Anita Ziegerhofer-Prettenthaler

Botschafter Europas. Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi und die Paneuropa-Bewegung in den zwanziger und dreißiger Jahren

 

Wien, Köln, Weimar
Böhlau
2004
587 S.
€ 69,00

 

Habilitationsschrift [2002], Universität Graz

 

Rezensent: Nicolas Wirmaier

Historicum, Sommer 2004, 8—11

Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi war der zweite Sohn aus einer ungewöhnlichen österreichisch-japanischen Verbindung. Sein Vater war 1892 im Alter von 33 Jahren als Chargé d’Affaires an die österreichisch-ungarische Gesandtschaft in Tokio gekommen, wo er die fünfzehn Jahre jüngere Mitsuko Aoyama, die Tochter eines japanischen Kaufmanns, kennenlernte. Im Jahr darauf, nach der Geburt eines Sohnes, heirateten die beiden, 1894 wurde Richard als zweiter Sohn geboren, 1896 kehrte Coudenhove mit seiner Familie nach Böhmen zurück. Dort, am Familiensitz im westböhmischen Ronsperg, wenige Kilometer von der bayerischen Grenze entfernt und an der Grenze zwischen dem mehrheitlich deutschsprachigen Gebiet um Mies und dem überwiegend tschechischsprachigen Gebiet um Taus gelegen, wuchsen die sechs Kinder in einem mehrsprachigen, kosmopolitischen, multikonfessionellen Milieu auf. 1906 starb der Vater, 1908 trat Richard ins Theresianum in Wien ein, wo er 1913 maturierte. Gleich anschließend begann er mit seinem Studium der Philosophie und Geschichte, das er 1917 abschloß. Vom Militärdienst war er aus Krankheitsgründen enthoben. Bereits 1914 hatte er die dreizehn Jahre ältere Schauspielerin Ida Roland geheiratet, eine Verbindung, die die Familie und die sonstige Umgebung längere Zeit ablehnten. Ida Roland sollte durch ihre persönliche Mitarbeit und ihre finanzielle Unterstützung eine wesentliche Rolle für die von ihrem Mann gegründete Paneuropa-Bewegung spielen.

Die Paneuropa-Bewegung vor dem Zweiten Weltkrieg und Richard Coudenhove-Kalergi sind Gegenstand der umfangreichen Studie, mit der sich Anita Ziegerhofer-Prettenthaler an der Universität Graz im Fach Zeitgeschichte habilitierte. Es handelt sich nicht um eine Biographie im eigentlichen Sinn (der biographische Teil beschränkt sich auf ein kürzeres Kapitel am Anfang), dennoch ist diese Geschichte der Paneuropa-Bewegung durchgehend auch eine Geschichte des Paneuropa-Gründers. Dies liegt an der Weise, wie Coudenhove, der die ganze Zeit an der Spitze der Bewegung stand, seine Leitungsfunktion wahrnahm und die Bewegung in der Öffentlichkeit repräsentierte. Die Paneuropa-Bewegung war im öffentlichen Erscheinungsbild die Vereinigung Coudenhoves, die Zeitschrift Paneuropa, die seit 1924 regelmäßig erschien, war sein Sprachrohr (daneben gab es in den dreißiger Jahren noch die kurzlebigen Paneuropa-Wirtschaftshefte), die von der Paneuropa-Bewegung organisierten Veranstaltungen liefen nach Coudenhoves Vorgaben ab, und selbst die Ableger der Bewegung in den europäischen Ländern waren immer wieder mit Eingriffen des Gründers konfrontiert. Zu Recht stellt die Autorin daher in den Hauptteilen des Bandes die Geschichte der Paneuropa-Bewegung vorwiegend anhand der Schriften, Konferenzen, Begegnungen und sonstigen Aktivitäten des Titelhelden dar.

Das Buch behandelt das Thema in sechs Teilen:

  • Biographie Coudenhoves;
  • die Paneuropa-Bewegung als Organisation;
  • politische Aktivitäten;
  • wirtschaftliche Aktivitäten;
  • kulturelle Aktivitäten;
  • die Paneuropa-Bewegung im Kontext anderer zeitgenössischer Strömungen.

