Erika Thurner

»Nach 45 war man als ›Rote/Roter‹ auch ein Mensch«. Der Wiederaufbau der Salzburger Sozialdemokratie nach 1945

Materialien zur Arbeiterbewegung 53

 

Wien, Zürich
Europaverlag
1990
447 S.

 

Habilitationsschrift, Universität Linz

 

Rezensent: Ulrich Schröder

Historicum, Herbst 1992, 10—12

Das Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung in Linz hat seit 1983 eine Außenstelle in Salzburg, die beim Karl-Steinocher-Fonds zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung im Land Salzburg angesiedelt wurde. Dieser Karl-Steinocher-Fonds war 1976 gegründet worden, als der damalige Salzburger SPÖ-Landesparteiobmann und Landeshauptmann-Stellvertreter Karl Steinocher aus der Landespolitik ausschied. Der Fonds beherbergt und betreut ein Archiv für die Geschichte der Salzburger Arbeiterbewegung, das eine Vielzahl von einschlägigen Quellen - von Parteiakten bis hin zu lebensgeschichtlichen Interviews - beinhaltet. Das Boltzmann-Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung ist seit langem historiographisch sehr produktiv; seine Publikationen umfassen Dutzende von Titeln. Ergebnis der Salzburger Verbindung ist die Habilitationsschrift Erika Thurners vom Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Universität Linz.

Der Band verleugnet das institutionelle Umfeld, in dem er entstanden ist, nicht, sondern führt es im Gegenteil in einer sehr auffälligen Weise vor Augen. Doch dazu unten.

Zuerst ein Überblick über die behandelten Themen. In den ersten beiden Abschnitten nach den Methodischen Überlegungen (zu diesen ebenfalls unten) wird auf die »Vorgeschichte« — Erste Republik und NS-Zeit — eingegangen.

Vorgeschichte

Ziemlich kursorisch wird die Wirtschaftsstruktur Salzburgs beschrieben, dann findet sich ein Abschnitt über »Klassenbildung in der Provinz«. Die Arbeiterschaft Salzburgs war regional (auf Salzburg bezogen), von ihrer Herkunft her, nach Branchen und hinsichtlich der Betriebsformen sehr stark segmentiert; trotzdem sieht Thurner in der Arbeiterschaft die Entstehung eines Klassenbewußtseins, definiert als »akkumulierte Erfahrung aus dem Alltag der kapitalistischen Industriegesellschaft« (33). Nun ist Salzburg damals wie heute nicht der typische Fall der »kapitalistischen Industriegesellschaft«, und entsprechend fallen diese »Alltagserfahrungen« aus: »Abhängigkeit und Unsicherheit der Arbeits- und Reproduktionsverhältnisse, Besitzlosigkeit, Heimatlosigkeit [Fn.], Ausgegrenzt-Sein aus und Diskriminierung durch eine bürgerlich dominierte Gesellschaft« (33—34). Die einzigen konkreten Ausflüsse oder Bezugspunkte dieses »Klassenbewußtseins«, die genannt werden, sind der Sport und die Naturfreunde-Organisation, deren Wichtigkeit hauptsächlich durch Literaturhinweise allgemeinster Art belegt wird. So ist diese »Klassenbildung« keine sonderlich überzeugende Angelegenheit.

Erst recht gilt das für die nationalsozialistische Zeit, obwohl Thurner auch hier behauptet: »Das alte Klassenbewußtsein der Arbeiter, Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen war nicht so leicht auszumerzen« (48). Bei den referierten Beispielen von Widerstand (genannt werden die Unterstützungszahlungen für Angehörige inhaftierter Revolutionärer Sozialisten oder Kommunisten) handelt es sich allerdings offensichtlich um einen sehr kleinen Kreis eingebundener Personen. Trotz der generellen (und sehr zweifelhaften1) Behauptung einer erhöhten Resistenz der Arbeiterschaft kommt die Autorin schließlich zur Feststellung: »Der Terror bewirkte die zunehmende Erosion des Milieus« (51).

