Reinhold Wagnleitner

Coca-Colonisation und Kalter Krieg: Die Kulturmission der USA in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg

Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik 52

 

Wien
Verlag für Gesellschaftskritik
1991
435 S.

 

Habilitationsschrift [1989]*, Universität Salzburg

 

Rezensent: Eberhard Mairbäurl

Historicum, Frühling 1990, 12—14

Am 15. Mai 1945 nahm die ISB (Information Services Branch) in Österreich ihre Tätigkeit auf: Die amerikanische Behörde war in Italien im alliierten Hauptquartier aufgebaut worden; sie sollte an der österreichischen Bevölkerung die »Reorientation« (die österreichspezifische weichere Ausgabe der »Reeducation«) leisten.

Die Behördenorganisation der ISB zeigt gleich die Bereiche, an denen die Reorientation ansetzte. Es gab Abteilungen für:

  • Presse- und sonstige Druckerzeugnisse (Lizenzen und Papierzuteilungen im allgemeinen);
  • Theater und Musik (Entnazifizierung, Plazierung von US-Kultur);
  • Film (Förderung von US-Filmen, Verwaltung der österreichischen Produktion);
  • Bilder (Herstellung und Anforderung von Bildmaterial);
  • Kommunikation (Kontrolle von Nachrichtenverbindungen);
  • Nachrichtenwesen (von den Besatzern initiierte bzw. betriebene Zeitungen und Nachrichtendienste);
  • Amerika Häuser (Informationszentren mit breitem Kulturprogramm);
  • amerikanische Publikationen (Herstellung und Vertrieb);
  • Radio (Radio Rot-Weiß-Rot);
  • Erziehung (Entnazifizierung des Schulwesens, Schulorganisation, innere Schulangelegenheiten);
  • Austauschprogramme (für Wissenschaftler, Lehrer, Studenten, Politiker, Journalisten etc.);
  • Jugendclubs (Clubs, Zeitschriften, Veranstaltungen);
  • Administration der ISB.

Diese Tätigkeitsbereiche der ISB sind Untersuchungsgegenstand der Habilitationsschrift* von Reinhold Wagnleitner.

In einer recht übersichtlichen Art werden in sechs Kapiteln die Pressepolitik, die Radiopolitik, die Informations- und US-Publikationsarbeit, die Erziehung, Theater und Musik und schließlich der Film abgehandelt.

Dabei kommen etwa Dinge zur Sprache wie: die Gründung von Tageszeitungen (Wiener Kurier, Salzburger Nachrichten, Oberösterreichische Nachrichten) und die Art ihrer mehr (Wiener Kurier) oder weniger (SN, OÖN) direkten Kontrolle durch die Besatzungsmacht; die Produktion von Zeitschriften für enger begrenzte Zielgruppen und von Features zur Plazierung in österreichischen Medien; die Ausbildung von Journalisten; die Organisation von Radio Rot-Weiß-Rot und die Modernisierung des Rundfunkstils; die Bibliotheken, Ausstellungen, Film-, Bild- und Musikmaterialien der Information-Centers; Lehrerfortbildung und Didaktikreformversuche; der Aufschwung der österreichischen Amerikanistik; das Fulbright-Programm; die Verbreitung der englischen Sprache in der Schule und im Alltag; die Aufführung US-amerikanischer Dramen und der Musik amerikanischer Komponisten in Österreich; der Aufschwung des Jazz, der Popmusik und des Rock'n'Roll; die Zusammenarbeit zwischen den Filmproduzenten Hollywoods und den Besatzungsbehörden. Also eine ganze Reihe von Themen, mit denen die kulturpolitische Tätigkeit der Amerikaner umfassend abgehandelt wird. An Quellen wurden hauptsächlich Verwaltungsakten aus den National Archives und aus dem Washington National Record Center, weiters Zeitungen und Zeitschriften, Radiosendungen und einzelne zeitgenössische statistische Erhebungen verwendet.