Als Quellen nutzte Ziegerhofer-Prettenthaler die umfangreichen publizistischen Quellen, das sind vor allem die enorme Zahl von Büchern Coudenhoves und die genannte Monatszeitschrift Paneuropa, weiters archivalische Quellen, darunter insbesondere die Akten der Paneuropa-Bewegung, die 1938 von den deutschen Behörden beschlagnahmt und 1945 als sogenannte »Beuteakten« nach Moskau verfrachtet wurden, wo sie noch immer liegen.

Der biographische Teil stellt Coudenhove und Ida Roland in einer nicht zu langen, informativen Darstellung vor. Die Roland war die Tochter eines jüdischen Kaufmanns und zu dem Zeitpunkt, als Coudenhove sie kennenlernte, schon eine bekannte Schauspielerin. 1930 bis 1933 unterbrach sie ihre Karriere, um für die Paneuropa-Bewegung zu arbeiten, die sie auch sonst finanziell und durch ihre Mitwirkung bei Veranstaltungen und gesellschaftlichen Anlässen unterstützte. Ein anderer wichtiger Punkt in Coudenhoves Biographie ist seine Mitgliedschaft in der Freimaurerloge »Humanitas« von 1921 bis 1926.

Das Kapitel über die Paneuropa-Bewegung als Organisation beschreibt Programmatik, organisatorischen Aufbau und die eingesetzten Propagandamittel. Der programmatische Teil ist eigentlich ein Vorgriff auf die dann folgenden umfangreichen Darstellungen, da das Wirken Coudenhoves in Politik, Wirtschaft und Kultur ja durchwegs den Charakter von Wunschträumen und Projektemacherei hatte und aktuell realisierbare Vorhaben nicht bestanden. In diesem ersten Abschnitt geht die Autorin auf die ersten einschlägigen Schriften Coudenhoves und auf das Pan-Europäische Manifest von 1924 ein, das nebst einigen weiteren Dokumenten auch im Anhang abgedruckt ist.

In organisatorischer Hinsicht bestand die Paneuropa-Bewegung aus einer zentralen Stelle in Wien und Niederlassungen in einer ganzen Reihe europäischer Länder. Diese Ländersektionen waren theoretisch autonom, tatsächlich kam es, wie erwähnt, zu Konikten durch die Neigung Coudenhoves, mit merkwürdigen Methoden Einfluß auszuüben, so insbesondere im Fall der deutschen Niederlassung (180—185). Bei der Bildung der Leitungsgremien legte Coudenhove großen Wert auf die Einsetzung von »Ehrenfunktionären« (»Ehrenpräsidenten« und so weiter) in Gestalt von möglichst prominenten Zeitgenossen; zum Beispiel wurde 1927 Aristide Briand Ehrenpräsident der Paneuropäischen Union, in der Paneuropa-Union Österreich waren Ignaz Seipel, Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg Ehrenpräsidenten. Während dieser organisatorische Aspekt ziemlich klar dargestellt ist, bleiben die finanziellen Dimensionen, in denen sich die Gebarung der Paneuropa-Bewegung insgesamt abspielte, eher unbestimmt. Die Autorin gibt die Staffelung der Mitgliedsbeiträge bekannt und nennt einige der wichtigeren Geldgeber mit ihren Beiträgen (darunter Ida Roland) sowie beispielartig einzelne Ausgaben, insbesondere die enormen Reisekosten des Chefs. Anscheinend finanzierte die Paneuropa-Bewegung auch die Lebenshaltungskosten der Familie Coudenhove einschließlich der Zahlungen an die Schwiegermutter und den Chauffeur. Während man so zumindest eine Ahnung von diesem Aspekt bekommt und sich angesichts eines jüngeren, gerichtsanhängig gewordenen Beispiels fragen kann, ob es sich bei einer solchen Gebarung vielleicht um eine Eigenart von aristokratisch geführten NGOs handelt, bleiben die Einnahmen und Ausgaben insgesamt und somit der gesamte finanzielle Umfang des Paneuropa-Geschäfts im Dunklen.