Nachkriegszeit

Im Hauptteil finden sich für die Zeit nach Kriegsende zuerst mehrere sachlich und räumlich übergreifende Kapitel, dann geht Thurner zur eigentlichen Organisationsgeschichte der Salzburger SPÖ über, die sie auch kleinräumig abhandelt.

Es beginnt mit der Neugründung der SPÖ, die für Österreich sehr global dargestellt wird, für Salzburg stark personengeschichtlich. Als Einzelproblem kommt das Verhältnis Sozialdemokraten-Revolutionäre Sozialisten zur Sprache.

Der nächste Abschnitt wird vom Verhältnis zur Besatzungsmacht USA dominiert; die Parteigründung, die Gewerkschafts- und Arbeiterkammeraktivitäten bedurften ja jeweils der Genehmigung durch die Besatzungsmacht. Außerdem wird hier auf das Verhältnis zu den anderen Parteien eingegangen, im besonderen auch auf das Verhältnis zur KPÖ.

Ein Abschnitt gilt den »Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bevölkerung«. Hier geht es um die Kriegszerstörungen, um Wohnraum und Ernährung, um Flüchtlinge, um die Rolle der Frauen und um die Entnazifizierung — viele Themen auf wenigen Seiten, das Ergebnis wirkt auch eher impressionistisch. Dies gilt trotz einer kurzzeitigen Konzentration auf die Eisenbahner als Fallbeispiel. Wieweit dieses Beispiel aus praktischen Gründen gewählt wurde (die Eisenbahner scheinen eine relativ gut dokumentierte Berufsgruppe zu sein), muß offen bleiben; jedenfalls wird nicht deutlich, was an den referierten Fakten (von den zerstörten Gleisanlagen abgesehen) Eisenbahner-spezifisch war und was allgemein galt.

Organisationsgeschichte

Die wichtigsten Teile der Arbeit sind die zur Parteigeschichte, soll heißen zur Organisationsgeschichte. Hier ist eine echte Regionalgeschichte möglich, also eine Geschichte, die sich nicht nur deshalb auf Salzburg bezieht, weil der Steinocher-Fonds zufällig nur Salzburger Archivalien besitzt, sondern die die historische Entwicklung aus den Besonderheiten der Region erklärt.

Thurner ist zuzugestehen, daß sie diese regionalgeschichtliche Perspektive in den organisationsgeschichtlichen Teilen konsequent durchhält. Im längsten Abschnitt des Bandes geht sie auf die Ebene der Bezirke herunter und erstellt eine Art organisationsgeschichtlicher Binnengliederung der Region Salzburg.

In den auf das ganze Bundesland bezogenen Kapiteln geht es um die Wahlen von 1945 und 1949, um »Spezielle Probleme der Parteiarbeit«, um die Parteimitgliedschaften und Funktionen von Frauen und um die Gewerkschaften. Die »speziellen Probleme« lagen am Anfang v. a. in der Kommunikation in jedem Sinn — die schiere Überwindung der Entfernungen mit den zur Verfügung stehenden Verkehrsmitteln bereitete ernsthafte Schwierigkeiten, und die Öffentlichkeitsarbeit der Partei litt darunter ebenso wie unter den Problemen der Parteipresse (Parteizeitungen hatten es anscheinend schon damals nicht leicht) und der schwierigen Rekrutierung von Veranstaltungsrednern. In weiterer Folge kommt eine Vielzahl von Problemen zur Sprache, bis hin zu der zunehmenden Bedeutung »pragmatischer« Ansätze in der Politik der ersten Nachkriegsjahre; dies auch im Zeichen der »Normalisierung« und der sich verändernden Parteienlandschaft — der VdU war in Salzburg recht erfolgreich, in der Stadt Salzburg 1949 mit über 30 % zweitstärkste Partei. Mit 1949 endet auch die Darstellung.

