Ischchan Tschiftdschjan (Hg.)

Zum 90. Gedenkjahr des Völkermordes an den Armeniern 1915—2005. Stimmen aus Deutschland. Antworten, Aufsätze, Essays, Reden, armenische Augenzeugenberichte

 

Antelias, Libanon
Armenisches Katholikat
2005
417 S.

 

Rezensent: Martin Felber

Historicum, Winter 2005/2006, 38—39

 

 

 

 

Am 16. Juli 1915 sandte der amerikanische Botschafter in Konstantinopel das Telegramm Nr. 858 an den amerikanischen Außenminister mit folgendem Text: »Have you received my 841? / Deportation of and excesses against peaceful Armenians is increasing and from harrowing reports of eye witnesses it appears that a campaign of race extermination is in progress under a pretext of reprisal against rebellion. / Protests as well as threats are unavailing and probably incite the Ottoman government to more drastic measures as they are determined to disclaim responsibility for their absolute disregard of capitulations and I believe nothing short of actual force which obviously United States are not in a position to exert would adequately meet the situation. Suggest you inform belligerent nations and mission boards of this.«

Der Völkermord an den Armeniern ist vor allem im Zusammenhang mit dem angestrebten Beitritt der Türkei zur Europäischen Union in der öffentlichen Diskussion wieder stärker beachtet worden. Der Deutsche Bundestag verurteilte das Geschehen, die französische Nationalversammlung stellte die Leugnung dieses Völkermords unter Strafe. Die Türkei möchte lieber diejenigen bestrafen, die den Völkermord nicht leugnen. Manchmal darf man aber sogar in der Türkei über das Thema reden, nämlich dann, wenn die Europäische Union das verlangt, so beim Oral History Congress 1999, der in Istanbul stattfand und ein Panel zu diesem Thema nur auf internationalem Druck im Programm behalten durfte. Man durfte also reden, aber der Ort, in dem geredet werden durfte, wurde kurzfristig in einen entfernten Veranstaltungsraum verlegt (freilich mit wenig Erfolg, die Veranstaltung war hervorragend besucht).

Aus Anlaß des neunzigsten Jahrestags des Massakers erschien im Eigenverlag des Armenischen Katholikats des Großen Hauses von Kilikien ein Band mit »Stimmen aus Deutschland« zu diesem Thema.

Der Bezug des Armeniermords zu Deutschland ist einer der bekanntesten Aspekte des Geschehens: Das Geschehen spielte sich, wie das meist formuliert wird, »im Windschatten« des Ersten Weltkriegs ab, in dem die vom amerikanischen Botschafter im eingangs zitierten Telegramm genannten kriegführenden Nationen wenig Aufmerksamkeit für die Ereignisse im Osmanischen Reich aufbrachten. Die deutsche Regierung wußte, was vorging, war aber hauptsächlich daran interessiert, das Osmanische Reich, mit dem es nicht nur ein Bündnis, sondern auch eine unmittelbare enge militärische Kooperation gab, als möglichst effektiven Partner zu behalten. Zurückhaltende Interventionen zugunsten der Armenier blieben erfolglos (lediglich der ab im November 1915 für ein Jahr amtierende Botschafter Wolff-Metternich protestierte energisch), einige der ohnehin im Osmanischen Reich befindlichen deutschen Militärberater waren sogar unmittelbar in die Massaker involviert; man zog es vor, über das Thema nicht zu sprechen und Nachrichten darüber zu unterdrücken. Soweit man doch Stellung beziehen mußte, folgte man der offiziellen Sprachregelung der jungtürkischen Regierung, daß die Armenier im Bündnis mit der Entente gestanden seien. Weniger oft wird das Verhalten der österreichisch-ungarischen Regierung erwähnt, das sich von dem der deutschen nicht unterschied: Auch die Wiener Regierung war völlig im Bild, auch sie versuchte es mit zaghaften Interventionen, und auch ihr waren die Bündnisinteressen wichtiger.

Zwei Zivilisten, ein Deutscher und ein Österreicher, haben das Bild vom Armeniermord stark geprägt. Der Österreicher ist Franz Werfel, dessen Vierzig Tage des Musa Dagh im Jahr 1933 herauskam; das Buch ist nicht nur eine mitreißende Geschichte, sondern führte schon den Zeitgenossen (und mehr noch den späteren Lesern) die Parallelen zum nationalsozialistischen Deutschland vor Augen und verankerte den Armeniermord dauerhaft im kollektiven Gedächtnis. Einer der Protagonisten des Romans ist der Deutsche Johannes Lepsius, ein evangelischer Pfarrer, der seit den Massakern des Jahres 1895 humanitäre Programme für die armenische Bevölkerung organisiert hatte und 1915/16 unmittelbar mit dem Geschehen konfrontiert war. Lepsius versuchte ebenfalls zu intervenieren und war damit klarerweise erfolglos, dokumentierte dann aber die Verbrechen gegenüber dem Deutschen Reichstag. Die deutsche Regierung unterdrückte diese Dokumentation.

