Konrad Wnęk (Hg.)
The Report on the Losses Sustained by Poland as a Result of German Aggression and Occupation During the Second World War, 1939—1945.
I. A Collection of Studies
II. Photographic Documentary
III. List of Atrocity Sites
Warsaw
Instytut Strat Wojennych im. Jana Karskiego
2023
536 + 443 + 328 S.
Rezensent: Michael Pammer
April 2026

Ermordung polnischer Zivilisten durch SS-Kräfte am 20. Oktober 1939 in Kórnik (Kreis Posen). Bild: Deutsches Bundesarchiv
Drei großformatige Bände, 1300 Seiten, fast 5 Kilo — der Bericht über die polnischen Verluste durch die deutsche Aggression und Besatzung während des Zweiten Weltkriegs ist physisch eine gewichtige Angelegenheit, vor allem aber auch politisch. Diese gedruckte Version ist aber ohnehin nicht mehr lieferbar, und das hat ebenfalls mit Politik zu tun.
Publiziert wurde der Bericht vom Jan-Karski-Institut in Warschau, das 2021 von der Regierung Morawiecki eingerichtet wurde. Die Publikation war von Anfang an Zweck des Instituts, die Arbeit an dem Bericht hatte aber schon 2017 im Rahmen einer parlamentarischen Arbeitsgruppe, bestehend fast ausschließlich aus PiS-Abgeordneten, begonnen. Der Bericht zeigt diesen Hintergrund deutlich: Das Vorwort zu Band I stammt von Jarosław Kaczyński, jenes zu Band II von Mateusz Morawiecki, und die Einleitung zu Band I hat Arkadiusz Mularczyk geschrieben, ein Rechtsanwalt und damals Abgeordneter zum Sejm, der die parlamentarische Arbeitsgruppe geleitet hatte und mittlerweile, seit 2024, EU-Abgeordneter ist. Die Beiträge, die den Hauptteil von Band I bilden, stammen allerdings nicht von Hobbyhistorikern, sondern von Historikern und Ökonomen an polnischen Universitäten und am Institut für Nationales Gedenken. Der Herausgeber, Konrad Wnęk, ist Professor an der Jagiellonen-Universität in Krakau.
Am 13. Dezember 2023 kam die Regierung Tusk ins Amt, bereits am 29. Dezember 2023 entließ sie die Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Jan-Karski-Instituts und am 10. Jänner 2024 den Direktor (den Herausgeber des Berichts) und seinen Stellvertreter. Eine Auslieferung des gedruckten Reports gab es dann nicht mehr, man kann die drei Bände aber downloaden.1 Im April 2025 erhielt das Institut schließlich einen neuen Direktor. Diese Vorgänge haben mit der extrem polarisierten Situation in der polnischen Innenpolitik zu tun, die dazu führt, daß bei einem Regierungswechsel schon aus Prinzip Personal ausgetauscht wird, soweit das rechtlich geht, und offensichtlich auch ohne Verzögerung. Zusätzlich kommt hier ins Spiel, daß die von der KO angeführte Regierung gegenüber Deutschland einen weitaus weicheren Kurs verfolgt als die vorherige PiS-Regierung und nicht sonderlich darauf aus ist, Deutschland die von den Deutschen verursachten Schäden vorzurechnen. Jedenfalls ist die Geschwindigkeit des Vorgangs auffallend, besonders wenn man bedenkt, daß dazwischen auch Feiertage waren. In anderen Ländern wäre die personelle Säuberung eines solchen Instituts kaum die Priorität einer gerade ins Amt gelangten neuen Regierung.
Das Verhältnis zu Deutschland ist für den vorliegenden Report allerdings nur theoretisch von Bedeutung. Zwar beziffert der Report die von Polen erlittenen Schäden, und rhetorisch knüpfte sich daran das Verlangen nach Reparationen, von Anfang an das erklärte Ziel. Faktisch ist aber klar, daß Deutschland dieses Verlangen ohnehin nicht erfüllen wird. Das Jan-Karski-Institut selbst ist und war für allfällige außenpolische Implikationen jedenfalls nicht zuständig, es ist bloß ein historisches Forschungsinstitut.