Zusätzlich zu diesen Fragen finden sich einleitende Kapitel über das europäische und österreichische Amerika-Bild in der Neuzeit und über die Verbindungen Österreichs zu den USA im 19. und 20. Jahrhundert; Kapitel zur auswärtigen Kulturpolitik der USA im allgemeinen; eingeschobene »Kurzgeschichten« wie die Geschichte des Jazz in Europa und im besonderen in Österreich (hier gibt es den Jazz seit Beginn des Jahrhunderts).

Von den durchgängig angesprochenen Fragen ist die wichtigste die inhaltliche Steuerung der kulturellen Aktivitäten durch die US-Behörden. In allen genannten Bereichen spielte neben der Bewältigung von »Primärproblemen« (z. B. der Schulausspeisung) die Vermittlung amerikanischer Lebensstilinhalte eine wichtige Rolle, wobei den politischen Aufgaben der Entnazifizierung und Demokratisierung keineswegs alleinige Bedeutung zukam. Wie der Titel der Arbeit bereits zeigt, hatte die Kulturvermittlung auch den Zweck, in der Auseinandersetzung mit der Sowjetunion antikommunistische Inhalte zu verbreiten bzw. in ganz allgemeinem Sinn den USA in der Meinung der österreichischen Bevölkerung ein attraktives Profil zu verschaffen. Wagnleitner bespricht ausführlich die subtileren Formen der Propaganda, die in der US-Kulturarbeit der direkten politischen Agitation ganz bewußt vorgezogen wurden — besonders deutlich, wenn im Unterhaltungsbereich gezielt Bücher, Theaterstücke und Filme gefördert wurden, die die sympathischen Seiten der USA zeigten, andere dagegen mit unterschiedlichen Mitteln (Nichtverbreitung durch die behördeneigenen Stellen, Ausschluß von finanziellen Förderungen) vom österreichischen Markt ferngehalten wurden. Im Bereich des Films mußten diese Beschränkungen selbst von den amerikanischen Filmproduzenten hingenommen werden, die ansonsten eine außerordentlich starke Stellung zur Durchsetzung ihrer kommerziellen Interessen behaupten konnten und dabei mit der amerikanischen Kulturverwaltung zusammenarbeiteten (und sie gelegentlich auch konkurrenzierten). In der Musik wurde der Jazz erst spät vom State-Department als Mittel zur Sympathiewerbung entdeckt und dann in die Kulturprogramme integriert (die »Voice of America« begann erst 1949 mit Jazz-Sendungen) — die Kulturdiplomaten konnten auch dann noch keine affektive Bindung an diese Musik entwickeln.

Abgesehen von der Frage, wie die Interpretation von kulturellen Inhalten durch die amerikanische Kulturbehörde als »sympathiefördernd« oder »-hemmend« zu erklären ist1, ist die Darstellung des Zusammenhangs dieser Auffassungen mit den tatsächlichen Aktivitäten und damit die bewußt propagandistische Seite dieser Bemühungen meiner Meinung nach gut dokumentiert.

Die Behandlung der Kulturarbeit der US-Behörden als solche finde ich daher gelungen.

Als hauptsächliche Lücke in der Arbeit habe ich die Behandlung des Gegenstücks empfunden, nämlich die Frage, wie die kulturellen Aktivitäten bzw. die amerikanische Kultur überhaupt von den Österreichern rezipiert wurden.

Natürlich wissen wir alle, daß das Coca-Cola (nicht »die Coca-Cola«, Hr. Wagnleitner!) erfolgreich war. Die Popmusik hat sich durchgesetzt, und die Aufzählung von Deodorants, Perlonwäsche und Kinofilmen der 50er Jahre, die die Zusammenfassung des letzten Kapitels garnieren, hätschelt wahrscheinlich die 50er-Nostalgie, die ja eine Zeitlang im Schwang (und jetzt, wie es scheint, im Abflauen) ist. Gewiß soll aber diese Aufzählung auch nach der Intention des Autors keine systematische Behandlung der Rezeption darstellen.