Die Analyse auf Bezirksebene ist, um es zu wiederholen, im Prinzip sehr begrüßenswert. Es ist bei einer Untersuchung zur Parteiengeschichte auch zu rechtfertigen, daß man die Untergliederung nach Verwaltungsgrenzen vornimmt, da auch Parteien häufig nach demselben Kriterium gegliedert sind, ebenso wie wichtige Quellengruppen. Gerade bei einer solch pragmatischen Begründung müßte aber gefragt werden, wie homogen die untersuchten Bezirke tatsächlich sind. Dies geschieht in dieser Untersuchung nicht oder jedenfalls nicht systematisch. Auffallend und ärgerlich wird dies bei so einfachen Dingen wie Wahlergebnissen, die höchst unzulänglich dokumentiert werden: bei einzelnen Gemeinden werden die Anteile aller relevanten Parteien genannt, ansonsten werden für die Gemeinden zwar z. B. SPÖ-Stimmen und Einwohner festgehalten, nicht aber gültige Stimmen oder die Stimmen der anderen Parteien, von Sozial- oder Wirtschaftsindikatoren ganz zu schweigen (letztere finden sich nur fallweise und bruchstückhaft).

Darüberhinaus entsteht der Eindruck, daß mindestens in der Darstellung der SPÖ-Erfolg stärker ins Blickfeld gerät als der SPÖ-Mißerfolg. So wird etwa die Hälfte der Darstellung zum Pinzgau dem Kraftwerkbau in Kaprun und der Aluminiumfabrik Lend gewidmet, ebenfalls berücksichtigt werden die Landarbeiter. Der Rest bleibt unterbelichtet. In diesem Zusammenhang erhebt sich die Frage, ob überhaupt die Geschichte einer Partei geschrieben werden kann, ohne die Geschichte der Konkurrenzparteien mitzuberücksichtigen — das geschieht hier nämlich nur in minimalem Ausmaß. Eine solche Konzentration ist dort eher gerechtfertigt, wo es um interne Verläufe geht; bei der Wirkung auf die Bevölkerung stellt sie einen Mangel dar. Es fehlt der Darstellung zu den Bezirken also eine knappe, klare und nachvollziehbare Charakterisierung, die die ganze Spannweite von Erfolg und Mißerfolg der Parteien im Vergleich untereinander erkennen läßt. Was Thurner in dieser Hinsicht anbietet, ist ein nicht bewertbarer Ersatz (ausgenommen vielleicht beim Lungau, wo die SPÖ ein Schattendasein führte und insofern die Abwägungsprobleme geringer sind).

Die Mitgliederstruktur wird für die Stadt Salzburg dargestellt, die im Kapitel über die Bezirke nicht vertreten ist. Hier finden sich Angaben zu Beruf und Alter der Mitglieder, die allerdings mangels Vergleichswerten aus anderen Gebieten bzw. Zeiten (S. 267, Fn. 10) wenig anschaulich sind. Beim Beruf ist es eher die Stimme eines einzelnen Funktionärs, die die unterschiedlichen ganz handfest-praktischen Probleme von Arbeitern resp. Angestellten bei der Übernahme von Parteifunktionen deutlich werden läßt (273—274).

Methodisches

Wieweit die im vorigen Punkt angesprochene Verengung der Perspektive durch Thurners Quellenauswahl bedingt ist, muß offen bleiben. Es drängt sich jedenfalls der Eindruck auf, daß die Autorin zwar die Archivalien des Karl-Steinocher-Fonds umfassend berücksichtigt und auch Zeitungen (v. a. die Parteipresse) primär nutzt, daß aber sonstige Quellen vorwiegend nach anderen Publikationen zitiert werden. Das gilt erstaunlicherweise auch für Volkszählungsergebnisse, die doch in vollständiger Form sehr bequem erreichbar sind. Damit ist eine gewisse Zufälligkeit bei Teilen der Quellenauswahl vorprogrammiert.

