Susan Zimmermann

Die bessere Hälfte? Frauenbewegungen und Frauenbestrebungen im Ungarn der Habsburgermonarchie 1848 bis 1918

 

Budapest, Wien
Napvilag Kiado, Promedia Verlag
1999
420 S.
DM 54,00

 

Habilitationsschrift [2000], Universität Linz

 

Rezensent: Martin Moll

Historicum, Sommer 2000, 5—8

Arbeiten zur Frauen- und Geschlechtergeschichte haben, wie nicht näher ausgeführt werden muß, Konjunktur. Seit sich die »gender studies« thematisch und institutionell als eigene Forschungsdisziplin konstituiert haben, ist freilich auch die Gefahr erkennbar geworden, daß eine Art wissenschaftliches Ghetto entstehen könnte, dessen Vernetzung mit der übrigen Geschichtsforschung weitgehend gekappt wird. Dieser Bedrohung möchte die Habil-Schrift von Susan Zimmermann explizit entgehen. Sie hat sich einen in vieler Hinsicht ebenso exotischen wie reizvollen Gegenstand gewählt. Exotisch deshalb, weil im deutschsprachigen Raum allein schon aus Gründen der Sprachbarriere ungarische Forschungen kaum rezipiert werden. Zimmermann übernimmt hier zweifellos eine wichtige Mittlerrolle. Der Reiz des Themas liegt nicht nur in dem Umstand, daß seine Bearbeitung tatsächlich Neuland betritt, sondern zusätzlich darin, daß es sich beim Königreich Ungarn beziehungsweise der ungarischen Reichshälfte (nach dem Ausgleich von 1867) um einen Staat handelt, der an den epochalen wirtschaftlich-sozialen Umwälzungen der Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg weitaus geringeren Anteil hatte als die meisten mittel- und westeuropäischen Länder. Man nimmt das Buch mit der Erwartung in die Hand, Antworten auf die Frage zu finden, wie sich die Frauenbewegung unter äußeren Bedingungen entwickelte, die aufgrund des insgesamt rückständigen Charakters Ungarns als eher ungünstig einzuschätzen sind.

Sehr bald merkt man jedoch, daß der Untertitel des Bandes beziehungsweise der dort abgesteckte zeitliche und geographische Rahmen viel mehr versprechen, als gehalten wird. Es mag an der Quellenlage liegen, daß die letzten fünfzehn, zwanzig Jahre des insgesamt siebzig Jahre umfassenden Untersuchungszeitraums ganz außerordentlich dominieren. Auch soll gar nicht bestritten werden, daß die Aktivitäten der Frauenbewegung sich ab etwa 1900 enorm ausweiteten. Es wäre aber ehrlicher gewesen, dem im Titel Rechnung zu tragen und die spärlichen, verstreuten Angaben über die lange Anlaufperiode ab 1848 in einem Kapitel zur Vorgeschichte der »eigentlichen« Frauenbewegung zu präsentieren.