Zunächst zu den Bänden II und III. Band II bringt, nach Kapiteln gegliedert, Photographien zu verschiedenen Phasen und Aspekten des Geschehens, beginnend mit dem Angriff Deutschlands 1939, über die gezielte Ermordung von »Eliten« (Personen, die als Anführer eines polnischen Widerstands in Frage kamen, aber auch einfach Personen, die für die polnische Identität und Kultur wichtig waren), den Massenmord an den Juden, Zwangsarbeit sowie die Zerstörung von Kulturgütern bis hin zur Erinnerungskultur nach 1945. Wie leicht vorstellbar, haben diese Bilder eine enorme Suggestionskraft, da auch wirklich alle möglichen Arten von Verbrechen dokumentiert sind.
Bei diesem Punkt ist ein Einschub betreffend den Namensgeber des für die Publikation verantwortlichen Instituts fällig. Person und Tätigkeit von Jan Karski berühren nämlich einige der Kapitel, die der Photoband so eindrücklich behandelt. Karski war bei Kriegsbeginn Reserveleutnant der polnischen Armee, rückte bei Kriegsbeginn ein und wurde zusammen mit vielen anderen Offizieren von der Roten Armee gefangengenommen. Beim Transport in die Sowjetunion gelang ihm die Flucht, womit er dem Schicksal der anderen Offiziere entging, die bekanntlich vom sowjetischen Geheimdienst massenweise ermordet wurden. Er war dann Agent der polnischen Heimatarmee und Kurier zwischen dem polnischen Untergrund und den Alliierten. Mit zwei extremen Aktionen verschaffte er sich unmittelbar Kenntnis von den Verbrechen der Deutschen an den Juden: Er ließ sich ins Warschauer Ghetto einschleusen, in weiterer Folge dann auch in ein Lager, bei dem es sich möglicherweise um Izbica handelte, von wo Transporte nach Bełżec abgingen. Karski ging anschließend wieder nach Großbritannien und in die USA, wo er Entscheidungsträgern von Präsident Roosevelt abwärts im direkten Gespräch berichtete, was er gesehen hatte. Noch 1944 publizierte er all das in seinem Bericht Story of a secret state, der sich liest wie ein Thriller und der in ungefähr 400.000 Exemplaren aufgelegt wurde.2 Es war also in den USA durchaus kein Geheimnis, was sich unter der deutschen Besatzung abspielte, wenngleich manche sich skeptisch gaben. Nach dem Krieg blieb Karski in den USA, da er in Polen von den Kommunisten zweifellos ebenso verfolgt worden wäre wie zuvor von den Nationalsozialisten. Er wurde Historiker an der Georgetown University und publizierte 1985 die nach wie vor äußerst erhellende und lesenswerte Studie The Great Powers and Poland.3 Er ist der passende Namenspatron für ein solches Forschungsinstitut.
Band III listet, gegliedert nach Wojwodschaften, Gemeinden und Ortschaften, die Anzahl polnischer Bürger auf, die von Deutschen ermordet wurden. Das Ergebnis ist eine Tabelle in Länge von mehreren hundert Seiten. Jede Zeile repräsentiert einen Fall, wobei die Spannbreite von einzelnen Mordfällen bis zu Fällen mit Tausenden von Opfern geht. Im wesentlichen beruht diese Dokumentation auf älteren Forschungsarbeiten und Berichten überwiegend aus den achtziger Jahren. Selbstverständlich ist die Dokumentation dieser Taten in den Quellen nicht perfekt. Die Zahlen sind in manchen Fällen Schätzungen, in anderen Fällen stimmen sie genau, manche Ereignisse dürften in den Quellen wiederum gar nicht dokumentiert sein. Alles in allem repräsentiert das Ergebnis wohl die Untergrenze des wahren Ausmaßes der Verbrechen. In der Druckfassung dient dieser Band am ehesten als Nachschlagewerk für lokalhistorische Erfordernisse. Als Grundlage für weitere Forschungen wird man auf die Daten in digitaler Version zurückgreifen.