Im Verständnis der Autorin dürften dies allerdings die weniger wichtigen Teile sein, denn im Mittelpunkt der zu Beginn des Bandes angestellten methodischen Überlegungen stehen die lebensgeschichtlichen Interviews mit Arbeitern, speziell mit Exponenten der Arbeiterbewegung. In diesem kurzen Abschnitt wird die Auswahl der Gesprächspartner skizziert; die Bemerkungen zur inhaltlichen Analyse solcher Quellen bleiben dann recht unverbindlich.2

Die gemischte Quellenbasis, die ebenfalls in diesem Abschnitt angekündigt wird, entspricht dem Thema sicherlich am besten. Gefehlt haben mir hier Überlegungen zur Bedeutsamkeit der verwendeten Quellen und der in ihnen wiedergegebenen Sachverhalte bzw. dann zumindest eine Klärung dieser Punkte in der eigentlichen Darstellung. So wird der Zusammenhang von Parteimitgliedschaft, Organisationsarbeit und Wahlerfolg (Punkte, die für sich wichtig genommen werden und auch wichtig sind) nicht recht deutlich. Daß gelegentlich Details, die in den Quellen vorkommen, ohne den versprochenen »Vergleich mit anderen Quellen« (23) verbleiben und de facto überbewertet werden, mag durch die spezifischen Interessen der Autorin bedingt sein.3 Auch sonst erscheinen die Diagnosen Thurners des öfteren mangelhaft abgesichert; so bei den Wahlanalysen.4

Präsentation

»Präsentation« — das ist nicht Thurners Krieg mit den Zahlen5, auch nicht ihre Zitierweise6, das sind andere Kleinigkeiten, die irritieren und die hier Beachtung finden sollen. Der Leser hat nämlich mit Thurner eine Autorin vor sich, die sehr genau zu unterscheiden weiß, wer historisch im Recht und wer im Unrecht war. Daß sie den Begriff »Austrofaschismus« im Brustton der Selbstverständlichkeit verwenden würde, war klar. Daß sie auch Eisenbahnergewerkschaftern des 45er Jahres antisemitische und ausländerfeindliche Zwischentöne nicht durchgehen läßt7, wird Freunde einer posthumen Pädagogik erfreuen. Der Ausdruck »Negativexistenzen« für Schieber und Spekulanten (108) ist hart, aber gewiß verdient. Bei den ländlichen Arbeitskräften der Zwischenkriegszeit von »mitunter leibeigenschaftsähnlichen Abhängigkeitsverhältnissen« (133) zu sprechen, zeigt zwar kein kühl abwägendes Sachurteil, aber dafür umso mehr Engagement. In der Sache der Kieseldruckerei — »Im Zuge der Entnazifizierung sollte der Besitz der Eigentümer-Familie Glaser eingezogen, die Druckerei der SPÖ und der Bergland-Verlag der ÖVP zufallen« — weiß Thurner: »Die SPÖ hatte ihre berechtigten Forderungen auf Ersatz der ehemaligen Parteidruckerei. Dagegen war das Mitprofitierenwollen der ÖVP umso problematischer« (162).

Ein wenig inkonsistent wirken hingegen die Assoziationsketten der Autorin im Zusammenhang mit der Entnazifizierung; so zitiert sie den Leiter einer Bauarbeitertruppe, dem ehemalige Nationalsozialisten unterstellt wurden8 und fährt folgendermaßen fort: »Diese Arbeitsunwilligkeit von belasteten Personen war gleichsam Ausdruck deren fehlender Reue und mangelnder Schuldeinbekenntnis. Daß die organisatorischen und fachlichen Qualifikationen vieler Nationalsozialisten für den Wideraufbau der Wirtschaft attraktiv erschienen, macht die Farce der ›Vergangenheitsbewältigung‹ augenscheinlich. ›Der war bei der SS, der hat Führungsqualitäten, den brauchen wir für den Wiederaufbau‹, waren die gängigen Überlegungen im Bestreben, jegliche Moralität der ökonomischen Effizienz unterzuordnen. Das Hauptproblem waren damals letztlich nicht die großen NS-Verbrecher, die Spitzen der NS-Hierarchie, sondern die Durchsetzung der wesentlichen Bereiche des öffentlichen Lebens, der Verwaltung und vor allem der Wirtschaft mit Nationalsozialisten. Das Hauptargument lautet noch immer, daß der Abzug aller NS-Parteigenossen aus leitenden und wichtigen Positionen und Berufen eine Behinderung für den Wiederaufbau gewesen wäre. Es ist anzunehmen, daß ein konsequent praktizierter Antifaschismus und die Bemühung um einen demokratischen Gesellschaftsaufbau die wirtschaftliche Konsolidierung etwas verzögert hätte. Dem rascheren Wirtschaftsaufschwung wurde die demokratische Umgestaltung der Gesellschaft geopfert. Profitiert hat davon zunächst ohnehin nur ein kleiner Teil der Bevölkerung« (116).