Der umfangreichste Teil der Arbeit ist jener über die allgemeinpolitische Arbeit Coudenhoves, die von der wirtschafts- und der kulturpolitischen Arbeit freilich kaum zu trennen ist. Die Darstellung im allgemeinpolitischen und im wirtschaftspolitischen Teil hat die Form eines Längsschnitts, der die Initiativen, öffentlichen Äußerungen, Kontakte und Großveranstaltungen der Paneuropa-Bewegung in den zwanziger und dreißiger Jahren verfolgt. Dabei wird erkennbar, mit wem Coudenhove zu tun hatte, ebenso seine inhaltlichen Positionen. Die Autorin gliedert den Zeitraum in drei Abschnitte: Die Jahre 1923 bis 1930 waren die Zeit vor dem Memorandum über die Einrichtung einer Europäischen Union, das Aristide Briand im Mai 1930 vorstellte und in dem er eine politische Union der europäischen Völkerbundstaaten mit späterer wirtschaftlicher Integration, aber bei Wahrung der Souveränität der Mitglieder vorschlug. Coudenhove hatte unmittelbar davor ein inhaltlich in vieler Hinsicht ähnliches, aber detaillierteres Papier vorgelegt. Das Briandsche Memorandum stieß praktisch durchwegs auf höiche Ablehnung. Die zweite Phase geht bis 1933, die dritte bis 1938. In dieser Zeit veränderte sich nicht nur das Umfeld für die Tätigkeit der Paneuropa-Bewegung, auch Coudenhove selbst paßte seine Positionen in mancher Hinsicht den geänderten Rahmenbedingungen an. Für jeden der genannten Zeitabschnitte skizziert Ziegerhofer-Prettenthaler zuerst die internationalen Verhältnisse, im weiteren behandelt sie die Großveranstaltungen der Bewegung (1926, 1930, 1932 und 1935 fanden Paneuropa-Kongresse statt), einzelne besonders wichtige Themen, mit denen die Paneuropa-Bewegung konfrontiert war, und die Stellung der Organisation als solcher mit ihren internen Problemen und den persönlichen Bindungen zu Persönlichkeiten aus der Politik, die sie aufbauen konnte.
Die wirtschaftspolitische Arbeit handelt die Autorin anhand der einschlägigen Veranstaltungen ab, nämlich der entsprechenden Teile der Paneuropa-Kongresse, vor allem aber der paneuropäischen Wirtschaftskonferenzen der Jahre ab 1933. Die Wirtschaftspolitik war erst in diesen Jahren ein großes Thema für die Paneuropa-Bewegung. Die Kultur- und Gesellschaftspolitik schließlich wird nicht chronologisch, sondern in einem systematischen Überblick abgehandelt, in dem Jugend und Frauen, Bildung und Medien sowie Mythologisierung und Symbole zur Sprache kommen.

Diese ausführliche Darstellung auf immerhin gut 250 Seiten ist eine äußerst detaillierte Auflistung von publizistischen Stellungnahmen, Positionspapieren und sonstigen öffentlichen Äußerungen Coudenhoves zu einer Vielzahl von Gelegenheiten. Der Gründer der Paneuropa-Bewegung gab seine Meinung zu allen möglichen aktuellen Fragen ab und erstellte ständig Pläne zu Europa, so wie es seiner Meinung nach in der Zukunft aussehen sollte. Viele dieser Pläne waren ziemlich detailliert, obwohl erkennbar war, daß sie schon in den Grundzügen nicht realisierbar waren. In Anbetracht dieser Aktivitäten erheben sich eine Reihe von Fragen: Wo waren Coudenhove und Paneuropa-Bewegung im Kontext der zeitgenössischen Politik angesiedelt? Wie wichtig war die Paneuropa-Bewegung für das Zeitgeschehen? Wie ist das Verhältnis der Paneuropa-Bewegung der Zwischenkriegszeit zur europäischen Integration nach 1945 einzuschätzen? Die Antworten auf diese Fragen, die das Buch gibt, sind nicht durchwegs erschöpfend.

Am ausführlichsten informiert die Arbeit über die erste Frage. Die inhaltlichen Positionen, wie sie aus den einzelnen Initiativen Coudenhoves erkennbar werden, stellt Ziegerhofer-Prettenthaler im abschließenden Kapitel explizit in den Kontext von Bolschewismus, Faschismus, Nationalsozialismus, Demokratie, Nationalismus und der Politik gegenüber dem Völkerbund. In einigen dieser Bereiche verfolgte Coudenhove im Lauf der zwanziger und dreißiger Jahre eine gleichbleibende Linie, in anderen änderte er seine Positionen grundlegend. Konstant blieb seine tiefe Ablehnung des Bolschewismus, obwohl er Mitte der dreißiger Jahre beim sowjetisch-französischen Nichtangriffspakt 1935 und bei der Remilitarisierung des Rheinlands 1936 die Sowjetunion als Faktor für die Bewahrung des Friedens entdeckte. Als Teil Paneuropas kam die Sowjetunion für ihn aber nie in Frage. Auch den Nationalsozialismus lehnte Coudenhove ab, verständlich aufgrund der Paneuropa-Programmatik, die eine Einigung gleichberechtigter europäischer Staaten vorsah, aber auch schon aufgrund der privaten Verhältnisse Coudenhoves, die Rassismus schlechthin und Antisemitismus im besonderen nicht zuließen. Coudenhoves Verhältnis zum Völkerbund war hingegen ambivalent. Einerseits traute er dem Völkerbund nicht viel Wirkung als friedenserhaltende Institution zu, andererseits war er bereit, die grundsätzliche Möglichkeit einer effektiven Reform des Völkerbundes anzuerkennen, und entwickelte auch selbst allerlei Vorschläge dazu.