Der Name Lepsius führt direkt zum vorliegenden Band. Das Buch ist nicht eine systematische historische Untersuchung, auch nicht eine Aufsatzsammlung im üblichen Sinn. Das Anliegen ist politisch — Erinnerung und Gedenken einerseits, Geschichtspolitik in einem unmittelbareren Sinn andererseits. Die Weigerung der Türkei, den Völkermord als solchen anzuerkennen und einen westlichen Standards entsprechenden Umgang mit dieser historischen Belastung zu pflegen, zieht sich als Thema durch das Buch. Das ist kein Wunder: Ein Gedenken an den Völkermord gäbe es auf jeden Fall, aber der abnorme Umgang der Türkei mit dem Thema führt erst dazu, daß der Armeniermord zu einer singulären Angelegenheit wird; dem Ausmaß der Verbrechen und den Modalitäten der Durchführung nach wäre er das nicht, wohl aber wegen dieser geschichtspolitischen Besonderheit.

Der Hauptteil des Bandes besteht aus Beiträgen, die als Antwort auf einen kurzen Fragenkatalog geschrieben wurden, der an ungefähr 160 Personen gerichtet wurde, darunter Universitätsprofessoren, Studenten, Priester und Medienleute. Gut ein Drittel der angefragten Personen hat reagiert.

Unter den kurzgefaßten Antworten findet man einige interessantere Beiträge. Wer den Band in die Hand nimmt, wird nicht am Text des bekannten Soziologen M. Rainer Lepsius vorbeigehen, des Sohns von Johannes Lepsius; hier findet man auch einige Bemerkungen zu Johannes Lepsius als Person. Auch die Antworten der Leipziger Literaturwissenschaftlerin Adelheid Latchinian, die durch ihre Verehelichung zur armenischen Literatur geführt wurde, sind schon wegen der Bemerkungen über den Wissenschaftsbetrieb in der DDR nicht uninteressant. Lesenswert ist auch der Beitrag von Hilmar Kaiser, der eine Reihe von einschlägigen Publikationen verfaßt hat und hier über die Umstände schreibt, unter denen die Forschungsarbeit durchgeführt wurde. Auch an den Ausführungen des Bielefelder Historikers Hans-Walter Schmuhl über das Verhalten deutscher Stellen und die Involvierung des deutschen Militärs sollte man nicht vorbeigehen.

Der Herausgeber stand offenbar vor dem Problem, was er mit mangelhaften Texten anfangen sollte — immerhin, es ist ein Gedenkband, jemand hat sich die Mühe gemacht zu anworten, man will ja niemanden kränken. Es wurde jedenfalls alles abgedruckt. Daher kann man das Bekenntnis von Karl Otmar Freiherr von Aretin lesen, in dem er mitteilt, daß er zum Thema nichts zu sagen hat. Auch das Dokument der Gelehrteneitelkeit aus der Feder des Krakauer Sprachwissenschaftlers Ralf-Peter Ritter, der sich in dunklen Hinweisen auf seine eigene Bedeutung und die Bedeutung gewisser nicht näher genannter Armenien-Publizisten ergeht, wird dem Leser nicht vorenthalten. Der Hamburger Ostrechtler Otto Luchterhandt befaßt sich mit der Frage, ob der Völkermord ein Völkermord war, und brüllt: »Die Frage, ob bestimmte Geschehnisse, Taten oder Tatsachen als Völkermord zu qualifizieren sind, ist ausschließlich eine juristische. Nur ein Jurist, sei er Richter oder Rechtsgelehrter, vermag die Frage fachgerecht zu beantworten.« (172) Zu dumm, daß in den meisten Staaten genau über diese Frage Nicht-Juristen zu entscheiden pflegen, nämlich dann, wenn sie — was es alles gibt! — als Laienrichter im Geschworenenprozeß tätig sind.

Auf die »Stimmen aus Deutschland« folgen einige kurze Augenzeugenberichte, zum Teil Ausschnitte aus längeren Berichten. Am unmittelbarsten wird das Geschehen auf den Todesmärschen im Text von Papken Indschearabjan deutlich, der als Zehnjähriger deportiert wurde und hier von Ereignissen berichtet, die an Grauen kaum überbietbar sind.

Im Anhang einige offizielle Dokumente mit Erklärungen und Resolutionen.