Hellwig Valentin

Der Sonderfall. Kärntner Zeitgeschichte 1918—2004

 

Klagenfurt, Laibach, Wien
Verlag Mohorjeva—Hermagoras
2005
358 S.
€ 24,90

 

Rezensent: Martin Moll 

Historicum, Frühling 2005, 26—27

 

 

 

 

Während hinsichtlich der deutschen Geschichte noch immer kontrovers diskutiert wird, ob sie bis 1945 (verglichen womit?) einen negativen »Sonderweg« beschritten habe, verspüren alpenländische Historiker, so scheint es, immer wieder Neigung, die zumindest in den letzten sechzig Jahren so überaus erfolgreiche Geschichte Österreichs als Sonder- im Sinne von Glücksfall einzustufen. 1979 hatte Manfried Rauchensteiner hinsichtlich der Besatzungszeit zwischen 1945 und 1955 von einem solchen Sonderfall Österreich gesprochen, weil die Okkupanten wieder abzogen und dem Land, anders als dem ehemaligen Deutschen Reich, eine Teilung erspart blieb.1 Hellwig Valentin, Dozent für Allgemeine Zeitgeschichte an der Universität Graz und Beamter der Wissenschaftsabteilung der Kärntner Landesregierung, wertet in seinem neuesten Buch die Kärntner Zeitgeschichte insgesamt als Sonderfall.

Valentin nennt hierfür auch gute Gründe, die er eingangs in 25 Punkten auflistet. Der Bogen karantanischer Spezifika spannt sich von der Volksgruppenfrage über die permanente Skandalisierung moderner Kunst bis zur auffällig hohen Rate unehelicher Kinder. Einige dieser Charakteristika finden sich auch in anderen Bundesländern, freilich nicht derart kumuliert. Auch wenn sich in Kärnten während der letzten Jahre manche früher leidenschaftlich ausgetragene historische Kontroverse entkrampft zu haben scheint, stellt das Buch selbst einen Sonderfall dar: Nüchtern abwägend und fair urteilend, stets sachlich in der Argumentation, um gerechte Urteile bemüht, aber klare Stellungnahmen nicht vermeidend, hebt es sich wohltuend ab von früheren Publikationen zur Geschichte Kärntens, die entweder apologetisch gehalten waren oder, als Gegenposition, eine heillos überzogene Stilisierung als »Nazi-Land« darstellten.

Valentin legt ein Lesebuch im besten Wortsinn vor. Er wendet sich an ein breites geschichtsinteressiertes Publikum, dem er auf knappem Raum Fakten und Analysen vermitteln will. Obwohl stets auf dem neuesten Forschungsstand und bis in die unmittelbare Gegenwart reichend, verzichtet der Verfasser mit Blick auf seinen Adressatenkreis auf einen wissenschaftlichen Apparat, was der Fachhistoriker bedauern wird. Einen teilweisen Ersatz bietet das umfangreiche und aktuelle Literaturverzeichnis. Der Band erhebt nicht den Anspruch, neue Forschungsergebnisse vorzulegen, sondern gesichertes Wissen zu vermitteln und einfach zum Nachlesen und Nachdenken anzuregen. Durch eine sehr kleinteilige Gliederung — kaum ein Unterkapitel geht über ein oder zwei Seiten hinaus — ermöglicht er punktuelles Nachschlagen zu einzelnen Ereignissen oder Fragestellungen. Ein Sachregister, zusätzlich zum Personenverzeichnis, wäre hierfür allerdings nützlich gewesen.

Wenngleich primär auf die Präsentation von Fakten ausgerichtet, bietet der Band immer wieder eingeschobene, mitunter durch die Kapitelüberschriften als solche bezeichnete Analysen, die auf längerfristige Trends aufmerksam machen. Derartige Analysen widmen sich zum einen Kontinuitäten und Wandlungen mit Blick auf Kärnten, zum anderen den Abweichungen zur Entwicklung im übrigen Österreich, das durchgängig als Vergleichsmaßstab herangezogen wird. Manche dieser Besonderheiten sind bekannt beziehungsweise liegen auf der Hand, zu anderen bietet Valentin durchaus originelle Beobachtungen. Einen eigenwilligen Charakter hatte etwa die Sozialdemokratie, die Valentin — hier für die Zwischenkriegszeit, aber durchaus zeitlich verlängerbar — als »sozial, deutschnational, antiklerikal und antikapitalistisch-antisemitisch« charakterisiert (86). Bedenkenswert ist ferner seine treffende Beobachtung, daß die Stärke der Sozialdemokratie in Kärnten bereits in der Zwischenkriegszeit weit über dem österreichischen Durchschnitt lag, ihre jahrzehntelange Dominanz der Landespolitik zwischen 1945 und etwa 1990 folglich nicht auf die besonders erfolgreiche Inhalierung ehemaliger Nationalsozialisten zurückzuführen sein kann oder muß (51). Gerade an diesem Beispiel läßt sich im übrigen trefflich Valentins Grundthese von der Konstanz der politischen Verhältnisse in Kärnten belegen: Die Lagerstrukturen und, cum grano salis, auch deren Stärkeverhältnisse blieben, ungeachtet mancher Schwankungen, von der Monarchie bis in die Gegenwart ziemlich unverändert. Mit dem Aufstieg Jörg Haiders ist das zeitweilig bei den Sozialdemokraten untergeschlüpfte nationale Lager zu seiner eigentlichen Heimat zurückgekehrt.