In geographischer Hinsicht macht es sich Zimmermann noch einfacher. Da sie nicht ausdrücklich erwähnt, daß sie unter »Ungarn« dessen heutiges Staatsgebiet versteht, muß man wohl annehmen, daß mit dem Begriff alle Länder der ungarischen Krone gemeint sind. Faktisch geleistet wird eine Geschichte der Frauenbewegung in Budapest. Nun soll die Bedeutung der Hauptstadt, in der zweifellos viele Frauenvereine und deren publizistische Organe ihren Sitz hatten, nicht verkleinert werden. Die Kopflastigkeit des Buches geht in dieser Hinsicht aber doch zu weit. Immerhin behandelt Zimmermann einen Nationalitätenstaat im Zeitalter des Nationalitätenkampfes. Man hätte daher gerne gewußt, ob sich etwa Frauen sagen wir in Kroatien oder der Slowakei von ihren Budapester Geschlechtsgenossinnen angemessen vertreten glaubten (was dem Rezensenten schwer vorstellbar erscheint) oder ob sie nicht vielmehr eigene, (auch) national konnotierte Initiativen entfalteten. Zimmermann begnügt sich mit dem Hinweis, der eine oder andere Budapester Frauenverein habe es abgelehnt, national geprägte Zweigvereine in der Provinz zu etablieren, womit wohl in erster Linie auf die Sprachenfrage Bezug genommen wird. Wer die nicht gerade minderheitenfreundliche Politik der ungarischen Behörden, denen obendrein die Genehmigung etwaiger Filialgründungen oblag, kennt, wird sich darüber kaum wundern. Die andere Seite, also »Frauenbewegte« beispielsweise in Zagreb, kommt nicht zu Wort. Dies ist bedauerlich. Meine Kritik richtet sich weniger auf die uneingelöste Ankündigung des Untertitels beziehungsweise die gänzlich unterbliebene Absteckung des geographischen Rahmens, die als einbekannte Beschränkung auf das ungarische Sprachgebiet, ja selbst auf die Hauptstadt durchaus akzeptabel gewesen wäre. Ärgerlich ist vielmehr, daß Zimmermann explizit die Frage aufgreifen will, welche Metamorphosen politisch-gesellschaftliche Reformvorstellungen von Frauen auf dem Weg von den Zentren in die Peripherie durchliefen (S. 16). Dieser vielversprechende Anspruch wird erhoben, aber nicht einmal ansatzweise eingelöst. Viele der von Frauen aufgegriffenen Themen, die aus Budapester Sicht als Geschlechterfragen erschienen, stellten sich in den von nicht-ungarischen Nationalitäten bewohnten Landesteilen völlig anders dar. Es machte einen himmelhohen Unterschied, ob Frauen in der Hauptstadt den Zugang zum höheren Bildungswesen als (ungarische) Frauen beanspruchten oder ob etwa bei der rumänischen Minderheit die Hauptsorge weniger der Hebung der Frauenquote als der Abwehr von Magyarisierungstendenzen galt. Zugegeben: Es ist von einer einzelnen Forscherin nicht zu verlangen, ein derart großes, unterschiedlich entwickeltes und vielsprachiges Gebiet wie die ungarische Reichshälfte komplett abzudecken. Abgesehen von einem weniger mißverständlichen Buchtitel hätte man sich zumindest Informationen darüber gewünscht, welche Positionen die von Zimmermann behandelten ungarischen Frauenvereine zur nationalen Frage einnahmen: Solidarisierten sie sich mit ihren Geschlechtsgenossinnen außerhalb des ungarischen Kerngebietes, oder stützten sie in diesem Punkt das bestehende magyarische System?

Diese Kritik versucht lediglich, die von der Verfasserin selbst aufgestellten Vorgaben ernst zu nehmen. Dabei ist fairerweise anzuerkennen, daß dem Buch durchaus ein plausibles theoretisches Konzept zugrunde liegt. Das Einleitungskapitel beschreibt - ohne auf Ungarn dezidiert einzugehen - den generellen politisch-ökonomisch-gesellschaftlichen Wandel in jener Periode, die nahezu mit der Regierungszeit Kaiser Franz Joseph I. zusammenfällt. Die bei Zimmermann immer wieder auftauchenden Schlüsselbegriffe sind »Individualisierung« und »Kommodifizierung«, worunter die Einbeziehung von immer weiteren menschlichen Tätigkeitsfeldern in die tauschwertorientierte, kapitalistische Geldwirtschaft zu verstehen ist (S. 11 f.). Während der Anteil erwerbstätiger Frauen stark zunahm, drängten die Veränderungen insgesamt Frauen »auf historisch neue und radikale Weise sozioökonomisch und kulturell an den Rand«, machten sie zu »Stiefkindern der Modernisierung« (S. 11). Im Mittelpunkt von Zimmermanns Interesse steht nun nicht die Beschreibung dieser Prozesse selbst, sondern die Frage, welche Antwort beziehungsweise Antworten die unterschiedlichen Richtungen der Frauenbewegung nach 1848 auf die radikalen Veränderungen der Position von Frauen im sozialen Wandel formulierten (S. 392).
Zu diesem stimmigen Konzept sind lediglich zwei Bemerkungen zu machen. Zum einen bedingt meines Erachtens der gewählte theoretische Rahmen die von der Autorin nicht explizit angesprochene, faktische Beschränkung auf Budapest. Denn wenn man auf den erwähnten sozioökonomischen Wandel als Hintergrund der Frauenaktivitäten abhebt, zugleich aber mit Recht betont, Ungarn sei keines der Zentren der kapitalistischen Entwicklung gewesen (S. 15), dann hätte es schlichtweg keinen Sinn gehabt, Landesteile wie Transsylvanien oder Siebenbürgen einzubeziehen, die von all diesen die Stellung der Frauen beeinflussenden Veränderungsprozessen — wenn überhaupt — ganz am Rande betroffen waren. Diese brachen sich am signifikantesten in Budapest Bahn, weshalb man die Hauptstadtzentriertheit der Studie verstehen kann. Zum zweiten ist festzuhalten, daß Zimmermann mit konkreten, auf Ungarn bezogenen Details zu den von ihr als säkular angenommenen Wandlungsvorgängen sehr spärlich operiert. Abseits zutreffender, aber theoretisch-allgemein formulierter Wendungen erfährt der Leser nur wenig darüber, mit welchem Tempo und auf welchen Sektoren sich die Modernisierung in Ungarn vollzog. Hier hätten mehr Informationen der Verständlichkeit des Textes nur gut getan und Zimmermanns Thesen plastischer werden lassen.

