordination ihrer Handlungen und Deutungen, auf die diskursive Einigung über handlungsrelevante Normen und Werte verwiesen sind. ›Lebenswelt‹ soll also im folgenden immer heißen: kommunikativ koordinierte Interaktion der sozialen Subjekte zur pragmatischen Bewältigung ihres Daseins, oder kurz gesagt notwendige Praxis« (20).
Ich halte in meiner Erzählung kurz inne, weil ich merke, daß ich mich bereits an Sieders Terminologie annähere; daher sei festgehalten: natürlich ist mir bekannt, daß das Handeln von Personen ebenso objektiv ist wie ein Bruttosozialprodukt. Und ebenso weiß ich, daß »Lebenswelt« und »System« nicht komplementär sind; schließlich ist jede Lebenswelt selbst ein System. Ich weiß auch, daß Strukturgeschichte und Geschichte des »Handelns und Deutens« in Wirklichkeit kein Gegensatz sind, da ja jedes Handeln und Deuten - sofern es in irgendeiner Hinsicht funktional ist oder funktional sein soll — strukturiert (und, nebenbei gesagt, ein System) ist. Aber darum geht es Sieder nicht, er ist ja kein Systemtheoretiker. Für ihn heißt es: Nackte Zahlen und dürre Statistiken — das ist System oder »das Objektive«; lebendiger Alltag und saftige Geschichten — das ist Lebenswelt oder »das Subjektive«.
Und Geschichte der Lebenswelt — um den Faden wieder aufzunehmen — ist die »Re-Konstruktion von Handlungs-, Wahrnehmungs- und Bewertungsprinzipien der historischen Akteure (ihre soziale Kompetenz), die im dialektischen Verhältnis mit den objektiven Bedingungen ihre Strategien in den Handlungsfeldern einer Lebenswelt bestimmen und zu erkennbaren Regelmäßigkeiten in ihrer Praxis führen. Diese Regelmäßigkeiten sind es, die in der Analyse 'auffällig' und erklärungsbedürftig werden« (24).
Ich übergehe jetzt die Ausführungen zur Interviewtechnik — es sind dies durchaus einleuchtende Ausführungen über die Frage des Verhältnisses von Erklärungen der erzählenden Personen und Erklärungen des Historikers — sowie diejenigen zur formalen Seite der Erzählungen, die ohnehin keinen übermäßig starken Bezug zum Hauptteil der Arbeit haben.
In diesem Hauptteil sind die 80 Interviews verarbeitet, die Sieder seit 1979 gemacht hat. Die Interviewpartner waren Arbeiter bzw. Nachkommen von Arbeitern verschiedenen Typs: gelernte Handwerker, die aus Kleinstädten nach Wien zugewandert sind, bildungsbeflissen und politisch organisiert, samt ihren zu Hause bleibenden Frauen; ungelernte oder angelernte Arbeiter, beide Ehepartner berufstätig, die Kinder erwartet das gleiche Schicksal; frisch zugewanderte Mitglieder ethnischer Minderheiten mit mangelhaften Deutschkenntnissen; Heimarbeiter und ebenfalls zu Hause tätige selbständige oder verlagsmäßig organisierte Kleingewerbetreibende mit ähnlichen Lebensbedingungen wie Heimarbeiter; aufgrund von Alkoholismus, Arbeitslosigkeit oder Kriminalität marginalisierte Arbeiter, wenig seßhaft, die Erfahrungen mit Fürsorge, Jugendamt und Polizei haben (77—80).
Es sei gleich vorausgeschickt, daß diese Typen zwar in der Darstellung des öfteren als solche gekennzeichnet werden (die Übergänge sind fließend) und daß ihnen in den einzelnen Kapiteln dann und wann allgemeine Eigenheiten zugeordnet werden, daß sie aber für die Gliederung der Arbeit nicht bestimmend sind und auch nicht zusammenfassend abgehandelt werden.
