Jörg Zedler (Hg.)
Der Heilige Stuhl in den internationalen Beziehungen 1870 bis 1939
München
Herbert Utz-Verlag
2010
382 S.
€ 59,00
Rezensent: Walter Iber
Historicum, Frühling—Sommer 2010, 74
Seit im Archivio Segreto Vaticano die Akten aus den Pontifikaten der Päpste Benedikt XV. (1914—1922) und Pius XI. (1922—1939) geöffnet wurden, hat sich in der historischen Vatikanforschung einiges getan. Das gilt nicht zuletzt für den deutschen Sprachraum, im besonderen für Deutschland. Hervorzuheben wären beispielsweise die umfangreichen Arbeiten der Münsteraner Projektgruppe um Hubert Wolf, die derzeit in einem Großprojekt an einer Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis arbeitet, oder auch die einschlägigen Publikationen von Thomas Brechenmacher an der Universität Potsdam. Jüngst hat sich nun auch der Münchner Historiker Jörg Zedler als Herausgeber eines Werkes in dieser Forschungslandschaft positioniert.
Das Buch dokumentiert die Beiträge einer gleichnamigen Tagung, die im Juli 2009 in München abgehalten wurde. Als inhaltlichen Ausgangspunkt setzt Tagungsorganisator und Herausgeber Zedler den Fall des Kirchenstaates im Jahr 1870, ein Ereignis, das an sich nicht nur eine wesentliche Zäsur in der Geschichte des Papsttums darstellte, sondern auch weitreichende Auswirkungen auf die vatikanische Diplomatie der folgenden Jahrzehnte haben sollte. Der Schlußpunkt des behandelten Zeitraumes, das Jahr 1939, ist dagegen, so der Herausgeber in seiner Einleitung, »der Öffnung der archivalischen Überlieferung geschuldet«. 1939 endete bekanntlich das Pontifikat Pius XI., dessen Akten zuletzt für die Forschung zugänglich gemacht wurden.
Es ist Zedler gelungen, für sein Projekt Forscherinnen und Forscher zu gewinnen, die in der historischen Vatikanforschung des 19./20. Jahrhunderts Rang und Namen haben. Neben den Arrivierten bekommen hier auch einige junge Historiker die Chance, ihre Forschungsergebnisse zu präsentieren. Das Resultat: Durchwegs lesenswerte Einzelbeiträge, die ein thematisch breit gestreutes Themenfeld in chronologischer Reihenfolge abhandeln. Die Palette beginnt bei der Sicht des russischen Zarenreiches auf das Erste Vatikanische Konzil und reicht im weiteren über den Kulturkampf in Bayern und Preußen, die Julikrise 1914 und die Konkordatsära in der Zwischenkriegszeit bis hin zur Entwicklung vom Verhältnis des Heiligen Stuhls zu den Massenmedien Rundfunk und Fernsehen 1895—1939.
Ein zentraler Beitrag stammt aus der Feder von Alberto Melloni, der die Implikationen des 20. September 1870 (Eroberung Roms durch italienische Truppen und der damit verbundene Verlust der weltlichen Herrschaft des Papstes) für die Erforschung der Internationalen Beziehungen des Heiligen Stuhls 1870—1939 herausarbeitet. Die Ereignisse des Jahres 1870 sind ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der Politik des Vatikans in den Jahrzehnten bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, so die sinngemäße Grundaussage Mellonis, mit der er gleichzeitig den lobenswerten Ansatz des gesamten Bandes unterstreicht: sich nicht mit der Sicht auf das 20. Jahrhundert bis zum Ende des Pontifikats Pius XI. zu begnügen, sondern größere, epochenübergreifende Entwicklungen und Mechanismen zu beleuchten und aus diesem Grund auch einen ausführlichen Rückblick in das 19. Jahrhundert zu wagen.