Der Bereich, in dem Coudenhove entweder der Realitätssinn abging oder in dem er unredlich agierte, waren seine öffentliche Einschätzung des Faschismus und die Gestaltung seiner Kontakte mit dem Regime Mussolinis. Coudenhove sah seltsamerweise im faschistischen Italien einen Hoffnungsträger für die Paneuropa-Idee, ein Land, das zum Motor einer friedlichen Einigung Europas werden könnte. Dementsprechend hofierte er Mussolini und war aufs intensivste um einen persönlichen Kontakt zum italienischen Diktator bemüht. Die Wertschätzung für Mussolini ging mit einem ganz wesentlichen Kompromiß im Europa-Konzept Coudenhoves einher: Das Problem, daß nicht wenige europäische Staaten Diktaturen waren, löste Coudenhove ab Ende der zwanziger Jahre durch eine Verschiebung dieser Frage in einen innerstaatlichen Bereich, der von der europäischen Integration nicht notwendigerweise berührt sei. In Paneuropa sollten sich nun also Diktaturen und Demokratien in trauter Einigkeit finden. Diese Position war eine Abkehr von den anfänglichen Prinzipien der Paneuropa-Bewegung, denn im Paneuropäischen Manifest war Paneuropa noch eine Vereinigung von Demokratien, ja der undemokratische Charakter der Sowjetunion war in diesem Dokument sogar das Hauptargument für den Ausschluß »Rußlands« aus Paneuropa gewesen. Freilich hatte Coudenhove in seinen sonstigen Schriften schon zu jener Zeit merkwürdige und eher infantil wirkende Überlegungen über Demokratie und alternative Herrschaftsformen angestellt. So projektierte er in seinem Buch Krise der Weltanschauung (1923) eine Art Neoaristokratie in Form der »Einführung einer zweiten Kammer […], gebildet von der geistigen Oberschicht des Volkes. […] Das aktive Wahlrecht sollten Personen besitzen, die zwischen Demagogie und Politik unterscheiden könnten. Grundsätzlich eigneten sich dafür Mittelschulabsolventen und Personen, die vor einer Kommission ihr fundiertes Wissen aus Geschichte, Literatur und Philosophie nachweisen müssten« (449).

In den dreißiger Jahren war die neoaristokratische Position als alleinige übriggeblieben. Eine Verwirklichung der gewünschten Neoaristokratie stellte anscheinend der österreichische »Ständestaat« dar, ein Biotop, in dem Coudenhove und Paneuropa trotz der andernorts ungünstigen Bedingungen noch eine Zeitlang gediehen. Die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus und dessen mangelnde Resozialisierbarkeit im paneuropäischen Sinn, die Deutschland auf absehbare Zeit aus dem Paneuropa-Projekt ausschlossen, nahmen diesem Projekt selbst in der Sicht eines Enthusiasten wie Coudenhove vorläufig jede kurzfristige Chance auf Verwirklichung. Die Aktivitäten spielten sich nun im österreichischen Rahmen ab, der Paneuropa-Kongreß 1935, die Wirtschaftskonferenzen 1933 und 1934, die Tagung der Paneuropäischen Wirtschaftszentrale 1936, die Donaukonferenz 1935 und die Agrarkonferenz 1936 fanden alle in Wien statt, jeweils unter wohlwollender Anteilnahme der Regierung.