Ich könnte nun näher auf das Funktionieren des demokratischen Systems Österreichs in der Nachkriegszeit eingehen und den Leser, die Leserin mit vielen weiteren Beispielen dieser Art ermüden; ich will es aber nicht tun. Denn im Kapitel über den Pongau lese ich die Ausführungen über die betriebseigenen Sozialleistungen in der Konkordiahütte Tenneck (im Besitz der Familie Weinberger); Thurner, die — nebenbei — im ganzen Buch den Begriff »Genosse« so verwendet, als sei sie gerade beim Verfassen eines Sektionssitzungsprotokolls9, kommentiert: »Um den Verdacht zu zerstreuen, daß am Beispiel der Konkordiahütte der Privatwirtschaft das Wort geredet wird, sei darauf verwiesen, daß der Betrieb ohne Kredithilfen - in diesem Fall von seiten des Landes — in eine ernsthafte Existenzkrise geraten wäre« (223).

Ja, das ist nun entwaffnend: mag man auch noch so sehr an einem Buch herumkritteln und herummeckern — bei solchen Sätzen kann man nur mehr nostalgisch werden: Wo gibt es denn das noch in der ehemaligen Sozialistischen Partei Österreichs, daß einem das Wort »Genosse« über die Lippen kommt wie Gänsewein? Daß man eine antiprivatwirtschaftliche Seele sein eigen nennen darf, die so weiß und unbefleckt ist wie das Erstkommunionkleid am Morgen des Christi-Himmelfahrt-Tages?

Das sind mittlerweile Raritäten, die schutz- und erhaltungswürdig sind und für die man gerne die eine oder andere Unzulänglichkeit eines Buches in Kauf nimmt.

 

  1. Thurner nennt die »Heimtücke«-Fälle, bei denen Arbeiter und Facharbeiter zu 50 % beteiligt seien. Hier wäre doch zu fragen, wieweit die insgesamt doch relativ wenigen aktenkundigen Fälle bei diesem Delikt überhaupt Rückschlüsse auf generelle politische Dispositionen in einer Region zulassen.
  2. »Die Einschätzung, ob es sich um eigene Urteile, Erfahrungen und Wahrnehmungen der Befragten handelt oder ob gängige Klischees und Stichworte als eigene Erfahrung präsentiert werden, bleibt den Forscher/inne/n, der jeweiligen Intuition und psychologischem Alltagswissen vorbehalten [Fn.]«. S. 23.
  3. So knüpft sie an eine vereinzelte Äußerung des Parteivorsitzenden Peyerl, gerichtet an seine Stellvertreterin Emhart (»Rede keinen Unsinn Mizzi!«) weitreichende Überlegungen zum Sprach- und Diskussionsverhalten der Männer in der Partei (292—293).
  4. Z. B. behauptet sie ohne Begründung: »Die Verärgerung der Bevölkerung über die mit dem dritten Lohn- und Preis-Abkommen vom Juni 1949 einsetzenden Verteuerungen haben vermutlich die Lokalfunktionäre(innen) in besonders hohem Ausmaß zu spüren bekommen« (325).
  5. Ohne jede Zahl nachgerechnet zu haben, sind mir aufgefallen: die widersprüchlichen Angaben zur Kilokalorienversorgung im Juni 1946 in der Tabelle und im Text, S. 109; ebenso: »Die Landtags/Nationalratswahlen 1945 brachten für die Halleiner SPÖ eine Mehrheit mit 53,7 Prozent der Stimmen […]. Die Kommunisten erreichten mit 14,5 Prozent der gültigen Stimmen 37 [sic] Prozent vom SPÖ-Resultat« (197); bei den Forstarbeiterwahlen erreichen drei Parteien zusammen 110 % der Stimmen (62 % SPÖ, 42 % ÖVP, 6 % VdU) (219).

