Arnold Suppan, Marija Wakounig, Georg Kastner (Hg.)
Osteuropäische Geschichte in Wien. 100 Jahre Forschung und Lehre an der Universität
Innsbruck, Wien, Bozen
Studien Verlag
2007
447 S.
€ 49,90
Rezensent: Doris Corradini
Historicum, Herbst 2007, 39
Des Hundert-Jahr-Jubiläums seiner Gründung gedachte das Institut für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien mit einem informativen Sammelband über seine Geschichte.
Dargestellt wird die Geschichte des Instituts anhand der Biographien seiner Lehrenden, da die Herausgeber des Bandes der Meinung sind, »dass Personen als Akteure über das Wohl und Wehe einer Institution entscheiden und nicht umgekehrt« (11). Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Im Kapitel »Biographische Darstellungen« werden die bereits verstorbenen oder in den Ruhestand getretenen Professoren durch die derzeit aktiven Lehrenden in unterschiedlich ausführlichen, aber im formalen Aufbau einheitlichen Biographien vorgestellt. Das zweite Kapitel, »Kurzbiographien«, umfaßt die Lebensläufe der derzeit Lehrenden sowie der Assistentinnen und Assistenten. Die Reihenfolge der Nennung ist durch den Zeitpunkt der Anstellung am Institut bestimmt. Zuletzt bieten vier Beiträge über »Die Bibliothek des Instituts« Einblicke in die Tätigkeit der Bibliothekare einst und jetzt, ein Bildteil mit Photographien der Ordinarien sowie ein Gruppenphoto der Institutsangehörigen aus dem Jahr 2007 runden den Band ab.
Der einheitliche formale Aufbau der einzelnen Artikel stellt einen besonderen Vorzug des Buches dar: eine der eigentlichen Vita vorangestellte kurze Auflistung der wichtigsten Daten des Lebenslaufes und am Ende jedes Artikels ein Verzeichnis der »wichtigeren wissenschaftlichen Veröffentlichungen« ermöglichen eine schnelle Orientierung und Information. Im Kapitel »Kurzbiographien« wurde auf den deskriptiven Mittelteil verzichtet.
Quasi als Prolog findet sich die Biographie des Fürsten Franz von Liechtenstein (1853—1938), des Initiators des Instituts und späteren Regenten des Fürstentums Liechtenstein, verfaßt von Marija Wakounig. 1899 von seiner Tätigkeit als österreichisch-ungarischer Botschafter in Rußland nach Wien zurückgekehrt, ermöglichte er auf seine Kosten dem jungen Historiker Hans Uebersberger, von 1899 bis 1906 in Rußland über die Geschichte der russisch-österreichischen Beziehungen zu forschen.1 Von Uebersberger auf die zum Verkauf stehende umfangreiche Bibliothek des russischen Gelehrten V. A. Bil’basov aufmerksam gemacht, schuf Liechtenstein 1907 mit dem Ankauf dieser Bibliothek die Grundlage für die Stiftung eines Seminars für osteuropäische Geschichte mit eigener Bibliothek. Über den eigentlichen Vorgang der Gründung des Instituts, das sich fachlich vom bestehenden Seminar für slawische Philologie und Altertumskunde und dem Historischen Seminar absetzen mußte, erfahren wir leider nichts Genaueres.2
Der erste Artikel der »Biographischen Darstellungen«, von Alojz Ivaniševič und Oliver Jens Schmitt verfaßt, schildert die Biographie des ersten Vorstandes des Instituts, des aus einer bekannten slowakischen Gelehrtenfamilie stammenden Ordinarius für slawische Philologie und Altertumskunde an der Universität Wien, Josef Konstantin Jireček (1854—1918), der in seinen jungen Jahren von 1881 bis 1882 bulgarischer Unterrichtsminister war.
Im folgenden, dem mit 75 Seiten umfangreichsten Artikel beschäftigen sich Arnold Suppan und Marija Wakounig mit Hans Uebersberger (1877—1962), mit Schwerpunkt auf seiner politischen Haltung. Uebersberger, der sich 1906 für osteuropäische Geschichte habilitierte, war maßgeblich am Aufbau des Seminars und Ausbau der Bibliothek beteiligt. An ihm wird das Dilemma deutlich, in das die Osteuropaforschung durch den politischen Kontext ihrer Proponenten geriet. Als 1933 die NSDAP in Österreich verboten wurde, nahm er 1934 eine Professur in Breslau und 1935 in Berlin an, wo er bis 1945 lehrte.