Diese Veranstaltungen, in denen sich die Paneuropa-Bewegung als Inventarstück des sinkenden Schiffs erwies, führen zur Frage, wie bedeutsam die Bewegung in der Zwischenkriegszeit überhaupt war. Mit dieser Frage beschäftigt sich Ziegerhofer-Prettenthaler so gut wie gar nicht. Dies ist deshalb ein Mangel der Arbeit, weil dem Leser einer fast 600 Druckseiten starken Studie über eine politische Bewegung doch erklärt werden müßte, inwiefern diese über den Status einer irrelevanten Sekte hinausging und warum sich eine Beschäftigung mit ihr lohnen soll. Soweit sich aus dem vorliegenden Band Anhaltspunkte für eine solche Beurteilung der Paneuropa-Bewegung entnehmen lassen, ist es sehr fraglich, ob Paneuropa und Coudenhove sonderliches Interesse verdienen.
Nach welchen Kriterien könnte sich die Beurteilung richten? Ein erstes Kriterium wäre die Breitenwirkung, die die Paneuropa-Bewegung als Massenbewegung erzielte. Hier ist das Ergebnis eindeutig: Die Paneuropa-Bewegung dürfte europaweit zwischen 6000 und 8000 Mitglieder gehabt haben, war also von einer Massenorganisation weit entfernt. Über die Reichweite der Zeitschrift Paneuropa, die Zahl der Abonnenten und die Auflage gibt die Autorin keine Auskunft, es gibt aber zumindest keine Anhaltspunkte für eine besonders weite Verbreitung dieses Organs.

Die Kongresse waren hingegen gut besucht. Der erste Paneuropa-Kongreß, der 1926 in Wien stattfand, hatte nach Angaben Coudenhoves 2000 Teilnehmer, darunter 500 aus dem Ausland, 600 Pressevertreter seien zur Beobachtung dagewesen (135). Selbst wenn man berücksichtigt, daß Coudenhove seinem Naturell entsprechend wahrscheinlich übertrieben hat, dürfte eine stattliche Anzahl teilgenommen haben, und vermutlich kam wirklich auch ein wahrnehmbarer Teil der Gäste aus dem Ausland. Für die folgenden drei Kongresse fehlen im Buch derartige Zahlen.

Freilich sind Mitglieder- und Abonnentenzahlen und der Auftrieb von Kongreßteilnehmern nicht alles. Wer waren die Leute, die an den Paneuropa-Kongressen und -Konferenzen teilnahmen? Wer saß in der Leitung der Paneuropa-Union und der Dependencen in den einzelnen Staaten? Wer finanzierte die Paneuropa-Bewegung? Mit wem hatte Coudenhove bei informellen Treffen zu tun? Und vor allem: Welchen Effekt hatten die Bemühungen Coudenhoves? Welche politischen Entscheidungen wären ohne seine Bemühungen anders ausgefallen? Inwieweit gelang es ihm, Meinungen in den Medien und in der europäischen Bevölkerung insgesamt zu beeinflussen?

Es steht außer Frage, daß Coudenhove zahlreiche Kontakte mit ehemaligen und aktiven Politikern und Diplomaten, mit Bankiers und Industriellen sowie mit manchen Wissenschaftlern1 hatte, darunter auch Personen, die im europäischen Maßstab bedeutend waren. Seine wichtigste Erwerbung war zweifellos Briand als Ehrenpräsident. In den offiziellen Funktionen der Paneuropa-Bewegung und bei den Veranstaltungen waren sonst allerdings überwiegend Personen anzutreffen, deren öffentliche Funktionen der Vergangenheit angehörten, ehemalige Politiker und Diplomaten, für die ein Paneuropa-Kongreß noch eine gewisse Attraktivität hatte und deren Namen ihrerseits noch hell genug klangen, um das Interesse Coudenhoves zu wecken. Diesem waren klingende Namen so wichtig, daß er sie allenfalls auch dann im Veranstaltungsprogramm anführte, wenn ihre Träger nicht leibhaftig erschienen (nicht alle spielten mit: So mußte sich der gewesene Ministerpräsident und nunmehrige Unterrichtsminister Frankreichs, Edouard Herriot, dagegen verwahren, beim ersten Paneuropa-Kongreß 1926 zwangsweise als Ehrenpräsident des Kongresses genannt zu werden).

