Manfred Skopec
Krankenhausgeschichte
Wien
1989
Habilitationsschrift, Universität Wien
Rezensent: Eberhard Mairbäurl
Historicum, Herbst 1991, 16—18
Die Medizingeschichte ist (jedenfalls in Österreich) eines der historischen Fächer, die aufgrund der institutionellen Trennung ein wenig außerhalb des Blickfelds der Historiker liegen: Sie ist in erster Linie an den medizinischen Fakultäten beheimatet und pflegt dort (naheliegenderweise) eher eine Randexistenz (zum Verhältnis zwischen Medizingeschichte und Geschichte s. HISTORICUM, Frühling 85).
Umso wichtiger ist es, die Forschung in der österreichischen Medizingeschichte auch dem heimischen »Normalhistoriker« ins Bewußtsein zu bringen. Ein gegebener Anlaß ist die Habilitation von Manfred Skopec vom Institut für Geschichte der Medizin der Universität Wien. Die Lehrbefugnis wurde erteilt für »Krankenhausgeschichte».
Es handelt sich um eine Sammelhabilitation, bestehend aus acht Aufsätzen. Zuerst sei auf die einzelnen Arbeiten eingegangen.
Inhalt
1. Heilpädagogik Wien
Der erste Aufsatz entstand in Zusammenarbeit mit Helmut Wyklicki (Ordinarius für Medizingeschichte, Wien):
Die heilpädagogische Abteilung der Universitäts-Kinderklinik in Wien — die älteste kinderpsychiatrische Forschungs- und Behandlungsstätte. Heilpädagogik 24 (1981), S. 98—105.
Zuerst wird auf historische Vorstellungen von Schwachsinn bzw. Geisteskrankheit im 19. Jahrhundert und auf die Abgrenzung der beiden Begriffe eingegangen. Bei der Behandlung von Schwachsinnigen soll es gewisse Zusammenhänge mit der Behandlung von Taubstummen gegeben haben, was allerdings nicht näher dargelegt wird.
Zum eigentlichen Thema, der heilpädagogischen Abteilung der Universitäts-Kinderklinik, gelangen die Autoren auf S. 101: Die Klinik wurde von Clemens von Pirquet begründet, die Leitung wurde dann an Erwin Lazar (1877—1932) übergeben. Es folgt ein Lebenslauf Lazars. Bei der Würdigung der heilpädagogischen Arbeit Lazars wird des längeren eine Äußerung einer seinerzeit auf der Station arbeitenden Schwester zitiert. Schließlich wird noch ganz kurz die Arbeitsweise auf der Station dargestellt: Fallbeschreibung, Intelligenztests, Persönlichkeitstests. 1935 wurde die Leitung der Station an Hans Asperger übergeben, womit der Aufsatz endet.
2. AKH Wien
Anläßlich des 200-jährigen Jubiläums des Allgemeinen Krankenhauses Wien wurde ein Bildband herausgegeben, dessen erstes Kapitel von Skopec verfaßt wurde: Über die Ausgangsproblematik, Gründung und Errichtung des Allgemeinen Krankenhauses. In: 200 Jahre Allgemeines Krankenhaus in Wien. Hg. v. H. Wyklicki und M. Skopec. Wien 1984. S. 9—21.
In dem Aufsatz werden zuerst knappe Bemerkungen zu den Hospitälern in Wien bis gegen Ende des 17. Jahrhunderts gemacht. In den 1690er Jahren wurde das große Armenhaus gebaut, das dann im josephinischen Jahrzehnt in das AKH umgebaut wurde. 1781 wurden die für die Spitäler und die für die Versorgungshäuser in Frage kommenden Personengruppen festgelegt und damit eine Abtrennung der Krankenversorgung von den bis dahin gegebenen übrigen Aufgaben der Hospitäler vorgenommen. Für die Umgestaltung des Armenhauses gab es einen Wettbewerb, den der kaiserliche Leibarzt Quarin gewann; das AKH wurde gegen maßgebliche Stimmen als Großkrankenhaus konzipiert. Es folgen Ausführungen zur Ausgestaltung des AKH; besonders hervorgehoben wird die Verlegung der "Medizinisch-praktischen Lehrschule" in das neue Krankenhaus.
Der Beitrag ist ein recht geglückter zusammenfassender Überblick über die AKH-Errichtung.