Damit zu Band I, in dem die Schäden, die Polen erlitten hat, in mehreren getrennten Studien analysiert werden. Das Ziel ist eine Abschätzung der Schadenshöhe bei allen Arten von Schäden, also Schäden durch Sachbeschädigungen und -verluste, Schädigung von Unternehmen, Einkommensverluste und Zwangsarbeit, aber auch und vor allem der Wert der Verluste an Menschenleben.
Wie hoch sind die Schäden nach der vorliegenden Schätzung? Der Gesamtschaden wäre nach diesem Bericht € 1,352.483.000.000, wovon 77 Prozent auf die Bevölkerungsverluste (hauptsächtlich die Ermordung von 5,2 Millionen polnischen Bürgern, dazu Einkommensverluste von Überlebenden) entfallen, 13 Prozent auf Sachschäden und 8 Prozent auf die Plünderung des polnischen Staatsvermögens. Der Rest verteilt sich auf ein paar kleinere Posten.
Während bei den Sachschäden, Beraubungen, Schädigungen von Unternehmen und so weiter eine Abschätzung der Schadenshöhe zwar nicht einfach, aber eine Lösung im Prinzip klar ist, ist der Schaden durch Zwangsarbeit schwieriger abzuschätzen. Der Wert der Verluste an Menschenleben schließlich ist ein äußerst komplexes Thema. Da es sich um den weitaus wichtigsten Teil des Gesamtschadens handelt, muß darauf näher eingegangen werden.
Den Wert eines Menschenlebens abzuschätzen, ist eigentlich nicht eine ungewöhnliche Aufgabe. Die Frage stellt sich auch im Alltag häufig, etwa bei Entschädigungen nach Unfällen. Es gibt für eine solche Abschätzung eine Reihe von Ansatzmöglichkeiten, und es existieren auch zahlreiche Studien über die Ergebnisse solcher Schätzungen. Ein Überblick über eine größere Zahl solcher Studien4 läßt sich wie folgt zusammenfassen: Eine erste Möglichkeit, den Wert menschlichen Lebens zu schätzen, bietet das Marktverhalten. Beispielsweise läßt sich beobachten, daß die Löhne für physisch riskante Beschäftigungen höher sind als für Beschäftigungen mit geringem Risiko. Setzt man diese Risikoprämie in Beziehung zum Risiko, das heißt zur Wahrscheinlichkeit eines tatsächlichen tödlichen Ausgangs, ergibt sich ein Schätzwert für den Fall, daß das Risiko schlagend wird. Das heißt die Risikoprämie, geteilt durch die Wahrscheinlichkeit des Todesfalls (ausgedrückt in einer Zahl zwischen 0 und 1), ergibt die Schadenshöhe im Schadensfall und damit den Wert des Lebens. Entsprechendes gilt für diverse Aufwendungen für Sicherheitsmaßnahmen, zum Beispiel Brandschutzmaßnahmen und ähnliches: Sicherheitsmaßnahmen verursachen Kosten, und sie verringern Häufigkeit oder Gewichtigkeit von Schäden, in diesem Fall wieder Todesfälle; entsprechend wird abgeschätzt, was die Vermeidung des Schadens wert war, wobei die Aufwendung wieder durch die Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts dividiert wird. Sicherlich passieren solche Kalkulationen in der Praxis nicht explizit — beim Verbauen von feuerfestem Material wird nicht zuerst durchgerechnet, ob nicht Todesfälle billiger wären als das Material. Dennoch läßt sich aus solchen Maßnahmen in Kombination mit der Wahrscheinlichkeit von Schadensfällen eine Vorstellung davon gewinnen, wie viel einem Menschenleben wert sind.
