Helene Wagner

In Odysseus’ Küche. Esssitten in der griechischen Archaik von Homer bis Hipponax

 

Innsbruck, Wien, Bozen
StudienVerlag
2008
214 S.
€ 24,90

 

Rezensent: Oliver Maurer

Historicum, Sommer—Herbst 2008, 65

 

 

 

 

Im 20. Gesang der Odyssee liegt Odysseus und denkt nach, wie er es anstellen würde, die Freier zu bestrafen:

»Allein er wandte sich hiehin und dorthin.
Also wendet der Pflüger am großen brennenden Feuer
Einen Ziegenmagen, mit Fett und Blute gefüllet,
Hin und her und erwartet es kaum, ihn gebraten zu sehen:
Also wandte der Held sich hin und wider, bekümmert,
Wie er den schrecklichen Kampf mit den schamlosen Freiern begönne,
Er allein mit so vielen.«
(Verse 24—30)

»Ziegenmagen, mit Fett und Blute gefüllet«, waren auch schon im 18. Gesang (Vers 44) der Preis im Faustkampf mit dem Bettler Iros.

Die homerischen Epen sind nicht die einzige, aber neben der archaischen Lyrik die wichtigste Grundlage der vorliegenden Studie über Essen und Eßsitten des 8. bis 6. Jahrhunderts.

Die Autorin beginnt mit Datierungsfragen, die allerdings für die Zwecke dieser Untersuchung nicht allzu wichtig sind. Insbesondere befaßt sie sich mit der Frage, ob die homerischen Epen in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts oder im 7. Jahrhundert anzusetzen sind (die Autorin neigt zu letzterer Annahme oder bringt jedenfalls nur Argumente, die diese Annahme stützen). Für die Untersuchung der Eßsitten sind diese Unterschiede aber aufgrund des komplexen Zusammenhangs zwischen der Dichtung und der zeitgenössischen Wirklichkeit ohnehin weniger bedeutsam.

Denn wie auch in diesem Buch immer wieder erkennbar wird, ist das, was in den Dichtungen über das Essen (so wie auch über andere Dinge) gesagt wird, nicht einfach eine vollständige Wiedergabe dessen, was sich in den zeitgenössischen Küchen und bei den Mahlzeiten getan hat. Die Häufigkeit, mit der bestimmte Einzelheiten in der Dichtung erwähnt werden, ist nicht unbedingt ein Gradmesser für die Bedeutung derselben Dinge in der Realität: Zum Beispiel spielt sich Essen bei Homer vorzugsweise als Verzehr von Fleisch ab; die Notwendigkeit, Fisch zu essen, ist bereits Zeichen, daß etwas nicht stimmt. Auch Getreide ist selbstverständliches Nahrungsmittel, Brot und Mehlspeisen (nicht immer eindeutig als Süßspeisen oder Brot identifizierbar) werden erwähnt. Obst kommt des öfteren vor, wenn nicht bei Tisch, so doch an den Bäumen, zweifellos als Früchte zum Essen zu verstehen. Ginge man nur nach Homer, müßte man allerdings annehmen, daß kaum Gemüse gegessen wurde (es gibt nur einmal eine Erwähnung von Zwiebeln bei Tisch, allerdings werden die Gärten von Alkinoos und Laertes genannt), auch Hülsenfrüchte werden nur einmal außerhalb des Zusammenhangs mit Essen erwähnt. Ebenso auffällig ist das Fehlen von Öl als Zutat beim Kochen (Öl wird bei Homer nur zur Salbung von Lebenden und Toten und als Opfergabe verwendet).