3. Krankenhaus
Kann bereits der eben besprochene Artikel nicht gerade als Erschließung wissenschaftlichen Neulands betrachtet werden, so gilt dies umso mehr für den folgenden: Der historische Funktionswandel des Krankenhauses. In: Gesundheitsökonomik. Hochschulkurs 1986. Hg. v. Theurl, Dészy, Andreae. Lochau bei Bregenz 1987 (= Informationsbuch Kleine Reihe Nr. 13). S. 6—15.
Skopec beginnt mit den Xenodochien des oströmischen Reichs und den aus ihnen entwickelten mildtätigen Stiftungen; die klösterliche Krankenpflege und die Hospitäler in den Städten des Spätmittelalters werden als nächste Etappen geschildert. Als Einschnitt wird neuerlich die AKH-Gründung in Wien mit der funktionellen Konzentration auf die Krankenversorgung genannt. Die entscheidende Phase für die Einführung einer geregelten Krankenpflege sei jedoch erst mit der Tätigkeit Billroths erreicht worden.
Der Beitrag ist, bedingt durch die Kürze, sehr auswahlhaft und beschränkt sich auf bereits erforschte Fragen.
4. Orthopädie Wien
Der längste Aufsatz widmet sich wiederum einem Spezialfach und seiner institutionellen Verankerung in Wien: Adolf Lorenz und das Ringen um die Verselbständigung der Orthopädie in Wien. In: 100 Jahre Orthopädie an der Universität Wien. Hg. v. R. Kotz, A. Engel und C. Schiller. Wien 1987. 32 Abb. S. 1—45.
Skopec beginnt mit der »Entdeckung« des Gegenstands der Orthopädie im 18. Jahrhundert und geht dann auf ihre Berücksichtigung an der Wiener Universität ein. Es fallen etliche Namen: Franz Schuh, Johann Dumreicher, Eduard Albert — alles Chirurgen (die Orthopädie entwickelte sich aus der Chirurgie). 1838 kam es in Wien auf privater Basis zur Gründung eines orthopädischen Instituts. Orthopädische Operationen wurden vermehrt durchgeführt, Maschinen für orthopädische Korrekturen wurden entwikkelt und angewandt.
Eduard Albert hatte als Chirurg starkes Interesse für die Orthopädie; sein Schüler Adolf Lorenz spezialisierte sich dann überhaupt auf dieses Fach, weil er nicht mehr operieren konnte (seine Haut vertrug das in Gebrauch gekommene Karbol nicht). Lorenz übernahm das vermutlich 1897 neugegründete Universitäts-Ambulatorium für orthopädische Chirurgie. Skopec geht dann auf das Problem der Bettenausstattung des Ambulatoriums ein, auf die Personalausstattung, auf Übersiedlungen. Es folgt über mehrere Seiten eine Würdigung der Arbeit Lorenz', die anläßlich des Verfahrens für die Nachfolge Lorenz' nach dessen Versetzung in den Ruhestand (1924) von zwei Kommissionsmitgliedern verfaßt wurde.
Bei der Nachfolge wurde vordergründig die Frage der Selbständigkeit der orthopädischen Abteilung diskutiert, in Wirklichkeit ging es allerdings um die Person des neuen Leiters. Thematisiert werden von Skopec auch die Patientenzahlen, die von 1924—1934 dauernd stiegen. 1935 wurde das Ambulatorium wieder der I. Chirurgischen Universitätsklinik angegliedert. Erst 1962 kam es zur Gründung der Orthopädischen Universitätsklinik.
5. Wiener Allgemeine Poliklinik
Der Wiener Allgemeinen Poliklinik und Arthur Schnitzlers Vater Johann Schnitzler (Leiter der laryngologischen Abteilung ab 1871 und Direktor der Poliklinik ab 1884, beides bis zu seinem Tod 1893) gilt die nächste Arbeit: Zur Wiener Allgemeinen Poliklinik und Arthur Schnitzlers "Professor Bernhardi". Öst. Krankenhaus-Zeitung 28 (1987). S. 255—263.