Ein Beispiel: Sie behandelt breit die von den Frauenvereinen aufgegriffene »Dienstbotinnenfrage«, eng verknüpft mit dem Problem »gefallener Mädchen«. Um diese auf den »rechten Weg« zurückzuführen beziehungsweise nicht in die Fänge von Mädchenhändlern geraten zu lassen, wurden zum Beispiel auf den Bahnhöfen Betreuungseinrichtungen geschaffen. Man möchte erwarten, in diesem Kontext ein geradezu mit Händen greifbares Thema, nämlich die Landflucht, abgehandelt oder wenigstens erwähnt zu finden. Zimmermann geht darüber hinweg und ignoriert damit etwas, das ihrem Konzept zufolge gerade einer jener harten Fakten aus dem ökonomisch-sozialen Transformationsprozeß verkörpert, welche sie zur Erklärung »frauenbewegter« Aktivitäten heranziehen möchte. Nebenbei bemerkt: Es wäre sicherlich reizvoll, einmal der Frage nachzugehen, welche Welten in der Begegnung der in die Großstadt kommenden Bauernmädchen mit den sozialbetreuerisch-karitativ tätigen Damen der »besseren« Schichten zusammenstießen.

Unter Verzicht auf eingehendere Darlegungen zu den in Ungarn gegebenen konkreten Rahmenbedingungen geht Zimmermann im zweiten Kapitel gleich in medias res und liefert eine geraffte Organisationsgeschichte der ungarischen Frauenvereine unterschiedlichster Ausrichtung. In einer Fußnote versteckt findet sich eine Schätzung, wonach es 1910 in Ungarn rund 1400 derartige Vereine gegeben habe (S. 31). Bemerkenswert, aber nicht näher erläutert ist der Umstand, daß im Jahre 1913 nur 93 davon im »Bund der Frauenvereine Ungarns« zusammengefaßt waren (S. 30). Da die Verfasserin mehrfach auf das breite, im Bund repräsentierte ideologische Spektrum hinweist, drängt sich mir die Vermutung auf, daß der doch geringe Organisationsgrad etwas mit der magyarischen Ausrichtung des Bundes zu tun gehabt haben könnte, die ihn für Frauenvereine außerhalb Kernungarns nicht attraktiv machte.