Die Arbeit ist eine Art kollektiver Biographie der befragten Personen: Kindheit, Jugend, Sexualität, die Etablierung der nunmehr Erwachsenen im Roten Wien. Zur »Kindheit« gehört dann etwa auch das Leben der Erwachsenen (Eltern oder Großeltern) zu Beginn des Jahrhunderts, wobei die Perspektive der Beschreibung eben vorwiegend die des Kindes ist.
Die »Kindheiten« beginnen mit den »Gassenkindern«, und zwar mit den Überlegungen zur Betreuung der Gassenkinder, die von allen Seiten angestellt wurden. Sieder geht vorwiegend auf die sozialdemokratischen Vorschläge, Jugendorganisationen und auf private und öffentliche Horte nach dem Ersten Weltkrieg ein. Ihre Grundlage hatten diese Aktivitäten in allgemein verbreiteten Mutmaßungen über die Gefährlichkeit einer unorganisierten und unbeaufsichtigten Freizeit, die Kinder auf der Straße verbrachten, für ihre sittliche Entwicklung. Dieser knappen und durchaus instruktiven Darstellung des Blicks von außen werden dann die Erinnerungen der ehemaligen Gassenkinder gegenübergestellt.
Dabei geht es um locker gebildete Gruppen von Kindern, die v. a. wegen der beengten Wohnsituation in der schulfreien Zeit auf der Straße spielten; Sieder stellt dar, wie strikt die räumliche Abgrenzung der Reviere dieser Gruppen von denen anderer »Banden« war, schreibt über Spiele, Gruppenhierarchien, Kleidung und Geschlechterrollen, über Arbeit und Hunger im und nach dem Krieg, über ethnische Differenzierungen und Abgrenzungen zwischen »besseren Arbeitern« und »Proleten«. Ein wenig gewaltsam, wie ich finde, zieht er eine Linie von den Verhaltensweisen der Kinder zum »proletarischen Habitus«: Der Umstand, daß auf dem Hofferplatz in Ottakring immer wieder entgegen einem polizeilichen Verbot Fußball gespielt wurde und daß dann und wann ein Fetzenfußball konfisziert wurde (»ein schmerzlicher Verlust«, meint der Autor allen Ernstes, S. 114), signalisiert für Sieder »ein spezifisch ›gegnerisches‹ Verhältnis zu den Autoritäten des Staates, der Gemeinde und der privaten Haus- und Grundbesitzer […] daß viele von ihnen dabei die auch in späteren Lebensphasen relevant bleibende Erfahrung machten, […] daß sie als die Kinder der besitzlosen Klassen ihre Ansprüche auf ›Spielraum‹, im übertragenen und im wörtlichen Sinn, immer aufs neue erkämpfen mußten« (114). Eine wahrhaft selbstbewußte proletarische Jugend.
Zu zahlreichen weiteren Themen finden sich Ausführungen in diesem längsten Abschnitt des Werks. Zum Familienleben: die Stellung des pater familias, die tägliche Zelebration seiner Heimkehr von der Arbeit, Kindererziehung; Autorität, Strafe, innerfamiliäre Kommunikation; das Verhältnis zwischen Geldbeschaffung durch den Mann und Geldverwaltung durch die Frau. Zur Wohnsituation: Wohnungsgröße, sanitäre Gegebenheiten, Schlafgewohnheiten und Sexualität in der Wahrnehmung der Kinder, Ausstattung der Wohnungen, Bewältigung der Hausarbeit.
Nach einiger Zeit begann ich zu überlegen, warum ich die Arbeit, die doch wirklich interessante Dinge behandelt, nicht einfach mit Vergnügen las — irgendetwas störte mich. Sicher einmal — da brauchte ich nicht lange nachzudenken — die bereits mehrfach angesprochene Ausdrucksweise. Z. B. verwendet Sieder mit enervierender Regelmäßigkeit das Partikel »je«, das, glaube ich, aus dem nördlichen »Diskurs« (auch einer von Sieders Lieblingsausdrücken) den Weg zu uns gefunden hat: Mündliche Erzählungen z. B. »unterliegen dem je bestehenden gesellschaftlichen und milieuspezifischen Konsens« (68). Genauigkeit tut gut.