Das Bild wurde also von Prominenten im Ruhestand beherrscht. Insgesamt die gewichtigste Ausnahme waren die Österreicher: Hier gelang es Coudenhove von Anfang an und eher sogar noch in zunehmendem Maß, aktive Politiker für Funktionen der Bewegung zu rekrutieren. Bald nach Erscheinen seines Buches Pan-Europa konnte er Ignaz Seipel als Ehrenpräsidenten der Paneuropa-Union Österreich gewinnen; Seipel blieb bis zu seinem Tod in dieser Funktion. Anfangs versuchte Coudenhove auf Anraten Seipels, auch sozialdemokratische Politiker einzubinden, und wurde bei Karl Seitz, Otto Bauer und anderen vorstellig. Kurzzeitigen Erfolg hatte er nur beim biegsamen Karl Renner, der 1926 für gut ein halbes Jahr provisorischer Vizepräsident der Paneuropa-Union Österreich wurde. Mit der definitiven Bildung der österreichischen Sektion war dies aber wieder vorbei, die christlichsozialen Politiker waren von Anfang an in der Überzahl, und Ende der zwanziger Jahre waren die Sozialdemokraten völlig aus der Paneuropa-Union Österreich verschwunden. Ende 1933 übernahm Engelbert Dollfuß die nach dem Tod Seipels vakante Funktion des Ehrenpräsidenten, 1934 bestand das Ehrenpräsidium aus der gesamten Bundesregierung mit Ausnahme von Vizekanzler Starhemberg, der Coudenhove verabscheute und mit rassistischen Bemerkungen bedachte; dazu waren auch Persönlichkeiten wie Friedrich Funder und einige Landeshauptleute vertreten.

Selbst diesen Kontakten, so begrenzt ihre europäische Bedeutung angesichts der Situation des »Ständestaats« ohnehin schon war, sollte man aber nicht zuviel Gewicht beimessen. Gewiß, der österreichische Bundespräsident im »Ständestaat« gab für Paneuropa-Veranstaltungen regelmäßig Empfänge. Die Autorin erklärt dies ganz realistisch damit, daß Miklas aufgrund seiner weitgehenden Einflußlosigkeit »dankbar gewesen sein [dürfte], als Gastgeber internationaler Kongresse fungieren zu dürfen« (352).2 Auch der wohlwollenden Haltung der Regierung sollte man nicht allzuviel substantielle Bedeutung zuschreiben. Die österreichische Bundesregierung saß zwar im Ehrenkomitee der Paneuropa-Union, aber das mußte noch nicht viel heißen. Vielleicht war Coudenhove ja auch nur lästig genug gewesen. Bezeichnend ist eine Bemerkung des österreichischen Handelsministers Stockinger, der auch mehrmals Paneuropa-Veranstaltungen in den dreißiger Jahren besuchte — auch für Ehrenfunktionäre keine Selbstverständlichkeit! — im Ministerrat im Zusammenhang mit Subventionsansuchen Coudenhoves: »ich bitte euch, wenn er zu euch kommt, (ihn) hinauszuschmeißen« (323) — wohl kaum, weil er Coudenhove für sich alleine haben wollte.

Auch die Zusammentreffen Coudenhoves mit aktiven Politikern besagen per se noch nicht allzuviel für die Wirkung seiner Vorschläge. Politiker treffen oft mit Vertretern von NGOs zusammen, konkrete Auswirkungen müssen solche Treffen nicht haben. Die Frage, wieweit Coudenhove und die Paneuropa-Bewegung etwas am politischen Geschehen änderten, wird in der Untersuchung kaum einmal explizit angesprochen. Am ehesten ergibt sich aus der Darstellung der Eindruck, daß Coudenhove ununterbrochen den Gang der Dinge kommentierte und Vorschläge machte, dabei aber im wesentlichen nur eine Art Hintergrundgeräusch produzierte, das sonst keine Wirkung entfaltete.

Nach dieser Studie ist auch die mediale Wirkung der Paneuropa-Bewegung schwer einzuschätzen. Coudenhove ging nicht nur in seinen eigenen Zeitschriften und Büchern an die Öffentlichkeit, er schrieb auch in Tageszeitungen wie der Neuen Freien Presse, und die Medien berichteten über die Paneuropa-Bewegung, auch durchaus kritisch. Ob die mediale Präsenz irgendeine Auswirkung auf die öffentliche Meinung zu einer europäischen Integration hatte, bleibt offen.

