Sabine Weiss
Zur Herrschaft geboren. Kindheit und Jugend im Hause Habsburg von Kaiser Maximilian I. bis Kronprinz Rudolf
Innsbruck, Wien
Tyrolia
2008
327 S., 331 Abb., Stammbäume
€ 34,95
Rezensent: Karl Vocelka
Historicum, Winter 2007/2008—Frühling 2008, 78
Würde man das Buch nur nach dem Titel beurteilen, wäre eine negative Meinung schnell zur Hand, denn, wenn man den Titel wörtlich nimmt, fällt das Buch damit hinter den Forschungsstand zur Geschichte der Familien Habsburg und der Kultur- und Sozialgeschichte im allgemeinen zurück.
Die gerade in den letzten Jahren intensive, ernsthafte Forschung zur Familie Habsburg — die in der Bibliographie dieses Buches nur sehr selektiv vertreten ist — hat gerade mit diesen Vorurteilen des biologischen Interpretationsmusters und der Erblichkeit von Familieneigenschaften deutlich aufgeräumt. Ebenso wie heute klar sein muß, daß die Geschichte in ihrer Gesamtheit ein Konstrukt ist, so muß auch das Bild, das die Familie von sich selbst hatte (und hat) als ein solches Konstrukt entlarvt und dekonstruiert werden. Zum Herrscher wird man, das machen diese Erklärungsmuster deutlich, nicht geboren, sondern erzogen. Das Buch selbst allerdings vertritt diesen im Titel plakativ gebrauchten Standpunkt keineswegs in dieser radikalen biologistischen Form, allerdings ist auch wenig von der Diskussion um kultur- und sozialwissenschaftliche Neuansätze zu spüren.
Wie wenig biologische Deutungsmuster greifen, würde vor allem ein Thema zeigen, das allerdings in diesem Werk völlig ausgeblendet ist (im Text ebenso wie im Literaturverzeichnis), das der unehelichen Kinder der Habsburger, deren Kindheit und Jugend einen spannenden Kontrast zum Verhalten der ehelichen Kinder ergeben hätte.
Nach einem einleitenden Kapitel, in dem der Weg der Familie Habsburg durch die Jahrhunderte in einer knappen und sehr traditionellen, unkritischen Art — so wird zum Beispiel der häufig verwendete Begriff »Aufstieg zur Großmacht« niemals problematisiert — dargestellt wird, wendet sich Sabine Weiss in einem allgemein gehaltenen Kapitel der Kindheit und Jugend im Herrscherhaus zu. Die Darstellung beginnt mit dem Heiratsverhalten, der Schwangerschaft und Geburt, was alles am Beispiel Margarita Teresas, der spanischen Frau Kaiser Leopolds I., erläutert wird. In der weiteren Darstellung der Themen Hebammen, Kindstod, Taufe, Namengebung, Paten, Horoskope, Aussegnung, Ausstattung der Kindskammer, Wiege, Ajas und Ammen, Ernährung und Entwicklung der Kinder, Körperpflege, Spiele und Haustiere, Erziehung, Frömmigkeit, Fürstenspiegel, Instruktionen zur Kindererziehung, Hofstaat des Prinzen, Bildungskanon, Sprachkenntnisse und andere Fächer der Ausbildung, Musik, Tanz, Ballett und Theater, Ausbildung der Erzherzoginnen, Fechten, Reiten, Schießen, Jagen, Handwerk, Unterhaltung, Narren, Zwerge, Feste, Krankheiten und Todesfälle bei Kindern sind nicht nur die Themen, die alle auf circa 120 Seiten (mit vielen Bildern) abgehandelt werden, disparat, sondern auch die Inhalte. Die Autorin bringt in den relativ kurzen Abschnitten Beispiele für vieles aus ganz unterschiedlichen Jahrhunderten, nur stellenweise wird eine Entwicklung angedeutet.