Wir kennen das Ergebnis der Amerikanisierung, weil wir es täglich erleben; und es existieren sicher auch gewisse vage Vorstellungen, wie dieses Ergebnis zustande zustandegekommen ist. Bei Themen der neuesten Geschichte wird einem daher besonders deutlich vor Augen geführt (was an sich natürlich für alle historischen Themen gilt), daß eine mehr oder weniger beliebige Zusammenstellung von Einzelheiten schwerlich zur Korrektur von bestehenden irrigen Auffassungen über eine Epoche, und gar eine zeitlich und sachlich so nahe Epoche, beitragen wird. Besonders gilt das dann, wenn diese Einzelheiten nicht überraschen. So ist es sicherlich höchst glaubhaft, wenn anläßlich der Verteilung von Coke-Rationen an die österreichische Jugend erklärt wird, daß diese Geschenke das Ansehen der US-Armee erhöhten; und österreichische Jugendliche scheinen auch in den 50er Jahren Kaugummi geschätzt zu haben. Etwas in dieser Art war allerdings auch so zu vermuten.

Wenn die großen Linien so klar sind wie in diesem Fall, werden die Sonderentwicklungen interessant — und nicht nur, wenn es um die Borniertheit von Publizisten oder Politikern geht, die der US-Kultur das Selbstgefühl der europäischen Kultur gegenüberstellen (ein in der Arbeit öfters angesprochener Punkt):

So wird etwa angemerkt, daß Der Wilde anfangs gar nicht als so besonders leiwander Film empfunden wurde. Das änderte sich erst, so Wagnleitner, mit der hysterischen Reaktion der Medien (S. 433). Von wem wurden welche Filme gesehen?

Die Amerika-Häuser waren sehr erfolgreich und, verglichen mit den in der US-Zone in Deutschland befindlichen, in der Bevölkerung relativ bekannt. Trotzdem wußte in Linz nur jeder dritte und in Salzburg (offenbar Stadt) nur jeder vierte, was sie anzubieten hatten. Und nur jeder siebte hatte sie besucht (Zahlen von 1948, S. 211)2. Dabei sind das Zahlen von größeren Städten. Wie sah es in Mauerkirchen aus, wo es die sogenannte Negermusik nicht leicht hatte (wie dem Vorwort zu entnehmen ist)? Die Amerika-Haus-Nebenstelle im nahen Braunau wurde ja schließlich nicht Wirklichkeit (einschließlich Nebenstellen gab es überhaupt nur zwölf Amerika-Häuser; S. 204). Wer besuchte die Amerika-Häuser? Was tat inzwischen die Landbevölkerung?

Radio Rot-Weiß-Rot erreichte 1948 in der amerikanischen Besatzungszone 99% der Befragten, in Wien — teils technisch bedingt — nur 42 %. Gegen Ende der Besatzungszeit lag Radio Rot-Weiß-Rot gesamtösterreichisch bei 82 % (S. 180). Fachzeitschriften für Lehrer, Mediziner oder Bauern wurden an die Zielgruppen österreichweit verschickt. Wie unterschiedlich entwickelte sich die Amerikanisierung in den verschiedenen Besatzungszonen?

Wer benutzte Deodorants und Perlonwäsche, wo wurden die Heißwasserspeicher montiert, wer warf sein Geld in eine der 2.790 Musik-Boxen (S. 443) des Jahres 1957?