Aber das sind wir ja schon gewöhnt. Trotz »je« und »genauerhin« - die Ausdrucksweise allein war es sicher nicht, was mir nicht gepaßt hat. In mir keimte der Verdacht, daß es etwas damit zu tun haben könnte, wie Sieder die »Strategien« und »Regelmäßigkeiten« seiner Interviewpartner erklärt.
Wie war das gewesen? Ich blätterte zurück: »In seinen Freizeitgewohnheiten, in seiner Weise zu essen und zu trinken und darüber in seiner Körperfigur repräsentiert Auer sen. den Typus des ›alten‹ Arbeiterpatriarchen. Hier wird deutlich sichtbar, was man die ›Inkorporierung des Geschmacks‹ nennen kann. Der Geschmack beim Essen (Schweinebraten, Wiener Schnitzel, Rindfleisch) wie beim Sport (Ringen, Stemmen, in anderen Fällen auch Boxen) ist eindeutig auf das Schwere, Starke und Grobe ausgerichtet« (173). Ja, Perlhühner sind seine Sache nicht. Doch weiter: »Dieser Geschmack korreliert mit dem männlichen Körperideal […] Schwer vorstellbar ist, daß ein solcher ›Koloß von einem Mann‹ feingrätige Fische ist [sic!)]. Es würde seine Geduld und seine groben Finger überfordern, es würde ihn ›hilflos‹ machen und damit sein Selbstideal des ›starken Mannes‹ verletzen« (173). Nun, Auer sen. hätte den Fisch wohl mit einem Besteck gegessen; da stören die groben Finger weniger. Außerdem gibt es kaum etwas Männlicheres als einen Fisch.
Ich merkte nun, daß ich mich auf der richtigen Spur befand. Ich paßte ab jetzt auf die Erklärungen auf, und zwar besonders auf die einleuchtenden.
Dazu ein paar von den Beispielen, die sich mir stärker eingeprägt haben, wobei ich mich zuerst auf die Familie Zvacek konzentriere. Zum Vater Zvacek: »Kurz vor der Jahrhundertwende in Wien angekommen, fand er zunächst über die Vermittlung eines Onkels — also über das soziale Netz der Verwandtschaft — Arbeit bei einem Malermeister« (244). Ein Onkel ist ein Verwandter, Verwandtschaft ist nicht nur ein biologisches, sondern auch ein soziales Verhältnis, also kann man bei Arbeitsvermittlungen durch einen Onkel tatsächlich bildlich von einem »sozialen Netz der Verwandtschaft« sprechen. Es kostet wenig, bringt allerdings auch nicht viel. Die Großmutter: »Wie viele Frauen ihrer Herkunft nutzte sie ihre hauswirtschaftliche Kompetenz und ging als Wäscherin in Bürgerhäuser« (244). Ja, Fähigkeiten als Wäscherin stellen in der Tat eine Art hauswirtschaftlicher Kompetenz dar. Dann zieht die Großmutter wegen des Alkoholkonsums des Großvaters mit Sack und Pack aus der Wohnung aus. Die Folge: »Der Großvater wurde aus dem für ihn überlebenswichtigen sozialen Netz der Familie ›ausgeschieden‹. Die leere Wohnung verdeutlicht ex negativo die fundamentale Bedeutung des allabendlichen ›Empfangen- und Umsorgtwerdens‹ für die physische und psychische Rekreation des städtischen Lohnarbeiters« (245). Und nach der Übersiedlung: »Die Enkulturation im neuen Quartier vollzog sich […] als sukzessive Aneignung seiner Besonderheiten« (247). (Letztere Bemerkung ist nicht nur konsensträchtig, hier wird nahezu das Wesen der Enkulturation getroffen). »Je sicherer und regelmäßiger das Einkommen, desto höher war die Chance, eine Wohnung ›der eigenen Wahl‹ zu bewohnen, solange sie den wahrgenommenen ›Bedürfnissen‹ entsprach« (261—262). Vielleicht keine besonders originelle Erklärung zum Wohnungsmarkt, aber fraglos eingängig (bis auf die »wahrgenommenen ›Bedürfnisse‹« — wie verhalten sich »nicht wahrgenommene Bedürfnisse« zu Dingen »der eigenen Wahl«?).