Das der Vereinsgeschichte gewidmete, in einem Anhang mit Kurzvorstellungen der bedeutendsten Verbände nochmals übersichtlich gebündelte Kapitel enthält eine Fülle sowohl interessanter als auch erstmals erhobener Daten. In den folgenden Abschnitten operiert Zimmermann leider durchgängig mit aus dem Ungarischen gebildeten Abkürzungen, die den Leser zu ständigem Nachschlagen zwingen, wenn er wissen will, welcher Verein sich hinter den Kürzeln verbirgt. Das Strukturkapitel stellt rund zwei Dutzend Verbände gesondert vor. In den meisten Fällen bleibt es bei dieser einmaligen Nennung. In den nachfolgenden, den konkreten Aktivitäten gewidmeten Abschnitten spielt maximal ein halbes Dutzend von ihnen eine nennenswerte Rolle. Diese Beschränkung ist sicherlich arbeitsökonomisch und darstellerisch sinnvoll, doch wird nicht recht klar, nach welchen Kriterien die Auswahl unter immerhin 1400 Zusammenschlüssen getroffen wurde. Es hat den Anschein, als ob Zimmermann auf eine repräsentative Vertretung aller von ihr unterschiedenen Richtungen Wert gelegt hätte. Nach ihrer Einteilung gab es den hierarchisch-integrationistischen Flügel, der mit seinen maßvollen Forderungen insbesondere bürgerliche und/oder konfessionell geprägte Gruppen umfaßte. Ihnen gegenüber standen die individualistischen Modernistinnen, vertreten durch die sozialdemokratische Frauenbewegung und den Verein der Feministen.

Diese Kategorisierung, die dem Buch zugrunde liegt, ist sinnvoll, zumal Zimmermann sie nicht als starres Schema versteht, sondern immer wieder die fließenden Übergänge, wechselnden Koalitionen und veränderten Positionen im Zeitablauf hervorhebt. Die Scheidelinie verlief demzufolge entlang der Frage, ob Frauen eine eigene, neudefinierte beziehungsweise aufgewertete Sphäre innerhalb der Gesellschaft besetzen (Integrationistinnen) oder die volle Gleichberechtigung mit dem »starken Geschlecht« auf allen Gebieten beanspruchen sollten. Auch wenn die Verfasserin dies nicht so formuliert, ging es meinem Eindruck nach (auch) um eine stark katholisch geprägte gegen eine eher weltliche Orientierung. Wie auch immer: Zimmermann unterstreicht wiederholt (und dies gehört zu den wichtigsten Befunden des Buches), daß die Auswirkungen der sozioökonomischen Prozesse auf Frauen keineswegs nur eine Antwort zuließen. Die Reaktionen der betroffenen Frauen (oder jener, die sich für die Betroffenen engagierten) waren nicht allein durch die äußeren, quasi objektiv erfahrbaren Umstände geprägt, sondern nicht zum mindesten zusätzlich durch ideologisch-konfessionelle Positionen. Als Folge hieraus - und auch dies zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch - existierten höchst divergierende Haltungen und Forderungen konfliktreich nebeneinander, weswegen nicht von einer Frauenbewegung, sondern nur von Bewegungen gesprochen werden kann. Dem Aspekt interner Dispute und nicht selten auch öffentlich ausgetragener Anfeindungen widmet der Band breiten Raum. Um dies tun zu können, muß, wie erwähnt, durchgängig auf die Programmatik von Vereinen zurückgekommen werden, welche die einzelnen Flügel mehr oder minder repräsentativ vertreten. Diese Zugangsweise nimmt freilich nicht unbeträchtliche Verzerrungen in Kauf: So betont Zimmermann etwa, die Masse der Frauenverbände sei traditionalistisch ausgerichtet und von den »Radikalen« durch Welten getrennt gewesen (S. 32). Dennoch kommt das erstgenannte Lager im selben Umfang zu Wort wie die Frauenorganisation der Sozialdemokratie, die 1909 über sage und schreibe siebzig beitragszahlende Mitglieder verfügte (S. 46). Aktivismus einer Minderheit konnte durchaus, das steht außer Frage, organisatorische Schwächen bis zu einem gewissen Grad kompensieren. Dennoch wäre es zu begrüßen gewesen, hätte Zimmermann zum einen schärfere Kriterien an die faktische Bedeutung der von ihr behandelten Gruppen angelegt und zum anderen mehr über deren Möglichkeiten auf der öffentlichen Bühne mitgeteilt. Was man über Mitgliederzahlen und Publikationsorgane der diversen Vereine erfährt, ist entschieden zu knapp ausgefallen.