Wagnleitner bringt zu alldem nur sehr selten und auch dann nur pauschal Zahlen und konstatiert gegen Ende der Arbeit: »Sicher, es bestanden immer noch einige feine Unterschiede: so muss geographisch zwischen Wien und den Bundesländen, zwischen Industrie-, Landwirtschafts- und Fremdenverkehrsgebieten, aber auch zwischen den Gebieten der (ehemaligen) sowjetischen Besatzungszone und dem ›Goldenen Westen‹ differenziert werden. Die feinen Unterschiede bestanden ebenso im sozialen Bereich, zwischen Lehrlingen im städtischen Bereich und der Landjugend, zwischen Haupt- und Mittelschülern, jungen Arbeitern und Studenten. Entscheidend scheint jedoch, dass sich die Besitz- und Konsumwünsche aller Jugendlicher frappierend ähnlich waren: so wünschten mehr als drei Viertel der Befragten, Blue Jeans zu tragen, und ein Magnetophon wollten immerhin 77 Prozent der Mittelschüler und Studenten und 64 Prozent der Lehrlinge. Zwar existierte im Österreich der 1950er Jahre noch keine uniforme Jugendkultur, wie die Highschool-Kultur in den USA, die jugendlichen Besitzwünsche - und auch der tatsächliche Besitz, bereits um die vierzig Prozent besassen Kofferradios und Schallplatten - wiesen allerdings eindeutig in diese Richtung: die Etablierung der Kultur des Konsums war in vollem Gange« (S. 445—446).

Diese geographischen, bildungsmäßigen, beruflichen und altersbedingten Unterschiede wären eine genauere Betrachtung wert, und sie gehören auch zu einer Untersuchung der US-Kulturmission — Propaganda ist eben u. a. dadurch charakterisiert, wie sie wirkt.

Wie so oft wird auch in dieser Arbeit ausführlich dahinmoralisiert - Reinhold Wagnleitner ist gegen die Ermordung von Indianern, er mag Jazz sehr gern (und muß sich über Musiker mokieren, die glauben, das Wesen des Jazz erschöpfe sich im Sextakkord3), Joseph R. McCarthy ist ihm nicht sympathisch, er kennt keine Vorurteile in der Musik4 und ist daher für alle musikalischen Strömungen offen5, und er legt Wert auf die Souveränität von Staaten6. Er weiß, welche Schulorganisationsformen fortschrittlich sind, und er setzt dieses Wissen auch bei seinen Lesern voraus. Gewiß, seine Rettungsversuche für die Sowjetunion — eine Abgrenzung vom primitiven Antikommunismus — münden gelegentlich in Bemerkungen, die eher lachhaft sind7; aber das merkt der Leser sowieso.

Unkommentierte Gemeinplätze werden nicht verschmäht8, aber dafür mit umfangreichen Literaturverweisen abgesichert9, ebenso wird bei Gelegenheit zu handgestrickten Erklärungen gegriffen10. In der Begrifflichkeit ist Wagnleitner, freundlich ausgedrückt, kein Pedant11, seine theoretischen Einordnungen und Erklärungen sind, jedenfalls in der gebotenen pauschalen und undiskutierten Form, häufig reine Agitation12 bzw. einfach skurril13; insgesamt handelt es sich bei der Arbeit sicher nicht um ein wesentlich von Modellen und theoretischen Überlegungen bestimmtes Werk (ein von Daniel Lerner entlehntes Schema zu Autostereotypen und Heterostereotypen, das in seiner Banalität erheiternd wirkt14, hat keine weiteren Auswirkungen gehabt).

Fazit: Eine Arbeit, die einen wichtigen Gesichtspunkt des Themas — die Tätigkeit der US-Kulturbehörden — umfassend und einige angelagerte Themen überblicksartig abhandelt, einen anderen ebenfalls wichtigen Gesichtspunkt — die Rezeption — nur sehr kursorisch oder in allgemeinster Form berücksichtigt, alles in allem faktizistisch angelegt ist und im übrigen fest moralisiert.

 

*    Dem Rezensenten lag die ungedruckte Fassung der Habilitationsschrift vor.