Die Geschichte der Poliklinik fand, wie in den abschließenden Bemerkungen ausgeführt wird, ihren Niederschlag in Professor Bernhardi: Die Gründung der Poliklinik, die an ihr tätigen Ärzte, v.a. aber die Anfeindungen durch andere Ärzte, die um ihr Geschäft bangten, stehen im Mittelpunkt des Aufsatzes. Im Zusammenhang mit Personalentscheidungen an der Poliklinik fand Schnitzler, daß sich seine Kollegen z. T. von antisemitischen Beweggründen leiten ließen. Parallelen zu Schnitzlers Stück: Arthur Schnitzler war selbst Assistent seines Vaters, Erzherzog Rainer war Protektor der Klinik, es gab zwölf Abteilungsleiter.
6. Marinehospital Pola
Der nächste Beitrag beschäftigt sich wieder mit einem Krankenhaus: Zur Geschichte und Bedeutung des Marinehospitals von Pola. Vortrag anläßlich des Intern. Symposiums über Marinehospitäler und Schiffahrtsmedizin in Istanbul (Türkei) anläßlich des 160. Gründungsjahres des Marinekrankenhauses Istanbul 1987. (in Druck). 12 S.
Der Aufsatz beginnt mit einem mehrere Seiten langen Zitat des Billroth-Schülers Eiselsberg, in dem dieser über einen Besuch in Pola erzählt. Ab S. 4 wird auf Pola eingegangen, ab S. 6 geht es um das Marinehospital: Bau, Bedeutung für die medizinische Forschung und die regionale Seuchenbekämpfung, Personalstand, Abteilungsgliederung, Patientenzahlen. Insgesamt war das Marinehospital laut Skopec ein sehr gut eingerichtetes Zentrum.
7. Türkische Spitäler
Die k.k. Gesellschaft der Ärzte in Wien gab auch eine Zeitschrift heraus: Die Berichte über türkische Spitäler und Medizin im Spiegel der ›Zeitschrift der k.k. Gesellschaft der Ärzte in Wien‹. Vortrag anläßlich des Intern. Symposiums »Verwestlichung der türkischen Medizin« in Istanbul (Türkei) 1988. (in Druck). 16 S.
Ausgewertet wurden die Jahre 1844—1858. Die Berichte beschäftigen sich zum einen mit Karrieren österreichischer Ärzte in der Türkei; Skopec gibt jeweils den Inhalt der Meldungen wieder und macht biographische Anmerkungen dazu. Weitere Berichte stammen von dem in der Türkei tätigen Arzt Lorenz Rigler, von einer österreichischen Ärztekommission, die eine Inspektionsreise in die Türkei unternommen hatte, einem Arzt an einem türkischen Marinehospital namens Mühlig und Joseph Dietl, einem Primarius am Wiedner Krankenhaus, der Informationsreisen in europäische Spitäler unternahm.
Die Berichte werden in der chronologischen Reihenfolge ihres Erscheinens angeführt.
8. Josephinisches Krankenhauswesen in Ungarn
Noch einmal mit dem Josephinismus beschäftigt sich Josephinische Reformen auf dem Gebiet des Krankenhauswesens in Ungarn. Historia Hospitalium 17 (1989). (in Druck). 16 S.
Neuerlich wird auf das AKH eingegangen, dann auf das Verhältnis von Joseph II. zu Ungarn. Auf S. 8 gelangt Skopec endlich zum Krankenhauswesen in Ungarn: Im wesentlichen geht es — nach einer kurzen Schilderung der ungenügenden Krankenhausversorgung in Ungarn — um die Aktivitäten von Michael Haffner, dem Direktor des Pester Bürgerspitals. Haffner plante die Neuerrichtung eines dem zeitgenössischen Standard entsprechenden Krankenhauses für Pest und setzte diese Errichtung schließlich auch durch. Die paar Seiten, auf denen dies abgehandelt wird, werden von einem längeren Zitat von Ausführungen Josephs II. (bibliographische Nachweise fehlen in diesem Aufsatz) über das Gebärhaus unterbrochen.
Bewertung
Zusammenfassend kann über die Eigenarten dieser Habilitationsschrift gesagt werden:
Es bleibt also nicht viel übrig. Unter dem, was bleibt, findet sich vor allem Biographisches (die Medizingeschichte hat ja nicht nur in Wien einen gewissen Hang zur Ärztebiographik, die oft genug hagiographische Züge annimmt) und Institutionengeschichtliches (Gründung, Einrichtung, Übersiedlung, Auflösung usw. von medizinischen Einrichtungen).