Da ich mich fragte, wozu all diese Redundanzen gut sein sollten, habe ich noch einmal in der Einleitung herumgesucht und glaube auch fündig geworden zu sein: »Der Anschaulichkeit und Konkretheit vieler Interviewzitate folgt die distanzierte und teilweise abstrakte Sprache des Interpreten, der sich auf die Suche nach einer allgemeinen Wahrheit begibt. […] Die Aufgabe einer wissenschaftlichen Interpretation solcher Texte ist es, theoretische Antworten zu finden, die jenen der Subjekte zwar nicht an Plastizität und Anschaulichkeit, aber an Erklärungskraft (d. h. an dem Vermögen, objektive Strukturen und subjektive Praxis in ihrer dialektischen Vermittlung zu erfassen) überlegen sind, weil sie sich der ›Systematisierung des Zweifels‹ bedienen und nicht der Minimierung der Widersprüche im je eigenen Leben. Dieser prinzipielle Unterschied zwischen der Interpretationsweise in der ›Lebenswelt‹ und jener einer historisch-sozialwissenschaftlichen Analyse darf auch nicht zugunsten einer leichter lesbaren und populären ›Alltagsgeschichte‹ verwischt werden« (64). Mir ist sofort das Theoriedefizit eingefallen und der Gedanke gekommen, daß Sieder wahrscheinlich dagegen ankämpfen wollte.
Das ist leider schief gegangen. Nehmen wir Josepha: »Allmählich lernt Josepha, sich städtisch zu kleiden. Analytisch gesprochen: Sie distinguiert sich über die Art der Kleidung von ihrer ländlichen Herkunft; über die Inkorporierung der städtischen Gewohnheiten wird sie allmählich selber ›städtisch‹, wenngleich sie die Spuren ihrer ländlichen Herkunft ein Leben lang an sich trägt« (357). »Ihr Entschluß, in die Stadt zu gehen, ihre Akkumulation und Inkorporierung von kulturellem Kapital und ihr eigenes Einkommen haben aus der marginalisierten, unterdrückten und ausgebeuteten Tochter einer Kleinbäuerin eine erwachsene, sich selbst reproduzierende Frau werden lassen« (359).
Josepha lernt also, sich städtisch zu kleiden. Was Sieder dann für »analytisch gesprochen« hält, soll offenbar eine der programmatisch angekündigten »theoretischen Antworten« sein: »Eine Person vom Land, die sich städtisch kleidet, unterscheidet sich über die Art ihrer Kleidung von ihrer ländlichen Herkunft und wird so selbst städtisch.« Eine großartige Theorie. Sie erinnert mich an die Weisheiten des Großen Vorsitzenden Mao.
Daß das Ganze mit viel Tamtam vorgetragen wird, daß Sieder statt »unterscheiden« »distinguieren« sagt und statt »Kochen lernen« »Akkumulation von kulturellem Kapital«, das ändert an der Substanz überhaupt nichts; vielleicht beeindruckt es noch den einen oder anderen niedersemestrigen Leser, wenn das auch nicht sehr wahrscheinlich ist (im Vorwort heißt es übrigens: »Ursprünglich wollte ich ein ›gut lesbares‹ Buch schreiben, wie bezweifelbar auch ist, daß es sich allgemein sagen ließe, was ein ›gut lesbares‹ Buch genauerhin ist« [6]).