1935 wurde an seine Stelle der in Königsberg 1934 enthobene, kulturgeschichtlich orientierte Professor Martin Winkler (1893—1982) nach Wien berufen, dessen von Christoph Augustynowicz verfaßte nuancierte Biographie auch die schwierige Nachkriegssituation Winklers schildert: Obwohl er 1938 beurlaubt und 1939 strafweise in den Ruhestand versetzt worden war, war nach 1945 seine politische Haltung nicht klar genug für eine komplikationslose Wiedergutmachung.
Abgelöst wurde Winkler 1940 von Hans Koch (1894—1959), der 1929 in Wien für Kirchengeschichte und Kirchenkunde Osteuropas habilitiert worden war und seinen Weg über Ordinariate 1934 in Königsberg und 1937 in Breslau nach Wien machte, wie der von Andreas Kappeler nachgezeichnete Lebensweg zeigt. Koch war jedoch durch den Kriegsdienst verhindert, seine Lehrtätigkeit aufzunehmen. Die Institutsleitung übernahm daher stellvertretend der von Iskra Schwarcz behandelte Extraordinarius Alois Hajek (1889–1966), ein Schüler Uebersbergers, der sich nach 1945 mit einem Assistentenposten begnügen mußte.
Wie ein Vertreter einer anderen Zeit mutet hier der von Horst Haselsteiner beschriebene Carl Patsch an, der von 1898 bis 1918 Kustos am Bosnisch-Herzegowinischen Nationalmuseum war. Er wurde 1921 zum Ordinarius ernannt und 1934 im Zuge von Sparmaßnahmen vorzeitig emeritiert. In diese Reihe würde auch der in dieser Institutsgeschichte nicht erwähnte Ion Nistor (1876—1962) zählen, ein Schüler von Jirecek, der sich 1911 für mittlere und neuere Geschichte Osteuropas an der Universität Wien habilitierte, 1913 als außerordentlicher Professor an die Universität Czernowitz berufen wurde und später rumänischer Minister für die Bukowina war.
Nach 1945 wurde das Institut von Heinrich Felix Schmid (1996—1963) geleitet, der von 1929 bis 1938 und von 1945 bis 1948 Ordinarius in Graz war und dessen Programmatik auf eine Abkoppelung der Ostforschung von der Politik zielte (287). Manfred Stoy widmet sich darüber hinaus der persönlichen Erscheinung Schmids und seiner Wirkung auf die Studenten.
In den sechziger Jahren entwickelte sich eine neue, die kommenden Jahrzehnte prägende Generation von Lehrenden mit der Habilitation von Walter Leitsch (*1926) und Richard Georg Plaschka (1925—2001), die 1965 beziehungsweise 1967 zu Ordinarien ernannt wurden. Ihre lesenswerten Biographien wurden von Marija Wakounig beziehungsweise Emilia Hrabovec verfaßt. Weiters für die Geschicke des Instituts mitbestimmend waren seit den fünfziger Jahren die außerordentlichen Professoren Günther Stökl (1916—1998), Thorvi Eckhardt (1921—1979), Kurt Marko (*1928), der tit. o. Prof. Ludwig Gogolák (1910—1987) und der als Gastprofessor (1976—1981) beziehungsweise Honorarprofessor (1981) nach Wien zurückgekehrte, an der Rutgers University von 1956 bis 1976 als Full Professor wirkende Robert A. Kann. Andreas Moritsch (1936—2001), 1993 bis 2001 ordentlicher Professor an der Universität Klagenfurt, und Max Demeter Peyfuss (*1944), von 1992 bis 2003 außerordentlicher Professor am Institut, sind die beiden jüngsten ausführlich behandelten Historiker dieses Bandes.
Die Autoren des Bandes zeichnen jeweils sehr differenzierte Bilder der Persönlichkeiten mit der Intention, deren Charakter und Erscheinung, aus eigener Erfahrung oder durch das Zeugnis Dritter, zu vermitteln. Es werden durchwegs die wissenschaftlichen Hauptwerke erörtert und ihre Bedeutung heute reflektiert. Interessant wäre, wie bei Uebersberger und Hajek am Rande angemerkt (177), mehr über die internationale Reputation dieser Wissenschaftler zu erfahren. Zusammenfassend zeichnet sich diese »personengeschichtlichen Institutsgeschichte« durch ihre zum Teil gründliche Recherche und die eingangs erwähnte Benützerfreundlichkeit durch die klare Strukturierung aus.