Die einfachste Erklärung würde dahin gehen, daß die Epen alles so darstellen, wie es sich im archaischen Griechenland abgespielt hat, eine unwahrscheinliche Variante. Diskutabel wäre dies eventuell beim Milchkonsum: Die Landbevölkerung habe Milch (vom Schaf oder der Ziege, nicht von der Kuh) getrunken, die Elite nicht; Käse sei auch von der Elite gegessen worden. Als Erklärung führt die Autorin unter anderem die geringe Haltbarkeit an, die es nur den Erzeugern selbst leicht gemacht hätte, frische Milch zu trinken. Dies wäre bei einer Wirtschaft, in der große urbane Zentren ohne eigene ausreichende Milchwirtschaft bestanden, eine ganz plausible Erklärung (in einer solchen Wirtschaft würde die Stadtbevölkerung wenig Frischmilch und desto mehr Käse konsumieren), nicht aber für das archaische Griechenland, wo diese Trennung nicht bestand — die homerischen Helden hatten das nächste Schaf gewiß in Griffweite. Es handelt sich also wohl um eine soziale Trennung — Wein für die oberen Klassen, Milch für die unteren —, sei es in der Realität, sei es als dichterische Stilisierung.

Der enorme Fleischkonsum bei den Gelagen ist wohl so zu verstehen, daß damit die Großartigkeit des Geschehens gezeigt werden soll — die Reichhaltigkeit des Gelages zeigt sich gerade darin, daß mehr Fleisch gegessen wird, als es eigentlich normal wäre. Das Fehlen von Gemüse, Hülsenfrüchten und Öl als Nahrungsmittel ist schwer erklärlich. Möglich ist, daß bestimmte Nahrungsmittel in einem archaisierenden Sinn nicht erwähnt wurden, um das Ambiente als einfacher und primitiver darzustellen. Das Fehlen von Öl wurde von manchen Autoren wirklich so interpretiert, daß Öl nicht für den Verzehr bestimmt war; die näherliegende Erklärung würde dahin gehen, daß es zwar bei der Zubereitung verwendet wurde, bei Tisch aber nicht mehr als selbständiges Nahrungsmittel vorkam und daher keine Erwähnung fand. Daß auch Hülsenfrüchte und Gemüse kaum erwähnt werden, erklärt die Autorin ebenfalls mit der Selbstverständlichkeit dieser Nahrungsmittel. Das wäre dann plausibel, wenn die Zubereitung solcher Nahrungsmittel im archaischen Griechenland stereotyp und uninteressant war und daher keine Handhabe bot, die Vielfältigkeit und Raffinesse eines Mahls herauszustreichen.

Daß Gemüse und Hülsenfrüchte in archaischer Zeit wirklich gegessen wurden, ergibt sich aus archäologischen Funden und etymologischen Schlüssen. Diese notwendige Ergänzung zu den aus der Dichtung erschlossenen Erkenntnissen erlaubt eine Gegenüberstellung der dichterischen und der realen Welt auch bei anderen Punkten, etwa beim Fleischkonsum, wo die Autorin die dichterischen Erzählungen mit archäozoologischen Erkenntnissen konfrontiert.

»Eßsitten«, das sind natürlich nicht nur die Zutaten, sondern auch ihre Zubereitung und die Umstände des Verzehrs. Die eingangs zitierte Erwähnung der Blutwurst und ihrer Zubereitung – gewiß wurde die Wurst auch gewürzt, vielleicht mit den Gartenkräutern, wie sie an anderer Stelle erwähnt sind – gehört zu den einprägsameren kulinarischen Hinweisen der homerischen Epen. Viele Erwähnungen betreffen den Ablauf des Essens, die Gelegenheiten, bei denen man ein Mahl ausgerichtete, die teilnehmenden Personen, die Tischsitten, die Mengen des verzehrten Essens (und das, was übrigblieb). Und es stellt sich die Frage, was abseits dieser Gelage passierte, wie das gewöhnliche Essen gewöhnlicher Leute aussah. Die Autorin widmet diesen Fragen ein gutes Drittel des Bandes.

Das vorliegende Buch ist ein interessanter Überblick über all diese Fragen, der sich im Fall der literarischen Bezüge nahe an den Quellen bewegt und hinsichtlich der archäologischen Grundlagen eine Aufarbeitung der Literatur bietet. Hervorzuheben ist, daß dies die Druckfassung einer Diplomarbeit ist, die an der Universität Wien geschrieben wurde. Eine ausgezeichnete Arbeit, die allgemeines Interesse verdient.