Der auf die Organisationsgeschichte folgende Abschnitt geht der Frage nach, wie (später) »frauenbewegte« Frauen überhaupt in Bewegung kamen. Anhand der Biographien dreier herausragender Protagonistinnen wird untersucht, aus welchen Motiven sich die Genannten jeweils unterschiedlichen Frauenverbänden anschlossen beziehungsweise selbst als Gründerinnen auf den Plan traten. Ob sich anhand dreier Gestalten schon eine Kollektivbiographie schreiben läßt (S. 61 ff.), scheint eher fraglich. Dennoch beeindruckt dieses Kapitel gerade durch die hier zum Vorschein kommenden individuellen Zugänge, wie sie konträrer kaum denkbar sind. Neben Erfahrungen sozialer Deklassierung stand ein religiöses Erweckungserlebnis (S. 63). Auch in der privaten Lebensgestaltung — von kritischen Zeitgenossen gerne ins Visier genommen — reichte die Spannweite von mehreren gescheiterten Ehen bis zum Keuschheitsgelübde. Interessant erscheint mir der Befund, daß erst nach dem definitiven Einstieg in die Frauenpolitik sich die Schicksale wieder anzunähern begannen: Für alle Protagonistinnen bedeutete die Begegnung mit der internationalen Frauenbewegung, das Hinausschreiten auf ein globales Parkett, einen biographischen Wendepunkt (S. 77). Hinzu kam, daß das »frauenbewegte« Engagement in allen Fällen den individuellen gesellschaftlich-beruflichen Aufstieg in einem Maße förderte, wie dies ansonsten schwer vorstellbar gewesen wäre. Leider geht Zimmermann nicht näher darauf ein, ob man im Budapest der Jahrhundertwende als hauptberufliche Frauenaktivistin leben konnte.

Wenigstens einige der ausgewählten Biographien weisen darauf hin, daß die Kontakte eines Teils der Frauenverbände von Anfang an »auch in hochoffizielle Kreise der ungarischen Machteliten« hineinreichten (S. 85). Eine der behandelten Frauen erhielt vom Monarchen einen Titel verliehen, der dem einer Gräfin gleichkam; als Abrundung kam eine stattliche Apanage hinzu (S. 89). Es mag nicht sensationell erscheinen, daß die katholischen Frauenvereine nicht in einen prinzipiellen Gegensatz mit der Welt um sie herum verstrickt waren (S. 97). Zimmermann spricht mehrfach von der versuchten »Eroberung« des öffentlichen Raumes durch Frauen und verwendet damit eine Metapher, die den Widerstand von Gegenkräften logisch voraussetzt. Nun soll gewiß nicht behauptet werden, das männlich dominierte politische System habe den engagierten Frauen sofort alle Türen geöffnet. Dennoch wäre es reizvoll gewesen, noch systematischer zu fragen, welches Terrain den Frauen mehr oder minder kampflos überlassen wurde. Das Buch liefert hierzu eine Menge interessanter Indizien: Die Vereinsbehörden praktizierten, soweit ersichtlich, keine ins Gewicht fallenden Schikanen, die Budapester Stadtverwaltung überließ den bürgerlichen Frauenorganisationen wiederholt die nobelsten Versammlungssäle, auch jene im Rathaus, in sozialen Angelegenheiten wurden die Vereine zur Abgabe von Stellungnahmen und zur Mitarbeit bis hin zur Übernahme halb-hoheitlicher Aufgaben eingeladen etc. Hin und wieder blitzt auf, was in einer extrem elitären Gesellschaft wie der ungarischen wenig verwunderlich ist: Die Wichtigkeit persönlicher Beziehungen, über die freilich allein die bürgerlichen Gruppen verfügten. War es Zufall, daß ein wichtiger Schritt zur Öffnung der Universitäten für Frauen just zu einer Zeit gesetzt wurde, als die Gattin des zuständigen Kultusministers einem Frauenverein vorstand (S. 144)?