Einen gewissen Indikator für das Echo, das die Paneuropa-Bewegung fand, bilden auch die Fragebogen-Aktionen, die Coudenhove bei verschiedenen Gelegenheiten veranstaltete. Seinen Präferenzen gemäß machte er keine Meinungsumfragen im üblichen Sinn, sondern richtete Fragen an Prominente. Der Rücklauf war meist mäßig. Die Paneuropa-Rundfrage von 1925 wurde immerhin noch von 168 Personen beantwortet, 1934 belief sich die Ausbeute der Wirtschafts-Rundfrage auf magere 18 Antworten.3 Vielleicht lag dies aber auch an den Fragen, die an Themen einer Deutsch-Matura erinnern. 1925 fragte Coudenhove: »1. Halten Sie die Schaffung der ›Vereinigten Staaten von Europa‹ für notwendig? 2. Halten Sie das Zustandekommen der ›Vereinigten Staaten von Europa‹ für möglich?« (126) Die Wirtschafts-Rundfrage bestand ebenfalls aus zwei Fragen: »1. Halten Sie die Schaffung eines wirtschaftlichen Großraumes, der den europäischen Kontinent westlich der Sowjetunion umfasst, vom Standpunkt Ihrer Nation für wünschenswert? 2. Auf welchem Wege kann am raschesten der wirtschaftliche Zusammenschluss Europas verwirklicht werden?« (299) Also nicht eben inspirierend.

Alles in allem ergibt sich der Eindruck, daß die Paneuropa-Bewegung der Zwischenkriegszeit zwar eine beträchtliche Umtriebigkeit entfaltete, aber wenig Effekt hatte. Bleibt die Frage, in welchem Sinn die Paneuropa-Bewegung einen Beitrag zur europäischen Integration nach 1945 geleistet hat. Hier bleibt Ziegerhofer-Prettenthaler unbestimmt und zieht allenfalls Parallelen zwischen Vorhaben der Europäischen Union und Vorschlägen Coudenhoves, explizit vor allem ganz am Schluß ihres Textes. Bezogen auf den Vertrag von Maastricht schreibt sie: »So erfüllten sich beinahe 70 Jahre später Coudenhoves Forderungen durch die Europäische Union« (332). Und zu Coudenhoves Vorschlag einer Europäischen Akademie für Politik und Wirtschaft mit paneuropäischen Vorlesungen von prominenten Politikern, Wirtschaftsexperten und Völkerrechtsprofessoren meint sie: »Coudenhoves Plan wurde von den EG-Mitgliedstaaten im Jahr 1976 verwirklicht: Man etablierte das Europäische Hochschulinstitut in Florenz als postuniversitäres Forschungsinstitut der EU-Staaten« (367). Nun hat das Europäische Hochschulinstitut wenig Ähnlichkeit mit Coudenhoves Europäischer Akademie, aber das ist gar nicht einmal so wesentlich. Auch die Europäische Union unterscheidet sich ja markant von Coudenhoves Paneuropa, einem Sammelsurium von demokratischen und autoritären Staaten auf dem Kontinent (Großbritannien ist nicht dabei), mit Kolonien in Afrika, Indochina, Indonesien und Lateinamerika. Man kann schließlich nicht alles vorhersehen. Immerhin nahm Coudenhove bereits die kommenden beiden Erweiterungsrunden der Europäischen Union vorweg. Prophetische Weitsicht?

Wohl doch nicht: »Hätten sich die Ereignisse nicht in der Art vollzogen, so wären auch jene Andeutungen der Vergessenheit anheimgefallen, wie Tausende und aber Tausende entgegengesetzter Andeutungen und Vermutungen vergessen worden sind, die damals im Umlauf waren, sich aber als falsch erwiesen haben. Über den Ausgang jedes Ereignisses, das sich vollzieht, pflegen immer so viele Voraussagungen gemacht zu werden, daß, wie es auch ausgehen möge, immer Leute da sein werden, die sagen können: ›Ich habe es damals doch gleich gesagt, daß es so kommen wird‹, und man vergißt dann ganz und gar, daß bei der Unzahl der Voraussagungen auch solche gemacht worden sind, die gerade das Gegenteil behaupten.«4 Falsche Vorhersagen, vor allem aber eklatante Fehleinschätzungen seiner Gegenwart lieferte Coudenhove zur Genüge. Nicht nur überschätzte er in professionellem Optimismus die Attraktivität seines Projekts und ortete breite Unterstützung auch dann, wenn davon keine Rede sein konnte, er suchte sich auch Verbündete dort, wo sie nicht zu finden waren, am augenfälligsten eben im Fall von Mussolini. Seine kurzfristigen Vorhersagen waren zum Teil Unsinn, so etwa die Prognose einer Achse Warschau–Berlin–Wien–Budapest–Rom für den Fall einer Isolierung Italiens im Gefolge des Abessinien-Krieges (247—248). Und er war bei weitem weder der einzige noch der erste Europa-Propagandist der Zwischenkriegszeit, obwohl er nach eigenen Angaben keine Vorbilder zu nennen wußte (347); und selbstverständlich gab es noch andere Organisationen mit ähnlicher Zielsetzung.