Eine andere Möglichkeit der Abschätzung des Werts menschlichen Lebens sind explizite Befragungen. Dies funktioniert etwa so, daß man die Frage stellt, wieviel jemand sich Maßnahmen kosten lassen würde, die ein Sterberisiko vermindern, beispielsweise Gesundheitsmaßnahmen. Das verminderte Sterberisiko und die dafür notwendigen Aufwendungen ergeben dann den Indikator für den Wert des Lebens.
Eine weitere Möglichkeit, zu einer Schätzung zu gelangen, wären Präzedenzfälle. So gab es eine Entschädigung nach einem Mordanschlag mit vielen Opfern nach dem Lockerbie-Anschlag 1988. Die libysche Regierung bot in diesem Fall 10 Millionen Dollar pro Anschlagsopfer an und zahlte letztlich jeweils 8 Millionen. Diese Werte liegen in der Größenordnung von Schätzungen, wie man sie in den erwähnten Studien findet.
Alle diese Ansätze spielen für den vorliegenden Bericht allerdings keine Rolle, obwohl sie für die Einordnung seiner Ergebnisse wichtig sind. Im Fall der Befragungen ist das naheliegend, weil man über keine derartigen Studien aus den dreißiger Jahren verfügt. Auch Daten zum Marktverhalten in Polen in jener Zeit sind kaum in der erforderlichen Qualität verfügbar.
Die Autoren des betreffenden Kapitels haben daher einen anderen Ansatz gewählt, nämlich eine Abschätzung des Verlustes an Humankapital, der im weiteren als Höhe des Schadens interpretiert wird. Dieser Ansatz funktioniert so, daß man abschätzt, welches Einkommen ein Mensch unter den gegebenen Bedingungen (Lebensalter, Geschlecht, Beruf et cetera) zu einem bestimmten Zeitpunkt für den Rest seines Lebens zu erwarten hatte. Es ergibt sich dann das Einkommen, das zum Beispiel ein dreißigjähriger polnischer Lehrer im Jahr 1940 bei gegebener Lebenserwartung bis zu seinem natürlichen Lebensende erwarten konnte. Dieses aus Sicht von 1940 zukünftige Einkommen wäre dann zu diskontieren, da ein zukünftiges Einkommen weniger wert ist als ein gegenwärtiges Einkommen. Das Ergebnis ist der Wert des Humankapitals einer solchen Person im Jahr 1940. Wenn nun diese Person 1940 ermordet wurde, wäre der Schaden gleich dem Wert ihres Humankapitals zu diesem Zeitpunkt. Man kann in der Folge, um den Schaden zum Wert des Jahres 2021 zu bestimmen, den so geschätzten Schaden des Jahres 1940 aufzinsen.
Der Humankapital-Ansatz hat einen praktischen Vorteil: Er läßt sich weitaus einfacher anwenden als die Abschätzung über Marktverhalten oder Umfragen. Es gibt die Sterbetafeln für Polen, und die demographischen und beruflichen Charakteristika der betreffenden Personen und somit ihre erwarteten Einkommen können einigermaßen plausibel bestimmt werden. Die resultierende Schätzung im vorliegenden Bericht kann man daher prinzipiell akzeptieren. Allerdings haben die Autoren die Kombination aus Diskontierung zukünftiger Einkommen und Aufzinsung des Ergebnisses unterlassen, um die Berechnung zu vereinfachen. Das Ergebnis fällt dadurch niedriger aus, weil die Aufzinsung aufgrund der dafür geltenden längeren Zeitspanne (bis 2021) stärker ins Gewicht fallen würde als die Diskontierung von aus Sicht des Jahres 1940 zukünftigen Einkommen, die mit der Lebenserwartung der damals lebenden Bevölkerung limitiert sind — die meisten Mordopfer hätten auch unter gewöhnlichen Umständen nicht bis 2021 gelebt.