Stichwort Monarchie: Deren Zusammenbruch dient dem Autor als Epochengrenze, womit er der traditionellen Abgrenzung der Zeitgeschichtsforschung folgt und verschiedentliche Kärntner Ansätze verwirft, einen nur für dieses Bundesland relevanten Einschnitt rund um das Jahr der Volksabstimmung, 1920, zu konstruieren. Dieses Vorgehen hat Sinn, da es Valentin ja gerade darauf ankommt, die Kärntner Geschichte vor dem Hintergrund der österreichischen darzustellen. Diese wird, soweit zum Verständnis erforderlich, in groben Zügen rekapituliert.

Wer erwartet, das Buch würde seinen Schwerpunkt rund um Kärntens »Sturmjahre« 1918 bis 1920 legen, sieht sich getäuscht. Der Band folgt einer Dreiteilung (Zwischenkriegszeit, 1938 bis 1945, Zweite Republik), wobei die jüngere Zeitgeschichte eindeutig dominiert. Rund 140 Seiten behandeln die Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges (davon circa dreißig Seiten die NS-Herrschaft), 190 Seiten hingegen das Geschehen ab 1945. Positiv hervorzuheben ist, daß der Erzählfluß zur Gegenwart hin keineswegs ausdünnt, ganz im Gegenteil.

Wie der Stoff einer solchen Gesamtdarstellung zu gliedern sei (chronologisch oder thematisch), hat schon vielen Autoren Kopfzerbrechen bereitet. Valentin entscheidet sich für die erwähnte chronologische Dreiteilung, wobei jeder Abschnitt wiederum dreigeteilt ist: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Kunst und Kultur. Vom Umfang her dominiert eindeutig die Politik. Darin wird der sogenannten nationalen Frage, dem »Problem« des Umgangs mit der slowenischen Minderheit, breiter Raum zugewiesen. Die Sachlichkeit, mit der diese Thematik abgehandelt wird, kann nur lobend hervorgehoben werden. Valentin scheut nicht vor Urteilen zurück, die für einen Kärntner Historiker keineswegs selbstverständlich sind. So vermerkt er etwa, die Begeisterung für den »Abwehrkampf« habe sich 1918–20 durchaus in Grenzen gehalten (25), und Wien habe das Land damals nicht, wie vielfach bis heute kolportiert, im Stich gelassen (29).

Dem Charakter eines Lesebuches entsprechend, schreibt Valentin in einem leicht verständlichen Stil. Damit wird der Band wohl jenes Publikum erreichen, dem beispielsweise der von Helmut Rumpler herausgegebene Kärnten-Band in der Reihe Geschichte der österreichischen Bundesländer seit 1945 zu umfangreich und zu wissenschaftlich ist.2 Freilich hätte der Verfasser gerade mit Blick auf dieses Publikum für mehr Benutzerfreundlichkeit sorgen können, denn der Band enthält keine einzige Landkarte, Skizze, Tabelle oder Graphik. Die häufig en détail referierten Wahlergebnisse, um nur ein Beispiel zu nennen, hätten sich mittels Abbildungen sicherlich anschaulicher darstellen lassen. Gleiches gilt für die Wirtschaftskapitel, die einen mit vielen Zahlen angereicherten Text bieten, der gegenüber den politischen Abschnitten deutlich mühsamer zu lesen ist. Valentin bemüht sich zwar durchgehend, Trends herauszuarbeiten, wählt jedoch für die von ihm vorgelegten Vergleichszahlen (etwa über Industrieproduktion, Beschäftigtenstand und anderes) immer wieder andere, oft willkürlich anmutende Vergleichsjahre, sodaß ein wirklich komparativer Blick erschwert ist. Hier wäre weniger Stoff, dafür besser aufbereitet und optisch ansprechend präsentiert, mehr gewesen. Auch so hätte leicht nachgewiesen werden können, daß Kärnten in vieler Hinsicht der sozioökonomischen Entwicklung in Österreich hinterherhinkte.

In Summe liegt hier eine großteils flüssig geschriebene Gesamtdarstellung zur Kärntner Zeitgeschichte vor, die sich keineswegs nur an Leser in Österreichs südlichstem Bundesland wendet. Gerade weil die Besonderheiten der Kärntner Entwicklung die leitende Fragestellung bilden, ohne diese These zu überspannen, ermöglicht der klug illustrierte Band Verständnis für einen Geschichtsverlauf, der außerhalb Kärntens oft als unbegreiflich erscheint.

 

  1. Manfried Rauchensteiner, Der Sonderfall. Die Besatzungszeit in Österreich 1945 bis 1955, Graz 1979.
  2. Helmut Rumpler (Hg.), Kärnten. Von der deutschen Grenzmark zum österreichischen Bundesland, Wien u. a. 1998.