Ilka von Zeppelin

Dieses Gefühl, daß etwas nicht stimmte. Eine Kindheit zwischen 1940 und 1948

 

Berlin
Wagenbach
2005
155 S.
€ 18,00

 

Rezensent: Stefan Hofmann

Historicum, Winter 2005/2006, 39

 

 

 

 

Kindheitserinnerungen aus Zeiten von Krieg und Terror haben eine besondere Wirkung. Sie ermöglichen es, ein bekanntes Geschehen aus einem völlig anderen Blickwinkel zu sehen. Der Leser kennt, anders als das Kind, die Hintergründe, kann unter Umständen Personen einordnen, kann sich Vorgänge erklären, auf die das Kind mit Ratlosigkeit reagiert. Das berühmteste Beispiel dieser Art von Literatur ist Imre Kertész’ Roman eines Schicksallosen, wo aus der Perspektive eines Fünfzehnjährigen berichtet wird. Ein lesenswertes Beispiel ist Dieses Gefühl, daß etwas nicht stimmte.

Die Erinnerungen beginnen in Berlin, die Erzählerin ist fünf Jahre alt, in der Familie kommt das vierte Kind, der Vater ist ein Nazi, der erst sehr spät an die Front muß. Ein gebildeter Mensch, der Violine und Klavier spielt, Offizier, allerdings nur Leutnant, meist abwesend. In Berlin fallen schon die Bomben, die Mutter und die Kinder werden evakuiert.

Der größere Teil des Berichts spielt in der Nähe von Nürnberg, auf der Burg der Großeltern. Der Großvater war im Kaiserreich Gesandtsschaftsattaché in Japan und Italien — eigentlich aktuell die passenden Länder —, der sehr früh den Dienst quittiert hat und als eine Art Privatgelehrter auf der Burg lebt, die er sich gekauft hat. Er hat noch die Uniform aus seiner aktiven Zeit und zieht sie an seinem Geburtstag an. Er verabscheut die Nazis und liebt offenbar auch den Schwiegersohn nicht besonders. Außerdem ist er ein ganz unglaublicher Egoist, selbst in seinem Verhalten gegenüber Tochter und Enkeln, was sich bei dem zeitbedingt wichtigen Punkt der Verfügung über Essen bemerkbar macht. Obst ist zum Beispiel für den alten Herrn reserviert. Obwohl der Großvater die Nazis haßt, kommt eines Tages Hermann Göring vorbei. Göring hat ein Schloß in der Nähe und möchte sehen, wie sich sein Besitz von nebenan ausnehmen läßt. Der Großvater — Diplomat! — unterläßt es nicht, die Einladung zum Gegenbesuch anzunehmen. Nach dem Krieg wird dann Robert Kempner ein- bis zweimal pro Woche vorbeikommen, Nürnberg ist ja in der Nähe.

Außer dem Großvater gibt es in dem fränkischen Dorf eine neue Volksschullehrerin, die sich in der Endphase des Kriegs in absurden Durchhalte- und Endkampfparolen ergeht, und dumme Buben, die den Endkampf ausfechten wollen.

Und es gibt als prägendes Element die Krankheiten. Krankheiten der Menschen, Krankheiten der Tiere, Ruhr, Scharlach, Maul- und Klauenseuche, Tuberkulose. Es gibt Unfälle, und es herrscht Unterernährung. Nürnberg wird bombardiert, die Tiefflieger kommen, die Burg füllt sich mit Flüchtlingen, schließlich sind die Amerikaner da. Nach langer Zeit taucht der Vater auf, er ist aus dem Osten nach Hause marschiert, wird kurz versteckt und dann ins Entnazifizierungslager gesteckt.

Der Band endet mit dem Flug der Erzählerin nach Irland im Februar 1948. Sie soll dort ein Jahr bei einer Quäkerfamilie verbringen, wo sie besser versorgt sein wird. Sie verpaßt den Flug, das Flugzeug stürzt ab. Am nächsten Tag fliegt sie nach Irland. Sie bleibt zwei Jahre.

Alle diese Dinge erzählt Ilka von Zeppelin aus der Perspektive des unwissenden Kindes, mehr als die (allerdings etwas ältere) Zeitgenossin Christine Nöstlinger in Maikäfer flieg!, die schon aufgeklärter wirkt. Der Tonfall der Erzählung ist dennoch nicht peinlich infantil. Sehr empfehlenswert.