Sabine Weiss

Aufbruch nach Europa. Fünf Jahrhunderte Wien–Brüssel

 

Graz
Akademische Druck- und Verlagsanstalt
2004
239 S., 313 Abb.
€ 34,90

 

Rezensent: Stefan Hofmann

Historicum, Herbst 2005, 38—39

 

 

 

 

Altbekannte Themen unter einem ungewöhnlichen Aspekt behandelt ein schön ausgestatteter Band der Innsbrucker Historikerin Sabine Weiss.

Österreich und Belgien haben eine lange gemeinsame Geschichte, die mit der Heirat zwischen dem späteren Maximilian I. und Maria von Burgund begann, sich über die Zeit der spanischen Herrschaft mit den Querverbindungen zur österreichischen Linie der Habsburger fortsetzte, nach dem Spanischen Erbfolgekrieg zum Übergang der spanischen Niederlande an die österreichischen Habsburger führte und in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts mit dem Übergang der Niederlande an Frankreich endete. Was dann folgte, war die Politik Österreichs gegenüber dem 1814 im Königreich der Niederlande aufgegangenen Gebiet, das 1830 als eigenes Königreich unabhängig wurde und mit dem es vielfältige Kontakte bis hin zu mehrfachen dynastischen Verbindungen gab, die durchwegs desaströs endeten. In der jüngsten Vergangenheit ist die Beziehung Brüssel–Wien bekanntlich nicht mehr in erster Linie eine Beziehung zwischen Österreich und Belgien, sondern zwischen der Europäischen Union und einem ihrer Mitgliedstaaten geworden.

Sabine Weiss beschreibt in der ersten Hälfte ihres Bandes die Beziehungen zwischen Österreich und den Niederlanden beziehungsweise Belgien bis zur Gegenwart, Brüssel als Zentrum der Europäischen Union ist Thema eines kurzen abschließenden Kapitels. Dazwischen stehen ein Vergleich des Alltagslebens in Österreich und den Niederlanden im Lauf der Jahrhunderte und, ein wichtiger Aspekt in einem Buch, das sich dem Thema Kontakt und Kommunikation widmet, in einem kurzen Kapitel die Verkehrsverbindungen und ihr Wandel. Dies alles ist erwartungsgemäß kein Ergebnis primärer Archivforschung, sondern basiert auf der vorhandenen Literatur.

Wie die Aufzählung erkennen läßt, holt der Band thematisch extrem weit aus. Noch einigermaßen überschaubar, auch der Länge nach innerhalb des Bandes privilegiert, ist der Gegenstandsbereich der politischen Beziehungen, was daran liegt, daß sich dieser Teil auf dynastische Beziehungen, die Besetzung der Statthalterposition, kriegerische Verwicklungen und, insbesondere nach der Abtrennung der Niederlande von Österreich, auf chronikalische Angelegenheiten konzentriert. Man wird hier über die Wechselfälle in den beteiligten fürstlichen Häusern informiert, über das bekannte Glück der Habsburger, so oft genau im richtigen Moment zur Stelle gewesen zu sein, wenn es etwas zu erben gab, und die daraus folgenden Herrschaftsübergänge. Der Reihe nach werden die Statthalter vorgestellt, in nicht wenigen Fällen, das muß hier betont werden, Statthalterinnen, in einer Reihe von Fällen Personen, deren heutige Bekanntheit weit über das hinausgeht, was man erwarten würde; das liegt an ihrer Rolle in Perioden politischer Umwälzung wie im Fall der Margarete von Parma oder des Herzogs von Alba, an ihren sonstigen Rollen als Feldherr (Don Juan d’Austria) oder Kaiser (Matthias II.) oder an ihrer Bedeutung als Kunstsammler wie im Fall von Erzherzog Leopold Wilhelm und Erzherzogin Maria Christine — Leopold Wilhelm, der zu Zeiten der englischen Revolution vor allem aus englischen Sammlungen wie jener des Herzogs von Buckingham Kunstwerke zusammenkaufte, die heute Kernbestand des Kunsthistorischen Museums sind, und Maria Christine, die mit ihrem Gatten, dem Herzog Albert von SachsenTeschen, die graphische Sammlung anlegte, die heute der Grundstock der Albertina ist. Diese bevorzugte Behandlung der Gouverneure gibt dem ersten Teil eine Struktur, an der sich die politische Entwicklung bis zum Ende des 18. Jahrhunderts im großen gut verfolgen läßt. Allerdings kommen daneben andere Aspekte nur schwach heraus, zum Beispiel die konfessionellen Entwicklungen und die politischen Abläufe auf lokaler Ebene.