Dieser Ansatz hat aber auch einen gravierenden Nachteil: Die Schätzung ist von vornherein unvollständig. Der Wert eines menschlichen Lebens erschöpft sich ja nicht in dem in der Person bestehenden Humankapital, sprich nicht in der Höhe des diskontierten zukünftigen Einkommens. Das ist schon intuitiv klar, denn Menschen bemessen normalerweise ihren Wert nicht in der Höhe ihres erwarteten zukünftigen Einkommens. Es wird auch in den Konsequenzen ganz augenfällig: Es gibt Menschen, die aufgrund persönlicher Umstände gar nicht in der Lage sind und auch nie in der Lage sein werden, ein Einkommen zu erwirtschaften. Ihr Humankapital, bemessen nach Einkommen, ist daher null oder sogar negativ. Aber der Wert ihres Lebens ist nicht null oder weniger als null — die gegenteilige Ansicht würde zum Ergebnis führen, daß der Wert eines Menschen von seiner Produktivität abhinge, unproduktive Menschen wertlos oder sogar eine Last wären und man sie daher töten dürfte. Bekanntlich führte diese letztere Auffassung die Nationalsozialisten zu einem Teil ihrer Verbrechen. Die Ermordung von Kranken war ein Verlust, den man nicht mit dem Humankapital-Ansatz abschätzen kann.
Bei einer Schätzung des Werts menschlichen Lebens führt der Humankapital-Ansatz aufgrund seiner Unvollständigkeit für die große Mehrheit zu niedrigeren Ergebnissen als die anderen Schätzmethoden (Ausnahmen wären Personen mit besonders hohen Einkommen). Im vorliegenden Report hat das zur Folge, daß der Schaden durch die deutsche Aggression und Besatzung eher tief geschätzt wird. Das war den Autoren auch bewußt. Argumentiert wird das außer mit den faktischen Schwierigkeiten bei Anwendung der anderen Ansätze damit, daß eine »konservative« Schätzung der Schadenshöhe leichter akzeptiert werden würde.
Trotz der Probleme des Humankapital-Ansatzes muß man bedenken, daß er nicht unbedingt zu fundamental anderen Ergebnissen als beispielsweise das Sozialversicherungsrecht in Österreich führt, denn auch die Sozialversicherung deckt bei Leistungen im Todesfall nicht den gesamten Schaden ab. Die Berechnung erfolgt hier anders. So richten sich Hinterbliebenenrenten in der Unfallversicherung nicht nach dem erwarteten, sondern nach dem vergangenen Einkommen des Verstorbenen, und die Renten aller Hinterbliebenen dürfen in Summe 80 Prozent des letzten Jahreseinkommens nicht übersteigen. Davon sind die Waisenrenten zeitlich limitiert, und die auf lange Zeit ausbezahlten Witwerrenten liegen je nach Alter zwischen nur 20 und 40 Prozent der Bemessungsgrundlage. Das diskontierte Ergebnis wird daher sogar niedriger ausfallen als eine Schadensberechnung nach dem Humankapital-Ansatz. Der sonstige Schadenersatz (Bestattungskosten, Schmerzengeld) ist ohnehin äußerst limitiert.
Wie verhält sich das Ergebnis zu Schätzungen des Werts menschlichen Lebens in anderen Studien? Der Report schätzt den Schaden pro Mordopfer auf durchschnittlich € 178.700 zum Wert von 2021. Verglichen mit Studien aus den Jahren nach 2000, die mit den anderen Schätzmethoden operieren, ist das ein extrem niedriger Wert. Im allgemeinen ergeben diese Studien für hochentwickelte Länder höhere Werte als für Entwicklungsländer, und die Ergebnisse schwanken je nach Schätzmethode im Verhältnis von 2:1 oder auch mehr.5 Es gibt also keinen eindeutigen Wert, und über die Bewertungsunterschiede zwischen Ländern auf unterschiedlichem Entwickungsstand kann man diskutieren. Es gibt aber jedenfalls in der zitierten Übersicht keinen Wert, der unter € 400.000 liegt. Gewiß war Polen 1939 nicht annähernd auf dem Entwicklungsstand von heute. Aber selbst nach Maßstäben von Entwicklungsländern würde der Wert eines menschlichen Lebens in der jüngeren Vergangenheit zwischen € 400.000 und € 1,4 Millionen Euro liegen, und es ist kein Grund ersichtlich, für Polen 1939 weniger anzusetzen.