  1. Im Fall des Jazz sieht Wagnleitner folgende Gründe für die Ablehnung durch die Diplomaten: Der Jazz sei als Musik der Schwarzen »als Fanfare der kulturellen Rebellion der Unterdrückten der Vereinigten Staaten verstanden« worden; er habe die »demokratische Gleichwertigkeit der Kulturen Afrikas, Amerikas und Europas« symbolisiert; er habe »den Aufstand der Synkope gegen den Viervierteltakt des Militärmarsches« signalisiert (S. 301—302).
    Ich finde diese Erklärungen nicht überzeugend, weil nach meinem Eindruck ästhetische Bewertungen nicht ausschließlich oder auch nur vorwiegend politischen Kriterien folgen.

  2. Angaben wie die Aufschlüsselung der Besucher des US-Information Centers nach Regionen, Geschlecht und Alter (in Wien nach Berufen) und die Erfassung der Lesevorlieben (S. 211) sind — vielleicht mangels Quellen — Ausnahmen.

  3. S. 300. Das ist tatsächlich absurd, es sei denn, daß nicht der Sextakkord, sondern der Quint-Sextakkord der vierten Stufe von Dur (der auch als 1. Umkehrung des Septakkords der zweiten Stufe aufgefaßt werden kann) gemeint wäre — die sixte ajouté ist nämlich für den frühen Jazz tatsächlich bis zu einem gewissen Grad charakteristisch. Überhaupt kann man schon sagen, daß im Jazz trotz der auch in dieser Musik bewahrten Tendenz zur Auflösung von Dissonanzen und Leittonspannungen Septakkorde (oder auch Dominantseptakkorde mit kleiner Dezime) gehäuft auftreten, wenn er sich natürlich auch nicht darin erschöpft.

  4. So merkt er beim Musical an, Marcel Prawy habe »keinerlei Berührungsängste zur angeblich 'leichten' Muse« gehabt (S. 299). In Abgrenzung von der europäischen Überheblichkeit ist er aber auch bereit, die ansonsten allerdings mittlerweile eher vergessene »seriöse« US-Musik (Henry Cowell, Aaron Copland, Walter Piston, Virgil Thomson etc.) zu würdigen.

  5. »Nicht Bach oder Boogie-Woogie ist hier die Frage, sondern Bach und Boogie Woogie« (S. 310).

  6. »In Biff-Baker, U.S.A. (1952—1953) demonstrierte der Protagonist, ein häufig im Ausland weilender Geschäftsmann, dass ein wenig Spionage durchaus zu den akzeptablen patriotischen Pflichten gehörte. Wozu auch sich um solche Kleinigkeiten wie nationale Souveränität kümmern, wenn jedes erfolgreich bewältigte Abenteuer den antikommunistischen Kreuzzug doch einen Schritt näher zum Sieg brachte« (S. 373).

  7. »Die ökonomische Rückständigkeit der Sowjetunion, nicht zuletzt als Resultat der ungeheuren menschlichen und materiellen Verluste auf Grund der militärischen Aggression durch das Dritte Reich, …« (S. 84). »Ausserdem prallten die Verheissungen der seit 1917 in der UdSSR aufgebauten Gegenwelt am Antikommunismus breiter Bevölkerungsschichten ab« (S. 84). »Die (Kultur-)Propaganda der Sowjetunion konnte also, um in Madison-Avenue-Sprache zu bleiben, die zu starke sales-resistance gegenüber ihren Produkten nicht oder nur äußerst selten überwinden. [Fn.] Gegenüber dem oft plumpen — um nicht zu sagen: holzhammerartigen — Propagandastil der UdSSR bot die Propaganda der USA, die die neuesten werbepsychologischen Erkenntnisse berücksichtigte und über die Kanäle eines globalen Distributionsnetzes verfügte, welches — gleichsam neutral — nur der Information und Unterhaltung dient(e), den Vorteil, formal überhaupt nicht als Propaganda erkennbar zu sein« (S. 84—85). »Zweifellos boten die Vorgänge in der Sowjetunion und in den von ihr beherrschten Staaten genügend Anlass für Kritik, wenngleich wir Kritik gegen die Ausschaltung der kommunistischen Parteien aus den ›westlichen‹ Regierungen, die zur Ausschaltung der politischen Opposition in den ›Satellitenstaaten‹ parallel lief, bei den Proponenten des ›westlichen Pluralismus‹ vergeblich suchen werden« (S. 89). Da scheinen im Rückblick doch die systemimmanenten Mängel etwas unterbelichtet zu sein und die inhaltliche Komponente der Propaganda gegenüber der formalen unterzugehen. Vielleicht waren es nicht die Verheißungen der sowjetischen Gegenwelt, sondern die Art ihrer Erfüllung, die am Antikommunismus abprallte. Daß das Verschwinden der kommunistischen Parteien aus westlichen Regierungen mit der Unterdrückung der politischen Opposition in der UdSSR und ihren Satelliten auf eine Stufe gestellt wird, braucht nicht kommentiert zu werden. Allerdings ist die Arbeit mit April 1989 datiert, was zur Verjährung ausreichen dürfte.

