Ich nehme das Angebot gerne an, auf die Besprechung meiner Habilitation in der letzten Ausgabe von Historicum zu antworten. Ich will den mir offerierten Platz allerdings nicht zu Richtigstellungen und Korrekturen im Detail nutzen, sondern vorwiegend dazu, Argumentationsfiguren der Rezension von, wie mir scheint, spezifisch österreichischer Art zu problematisieren. Was ich damit meine, läßt sich vielleicht am besten anhand der Veränderung demonstrieren, die der Rezensent am Titel des 4. Kapitels meiner Arbeit vornimmt. Er meint, die Bezeichnung »Geschichte als technologische Substitution menschlicher Wahrnehmung« müsse »Geschichte der technologischen Substitution menschlicher Wahrnehmung« lauten. Nun handelt es sich sicher nicht um eine grammatikalische Verirrung meinerseits, sondern um eine Formulierung, die die grundlegende Intention meiner Studien zum Ausdruck bringen soll. Meine Intention ist es gewesen nachzuweisen, daß wir über den menschlichen Körper nicht wie über einen Gegenstand oder Sachverhalt sprechen können, so wie dies beispielsweise Edward Shorter in seiner Sozialgeschichte des weiblichen Körpers tut, sondern daß die Geschichte selbst - Geschichte als Form, als Historiographie — auf der Enteignung des Körpers als Medium zwischen dem Menschen und seiner Welt durch Technologien (der Beobachtung, der Speicherung und der Weitergabe von Information) beruht. Technologie wiederum meint ein formales, wiederholbares, intersubjektives Verfahren zur Herstellung von Gütern und Wissen und ist keinesweg ident mit Technik, wie der Rezensent offenkundig meint, wenn er kritisiert, daß die technische Struktur der Wahrnehmungsapparate von der Camera Obscura bis zur Computertomographie nicht präziser beschrieben werde. Diese Vorstellung von Technologie schließt wesentlich die Schrift ein, so wie dies etwa von Ivan Illich, von Neil Postman oder von Michel de Certeau dargestellt worden ist, um nur einige zu nennen, und ich meine damit zumindest am Rande eine Diskussion berührt zu haben, die international zur wohl fundamentalsten Auseinandersetzung über den Status der Geschichtsschreibung seit der Historismus-Debatte geführt hat. Geschichte ist nur möglich, weil sich technische Medien vor die unmittelbare Präsenz des Körpers, bspw. die Stimme des Mythenerzählers, stellen. Es bleibt dem Rezensenten überlassen, solche Perspektiven als banal oder trivial aufzufassen und damit mein Urteil zu bestätigen, daß hierzulande mancherorts ein amüsanter Narzißmus herrscht, der alles außerhalb des eigenen Horizonts und Habitus zur immer schon durchschauten Nebensache deklariert. Ich meine das noch an zwei anderen Figuren der Besprechung bestätigt zu finden. Zum einen inhaltlich: Seit gut zehn Jahren entwickelt sich vorwiegend im anglo-amerikanischen Bereich eine transdisziplinäre Strömung, die ausgehend von den Beschreibungsniveaus der Neuen Technologien die Implikationen der Informationssysteme auf die Kultur- und Wissenssysteme in historischer Perspektive untersucht. Durch diese Archäologie des Wissens wird nicht nur das traditionelle Ordnungssystem der Historiographie gründlich erschüttert (siehe nur J. David Bolters Der digitale Faust), sondern auch die Diskurstheorie der Geschichte wesentlich ergänzt. Es geht, kurz gesagt, um Strategien der Visualisierung von Sachverhalten, die technologisch konstruiert werden müssen, ehe sie beschreibbar werden und in einen breiten Strom der Metaphorisierung eingehen können. Für die Geschichte(n) des Körpers geht es augenblicklich um das Wie und Wann dieser Visualisierung - man beachte nur die Studien von Barbara Duden oder die mehrbändigen Fragments for a history of the human body, wo es um das durch und durch Artifizielle der technischen Bilder vom Körper (und insbesondere vom Körperinneren) geht, auch wenn sie »natürliche« Gestalten simulieren. Die Kontroverse liegt darin, wie man die sozialen und die technologischen Anteile an diesen Konstruktionen zu gewichten hat, und diese Debatte wird sehr ernst genommen, spielt sie doch auf das »Ende der Geschichte« in einer Welt der Echtzeit-Simulation an — außer man schreibt in Österreich, wo, wie ich der Besprechung entnehme, das alles ohnehin schon längst gewußt wird. Das führt mich nun zum zweiten und abschließenden Punkt. Möglicherweise unterliege ich diesmal tatsächlich einem grammatikalischem Irrtum, aber die Formulierung »die neuen Erkenntnisse, d. h. die Ergebnisse einer quellenorientierten Historiographie«, die meine Arbeit in einen guten (sprich: archivalischen) und einen schlechten (sprich: literaturbezogenen) Teil trennt, bemüht eine stumme Konvention in der Historiker-Zunft, mit der, wie ich meine, die meisten höchst unzufrieden sind, die aber mangels anderer fester Grundsätze, wie beispielsweise einer Theorie (oder mehrerer Theorien) der Geschichte und, möglicherweise noch drängender, einer Theorie der Geschichts-Schreibung, nicht so schnell über Bord geworfen sein will. Diese stumme Konvention besagt nichts anderes, als daß der »Wert« einer historischen Arbeit an der Quantität der »Neuigkeiten« zu messen ist, die durch die Publikation »neuer Funde« aus den Archiven (im bürokratischen Sinne) gesichert wird. Ich will hier nicht die davon berührten wissenstheoretischen Fragen strapazieren, doch eines will ich dennoch festhalten: Die Vorstellung des Rezensenten, es gehe bei Geschichte heute noch um das Niederschreiben einer »Welt der Beobachtung«, müssen wir wohl oder übel ersetzen durch die Beschreibung einer »Welt der Beobachter«. Unser Alltagsverständnis (und die dazugehörige Sprache) tragen uns hier nicht mehr durch. Wenn wir die Kommunikationsformen der verschiedenen Beobachter-Gemeinschaften in die Historiographie einbeziehen, helfen uns Klassifikationen wie »rhetorischer Bombast« etc. anstelle der Feststellung, um welche Texttypen es sich handelt, herzlich wenig. Sie wirken dann wie brachiale Mittel, um so etwas wie eine »Substanz« der »echten« Geschichte zu retten, in der, das allerdings will ich gerne konzedieren, alles wieder in seiner Ordnung stünde. Auch Geist und Körper.