Bei den biographischen Teilen ist nicht viel zu holen: Geburt, Schulbildung, Arbeit in diesem Krankenhaus, Berufung an jenes, Übersiedlung an eine Universitätsklinik - dieser Art sind die Lebensläufe der mehr oder weniger wichtigen Ärzte, die in den Aufsätzen Skopecs gewürdigt werden. Es drängen sich allerdings auch keine Alternativen auf; die etwas moderneren Ansätze zur historischen Biographik sind nicht für die Leuchten der Medizin entwickelt worden.
Bleibt die Institutionengeschichte. Diese wäre nun allerdings auch im Bereich der Krankenhausgeschichte ein äußerst ergiebiger Arbeitsbereich: Die Entstehung der Institution Krankenhaus selbst, die Entwicklung immer komplexerer innerer Strukturen — das sind Themen, die wirtschafts-, rechts- und verwaltungsgeschichtlich interessant sind und die z. B. eine Untersuchung der abgelaufenen Entscheidungsprozesse nahelegen. Durch die zugrundeliegende Problematik der Gesundheit und der medizinischen Entwicklung im engeren Sinn (sie beinhaltet auch die Frage nach der Veränderung der biologischen Grundlagen im Lauf der Geschichte!) gewinnt die Krankenhausgeschichte einen eigenen Reiz, der sie von anderen institutionengeschichtlichen Bereichen absetzt.
Berührt werden solche Themen in den Aufsätzen Skopecs im Prinzip schon: Bei der Entstehung des AKH Wien und des Pester Krankenhauses geht es um den Beginn des Krankenhauswesens im modernen Sinn, bei den Themen »Heilpädagogik«, »Orthopädie«, aber auch bei der Poliklinik oder dem Marinehospital geht es um die Ausdifferenzierung bzw. Neuentstehung von Einrichtungen für spezifische Zwecke. Doch werden diese Themen weder wirtschaftsgeschichtlich noch rechts- oder verwaltungshistorisch, weder als Geschichte der biologischen Bedingungen noch als solche der medizinischen und biologischen Wissenschaft befriedigend abgehandelt.
Der Grund liegt darin, daß Fragen wie die angeführten gar nicht gestellt wurden. Die Aufsätze sind eher von anekdotischen Interessen geleitet — symptomatisch dafür ist eine Passage im Aufsatz über das Marinehospital über den bereits genannten Eiselsberg, der Admiralstabsarzt war: »Als er bei einer dieser Reisen auf dem Lemberger Bahnhof wartete, wollte ein junger Leutnant unbedingt von ihm wissen, wann der nächste Zug nach Wien abgehe. Eiselsberg wußte es nicht. Darauf der junge Leutnant: ›Das sollten Sie aber wissen als Bahnbeamter.‹ Darauf bekam er von Eiselsberg zu hören: ›Ich brauche es nicht zu wissen, aber Sie sollten als Offizier die Uniform der k. u. k. Kriegsmarine kennen.‹« (S. 4)
Die Geschichte ist, wie gesagt, symptomatisch: Viele biographische und sonstige Bemerkungen haben ebenso wenig mit dem Thema des jeweiligen Aufsatzes zu tun. (Vom Unterhaltungswert her ist die Geschichte nicht repräsentativ für die Arbeit).
Besonders deutlich tritt das Fehlen von konkreten Fragestellungen und von methodischen Vorstellungen in dem Beitrag über die türkischen Spitäler zutage — Arbeiten »im Spiegel« einer Zeitschrift kennzeichnen sich bereits in ihrem Titel hinreichend! Ein Historiker darf die Auswahl seiner Fragen nicht einem Zeitschriftenherausgeber überlassen; genau das geschieht aber, wenn man eine Zeitschrift durchsieht, alle Berichte zum Thema »Türkei« herausschreibt und das Ergebnis für Geschichtswissenschaft hält.
Es ist also zu resümieren: Die Arbeiten Skopecs, die an sich schon einen sehr bescheidenen Umfang haben, stellen nur zu einem geringen Teil neue Forschungen dar. Diese Forschungen sind stark anekdotenhaft und schöpfen die Möglichkeiten der Krankenhausgeschichtsschreibung in thematischer Hinsicht nicht aus. Die Fragestellungen werden nicht problematisiert, und in der Bearbeitung gibt es stark anekdotenhafte Züge bzw. eine arbiträre Auswahl von Informationen.