  8. Z. B.: »Fragen des guten Geschmacks sind klassen- und machtbedingt« (S. 259).

  9. »Der Film ist also Mittel und Vermittler, Produkt und Quelle der Geschichte zugleich, und die Analyse des Films ermöglicht auch eine Analyse von Gesellschaften«. S. 349. Dazu findet sich eine Fußnote Nr. 18 von eineinhalb Seiten Länge mit ein paar Dutzend Titeln. Dies ist ein typisches Beispiel. Besonders häufig in den einleitenden Kapiteln, aber auch sonst des öfteren, werden zu einzelnen Gedanken lange Listen von Titeln angeführt, die Stellen in den Arbeiten, auf die sich der Autor bezieht, dagegen meist nicht angegeben. Von diesen bibliographischen Fleißaufgaben hat der Leser nichts.

  10. »Auch von den Bildungsexperten des Dritten Reiches wurde Englisch gegenüber Französisch im Fremdsprachenunterricht favorisiert, handelte es sich bei ersterer doch um eine angel-sächsische Sprache, während die letztere der 'artfremden' romanischen Gruppe angehörte« (S. 254).

  11. Z. B. verschwimmt der Zensurbegriff bis zur Unkenntlichkeit: »Wenn der moderne Journalismus in den ›westlichen‹ Demokratien auch meist nicht mehr mit den klobigen, leicht zu durchschauenden und deshalb veralteten Methoden der Zensur durch Behörden zu kämpfen hat, so garantiert dieser Zustand weder Objektivität, noch die Absenz anderer Formen der Zensur, wie der ›Schere im Kopf‹« (S. 160) (»westlich« in »westliche Demokratien« oder »westliche Länder« oder ähnlichen Zusammenhängen steht übrigens immer unter Anführungszeichen).

  12. »Nun sind Jazz und Rock'n'Roll einerseits gewiss kulturelle Resultate eines kapitalistischen Weltsystems, das auf Kolonisierung und Imperialismus, Sklaverei und Ausbeutung, Industrialisierung und Standardisierung, Entindividualisierung und dem Triumph des Scheins über das Sein errichtet wurde.« S. 324.

  13. »Aber die Western-Filme zeigten nicht nur den Sieg des mutigen, kapitalistischen Individuums über die finsteren Kräfte der (Massen-)Banditen — und die roten Männer« (S. 374).
    Mit der Hervorhebung von »roten« durch Wagnleitner und der Gegenüberstellung zum kapitalistischen Individuum (Kapitalisten im Western??) wird hier die Umkehrung der antikommunistischen Hysterie der McCarthy-Ära geboten, in der »Werke, wie dies ein US-amerikanischer Kritiker sarkastisch formulierte, danach beurteilt worden waren, ›whether its author's great-grandmother liked red caviar or whether in childhood the author himself read 'Little Red Riding Hood'‹«. S. 215.

  14. Ich --------- das Andere
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    Ich --------- das Andere