Vielversprechende Ansätze, die Tätigkeit der bewegten Frauen nicht im luftleeren Raum, also bloß vereinsintern, zu beleuchten, sondern sie in den politisch-gesellschaftlichen Kontext zu stellen und damit ihre Wirkungsmöglichkeiten auszuloten, bleiben leider immer wieder auf halbem Wege stecken. Man erfährt zum Beispiel, welcher Kampfmittel sich die Frauenverbände bedienten. Es waren durchaus maßvolle wie etwa Publikationen, Zeitungsartikel, Eingaben an Regierungsstellen und Politiker, Unterschriftensammlungen und die Abhaltung von Enqueten. Militante Manifestationen auf der Straße blieben die seltene Ausnahme. Gewünscht hätte man sich als Ergänzung hierzu die eine oder andere Bemerkung, wie das »establishment« diese Herausforderungen wahrnahm. Vereinzelte Wiedergaben von besonders bizarren maskulinen Wortmeldungen können eine solche Zusammenschau nicht ersetzen. Nimmt man die in Summe wohlwollenden, nur sporadisch durch versuchte Unterdrückung gekennzeichneten behördlichen Reaktionen als Maßstab, so kann auf Seiten der herrschenden Eliten schwerlich ein Bedrohungsgefühl bestanden haben. Wer es sich leisten konnte, Frauenanliegen schlichtweg zu ignorieren, muß recht fest im Sattel gesessen sein.

Diesen Anliegen ist der Hauptteil des Buches gewidmet. Zimmermann benennt ein weites Spektrum von zeitgenössisch aktuellen Fragen. Sie behandelt deren Einwirkung auf die gesellschaftliche Position der Frauen, die Gegenstrategien, Forderungskataloge und Maßnahmen der Frauenverbände und die erzielten Resultate. Als durchgängige Tendenz tritt ein weiteres Mal hervor, welch heterogene Positionen sich unter dem Sammelbegriff Frauenbewegung artikulierten. Konkret eingegangen wird unter anderem auf die Bestrebungen, den weiblichen Zugang zu den diversen Bildungseinrichtungen zu verbessern und Frauen eine Erwerbstätigkeit nicht nur grundsätzlich zu ermöglichen, sondern ihrer Abdrängung in niedere, schlecht bezahlte Tätigkeiten entgegenzuwirken. Eng mit generellen Tendenzen der Epoche verknüpft war die weibliche Beteiligung an staatlichen Sozialmaßnahmen, insbesondere auf dem Gebiet des Mutter- und Kinderschutzes. Frappierend sind Zimmermanns Nachweise, daß im Zuge dieser Debatte von Frauenseite nicht allein Forderungen nach einem sehr weit gehenden Staatsinterventionismus, sondern auch solche eugenischer Art, gerichtet auf »Rassenveredelung«, artikuliert wurden (S. 261).