Nach der Loslösung der Niederlande aus der habsburgischen Herrschaft behält die Autorin die dynastiebezogene Perspektive bei und berichtet kurz über das Königreich der Niederlande, die belgische Verfassung und das belgische Königshaus. Letzteres verschwägerte sich mehrfach mit den Habsburgern, sowohl der spätere Kaiser Maximilian von Mexiko als auch Kronprinz Rudolf heirateten belgische Prinzessinnen. In weiterer Folge wird der Bericht, dem historischen Ablauf entsprechend, nach und nach zur Wiedergabe einer Farce: Halbweltdamen, ein geschlechtskranker Erzherzog, verrückte Prinzessinnen, eine Befreiung aus der Irrenanstalt, skandalöse Umtriebe einer verheirateten Königstochter, die Mesalliance ihrer verwitweten Schwester werden hier berichtet, und auch über die Menarche der Prinzessin Stephanie von Belgien, der Braut des Kronprinzen
Rudolf, wird man informiert, was manche Leser vielleicht gar nicht so genau wissen wollen. All dies spielte sich tatsächlich zu einem beträchtlichen Teil zwischen Wien und Brüssel ab, allerdings handelte es sich wohl doch um die weniger erheblichen Aspekte der bilateralen Beziehungen.

Nach dem Ende der Monarchie waren zunächst Ansprüche Belgiens gegenüber der Republik zu klären, alles in allem keine besonders gewichtigen Angelegenheiten. Belgien beanspruchte eine Reihe von Kunstgegenständen, die zum Teil auch wirklich übergeben wurden, in den gewichtigeren Fällen aber in Österreich blieben. Sonst gab es über die Zwischenkriegszeit nicht viel zu berichten, außer daß sich Belgien an der Völkerbundanleihe beteiligte. Nach dem Anschluß erlangte Belgien vorübergehend Bedeutung als Exilland für verfolgte Österreicher, viele von ihnen Juden zumindest im Sinn der nationalsozialistischen Gesetze. Weiss widmet den Emigranten ein Kapitel, in dem sie unterschiedliche Situation von sozialdemokratischen, kommunistischen und jüdischen Emigranten beschreibt und Jean Améry als prominenten, später in Belgien gebliebenen Flüchtling näher beschreibt. Mit ein paar Notizen über die Zeit nach 1945 schließt der erste Teil.