Teilweise versteigt sich Sieder zu Karikaturen seiner Schreibweise. So befindet er anläßlich eines Lehrlings, der sich bei den innerbetrieblichen Botengängen kein Bein ausreißt:
»In der beschriebenen, langsamen Art, in der sich der vom Lehrgesellen immer wieder in andere Abteilungen geschickte Lehrling fortbewegte (›… da ist man schön langsam gegangen …‹) artikuliert sich technische Neugierde an den einzelnen Abteilungen, aber auch ein notwendiges Interesse an einem ökonomischen Umgang mit dem eigenen physisch-psychischen Kräftehaushalt. Beide Interessen sind der systematischen Logik des Unternehmens, seine Profite zu maximieren, antagonistisch, sind Teil des den Industriearbeitern eigenen Eigen-Sinns« (304).
Und viele Geheimnisse gibt es noch zu lüften: »Auffällig ist erneut die Rolle der Mutter, die bei der Wahl der Dienstposten und Arbeitsplätze der Tochter eine maßgebliche Rolle spielt« (348). Die Tochter ist zu dieser Zeit allerdings schätzungsweise fünfzehn Jahre alt.
Soviel zur »Systematisierung des Zweifels«.
Aber unterscheidet sich Sieder überhaupt nicht von den grassierenden Alltagserzählern? Ich will gerecht sein: Selbst im Nebel seiner »theoretischen Antworten« verschwinden allgemeinere Ergebnisse nicht völlig, sei es, daß den Einzelberichten größere Repräsentativität zugeschrieben wird, sei es, daß Zusammenhänge erkennbar werden, die sich nicht schon aus dem Interviewtext selbst ergeben. So klingt der Beginn des Kapitals »Jugendjahre« (und damit zurück zum Leseerlebnis, das ich nun doch wieder vernachlässigt habe) etwas verheißungsvoller — nicht ganz zu Unrecht. Die Fragen, die hier gestellt werden, geben eine Vorschau auf die im folgenden behandelten Themen und kehren auch in der Zusammenfassung des Abschnittes wieder: Die Bedeutung der Herkunftsfamilie von Jugendlichen, der Arbeit, des Quartiers und der Jugendbewegung im Verhältnis zueinander; vorwiegend wird dieser Punkt an der Rolle gezeigt, die die Familie für die Vorbereitung der Kinder, die ins Berufsleben einsteigen sollten, hatte, für Entscheidungen bei der Arbeitsplatzwahl und für ihre Rückzugsmöglichkeiten in Krisensituationen (etwa bei Verlust einer Stelle), weiters an Karrieren von Jugendlichen in Lehre und häuslichem Dienst und an der einer Minderheit vorbehaltenen politischen Jugendgruppe. Ohne die Bedeutung der theoretischen Ergebnisse dieses Abschnitts übertreiben zu wollen, kann doch gesagt werden, daß es Sieder hier am ehesten gelingt, sich vom einzelnen Quellenbefund zu lösen, sicherlich mehr als in den Abschnitten über Sexualität und Wahl des Ehepartners und über das Rote Wien. In diesen letztgenannten Fällen bleibt der Einzeltext der meditativen Betrachtung, die nicht wesentlich mehr sagt als der Interviewausschnitt selbst, exklusiv vorbehalten, ohne in komplexere Erklärungsmuster eingebunden zu werden.
Ist Sieders Arbeit die Rettung der Alltagsgeschichte? Ich glaube nicht. Sieder wertet die Einzelquelle textimmanent aus; die »theoretische« Aufarbeitung ist im allgemeinen mehr die Übersetzung dieser immanenten Interpretation in einen bestimmten Jargon. Nur abschnittweise werden die Erklärungen überzeugender, wenn sie Sieder aus seiner Kenntnis umfangreichen Materials für repräsentativ erklärt. Insgesamt bleibt das Genre auch hier zwar nicht theoriefeindlich, aber doch im wesentlichen theorielos.