Diese große Gesamtdarstellung quer über die Zeiten wird dann durch »Einzelstudien«, eine Art Fallstudien, ergänzt, die einzelne Herrscher betreffen. Der erste in der Reihe ist Maximilian I., der auch im allgemeinen Teil schon als eigenes Kapitel vorkam, dessen Jugend durch viele Quellen, vor allem die erhaltenen Schulbücher, gut erforscht und erforschbar ist. Neben der eigentlichen Geschichte der Kindheit, wird auch der weitere Lebensweg bis zur Heirat angedeutet und Sabine Weiss geht dann auch auf die von Maximilian betriebene Stilisierung seiner eigenen Persönlichkeit in den literarischen Werken, die er »verfaßte« (Weißkunig, Theuerdank et cetera) ein. In diesen Werken reflektiert er auch seine Jugend, das wird in diesem Kapitel genauer thematisiert, sozusagen die »Memoria« seiner Kindheit nacherzählt und historiographisch redupliziert.
Das nächste Kapitel ist exemplarisch den Heiratsverbindungen der Habsburger gewidmet, was am Beispiel der vielen Töchter Kaiser Ferdinands I. abgehandelt wird. In kurzen Kapiteln werden die Lebenswege der Erzherzoginnen geschildert, wobei die ohnehin bekannten Biographien durch das eine oder andere Zitat aus Quellen bereichert werden.
Als Beispiel für den Einfluß der Kirche auf die Prägung eines jungen Habsburgers kann wohl kein besseres Beispiel gefunden werden als der spätere Kaiser Ferdinand II., dem der nächste Abschnitt gewidmet ist. Daran schließt thematisch auch das nächste Kapitel an, in dem es um die Habsburger im geistlichen Stand geht; auch dieser Abschnitt bringt eine Aneinanderreihung von kurzen Lebensbeschreibungen. Im Anschluß an die Erzherzöge werden dann noch die ledigen, zum Teil in Damenstiften lebenden Erzherzoginnen angehängt, die ebenfalls einzeln beschrieben werden.
Die letzten drei Abschnitte des Buches sind besonders bekannten und auch in der Historiographie »populären« Persönlichkeiten des Erzhauses gewidmet, Maria Theresia, Joseph II. und Kronprinz Rudolf, deren Jugend dargestellt wird, wobei in diesen Fallstudien immer wieder auf Themen (wie Taufe, Erziehung et cetera) zurückgegriffen wird, die schon im ersten Abschnitt behandelt wurden.
Das Buch, das reich illustriert ist — 331 Abbildungen zeigen vorwiegend Habsburgerinnen und Habsburger, aber auch Lehrbücher und Gegenstände, die mit der Kindheit zu tun haben — beruht auch auf Quellenstudien, wobei sowohl gedruckte als auch Archivquellen berücksichtigt wurden. Eine sicherlich starke Bereicherung bringt das Bildmaterial mit sich, das neben vielen bekannten Bildern auch ganz neues Bildmaterial publiziert, allerdings nur zur Illustration verwendet; wenigstens zum einen oder anderen Bild hätte man sich eine Interpretation gewünscht, die auch gezeigt hätte, daß man Bilder nicht bloß dazu benützen kann, ein Buch schöner zu machen, sondern Bilder auch als wesentliche Quelle der Kulturgeschichte zu verwenden sind.
Das Buch breitet ein reiches, wenn auch manchmal zu wenig strukturell aufgearbeitetes Wissen über die Kindheit und Jugend der Habsburger aus, das durchaus — im Widerspruch zum Titel — von der kulturellen Prägung der Kinder dieser Familie ausgeht. Ein weniger detailreicher, systematisch-struktureller und kritischer Zugang zum Thema hätte dem Buch allerdings gut getan. Dennoch ein Werk, das man — im Gegensatz zum Vorgehen der Autorin mit der Sekundärliteratur — nicht übersehen wird können, wenn man sich mit der Geschichte der habsburgischen Dynastie auseinandersetzt.