Alles in allem bleiben also auch in dieser umfangreichen Arbeit manche gewichtige Fragen offen. Auch einige nebenbei angebrachte Thesen wirken klischeehaft und etwas seltsam.5 In den Äußerlichkeiten gibt es an der Arbeit wenig auszusetzen. Vielleicht hätte die Autorin mit Anführungszeichen etwas verschwenderischer umgehen können, etwa bei Wörtern wie »Führer«, »Duce«, »Neger« oder »Lebensraum«, auch wenn sie in indirekten Zitaten vorkommen. Und Adelszeichen waren in der Ersten Republik bereits abgeschafft, also gehört auch Kurt »von« Schuschnigg, wenn man ihn unbedingt so bezeichnen möchte, unter Apostroph gesetzt. Auch der Präsident des »ständestaatlichen« Bundestages war kein »Graf«, sondern einfach der Bürger Rudolf Hoyos. Das an sich lobenswerte Bestreben der Autorin, ihre Quellen offenzulegen — die Arbeit verfügt über die stattliche Zahl von 2343 Fußnoten —, nimmt gelegentlich manische Züge an. So verwendet sie auf Seite 55 den Begriff Deckung als Bezeichnung für den Austritt aus einer Freimaurerloge, was sie in Fußnote 192 erläutert, mit der ergänzenden Bemerkung: »dankenswerter Hinweis von Univ.-Prof. Dr. Dieter A. Binder am 11. September 2001.« Schön, daß man erfährt, wann Professor Binder seine Kollegin über die korrekte Bezeichnung eines freimaurerischen Exitus informierte — aber hatten die beiden an diesem Tag wirklich kein anderes Gesprächsthema? O Elfenbeinturm!

Die Studie Anita Ziegerhofer-Prettenthalers ist eine umfangreiche, gründliche Untersuchung des Agierens der Paneuropa-Bewegung und ihres Gründers bis 1938, die die politischen Positionen von »Paneuropa« gut und eher sogar zu detailliert erkennen lassen. Freilich bleiben aber auch einige grundsätzliche Fragen nach der Wirkung dieser Bewegung offen, sodaß eine Relevanz von »Paneuropa« letztlich nicht recht deutlich wird.

 

 

 

  1. So zum Beispiel bei der ersten Wirtschaftskonferenz mit dem »Wiener Universitätsprofessor Dr. Ludwig Mises, der später zu einem der bedeutendsten Vertreter der Wiener Schule der Nationalökonomie werden sollte« (297). Freilich war Mises, der in Wien nie Professor wurde, 1933 bereits längst die Zentralfigur der Wiener Schule.
  2. Im Zusammenhang mit der ersten Paneuropäischen Wirtschaftskonferenz meint die Autorin noch: »Im Gegensatz zum Wiener Kongress (1926) lud nun erstmals der österreichische Bundespräsident zum Empfang. Dies war möglich geworden, weil seine Position durch die Verfassungsnovelle 1929 gestärkt worden war.« (296) Dazu bedurfte es keiner Verfassungsnovelle.
  3. 1931 machte Coudenhove eine Umfrage zum Kriegsschuldfrage (469—470).
  4. Leo N. Tolstoj, Krieg und Frieden, X/1.
  5. So hätte die Erklärung des Antisemitismus durch den »Neid auf die Juden aufgrund ihres Intellekts, der sie zum Herrschen, Führen, Beherrschen, aber auch Verführen befähigte« (418), vielleicht noch einmal überdacht werden sollen. Auch waren die europäischen Kolonien durchaus nicht »die wichtigsten Rohstofflieferanten für die auf Industriewarenexport spezialisierten europäischen Großmächte« (240) — Italiener, die Abessinien aus diesem Grund erobern wollten, hatten sich den falschen Kriegsgrund ausgesucht.