Im zweiten Teil schildert Weiss Lebenswelt und Alltag in Österreich und den Niederlanden im Vergleich. Manche Unterschiede, etwa im wirtschaftlichen Gewicht der beiden Regionen, sind bereits im ersten Teil angeklungen, andere relevante Bereiche werden zumindest thematisiert, die europäische Expansion etwa mit ihren unterschiedlichen Folgen für die Niederlande und für Österreich oder die Stadtentwicklung hier und dort. In beiden Bereichen hätten die Kontraste stärker herausgearbeitet werden können. Etwas anders sieht es mit Themen wie Ehe, Ernährung oder Demographie aus, alles Gegenstand dieses Teils, bei denen eine klare Unterscheidung schwerer fällt. In diesen Teilen wird die Darstellung wirklich sehr dünn. Die wenigen Bemerkungen über Heirat und Eheleben etwa könnte man ohne Verlust streichen, zumal auch der Vergleich Wien–Brüssel hier überhaupt keine Rolle spielt. Und auch bei den Wohn- und Arbeitswelten unter Einschluß von Körperpflege, ebenfalls Thema des Bandes, entfällt der Vergleich zwischen Österreich und den Niederlanden, außerdem ist hier der Bereich der Fürstenresidenzen überproportional lang ausgefallen. Ziemlich zufällig sind auch die abschließenden Abschnitte über Grabkunst und »Nachwelt« (Literatur von und über Maximilian I. zu dessen fortdauerndem Ruhm) ausgefallen. Alles in allem muß man sagen, daß der zweite Teil ein Sammelsurium von Themen geworden ist. Der Anspruch der Autorin, eine vergleichende Geschichte von Lebenswelten zu schreiben, wird damit nicht eingelöst und konnte wohl auf dem verfügbaren Raum auch gar nicht eingelöst werden.

Eigentlich auch Teil des Lebenswelt-Themas ist der Fragenkomplex Raum-Weg-Kommunikation, der im kürzeren dritten Teil zur Sprache kommt. Hier beschreibt Weiss die Verkehrsverbindungen, Poststrecken für Briefe und Passagiere, Eisenbahnen und Flugverbindungen. Das meiste davon ist nicht für die Verbindung zwischen Wien und Brüssel spezifisch, allerdings enthält dieses Kapitel auch die ausführliche, bis ins einzelne gehende Beschreibung einer Postübermittlung von Mecheln nach Wien mit Stundenangaben und die knappere Beschreibung der Reise von Erzherzogin Maria Elisabeth am Beginn ihrer Statthalterschaft.

Das abschließende Kapitel ist eine kurze Beschreibung der Europäischen Union und ihres Zustandekommens, ihrer Institutionen, von EU-Wahlergebnissen und österreichischen Europapolitikern.

Insgesamt deckt der Text das Thema der Beziehungen zwischen Österreich und Belgien ungleichmäßig ab. Die Besonderheiten der politischen Beziehungen werden zumindest auf oberer politischer Ebene verhältnismäßig eingehend behandelt, für die Lebens- und Alltagswelt fällt der historische Vergleich eher unergiebig aus, die Beschreibung von Verkehr und Kommunikation geht zumindest zum Teil auf die besonderen Bedingungen ein, die die Beziehung Wien–Brüssel mit sich brachte.

Die auffallende Stärke des Bandes liegt in dem, was beim ersten Durchblättern sofort augenfällig wird, nämlich in der Bebilderung. Sabine Weiss, die auch in anderen Büchern eine glückliche Hand bei der Bildauswahl bewiesen hat, hat den Band mit einer enormen Zahl von Abbildungen ausgestattet, die Lektüre und Ansicht zu einem Genuß machen. Über dreihundert Bilder, zum größeren Teil in Farbe, illustrieren diese bilaterale Geschichte in einer höchst ansprechenden Weise. Personenbilder, Zeremonialdarstellungen, Genrebilder, Stadtansichten, Plastiken, darunter Gemälde, Stiche, Photographien sind in einer Auswahl versammelt, die wohl für die meisten Betrachter eine beträchtliche Zahl von Neuheiten beinhalten dürfte. Hier muß nicht nur die Bildauswahl gewürdigt werden, sondern auch der Aufwand, den die Beschaffung einer so großen Zahl von Bildern mit allen damit verbundenen rechtlichen Fragen mit sich bringt. Dieser Band ist dem Gesamteindruck nach eigentlich ein schöner Bildband mit etwas ausführlicherem Einführungstext geworden. Daher fällt das Resümee trotz der zum Text angebrachten Kritikpunkte eindeutig aus: Dieser Bildband, der obendrein zu einem verträglichen Preis angeboten wird, bietet so viel Material, daß er bedenkenlos empfohlen werden kann.