Wilfried Witte
Tollkirschen und Quarantäne. Die Geschichte der Spanischen Grippe
Berlin
Wagenbach
2008
126 S.
€ 17,40
Rezensent: Michael Pammer
Historicum, Sommer—Herbst 2008, 75—76
Die kommende Grippe-Pandemie ist seit Jahren Thema in den Medien, besonders wenn wieder einmal eine neue etwas gefährlicher wirkende Variante des Virus registriert wird. Unvermeidlich wird dann auf die Spanische Grippe der Jahre 1918 und 1919 hingewiesen, die weltweit Zigmillionen Todesopfer gefordert hat. Noch vor Auftreten der neuen Schweinegrippe ist Tollkirschen und Quarantäne. Die Geschichte der Spanischen Grippe erschienen. Der Autor, Historiker und im Hauptberuf Anästhesist, neigt so wie die meisten Beobachter zur Meinung, daß die nächste Pandemie kommen wird. Diese Frage ist aber nur Thema der Schlußbetrachtungen, vorwiegend geht es in diesem schmalen Band sehr wohl um die Geschichte.
Der Untertitel verspricht mehr, als das Buch hält, denn von einer auch nur überblicksweisen Geschichte der Spanischen Grippe kann keine Rede sein. Der Band beginnt mit den Reaktionen der Öffentlichkeit auf das Auftreten der Krankheit, die ihren Namen dadurch erhielt, daß der spanische König im Frühjahr 1918 zu den Erkrankten gehörte und Vorgänge in Spanien leichter an die Öffentlichkeit gelangten als Geschehnisse in den kriegführenden Staaten. Die zweite, bei weitem schwerste Grippewelle kam im Herbst 1918, die dritte im Frühjahr 1919. Im wesentlichen war die Spanische Grippe 1919 zu Ende, die Zuordnung von Grippewellen der folgenden Jahre zur Spanischen Grippe beziehungsweise anderen Grippevarianten ist nicht immer einfach (zu diesem weiteren Verlauf bleibt Witte unbestimmt). Im ersten Kapitel wird zwar eine Reihe von Ländern aufgezählt, in denen die Spanische Grippe auftrat, ein Gesamtbild der Ausbreitung und der verhältnismäßigen regionalen Intensität gewinnt man aber nicht.
Nach einem Kapitel über Grippeepidemien im 18. und 19. Jahrhundert kommt Witte unter dem Titel »Lunge« zunächst auf den wichtigsten Aspekt des Krankheitsverlaufs und die Ursache für die Gefährlichkeit der Spanischen Grippe zu sprechen: Die meisten Todesfälle waren auf durch die Grippe verursachte Lungenentzündungen zurückzuführen, die zu Flüssigkeitsansammlungen in der Lunge und damit zu einer tödlichen Sauerstoffunterversorgung führten (was sich in einer Zyanose, also einer Blaufärbung des Körpers zeigte).
Der größere Teil des Kapitels »Lunge« ist aber einer anderen Frage, nämlich dem Zusammenhang zwischen Tuberkulose und Grippe, gewidmet. Die dazu gebrachte These ist zweideutig: »Mit einigem Recht kann man davon ausgehen, dass die besonders bösartige Grippe der Jahre 1918—1920 nicht nur die Komplikation der hinzugekommenen Lungenentzündung zur Folge hatte, sondern auch diejenige der wiederaufgeflammten Tuberkulose. Schon damals wurde in der Epidemiologie behauptet, dass die Zahl der Tuberkulosetoten nach dem Abflauen der Spanischen Grippe für einige Jahre fallen werde, weil viele Tuberkulöse durch Influenza beschleunigt zu Tode gekommen seien. [Fn.] In einem Forschungsprojekt der späten 1990er-Jahre ist ausgehend von statistischem Material aus den USA die These aufgestellt worden, dass die Spanische Grippe langfristige Effekte insbesondere auf die Tuberkulosesterblichkeit hatte, weil für beide Krankheiten empfängliche Personen in der Zeit von 1918 bis 1920 starben, und dies galt insbesondere für Männer. [Fn.]« (42) Das hieße, daß Tuberkulose-Patienten anfälliger für die Grippe gewesen wären oder schlechtere Chancen gehabt hätten, eine Grippe-Erkrankung zu überstehen, eine These, die durchaus etwas für sich hat. Solche Personen wären dann während der Grippe-Wellen zu Tode gekommen und wären daher in den Folgejahren nicht mehr unter den Tbc-Sterbefällen gewesen; die Zahl der Tuberkulose-Fälle nach 1919 wäre dadurch geringer geworden. Andererseits könnte es auch bedeuten, daß Personen, die vor 1918 eine Tuberkulose überstanden hatten, durch die Grippe bedingt neuerlich an Tuberkulose erkrankten und in einige Zeit nach der Influenza tatsächlich an Tuberkulose starben; in diesem Fall wäre die Zahl der Tbc-Fälle nach 1919 höher geworden.