  6. Die Autorin kommentiert die Zitate im Text sehr oft nicht; dadurch entsteht in manchen Fällen der Eindruck, daß sich die Autorin eher abwegige Einschätzungen der Zeitgenossen zu eigen macht; so z.B. bei der Erklärung der KP-Mandatarin Agnes Primocic für den KP-Mißerfolg in Hallein (»›Die Haltung der KP in Fragen der Entnazifizierung, unser Antifaschismus, hat bei der Bevölkerung Angst hervorgerufen, denn fast jeder hat doch in seiner Familie einen Nazi gehabt‹ [Fn.]« [197]).
  7. Zu einer Gewerkschafterliste über Übergriffe gegen Eisenbahner: »Zwei in dieser Liste aufgeführte Vorkommnisse berühren besonders unangenehm: ›Insultiert beziehungsweise mißhandelt durch Juden.‹ [FN.]« (103); »In ihrer Forderung nach mehr Schutz ›für die bodenständige Bevölkerung in Stadt und Land vor der Unsicherheit an Gut und Leben durch Ausländer‹ [Fn.], lassen sie es aber an Solidarität und Verständnis gegenüber Menschen aus anderen europäischen Ländern mangeln, die der Nationalsozialismus und der Hitler-Krieg ins Elend gestürzt hatte, die verfolgt, aus ihrer Heimat vertrieben oder in der Rüstungsindustrie geschunden worden waren« (103).
  8. »›Ich maß ein Tagespensum aus, das sehr leicht zu bewältigen gewesen wäre, jedoch klagten mir einige, daß sie diese Arbeit nicht gewohnt seien. Darauf antwortete ich ihnen, Ich [sic] sei auch nicht gefragt worden in meiner Haftzeit (= Zuchthaus Straubing wegen Widerstand gegen das NS-Regime, ET), ob mir eine Arbeit zusagt oder nicht.‹ [Fn.]« (115).
  9. Über Josef Grani sr. und jr. (Pinzgau) wird geäußert: »Sie hatten, noch bevor eine geordnete Parteiarbeit möglich war, mit der Mitgliederaufnahme begonnen. Mit ihrem alten Fiat sind sie von Ort zu Ort zu den Genossen und Genossinen [sic] gefahren« (234). Zu Salzburg-Stadt: »In der ›Rennbahn‹ gab es im Herbst 1945 noch keinen Ausschuß. Genosse Frühauf stand dort auf einsamen [sic] Posten: als Abschnittsleiter, Sektionsleiter, Kassier, Schriftführer und Jugendreferent in einer Person« (265). Weiters: »Daneben gibt es aber auch Zeugnisse einer rebellierenden Parteijugend, die durch ihre Kritik an älteren Genossen ›Unruhe‹ ins Parteileben brachte. So berichtete Genossin Emhart über den ›Skandal‹ auf der Mandlwandhütte bei Bischofshofen anläßlich der Jugendkonferenz 1947« (270); ebenso: »Während in Ostösterreich, in Wien, Niederösterreich und in der Steiermark, der Aufbau von Betriebszellen bereits mit Kriegsende einsetzte, beauftragte die Salzburger SPÖ erst im September 1947 die Genossen Salfenauer, Steinocher und Kaplan mit vorbereitenden Aktivitäten [Fn.]« (300). Usw.