Aus österreichischer Sicht interessant ist der Artikel von Andreas Gottsmann über den Heiligen Stuhl und die Nationale Frage in der Habsburgermonarchie an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. In dem äußerst fundierten Beitrag kann sich der Autor auf seine jahrelangen Forschungsarbeiten in Rom stützen. Doch gerade die Präsenz dieses Artikels stößt den Leser auf eine schwerwiegende inhaltliche Lücke: Das Verhältnis zwischen Österreich und dem Heiligen Stuhl in der Zwischenkriegszeit bleibt im Band ausgeblendet, was zunächst umso schwerwiegender scheint, als er für diesen Zeitraum (wenn auch mit starker Gewichtung auf 1938/39) beispielsweise einen hervorragenden Beitrag zur Tschechoslowakei (Emilia Hrabovec) enthält. Dieses Manko ist zunächst weniger der Inkohärenz der einzelnen Beiträge als vielmehr dem aktuellen Forschungsstand geschuldet, der sich im Sammelband mehr oder weniger widerspiegelt. Tatsächlich liegt zu den österreichisch-vatikanischen Beziehungen 1918–1938 bislang noch keine umfassende Überblicksdarstellung auf Basis des neu zugänglichen Aktenmaterials vor, obwohl sich allein mit dem starken Politischen Katholizismus und dem Experiment des »Christlichen Ständestaates« großes Potenzial bieten würde. Es steht außer Frage, daß die österreichische Forschung in dieser Hinsicht noch großen Aufholbedarf hat. Andererseits muß festgehalten werden, daß auch Árpád von Klimós Artikel über Ungarn nicht auf den vatikanischen Akten basiert, sondern – was den Wert des Beitrages keineswegs schmälert – lediglich erläutert, welche gravierenden Forschungsdesiderata es gibt und wo die neuen Quellen hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Vatikan und Horthy-Regime tatsächlich Licht ins Dunkel bringen könnten. Ein Beitrag dieser Ausrichtung hätte sich wohl auch für Österreich bewerkstelligen lassen.
Ein Kritikpunkt ist, daß das Buch inhaltlich keinen roten Faden hat. Das macht es schwierig, aussagekräftige Schlüsse und Vergleiche zu ziehen – siehe etwa das oben angesprochene Fehlen eines Beitrages zu Österreich 1918–1938. Eine etwas ausgeglichenere inhaltliche Gewichtung, etwa im Sinne eines Verzichts auf einen derart starken Deutschland-Schwerpunkt (von den insgesamt vierzehn Beiträgen befassen sich nicht weniger als sechs mit Bayern, Preußen oder Deutschland) zugunsten anderer, nicht minder relevanter Themen, hätte dem Buch sicher gutgetan. Natürlich war Deutschland von zentraler politischer Bedeutung, gerade aber der Vatikan hielt Ausschau nach diplomatischen Alternativen, die hier jedoch etwas zu kurz kommen. Auch eine Synthese wäre nicht von Nachteil gewesen, hätte man mit ihrer Hilfe doch womöglich so manches inhaltliche Ungleichgewicht kaschieren können.
Der Ansatz des Herausgebers ist ein hehrer, wenn das Konzept in seiner Umsetzung auch rudimentär bleiben mag. Zum einen ist inhaltliche Inkohärenz generell ein klassisches Problem von (noch dazu auf Tagungen basierenden) Sammelbänden, zum anderen hätte man, um der eigentlich globalen Dimension des Themas wirklich gerecht werden zu können, aus Platzgründen wohl kaum mit einem einzigen Band das Auslangen gefunden. Folglich kann der Inhalt das aus dem Buchtitel ableitbare Versprechen, einen umfassenden Blick auf knapp sieben Jahrzehnte vatikanischer Diplomatie zu bieten, nicht halten. Vielmehr findet der Leser einzelne Teilaspekte vor, die im wesentlichen auf den mittelosteuropäischen Raum fokussiert bleiben. Das Grundproblem eines thematisch sehr breiten Rahmens und die damit einhergehende Notwendigkeit, entsprechende inhaltliche Schranken zu setzen, sind Zedler offensichtlich bewußt, hält er doch einleitend fest, daß der Band lediglich »einige wenige […] Schlaglichter auf die Geschichte des Heiligen Stuhls in den internationalen Beziehungen werfen [will]«.
Die große Stärke des vorliegenden Sammelbandes liegt weniger in seiner Gesamtkonzeption als vielmehr in der Qualität der einzelnen Beiträge. Daher überwiegen nach der Lektüre doch eindeutig die positiven Eindrücke. Es handelt sich hier um ein durchaus empfehlenswertes Produkt, jedenfalls aber um einen Geheimtip für all jene, die sich, ob in der professionellen Forschung oder als interessierte Laien, mit der Geschichte der vatikanischen Diplomatie im 19. und 20. Jahrhundert befassen.