Witte stellt diese unterschiedlichen Folgen nicht explizit heraus und geht nur der zweiten Variante nach, und zwar am Beispiel von Franz Kafka. Zunächst berichtet er ziemlich ausführlich über die hypochondrisch-naturheilkundlichen Anwandlungen, die Kafka über Jahrzehnte begleiteten, und streut einen Satz ein, von dem nicht klar ist, ob er nur Kafka paraphrasieren will oder eine eigene Einschätzung abgibt: »Er konnte das, was er zutiefst ablehnte, nicht leben. Ausdruck dessen war Krankheit.« (45) Dann kommt verschiedenes aus Kafkas Leben, unter anderem ein Bezug zu den der Familie gehörenden Asbestwerken samt Verweis auf die Hatschek-Werke in »Vöcklabrunn« [!] (46), der aber mit der Vermutung schließt, daß der Asbeststaub wohl nicht für Kafkas Erkrankung verantwortlich war, zumal Kafka mit dem Asbest vermutlich nicht in Berührung gekommen war. Kafkas Tuberkulose wurde 1917 nach einem Blutsturz erkannt, im Herbst 1918 erkrankte er zweimal an der Grippe, 1924 starb er an der Tuberkulose. Hatte Kafka vor dem Herbst 1918 die Tuberkulose überstanden, und flammte sie erst durch die Grippe wieder auf? Kaum. Kafka hatte sich 1917/18 keiner Behandlung unterzogen, sondern sich nur einige Zeit auf dem Land erholt, und hatte seine Tuberkulose nicht ausgeheilt. Es gibt keine spezifischen Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der Grippeerkrankung Kafkas und seinem Tod an Tuberkulose fast sechs Jahre danach. Es ist daher auch kein Grund ersichtlich, acht der 125 Seiten dieses Buchs diesem Aspekt zu widmen, wenn man davon absieht, daß der Band im Verlag des Kafka-Forschers Klaus Wagenbach erschienen ist.
Auch der Fall Max Weber, immerhin nur über eine knappe Seite referiert, hat eher den Charakter von Name-dropping. Weber starb am 14. Juni 1920 an einer Grippe, die zu einer Lungenentzündung führte. Witte: »Die Frage, ob es sich dabei um einen Fall von Spanischer Grippe gehandelt hat, ist so leicht nicht zu beantworten. Im Sommer 1920 gab es im Deutschen Reich keine Spanische Grippe mehr. Sollte Weber also nicht schon zu Beginn des Jahres den Keim in sich getragen haben, dürfte er an einer Grippe gestorben sein, die nicht mehr vom pandemischen Typ gewesen ist.« (43) Tatsächlich ist die Frage aber gar nicht schwer zu beantworten: Weber hätte das Virus wohl schon im Frühjahr 1919 einfangen müssen, da er danach kaum mehr dazu Gelegenheit gehabt hätte. Er starb also sicherlich nicht an der Spanischen Grippe.
Der größere Teil des Bandes ist den Folgen der Pandemie gewidmet. Zunächst unter dem Titel »Kopf« einer möglicherweise durch die Spanische Grippe verursachte Komplikation, nämlich die Encephalitis lethargica, eine über Jahre verlaufende Gehirnhautentzündung, deren Auftreten aufgrund zeitlicher Koinzidenz von manchen Beobachtern mit der Grippe in Zusammenhang gebracht wurde. Einen Nachweis dafür gibt es nicht; Versuche, das Virus in Gewebeproben nachzuweisen, waren erfolglos. Trotzdem waren die bei seinerzeitigen Therapien eingesetzten Tollkirschen titelgebend für den Band.
Eine andere Folge der Spanischen Grippe bestand und besteht in politischen Maßnahmen, die Überwachung, vorbeugende Maßnahmen und Krisenpläne zum Gegenstand haben. Witte beschreibt diese Maßnahmen seit den ersten Aktionen, die der Völkerbund gleich nach der Spanischen Grippe unternahm, bis hin zu den Aktivitäten der WHO und der heutigen Grippeimpfung. Mit der rückblickenden Wahrnehmung der Spanischen Grippe in den letzten Jahrzehnten — das Thema war nicht immer so präsent wie heute — und einem Ausblick auf die möglicherweise kommende Pandemie schließt das Buch.
So kurz der Band auch ist, enthält er doch zuviel Unmotiviertes. Er ist schnell gelesen und auch lesbar geschrieben; in dieser Hinsicht gibt es wenig zu kritisieren, allerdings berührt es doch merkwürdig, wenn man einen Satz wie »Das Patientengut hatte sich inzwischen grundlegend gewandelt« (65) lesen muß. Insgesamt kein sonderlich überzeugendes Produkt.