Edwin Ernst Weber (Hg.)
Renitenz und Genie. Meßkirch und der badische Seekreis zwischen 1848/49 und dem Kulturkampf
Konstanz
Universitätsverlag
2003
225 S.
€ 20,50
Rezensent: Richard Fischnaller
Historicum, Frühling 2006, 34—35
»Kulturkampf«, nicht ausschließlich als Bezeichnung für die in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts am intensivsten ausgetragene Auseinandersetzung, sondern als langfristiger Konflikt zwischen Liberalismus und politischem Katholizismus, steht im Mittelpunkt eines regionalgeschichtlichen Tagungsbandes aus Baden.
Die sieben historischen Beiträge des Bandes (mit dem achten, einem seltsamen Text des Schriftstellers Arnold Stadler, läßt sich leider nicht viel anfangen) thematisieren in unterschiedlichen Ansätzen die Bedeutung von Liberalismus, Katholizismus, Altkatholizismus, politischem Protest und politischer Öffentlichkeit in Baden, besonders aber in Meßkirch, einer im östlichen Ausläufer Südbadens gelegenen Amtsstadt. Meßkirch zeichnete sich durch eine starke liberale Tradition, und das bedeutet schon ab dem Vormärz eine starke politische Opposition zur badischen Regierung, aus. In der Revolution von 1848/49 kam aus Meßkirch eine Reihe der radikalen, republikanischen Revolutionäre des deutschen Südwestens; in den folgenden Jahrzehnten arrangierte sich der in dieser Tradition stehende Liberalismus mit den neuen Gegebenheiten nach der Reichsgründung, die Begeisterung auslöste, man war loyal zu Reich und Kaiser und empfand als weltanschaulichen Hauptgegner die Katholiken. Hatte schon der Deutschkatholizismus der Jahrhundertmitte ein attraktives Angebot für antirömisch gesonnene Katholiken dargestellt, so schloß sich nach dem Ersten Vaticanum eine Reihe führender Liberaler der altkatholischen Bewegung an. Der Altkatholizismus wurde tatkräftig protegiert, unter anderem durch Zuerkennung kirchlicher Gebäude. In der lokalen politischen Vertretung (Gemeindevertretung und Bürgermeister) waren die Liberalen, die fast durchwegs entweder altkatholisch oder protestantisch waren, bis in die dreißiger Jahre tonangebend.
Die Merkwürdigkeit dieser Zustände liegt darin, daß die Wählerschaft der lokalen politischen Klasse in der Abwendung von der katholischen Kirche gar nicht gefolgt war — auf die Altkatholiken entfiel nie mehr und meist weniger als ein Drittel der Bevölkerung. Gewählt wurden dennoch die Liberalen, obwohl sich im Lauf der Zeit auch das Zentrum als beachtliche und publizistisch aktive Kraft entwickeln konnte. Eine Erklärung für dieses Verhalten der Wähler wird aus den Beiträgen dieses Bandes nicht so recht klar; daß die Konfession in Wirklichkeit weniger Bedeutung haben mochte, als es zunächst den Anschein hat, wäre zwar möglich, würde es andererseits aber wieder unverständlich machen, daß der regierende Liberalismus eben sehr wohl akatholisch organisiert war. Wie sehr sich lokale Besonderheiten auswirken konnten, zeigt der von Fredy Meyer dargestellte Fall des benachbarten Stockach, wo ein ähnlicher konfessioneller Konflikt ausblieb, weil in der entscheidenden Phase des Kulturkampfs zwei Geistliche als katholische Stadtpfarrer wirkten, die wenig konfliktbereit waren beziehungsweise aus der wessenbergischen Tradition kamen.
Einige Beiträge des Bandes seien hervorgehoben. Der erste Aufsatz von Hans-Peter Becht untersucht die räumliche Verteilung bestimmter politischer Verhaltensweisen in Baden insgesamt: Wahlpräferenzen für oppositionelle Politiker im Vormärz, die Herkunft von Revolutionären 1848/ 49, Mitglieder und Ortsgruppen der Volksvereine 1849. Für Meßkirch legen die Daten tatsächlich eine ziemlich einheitliche Neigung zu oppositionellen Haltungen nahe, für die meisten anderen Gebiete ist eine solche Konsistenz aber kaum festzustellen, jedenfalls wenn man sich auf die visuelle Inspektion der angebotenen Karten verläßt. Hier wäre eine statistische Analyse der Zusammenhänge auf lokaler Ebene wünschenswert.
Hervorzuheben ist auch der Beitrag des Herausgebers, der das Thema Liberalismus und Religion in Meßkirch von 1848 bis zum Ersten Weltkrieg im Überblick abhandelt. Diese Studie ist ganz auf die lokalen Verhältnisse bezogen, verdient aber allgemeines Interesse, weil sie die Konfliktbereiche und Verhaltensweisen der Konfliktparteien recht klar darstellt und einen Begriff davon gibt, wie sich der Kulturkampf in der alltäglichen Erfahrung darstellte; die eingangs aufgelisteten Aspekte des Themas werden hier besonders gut faßbar. Dies wird in den Beiträgen über den lokal prominenten Politiker Johann Baptist Roder (1814–1890) (Armin Heim) und über die in der lokalen liberalen und katholischen Presse ausgetragenen Fehden (Markus Vonberg) weitergeführt.