Der in einem weiteren Kapitel behandelte Disput über die zivilrechtliche Stellung der Frau in der Gesellschaft (Ehe-, Familien-, Güterrecht und anderes) überrascht durch den Befund, daß die Rechtsstellung der Ungarinnen im europäischen Vergleich durchaus positiv hervorstach. Sie profitierten in gewisser Hinsicht von dem Vakuum, das die Außerkraftsetzung des österreichischen ABGB 1861 bei gleichzeitigem Steckenbleiben der Anläufe zur Schaffung eines ungarischen BGB bis 1918 hervorgerufen hatte. Stimmt man Zimmermanns These zu, wonach gerade die bürgerlich-kapitalistische Welt des 19. Jahrhunderts — verglichen mit der vorhergegangenen ständischen Epoche — die rechtliche Stellung der Frau herabgedrückt habe, so konnte das in Ungarn seit 1861 übliche Wiederanknüpfen an ständische Rechtstraditionen nur vorteilhaft zu Buche schlagen.
Erst das letzte Kapitel behandelt die Wahlrechtsfrage, in der bis zum Zusammenbruch der Monarchie kein relevanter Forschritt erzielt werden konnte. Die von Frauenseite erhobenen — keineswegs einheitlichen — Forderungen werden ebenso breit dargestellt wie die Schachzüge der wechselnden Regierungen, in deren Verlauf mehrmals das ersehnte Ziel fast schon erreicht schien. Auffällig ist die bedingungslose Unterordnung der sozialdemokratischen Frauen unter die offizielle Parteilinie, in einem ersten Anlauf das gleiche und allgemeine Männerwahlrecht durchzusetzen und diesem Ziel die Wünsche der Frauen unterzuordnen. Deutlich wird, daß die Wahlrechtsfrage keineswegs die causa prima der Frauenbewegungen bildete, ja ein nicht unerheblicher Teil der diversen Vereine hierin überhaupt kein vordringliches Ziel erblickte. Mit Zimmermann kann man sich über den wieder und wieder an den Tag gelegten Fortschrittsoptimismus vieler Frauen nur wundern, der in der politischen Realität keinerlei Stütze hatte. Angesichts der Zersplitterung der von den Frauengruppen vertretenen Positionen fiel dem »establishment« die Abwehr selbst der bescheidensten Forderungen umso leichter.

In Summe fällt das Urteil über Susan Zimmermanns Habilitationsschrift zwiespältig aus. Das Buch ist zunächst in einer nüchternen, unaufgeregten, gar nicht »frauenbewegten« Sprache geschrieben und bedient sich einer - von wenigen Ausnahmen abgesehen - klaren und durchdachten Begrifflichkeit. Man liest es ohne jede Langeweile, ungeachtet der einen oder anderen Wiederholung. Die Gliederung ist sinnvoll und übersichtlich. Man gewinnt einen anschaulichen Eindruck davon, welche Themen engagierte Frauen um 1900 bewegten. Zimmermann vermeidet zumeist die Binnenschau aus der Vereinsperspektive und ist bestrebt, den Frauendiskurs in einen größeren Kontext zu stellen. Diesen Aspekt hätte sie stärker gewichten und dafür die doch recht umfänglich geratene Schilderung der internen Dispute und Konfliktlinien innerhalb der Frauenverbände etwas reduzieren können. Bei ihren Interpretationen folgt die Verfasserin einem multikausalen Ansatz. Sie fragt wohl explizit nach der Wahrnehmung des sozioökonomischen Wandels durch Frauen und deren Antworten hierauf, setzt diese Binnensicht jedoch nicht absolut. Sie bildet lediglich einen Baustein der Analyse, zu dem weitere hinzutreten, die den seinerzeit beteiligten Frauen oft selbst nicht bewußt waren. Individuell-biographische sowie gruppen- beziehungsweise vereinsspezifische Faktoren, weltanschauliche Positionen, Partei- und Gruppeninteressen sowie die wirtschaftlichen, sozialen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Ungarn der Jahrhundertwende werden miteinander in vielfältige Beziehung gesetzt. Zusammen ergeben sie ein nahezu durchgängig überzeugendes Erklärungsmuster, in dem Erfolg und Scheitern, Hellsichtigkeit und Beschränktheit der Aktivistinnen kritisch bilanziert werden. Obwohl der vergleichende, über Ungarn hinausweisende Ansatz eher wenig entwickelt ist, wird doch immer wieder darauf eingegangen, in welcher Weise aus dem fortgeschritteneren Ausland (zu dem in ungarischer Sicht auch die österreichische Reichshälfte zählte) übernommene Fraueninitiativen in der Rückständigkeit der sozioökonomischen Entwicklung Ungarns zur Wirkung kamen.