Bereits wenn man die niedrigen Zahlen der Entwicklungsländer als Untergrenze nähme, würde somit der Gesamtschaden unter Einschluß der sonstigen Schäden dann nicht bei € 1,35 Billionen, sondern irgendwo zwischen € 2,5 und € 7,7 Billionen liegen.
Bleibt die freilich theoretische Frage, was es für Deutschland bedeuten würde, Reparationszahlungen leisten zu müssen. Als erstes müßte man auch Österreich zur Kassa bitten; entsprechend dem Bevölkerungsanteil wäre der österreichische Anteil an den Reparationen an die 9 Prozent, das wären nach den »konservativen« Schätzungen des Jan-Karski-Instituts etwa € 120 Milliarden. Für Deutschland würden € 1,23 Billionen verbleiben. Das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands im Jahr 2025 betrug € 4,47 Billionen, das österreichische BIP € 513 Milliarden. Die Reparationen in der angegebenen Höhe würden also im deutschen Fall an die 28 Prozent des BIP eines Jahres entsprechen, im österreichischen Fall über 23 Prozent.
Ist das viel? Natürlich ist es viel, aber wieviel ist es im Verhältnis zu historischen Fällen von Reparationen? Zwei Fälle bieten sich zum Vergleich an: Die französischen Zahlungen nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und die deutschen Zahlungen nach dem Ersten Weltkrieg. Frankreich zahlte nach dem Krieg von 1870/71 ungefähr 22 Prozent seines BIP eines Jahres an Deutschland, bei Schäden, die im Verhältnis zweifellos niedriger waren als die Schäden im polnischen Fall. Die deutschen Reparationen nach dem Ersten Weltkrieg in Höhe von 132 Milliarden Goldmark, auf die man sich 1921 einigte, entsprachen 260 Prozent des deutschen BIP von 1913. Wieviel davon wirklich bezahlt wurde, wird unterschiedlich geschätzt, aber selbst die unteren Schätzungen liegen im Bereich von 35 Prozent des BIP von 1913.6
Im Vergleich mit diesen früheren Fällen wären die polnischen Reparationsforderungen entsprechend dem vorliegenden Report also noch nicht exorbitant. Würde man die polnischen Forderungen allerdings mit den alternativen Methoden schätzen, also auf das Doppelte bis Fünffache, würden sie die historischen Fälle deutlich übertreffen. Und die möglichen Forderungen aller anderen geschädigten Länder, die sich dann sicherlich sofort melden würden, sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.
Der Report über Deutschland berührt, abgesehen von der allgemeinen politischen Polarisierung in Polen, auch unterschiedliche außenpolitische Orientierungen der polnischen Parteien. Beim großen Verbündeten der Nationalsozialisten von 1939 sieht es anders aus, denn im Fall der sowjetischen Aggression und Besatzung wäre ein Konsens innerhalb Polens eigentlich leichter herzustellen. Ein möglicher Report on the Losses Sustained by Poland as a Result of Soviet Aggression and Occupation würde zwar sicherlich eine niedrigere Schadenssumme ergeben, aber den Forschungsaufwand wäre er wert.
Jan Karski, Story of a Secret State, Boston/Cambridge 1944.
Jan Karski, The Great Powers and Poland. From Versailles to Yalta. Anniversary Edition, Lanham/Boulder/et al 2014 [Original 1985].