Bleiben die Negative beziehungsweise Desiderata. So plausibel Zimmermann ihre Fragestellungen und theoretischen Konzepte offen legt, so sehr schweigt sie sich hinsichtlich der Quellenlage aus. Natürlich gibt es ein entsprechendes Verzeichnis im Anhang (eine halbe Seite für archivalische Quellen), aus dem jedoch nicht ersichtlich ist, in welchem Umfang die Studie tatsächlich auf Primärquellen aufbauen konnte. Soweit das Studium der Fußnoten Aufschlüsse vermittelt, stützt sich die Arbeit in nicht geringem Maße auf Sekundärliteratur. Damit steht die sowohl in der Einleitung als auch in der Zusammenfassung vorgebrachte Klage über angeblich weitgehend fehlende Vorstudien in einem gewissen Widerspruch. Daneben greift Zimmermann offenbar stark auf vereinsinterne Publikationen und Zeitungsberichte zurück, wobei letztere dem Anschein nach eher punktuell ausgewertet wurden. Insgesamt dominieren die gedruckten Quellen gegenüber den ungedruckten (in erster Linie Schriftwechsel, oft halb privater Natur). Ich möchte keineswegs an der Quellenbasis Kritik üben, sondern nur am Fehlen entsprechender Darlegungen seitens der Verfasserin, die lediglich einmal von einer »reichen Quellenbasis« spricht (S. 389). Gerade weil sie zu Recht weiterführende Forschungen fordert und anregt, wäre es hilfreich gewesen, zum Beispiel Näheres über das Schicksal der Vereinsakten oder über die Quellenlage hinsichtlich der Aufsichtsbehörden etc. zu erfahren.

Die im übrigen gut lesbare Darstellung leidet keineswegs an dem ansonsten üblichen Dickicht an Fußnoten, die eher spärlich gesetzt sind, sondern an Zimmermanns Neigung, auch wichtige und informative Mitteilungen in die Anmerkungen zu verbannen. Hinweise auf öffentliche (männliche) Reaktionen auf Frauenforderungen sind für das Thema konstitutiv und gehören in den Text, nicht in den Apparat (so zum Beispiel S. 257, Anm. 86). Auf ein Personen- und Ortsregister wurde völlig verzichtet — etwa deshalb, da beide jeweils nur wenige Namen umfaßt hätten?

Es ist vielleicht ungerecht, eine Pionierstudie, die zweifellos wissenschaftliches Neuland betritt, weniger nach dem zu beurteilen, was sie leistet, sondern an dem, was der interessierte Leser sich darüber hinaus noch wünscht und vermißt. Apropos: Ganz im buchstäblichen Sinne vermißt man die Seiten 173—180, die in dem mir vorliegenden Exemplar — es handelt sich um die der Fakultät eingereichte, mit Bundesstempelmarken versehene Habil-Schrift — einfach fehlen. Zimmermann benennt am Ende selbst die Forschungsdesiderate (Rolle der Konfession, Verhältnis Provinz-Budapest-nationale Ebene und anderes, S. 400). Ich würde dem die Frage des Stellenwertes frauenbewegter Organisationen in einer von vielerlei politischen und/oder nationalen Kämpfen zerklüfteten Gesellschaft hinzufügen. Wenn man die von Frauen gesetzten Prioritäten in diesem Kampf richtig würdigen will, muß man auch die Alternativen kennen. Nur indirekt beantwortet wird die meines Erachtens wichtige Frage, ob die ungarischen Frauenbewegungen ein Elitenphänomen oder eine breitere Erscheinung waren. Da auf nahezu 400 Seiten Text immer das gleiche Dutzend Namen von Aktivistinnen vorkommt, liegt die Schlußfolgerung auf der Hand. Zimmermann hat einen anerkennenswerten Beitrag dazu geleistet, Frauengeschichtsforschung vor dem Abgleiten in ein intellektuelles Abseits zu bewahrten, indem sie weit über ihr Thema hinaus unser Wissen über die Geschichte eines einstmals mit Österreich eng verbundenen Gebietes bereichert. Die Kritik richtet sich nicht an die Substanz der Arbeit, sondern betrifft die eine oder andere vergebene Chance. Diesen Appetit beim Rezensenten, dessen eigene Forschungstätigkeit auf ganz anderen Gebieten liegt, geweckt zu haben, kann durchaus als Kompliment an die Autorin gewertet werden. Das Buch ist es auf alle Fälle wert, gelesen und aufmerksam diskutiert zu werden.